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Jan Timman (1951-2026)

Schachlegende Jan Timman (72) kehrt zurück ans Brett

Jan Timman im NiC-Podcast vor der niederländischen Meisterschaft: zum ersten mal im Leben Eröffnungsdateien angelegt!

https://www.newinchess.com/blog/post/nic-podcast-25-gm-jan-timman

Timestamps
00:00 – Intro
02:02 – Participating in the Dutch national championship again
04:03 – How did Jan work on his chess in the pre-computer era?
11:44 – Hein Donner stories
23:05 – Max Euwe stories
26:00 – Jan’s father’s initial objections to his chess career
29:25 – Jan’s brother, FIDE master Ton Timman
31:17 – AD BREAK
31:48 - Winning his first national championship fifty years ago, dominating the Dutch chess scene
35:41 – The rise (and stagnation) of rival Dutch players like Piket, Van Wely, Nikolic and Sokolov
38:07 – Gearing up for his first Dutch championship in 18 years
42:19 – When did Jan achieve his peak?
43:44 – What were Jan’s weaknesses as a player?
45:06 – Why did Jan’s contemporaries not achieve the same success?
47:00 – Does Jan still enjoy the game as much as before?
48:08 – Jan’s passion for composing endgame studies
50:36 – The upcoming Dutch championship
52:31 – Jan’s dream tournament and Kasparov’s deadly stare
56:02 – Outro 

Jan Timman über Studien, Abschied und ein Leben für das klassische Schach
Quelle: New In Chess – „NIC Podcast #82: GM Jan Timman“, Dirk Jan ten Geuzendam

Der Podcast stellt GM Jan Timman in einer Phase des Übergangs vor. Der erfolgreichste niederländische Spieler der vergangenen 50 Jahre hat offiziell seine aktive Karriere beendet – und widmet sich nun fast ausschließlich einer Leidenschaft, die ihn seit Jahrzehnten begleitet: Endspielstudien. Anlass des Gesprächs ist sein neues Werk Timman’s Studies, ein 455-seitiger Sammelband mit 186 eigenen Studien, entstanden zwischen 1971 und 2025, darunter ein ganzes Kapitel mit neuen Kompositionen. Timman erklärt, warum Studien für ihn „der wichtigste Teil seines Schachlebens der letzten zehn Jahre“ geworden sind und wie sie ihn intellektuell mehr fesseln als Turnierschach.

Timman blickt im Podcast zurück: auf Kindheitserlebnisse, auf Begegnungen mit Euwe und Keres und auf seine Bewunderung für Komponisten wie Troitzky, Kubbel oder Kasparjan. Er erzählt, wie er selbst zum Komponieren kam, warum viele Großmeister Studien schätzen und wie oft sich große Spieler und große Komponisten in ein und derselben Person vereinten. Klassisches Schach verfolgt er weiter aufmerksam, schnelle Formate oder Freestyle interessieren ihn dagegen nicht. Seine Arbeit als Honorary Editor bei New In Chess führt er fort – die Arena sucht er nicht mehr. Für alle, die sich für Studien oder für die Gedankenwelt einer Schachlegende interessieren, ist diese Podcast-Folge ein Volltreffer.

Jan Timman ist tot:

Terrible news has hit the chess world today. Grandmaster Jan Timman has sadly passed away at the age of 74. Known as the "Best of the West", Jan was a fearless competitor, a World Championship contender, and a nine-time Dutch champion. Rest in peace.

Chess.com (@chess.com) 2026-02-19T14:13:29.156232Z

https://bsky.app/profile/frietema.bsky.social/post/3mfa5hltfds2w

Nederlandse schaaklegende Jan Timman (74), die in de jaren tachtig tweede van de wereld was, overleden

de Volkskrant (@volkskrant.nl) 2026-02-19T13:54:15.208Z

https://bsky.app/profile/apollo11.bsky.social/post/3mf7bl7rbac2o

We are deeply saddened by the passing of Jan Timman (1951–2026), one of the greatest figures in Dutch and international chess. ♟A World Championship contender and the strongest non-Soviet player of his generation, Timman was admired for his creative style, profound strategic

International Chess Federation Mirror (@fide-chess-mirror.bsky.social) 2026-02-19T05:30:13-06:00

Jan Timman war »The Best of the West«: Der Schach-Hippie ist tot. http://www.spiegel.de/sport/schach...

