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Mikhail Botwinnik (1911-1995)

Frederic Friedel beleuchtet anhand seines neuen Buchs nach und nach seine Begegnungen mit den Schachweltmeistern. Heute: Mikhail Botvinik. Es geht um eine Reise nach Moskau in den frühen 80ern, auf Botviniks Datscha, um Botviniks legendäres Schachprogramm - und die Frage, ob das jemals auf einem Computer gelaufen ist.

Mehr bei ChessBase:

https://de.chessbase.com/post/frederic-s-mates-mikhail-botvinnik

Friedels neues Buch "Schachgeschichten" über seine Begegnungen mit den Schachweltmeistern, zusammen mit Christian Hesse:

Amazon-Klappentext:

Damengambit, Königsjagd und Springertour - das aktuelle Sachbuch über Schach mit einem Vorwort von Garri Kasparow.

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Schach fasziniert, und kein anderer als Frederic Friedel, die graue Eminenz der internationalen Schach-Welt, kann uns das königliche Spiel so lebendig näherbringen. Im Tandem mit dem anerkannten Schach-Experten Christian Hesse lässt er uns teilhaben an seinen Begegnungen mit Garri Kasparow, Magnus Carlsen und anderen Großmeistern und Weltmeistern wie Viswanathan Anand, Wladimir Kramnik und Wesselin Topalow.

Friedel und Hesse gehen zurück in die 1970er-Jahre, als die Schach-Partien zwischen Bobby Fisher und Boris Spasski Weltgeschichte schrieben. Sie berichten vom Wettkampf gegen Deep Blue, an dem Friedel im Team von Garri Kasparow teilgenommen hat. Sie beschreiben faszinierende Choreographien aus umkämpften Partien und unterhalten mit ungelösten Schach-Problemen,Rätseln und mathematischen Knobeleien rund um König, Dame und Co. Nie wurde kenntnisreicher und anregender über Schach geschrieben - Friedel und Hesse wissen, warum Damengambit so viele Anhänger*innen fand! Ihre "Schachgeschichten" sind das perfekte Geschenk für alle Liebhaber*innen des königlichen Spiels zwischen 9 und 99 Jahren.

Frederic Friedel ist ein Pionier des Schach-Computers und hat 1987 Chessbase mitbegründet. Das Unternehmen zählt heute ztu den weltweit führenden Unternehmen für Schach-Software. Christian Hesse ist Professor für Mathematik an der Universität Stuttgart und leidenschaftlicher Schach-Spieler. Bekannt wurde er als Autor populärer Sachbücher über Mathematik und Schach.

Botwinniks letzter Meistertitel in Stalins Epoche

Quelle: Sergey Voronkov, chesspro.ru, „Энциклопедия. Конец эпохи“, 28. November 2017

Als im Sommer 1952 das 20. UdSSR-Meisterschaftsturnier begann, konnte niemand ahnen, dass dies der letzte nationale Triumph von Michail Botwinnik werden sollte – und zugleich das letzte Championat, das er zu Lebzeiten Stalins gewinnen würde. Es war eine Endrunde, die in vielem den Charakter einer Epoche spiegelte: düster, angespannt, politisiert, voller unterschwelliger Kämpfe – auf und neben den 64 Feldern.

Ein Titel unter Vorzeichen der Politik

Die Sowjetunion befand sich auf dem Höhepunkt der antia-merikanischen Hysterie. Zeitungen zeichneten die USA als faschistische Aggressoren, die auf eine neue Weltkatastrophe hinarbeiteten. Im Sport galt jeder internationale Auftritt sowjetischer Athleten als Propagandaschlacht. Und auch das Schach war längst ein Politikum. Die Spieler waren Vertreter des Systems, ihre Siege Beweise für die Überlegenheit der sozialistischen Kultur.