Florian Pütz (@flopuetz.bsky.social) 2026-02-19T15:31:47.184Z

Jan Timman – ein Leben zwischen Brett, Straße und Papier

Quelle: Chess.com – „Jan Timman (1951-2026)“, 20.02.2026, Peter Doggers

Jan Timman stirbt am Mittwoch, 18. Februar 2026, nach schwerer Krankheit. Das berichtet Chess.com. Er wird 74 Jahre alt. In den Niederlanden wächst er zum prägenden Spieler seiner Zeit heran, gewinnt neun nationale Titel und hält sich von Mitte der 1970er bis Mitte der 1990er Jahre in der Weltspitze.

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Kindheit, Bücher, frühe Preise

Jan Hendrik Timman kommt am 14. Dezember 1951 in Amsterdam zur Welt. Er wächst in Delft auf, zwischen Den Haag und Rotterdam, mit Eltern, die Mathematik studieren. Zu Hause sieht er den Bruder Ton Timman mit dem Vater Züge notieren; das fasziniert ihn. Ton handelt mit dem Achtjährigen einen Tausch aus – fünf Partien Monopoly gegen eine Partie Schach – und stößt damit eine Laufbahn an, die später größer wird als alles, was der Bruder am Brett erreicht.

Der Junge tritt einem Klub bei und gewinnt 1960/61 ein Jugendturnier mit 17,5 aus 18. Mit 13 hält er den späteren Weltmeister Boris Spassky in einer Simultanvorstellung remis. Mit 14 gewinnt er die niederländische U20-Meisterschaft als jüngster Spieler. Mit 15 nimmt er 75 Gulden Preisgeld mit und sieht darin, wie er später schreibt, „a first installment“ für ein Einkommen am Brett.

Kein Hörsaal, kein Büro

1970 schließt Timman die Schule ab. Er will Mathematik studieren, zieht nach Amsterdam, steht vor einer langen Reihe am Schalter – und scheitert am fehlenden Geburtsschein. Er bittet um eine provisorische Bescheinigung, um Aufschub beim Militärdienst und ein Zimmer zu bekommen. Danach geht er nicht zurück. Sein Vater schickt 450 Gulden im Monat, bis Timman selbst die Reißleine zieht, nach Delft fährt und sagt: bitte kein Geld mehr. Später fasst er seinen Kern so: „I could never have had an office job.“

Lehrjahre, Titel, ein Land fiebert mit

Ein Sportfonds und Unterstützung durch Max Euwe bringen ihn für Training nach Moskau und Tbilisi zu Eduard Gufeld. 1971 holt er den IM-Titel, 1974 erhält er in Nizza den GM-Titel. Im selben Olympiadenturnier drängt Donner darauf, dass Timman am ersten Brett spielt – weil er niederländischer Meister ist. Timman spielt später elf Olympiaden am Spitzenbrett.

Mit den Erfolgen kommt das Fieber. Ende der 1970er Jahre sitzen Fans in Klubs und Cafés und drehen Figuren im Kopf, während eine Partie in Rio de Janeiro über Tage läuft, unterbrochen durch Hängepartien. Timman kämpft im Endspiel Turm und Bauer gegen Läufer und Bauer. Er bringt Endspielbücher von André Chéron nach Brasilien, arbeitet mit Ulf Andersson als Sekundant, gewinnt die Partie – und verpasst trotzdem die Qualifikation um einen halben Punkt. In den Niederlanden klingeln nach einer Zeitungskolumne zwanzig Telefone, weil Amateure eigene Gewinnwege sehen.

Aufstieg bis Platz zwei der Welt

1978 markiert eine Wende. Timman heiratet Ilse-Marie Dorff und ordnet sein Leben neu. Er sagt später: „Only after my marriage in 1978 I started working really hard.“ Die Ergebnisse kippen nach oben: starke Turniere, ein Sieg gegen Anatoly Karpov, ein Platz in der Weltspitze. Im Januar 1979 steht er auf Rang fünf der Weltrangliste. Anfang 1982 rückt er auf Rang zwei vor, direkt hinter Karpov – sechs Wochen nach dem Tod von Euwe.

1985 trifft er Kasparov in einem Match in den Niederlanden, verliert 2:4, gewinnt aber eine Partie, die als Kasparovs erste Niederlage als Weltmeister in Erinnerung bleibt. Timman drückt sich in dieser Zeit als „Best of the West“ durch Zyklen, Turniere und Matches, getragen von Ergebnissen, aber gebremst von Momenten, die kippen.

Kandidaten, Finalnähe, WM-Match gegen Karpov

Timman erreicht wiederholt die Kandidatenphase. 1986 verliert er deutlich gegen Artur Jussupow. 1989 wartet Karpov in Kuala Lumpur, Timman verliert und erlebt die erste Partie als Vorentscheidung. Anfang 1993 spielt er das Kandidatenfinale in San Lorenzo gegen Nigel Short und verliert knapp.

Dann verschiebt sich die Schachwelt. Short und Garry Kasparov lösen sich von der FIDE und gründen die PCA. Timman bekommt doch noch ein WM-Match – gegen Karpov. September 1993 führt ihn das Match in die Niederlande und nach Indonesien. Timman schreibt später: „For me, this turned out to be a match of missed chances.“ Karpov gewinnt 6:2 bei 13 Remisen.

Schreiben als drittes Leben

Neben dem Spielen zieht Timman das Schreiben an. Er liefert Analysen, Kolumnen, Bücher, Essays. Er arbeitet als Ehrenredakteur für New in Chess und trägt dort seit der Gründung 1984 regelmäßig bei. 1999 landet im Büro der Redaktion alle paar Wochen ein Fax mit handschriftlichen Seiten: seine neue Kolumne.

Er blickt 2017 in „Timman’s Titans“ zurück und setzt einen Satz, der sein Gefühl für den Wandel zusammenfasst: „I think that in these times, I wouldn’t have become a professional chess player. Knowledge has become too important. You cannot live on talent alone.“

Endspielstudien, Technik, ein später X-Account

Timman liebt Endspielstudien früh und intensiv. Er komponiert selbst, veröffentlicht 2011 „The Art of the Endgame: My Journeys in the Magical World of Endgame Studies“ und nennt die Arbeitsphase daran eine seiner glücklichsten Zeiten. 2024 schreibt er im Vorwort zu „100 Endgame Studies You Must Know“ über den Reiz, „backwards“ zu denken.

Computer bleiben lange Randwerkzeug. Er spielt nie online, er nutzt den Rechner in der Vorbereitung erst spät und ohne Begeisterung. Bei Studien akzeptiert er den Computer ab etwa 2008 als Hilfe und sagt: „I think that if I use the computer for my endgame studies, it’s a blessing.“

Am 11. Februar 2023 eröffnet er einen X-Account und postet bis zuletzt Studien, Lösungen und Zitate. Noch am 17. Februar 2026 schreibt er eine Lösung zu einer Studie aus.

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Bis zuletzt Profi

Timman spielt Liga bis in die Saison 2024/25, kehrt 2024 noch einmal zur niederländischen Meisterschaft zurück, zieht zwei Partien remis und verliert im Tiebreak. Ende 2025 sagt er: „Yes, I’m not an amateur. I’m a pro. I don't play chess for fun.“

Schachlegende Jan Timman (72) kehrt zurück ans Brett

Im Herbst 2025 melden Medien in den Niederlanden ein stilles Ende seiner Laufbahn, ohne Details zur Krankheit. Er will darüber nichts nach außen geben. Wenige Tage vor seinem Tod wirkt er in guter Verfassung und bleibt optimistisch. Am Mittwoch, 18. Februar 2026, endet sein Leben.