Vor diesem Hintergrund nahm die Meisterschaft 1952 einen besonderen Stellenwert ein. Sie war nicht nur eine nationale Ausscheidung, sondern zugleich ein Instrument, um die Vormachtstellung der sowjetischen Schachschule zu inszenieren. Und mittendrin stand Botwinnik, der erste sowjetische Weltmeister, Symbolfigur des Systems – und dennoch eine umstrittene Persönlichkeit.

Der Weltmeister und seine Rivalen

Botwinnik war damals bereits 41 Jahre alt, Weltmeister seit 1948. In der Sowjetunion galt er als „Patriarch“, als wissenschaftlich arbeitender Spieler, der akribisch alles analysierte. Doch im Land gab es eine neue Generation ehrgeiziger Großmeister, die ihm den Rang streitig machen wollten: Paul Keres, David Bronstein, Mark Taimanov, Alexander Kotow, Yuri Averbakh – sie alle waren bereit, den Weltmeister auch auf heimischem Boden herauszufordern.

Voronkov schildert, wie sehr der Druck auf Botwinnik lastete. Die Behörden erwarteten von ihm, dass er nicht nur das internationale Prestige wahrte, sondern auch im eigenen Land seine Dominanz behauptete. Alles andere hätte das Bild des unangefochtenen Führers der sowjetischen Schachschule gefährdet.


Sogar Vyacheslav Ragosin, der viele Jahre lang Botvinniks Trainer war, hielt seine „athletische Form für unzuverlässig und für besorgniserregend.“

Der fast verhinderte Olympionike

Eine Episode aus diesem Jahr zeigt die Spannung besonders deutlich. Als die Sowjetunion im Sommer 1952 erstmals eine Mannschaft zu einer Schacholympiade entsandte – nach Helsinki –, stand Botwinnik zunächst gar nicht auf der Liste. Funktionäre hatten vorgeschlagen, ihn aus dem Team zu streichen. Offiziell hieß es, er habe „zu wenig in Turnieren gespielt“ und sei deshalb „außer Form“. Tatsächlich schwang dabei auch Politik mit: Botwinniks selbstbewusste Haltung und seine Nähe zu Entscheidungsträgern in Wissenschaft und Industrie machten ihn für manche Sportfunktionäre unbequem.

Triumph in Moskau

Zurück in der Heimat wartete später die Landesmeisterschaft. Botwinnik spielte dort mit eiserner Disziplin. Voronkov beschreibt, wie er trotz der dichten Konkurrenz seinen Plan durchzog: kontrollierte Eröffnungen, präzise Technik, eiserner Wille. Er verlor kaum Partien, punktete regelmäßig und setzte sich am Ende durch. Damit holte er zum sechsten und letzten Mal den Titel des sowjetischen Landesmeisters.

Der Erfolg war mehr als nur ein sportlicher Sieg. Er bestätigte ihn als führende Figur des sowjetischen Schachs – gerade in einer Zeit, in der manche Funktionäre ihn am liebsten an den Rand gedrängt hätten.

Botwinnik als Symbolfigur

Voronkov ordnet Botwinnik klar in die Epoche Stalins ein. Zwar reichte seine Karriere weit über die Diktatur hinaus – er blieb Weltmeister bis 1963 und spielte auch in der Chruschtschow-Ära eine zentrale Rolle. Doch sein Habitus, seine Rolle als staatstragender „Erster unter Gleichen“, machte ihn zum Inbegriff des stalinistischen Schachs.

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Er war kein Oppositioneller, kein Querdenker wie später Bobby Fischer, sondern ein Spieler, der das Spiel im Sinne der „wissenschaftlichen Methode“ verstand – ganz im Einklang mit dem marxistischen Glauben an Planung und Systematik. Er stand für Disziplin, Beharrlichkeit, Kontrolle. Seine Gegner mochten talentierter oder brillanter wirken – doch Botwinnik verkörperte die Idee, dass man mit Methodik und Ausdauer jeden besiegen konnte.