Jan Timmans letzter Blick fällt auf das russische Schach

Quelle: De Groene Amsterdammer – „Een nagelaten beschouwing van Jan Timman“, 19. März 2026, Hans Ree (Abo)

Jan Timman schrieb selbst in seinen letzten Monaten weiter, mit Pflichtgefühl und Disziplin. Sogar eine Reservekolumne legte er an, als er von seiner Krankheit erfuhr, damit keine Lücke entsteht, falls er einmal ausfällt. Das schreibt De Groene Amsterdammer. Der Blick, den er in seinem letzten Text auf das russische Schach warf, wirkt im Rückblick wie eine stille Selbstbetrachtung.

Im Mittelpunkt steht der Satz, dass heute eben nicht mehr jeder russische Schuljunge alles über Schach weiß. Früher stand diese Wendung für das sowjetische Ausbildungssystem, für Pionierpaläste, für eine Kultur, in der Schach tief im Alltag verankert war. Als die FIDE 1971 ihre erste Weltrangliste veröffentlichte, kamen nur drei Spieler außerhalb der Sowjetunion aus den Top Ten: Bobby Fischer, Bent Larsen und Lajos Portisch. Lange blieb das Kräfteverhältnis ähnlich. Jetzt findet sich kein Russe mehr unter den ersten zwanzig der Weltrangliste, egal ob er in Russland lebt oder anderswo.

Für Timman hat dieser Niedergang Gewicht. Er wuchs in einer Schachwelt auf, in der Michail Botwinnik, Boris Spasski, Anatoli Karpow und Michail Tal die großen Gestalten waren. Darum bekommt die Beschreibung des russischen Abstiegs eine zweite Ebene. Sie steht nicht nur für ein verändertes Schachland, sondern zugleich für Abschied.

Zwei Hoffnungszeichen

Ganz ohne Zukunft erscheint das russische Schach in diesem Bild nicht. Timman sieht zwei junge Spieler als Hoffnung: Andrej Jessipenko, 23 Jahre alt und Nummer 33 der Weltrangliste, sowie Volodar Murzin, 19 Jahre alt und Nummer 67. Das klingt zunächst nach einer langen Suche. Doch Murzin wurde 2024 Schnellschach-Weltmeister, und Jessipenko qualifizierte sich für das Kandidatenturnier, das Ende März auf Zypern beginnen soll.

Eine Partie aus einer anderen Zeit

Als Beispiel folgt eine Partie zwischen Jessipenko und Anish Giri, die sich bald wieder im Kandidatenturnier begegnen sollen. 2017 trafen sie in Sotschi in der russischen Mannschaftsmeisterschaft aufeinander. Schon dieser Rahmen markiert eine andere Zeit. Heute erscheint es kaum vorstellbar, dass ein niederländischer Spitzenspieler dort noch antritt. Giri spielte damals für das Starteam Siberia-Sirius, das von sibirischem Öl getragen wurde, von Wladimir Kramnik angeführt wurde und alle Wettkämpfe gewann.

Die Partie bleibt bis ins Ende lebendig. Jessipenko gewinnt zunächst einen Bauern, doch Giri entwickelt genügend Gegenspiel. Dann zieht Schwarz die Figuren enger zusammen, öffnet Linien und drängt den weißen König immer tiefer in die Enge. Weiß hält sich lange an seinem Mehrbauern fest, doch die Stellung kippt. Am Ende droht Matt in zwei Zügen. Jessipenko gibt auf.

Giri erscheint in diesem Zusammenhang als Figur ohne feste nationale Schublade. Er wurde 1994 in Sankt Petersburg geboren, lebte mit seinem nepalesischen Vater und seiner russischen Mutter von 2002 bis 2008 in Japan und danach in den Niederlanden. Er ist mit der georgischen Internationalen Meisterin Sopiko Guramishvili verheiratet und lebt in Den Haag. So endet der Blick auf das russische Schach nicht bei einem Land, sondern bei einer Schachwelt, in der Herkunft, Lebensweg und Zugehörigkeit längst offener geworden sind.

Der letzte Romantiker: Jan Timman, der beste Spieler hinter Karpow und Kasparow

The Chess Revolution (Podcast), 9. März 2026, Peter Doggers und Arne Moll

Sein Credo lautete: Tu, was du willst. Das schreibt The Chess Revolution. Jan Timman, neunfacher niederländischer Meister, langjährige Weltnummer zwei und einer der beständigsten Kandidaten für die Schach-Weltmeisterschaft seiner Epoche, starb am 18. Februar 2026 im Alter von 74 Jahren nach schwerer Krankheit. Er war kein Weltmeister geworden. Aber er war jahrzehntelang der beste Spieler hinter den beiden Ks – hinter Karpow und Kasparow – und damit besser als alle anderen.

Monopoly gegen Schach

Timman wurde am 14. Dezember 1951 in Amsterdam geboren und wuchs in Delft auf, wo sein Vater als Mathematikprofessor an der Technischen Universität lehrte. Die Mutter war ebenfalls Mathematikerin. Als Jan acht Jahre alt war, sah er seinen älteren Bruder Ton mit dem Vater Schach spielen. Er selbst interessierte sich zunächst lieber für Monopoly. Ton handelte mit ihm einen Tausch aus: fünf Monopoly-Partien gegen eine Schachpartie. Es war der folgenreichste Deal in der Geschichte des niederländischen Schachs.

Noch im selben Jahr trat Jan dem örtlichen Schachklub bei und gewann die Jugendmeisterschaft mit 17,5 aus 18. Mit 13 hielt er den späteren Weltmeister Boris Spasski in einem Simultanspiel remis. Mit 14 gewann er die niederländische Jugendmeisterschaft – als jüngster Spieler überhaupt. Mit 15 gewann er seinen ersten Geldpreis: 75 Gulden. Er beschrieb diese Summe als erste Rate auf ein regelmäßiges Einkommen, das er sich durch Schach verdienen würde.

Ein Volkswagen-Bus und kein Hotelgeld

Die frühen 1970er verbrachte Timman nicht am Schreibtisch, sondern auf der Straße. Mit seinem Freund Hans Böhm reiste er in einem Volkswagen-Bus durch Europa, schlief im Fahrzeug und spielte Turniere um Geldpreise. Beim Rilton-Cup in Stockholm, um die Jahreswende 1972/73, hatten sie bei der Ankunft kein Geld für ein Hotelzimmer – und auch keine Kreditkarte. Die einzige Option: Timman musste gewinnen, sonst drohte Geschirrspülen in den Hotelkatakomben. Er gewann den ersten Preis und hatte, wie er schrieb, für Monate ausgesorgt.

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Diese Lebensweise entsprach seiner Überzeugung. Als Student in Amsterdam ließ er sich 450 Gulden monatlich vom Vater schicken, ohne das Studium anzutreten. Irgendwann fuhr er nach Hause und bat den Vater, das Geld einzustellen. Die Mathematik interessierte ihn nicht mehr. Schach war sein Beruf. Zur Universität zurückgekehrt war er offiziell nie – nur weil er beim Einschreiben seine Geburtsurkunde vergessen hatte und dann einfach nicht mehr wiederkam.

Talent ohne Disziplin – bis zur Heirat

Timman räumte später offen ein, bis etwa 1978 vor allem von seinem Talent gelebt zu haben. Er sei immer faul gewesen. Nur nach seiner Heirat mit Ilse-Marie Dorff habe er begonnen, wirklich hart zu arbeiten. 1978 war tatsächlich ein Wendejahr: In Bugojno kam er hinter den Weltmeistern Karpow und Spasski ins Ziel, schlug Karpow dabei zum ersten Mal überhaupt und ärgerte sich danach, die Partie nicht noch schöner gewonnen zu haben.