Der letzte Glanz einer Ära

So war der Meistertitel von 1952 mehr als nur ein weiterer Eintrag in der Liste seiner Erfolge. Er markierte den Höhepunkt und zugleich das Ende einer Epoche. Wenige Monate später, im März 1953, starb Stalin. Das Land und mit ihm die Schachwelt veränderten sich. Botwinnik blieb Weltmeister, aber die Aura des unerschütterlichen Staats-Champions begann sich zu wandeln.

Voronkov fasst es treffend: Der 20. Meisterschaftssieg war der letzte im Leben Stalins – und der letzte nationale Triumph Botwinniks. In der Erinnerung bleibt er als Symbol einer Zeit, in der das Schachbrett nicht nur ein Spielbrett war, sondern ein Spiegel der Politik.


Amazon-Klappentext zu "Botvinnik's Best Games" (2025): 

Mikhail Botvinnik is widely regarded as one of the greatest chess players of all time, in the same league as Magnus Carlsen, Bobby Fischer, and Garry Kasparov. Botvinnik was born in 1911 and died in 1995. He is known as The Patriarch, or the father of the Soviet School of Chess. He was World Chess Champion from 1948 until 1963, with two short interruptions, and later mentored other world champions Anatoly Karpov, Garry Kasparov and Vladimir Kramnik.For this modern biography, the Russian grandmaster Alexander Khalifman has selected and annotated more than fifty of Botvinnik's best games. Khalifman is an excellent guide with a deep understanding of chess and a talent for explaining games in a clear and accessible manner.Botvinnik's Best Games is part of a series by New In Chess that celebrates the greatest chess players of all time. Previous titles in the series include collections of games by Paul Morphy, Max Euwe, Boris Spassky, and Ding Liren.

Botwinniks Durchbruch beim UdSSR-Championat 1931

Quelle: Chess.com – „A Century of Chess: USSR Championship 1931“, kahns

Der Beitrag zeichnet Mikhail Botwinniks ersten großen Sieg im sowjetischen Schach nach. Im Meisterturnier 1931 galt er noch nicht als Favorit. Er verlor in Runde eins und sieben, wirkte unauffällig – während Nikolai Riumin das Feld dominierte und in Moskau als Publikumsliebling gefeiert wurde.

Botwinnik arbeitete sich trotzdem unerbittlich heran. Sieben Punkte aus acht Partien machten ihn wieder zum ernsthaften Kandidaten. Sein Stil war schon damals klar: tief vorbereitete Eröffnungen, Kontrolle in allen Partiephasen, energisches Positionsspiel. Der spätere Ruf als „Materialist“ greift für diese frühe Phase nicht. Er spielte aktiver und schärfer, als viele heute erwarten würden.

Die Entscheidung fiel in Runde 15. Riumin führte mit einem halben Punkt, war aber nervös. Botwinnik blieb sachlich und gewann unspektakulär, aber sauber. Riumin brach in den Schlussrunden ein, Botwinnik gewann das Turnier mit zwei Punkten Vorsprung.

Historisch markiert dieser Sieg den Beginn der Botwinnik-Ära. In der Sowjetunion bestimmte der Staat, wen er förderte. Riumin passte dem Apparat eigentlich besser ins Bild – „arbeiternah“, russisch, beliebt. Doch Erfolg wog schwerer. Botwinnik bekam Rückhalt, Ressourcen und Einfluss, die seine Karriere prägten. Riumin dagegen verschwand bald aus der Spitze und starb im Krieg mit nur 34 Jahren.


via chess.com

Das Turnier selbst war ein Meilenstein: Erstmals gab es echte Qualifikationswege, eine Tageszeitung in 10.000er-Auflage, später sogar ein 562-Seiten-Turnierbuch. Für Botwinnik war es der Startpunkt seines Aufstiegs zum zentralen Spieler der sowjetischen Schachszene.

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