Sein Spielstil war breit, strategisch und angreifend zugleich. Er unterhielt in den 1970er und 80er Jahren ein ungewöhnlich weites Eröffnungsrepertoire zu einer Zeit, als die meisten Großmeister mit wenigen Varianten arbeiteten. Das Ergebnis war die Folge intensiver Neugier: Er habe stundenlang versucht, Eröffnungspositionen zu verstehen, sagte er. Sehr oft sei ihm das gelungen. Daneben erkannte er seine Schwäche offen an: Elementare Fehler unterliefen ihm häufiger als erwartet – eine Eigenheit, die er auch bei Jan Hein Donner und Max Euwe beobachtete und die er als eine Art niederländische Tradition bezeichnete.

Donner und das Zigarettenende auf dem Teppich

Die bedeutendste persönliche Beziehung in Timmans Schachkarriere war jene zu Jan Hein Donner, dem großen niederländischen Großmeister und Schriftsteller. Timman sah in einer frühen Begegnung, wie Donner im Korridor des IBM-Turniers eine Zigarette auf dem Teppich ausdrückte und ihn dabei bedeutsam anblickte. In diesem Moment, erzählte Timman später, habe er verstanden, dass es gut ist, Schachprofi zu sein. Andere Menschen würden so etwas nicht tun.

Als Donner 1988 starb, schrieb Timman: Er habe mehr über das Leben von ihm gelernt als über Schach. Donner hatte ihn andererseits öffentlich ermahnt, genauer zu spielen – er habe die Ungenauigkeit in Timmans Partien gesehen und auf die Bedeutung von Präzision hingewiesen. Gleichzeitig attestierte Donner dem jungen Timman nach einem Turnier: Nur sein Spiel habe in bestimmten Momenten Zeichen wahrer Größe gezeigt.

Fünfmal ließ er eine Gewinnstellung liegen

Timmans Kandidatenkarriere war lang und von Höhen und Tiefen geprägt. Dreimal kam er sehr nah an einen WM-Kampf heran – 1986 verlor er gegen Jussupow, 1990 gegen Karpow, 1993 gegen Nigel Short. Im Match gegen Short war die Partie von Tilburg 1991 vorausgegangen, in der Short seinen König bis H6 marschieren ließ – eine der berühmtesten Partien der 1990er Jahre, mit Timman auf der Verliererseite.

Gegen Karpow spielte Timman 95 klassische Partien, neun davon gewann er. Im WM-Kampf von 1993, der teilweise in Amsterdam und teilweise in Indonesien stattfand, sah Timman sich selbst im Rückblick als Verlierer von fünf eigentlich gewonnenen Stellungen. Er beschrieb das als Match der verpassten Chancen.

Sein stärkstes Turnierjahr war womöglich 1982 in Mar del Plata, wo er acht Partien in Folge gewann, darunter Schwarz gegen Karpow. Karpow, der das Turnier normalerweise gewann, schickte seine Frau vor, um Timman zu beglückwünschen.

Fischer, sechs Millionen Juden und eine offene Antwort

Timman begegnete Bobby Fischer erstmals 1990 in Brüssel, arrangiert von Bessel Kok, dem Mann hinter der Großmeistervereinigung GMA. Fischer präsentierte dort seine neue Uhr und seine Variante des Schachs. Er äußerte bei dieser Gelegenheit auch antisemitische Aussagen und bestritt die Opferzahl des Holocaust. Timmans Reaktion war knapp und direkt: „Aber Bobby, wo sind die sechs Millionen Menschen dann hingegangen?" Fischer schwieg. Später soll Fischer Timman als einen der Spieler genannt haben, gegen den er gern eine Partie gespielt hätte.

Bereits 1983 hatte der Unternehmer Joop van Oosterom versucht, einen Wettkampf zwischen Fischer und Timman zu organisieren, mit einem Preis von einer Million Gulden. Fischer forderte mehr Geld. Das Match kam nie zustande. Timman erfuhr von der ganzen Sache erst aus der Zeitung.

Studien, Dylan, Gauguin

Timman spielte keine Partien online und mochte das Internet nicht. Bis in die letzten Jahre seines Lebens schrieb er seine Kolumnen für New in Chess von Hand und schickte sie per Fax. In der Redaktion tippte jemand den Text ab.

Sein drittes großes Leben neben Schach und Reisen war die Literatur. Er schrieb Essays über Borges, über Dostojewski, über den japanischen Autor Akutagawa. Er liebte Bob Dylan, die Rolling Stones, Frank Zappa. Seine Lieblingsmaler waren Paul Gauguin und Marc Chagall. Er besuchte Museen während Turnieren.

In seinen späten Jahren widmete er sich mit wachsender Leidenschaft dem Komponieren von Endspielproblemen. 2011 erschien sein Buch über Endspielstudien, das er als eine der glücklichsten Perioden seines Lebens beschrieb. Den Computer nutzte er dafür erst ab etwa 2008 – und nannte es einen Segen: nicht als Ersatz für Kreativität, sondern als Werkzeug, das neue Ideen aufwarf.

Sein letzter Tweet erschien am 17. Februar 2026, einen Tag vor seinem Tod: die Lösung zu einer Endspielstudie.

Das Max-Euwe-Zentrum widmet die Aprilausgabe seines Magazins Jan Timman. Das Heft umfasst 64 Seiten und besteht fast vollständig aus Timman-Beiträgen. Daneben gibt es einige reguläre Rubriken. Hier der Überblick:


Redaktionelles

Redactie – Erklärt, warum die ursprünglich geplante Ausgabe kurzfristig umgebaut wurde: Timman starb am 18. Februar, die Redaktion entschied spontan, ein Sonderheft zu machen.


Persönliche Erinnerungen an Timman

Jaap van den Herik (MEC-Vorsitzender) – Über Timmans Elternhaus in Delft, die Unterstützung seiner Mutter Anneke, seine Leidenschaft für Endspielanalyse und seine Partnerin Geertje.

Genna Sosonko – Erinnerung an die Olympiade 1974 in Nizza und einen Nachmittag danach im Van-Gogh-Museum als lebende Modelle für Kunststudenten. Sehr lebendiges Bild von Timmans Amsterdamer Zimmer in den 1970ern.

Hans Ree – Über ein rätselhaftes Foto von 1964 (12-jähriger Timman gegen den 19-jährigen Ree), ihre Amsterdamer Nachbarschaft und die gemeinsame Arbeit an einem doppelten Prokeš-Endspielmotiv über fast 20 Jahre.

Tim Krabbé – Sechs Partien gegen Timman, darunter ein Remis im NK 1971 mit dem berühmten „verwöhnten Zug" 52.c6. Außerdem: ein Sommer 1992 in Ste-Maxime, wo sie gemeinsam Endspielstudien analysierten.

Erwin l'Ami – Besuch in Arnhem um 2023, bei dem Timman eine neue Studie präsentierte und l'Ami nach längerer Überlegung die Schlüsselzug Df6 fand. Timman kommentierte mit: „Te gek, hè?"

Paul van der Sterren – Ein Gedicht in Anlehnung an Marsmans „Herinnering aan Holland."

Ivan Sokolov – Über die mehr als dreißigjährige Freundschaft, die 1993 in Oviedo begann, und die Geschichte der Partie gegen Salov in Wijk aan Zee 1998 – mit Analyse nach drei Flaschen Wein am Vorabend.

Dirk Jan ten Geuzendam (New In Chess) – Die Trauerrede vom 25. Februar 2026 im Krematorium Arnhem. Über Timmans Motto „Je moet nooit doen waar je geen zin in hebt", seine Gelassenheit nach dem Verlust seines Herrenhauses am Vondelpark, und die Geschichte mit den Weinflaschen beim Botschafterdinett in London.

Hans Böhm – Kurzer persönlicher Beitrag über das Entstehen des gemeinsamen Buches Herinneringen van twee schaakvrienden in Timmans letzten Lebensmonaten.

Allard Hoogland (Verleger New In Chess) – Über Timmans Kampfgeist: 2021 lieferte er das Manuskript von The Unstoppable American fünf Wochen früher als vereinbart ab, um einem Konkurrenzprojekt zuvorzukommen.

John Kuipers – Wie er als Biograf zu Timman kam, ihre Zusammenarbeit beim Buch De geest van het spel, die zeitweilige Verstimmung nach Erscheinen und die letztliche Annäherung.

Marcel Peek (IM, KNSB-Vorstand) – Timman als Jugendidol seit 1973. Beschreibt den „Timman-Effekt" auf den niederländischen Schachsport: Der KNSB wuchs von 20.000 auf über 30.000 Mitglieder. Peek spielte 1986 selbst gegen Timman – Remis nach 54 Zügen.


Sachbeiträge über Timman

Minze bij de Weg – Systematische Würdigung von Timmans Werk als Autor: produktivster niederländischer Schachschreiber aller Zeiten, Fokus auf Schönheit und Tiefe statt Lehrwerke, Höhepunkt mit The Art of the Endgame (293 Studien).

Erik Mijnheer – Die „Goldenen Jahre" des Cogas-Turniers in Almelo 2004–2007, bei dem Timman jährlich Zweikämpfe bestritt: gegen Van Wely (1–3), Stellwagen (2,5–1,5), Kortchnoi (2–2) und Cramling (1–1).

Bas Beekhuizen / Redaktion – Fotoessay: Archivbilder aus dem MEC und von Beekhuizen, dazu die Geschichte hinter einem Analysefoto von 1996 in De Balie – dem Jahr, in dem Timman zum neunten Mal niederländischer Meister wurde.


Nicht-Timman-Beiträge

Peewee van Voorthuijsen – Historischer Artikel über die Länderspiele Niederlande gegen England von 1910 bis 1952, mit Anekdoten über Reisepannen und Spielverläufe.

Paul van der Sterren und Erwin l'Ami, interviewt von Peter Boel – Über ihr neues Buch Max Euwe Wereldkampioen! (1935–1937). Timmans Urteil über Euwe als „modernen Schaker" wird dabei als Ausgangspunkt genutzt.

Minze bij de Weg – Rezension des Buches Herinneringen van twee schaakvrienden (Timman/Böhm), 342 Seiten, 25 Euro. Urteil: lesenswert, hätte gelegentlich straffer redigiert werden können.

Jeroen van den Berg – Kurzmeldung: Nodirbek Abdusattorov und Andy Woodward besuchten das MEC am 26. Januar 2026; Judit Polgar kam am 10. März anlässlich der Netflix-Dokumentation Queen of Chess.

Han Steenbruggen (Museum Belvédère) – Über ein Schachturnier für bildende Künstler im Museum Belvédère in Oranjewoud im Dezember 2025, das aus einer De-Stijl-Schachfigur von Vilmos Huszár (1921) entstand. Sieger: Dolf Verlinden.

Hans Overgoor – Rezension von Huib Nieuwlands Waar schaakt u eigenlijk mee?, einer illustrierten Geschichte der Schachfiguren von Indien bis Staunton, 71 Seiten.

Erik Mijnheer – Rezension von Taylor Kingstons Chess in the Third Reich (McFarland, 266 Seiten, 41 Euro): erstes englischsprachiges Überblickswerk über Schach im Nationalsozialismus 1933–1945.

Jeroen van den Berg, postuum – Interview mit dem am 1. Januar 2026 gestorbenen MEC-Freiwilligen Dirk Goes, 2025 geführt, auf Wunsch der Familie posthum veröffentlicht.

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