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Anatol Vitouch im Standard

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Eine WM, wie es sie heute nicht mehr gibt

Quelle: Der Standard – „Eine Schach-WM, wie sie früher einmal war", 16. August 2026, Anatol Vitouch (Abo)

100.000 Online-Zuschauer galten 2004 als Erfolg, die meisten verfolgten die Partien noch am Frühstückstisch mit der Zeitungsnotation. Das berichtet Der Standard. In diesem Umfeld trafen Titelverteidiger Wladimir Kramnik und Herausforderer Péter Lékó in einer umgebauten Zigarrenfabrik im schweizerischen Brissago aufeinander, ausgestattet mit einer Million Franken Preisgeld durch Schachmanager Carsten Hensel – organisiert am Weltschachbund vorbei.

Ein knapper Ausgang

Lékó geriet früh in Rückstand, glich aber aus. Erst in der letzten, 14. Partie fand Kramnik, gesundheitlich angeschlagen, sein entscheidendes Endspiel und rettete den Titel zum 7:7 – Tiebreaks gab es damals noch nicht.

Langeweile als Vorwurf

Die zeitgenössische Kritik nannte den Wettkampf „gepflegte Langeweile". Vitouch liest darin einen Bruch: Wo die Remisserien zwischen Kasparow und Karpow in den Achtzigern noch als episches Ringen galten, sah das computergerüstete Publikum von 2004 in Kramnik und Lékó nur noch Sportler, die bei frühen Remisen die Arbeit verweigerten.

Nichts ist genug

Diesen strengen Blick erwartet Vitouch auch für das Match zwischen Gukesh und Sindarov im November in Genf – nur dass dem Publikum heute ohnehin nichts mehr genügt: zu viele Fehler gelten als unwürdig, zu wenige als langweilig.

Blitzpartien als Eintrittskarte ins klassische Kandidatenturnier

Quelle: Der Standard – „Praggnanandhaa gewinnt – irgendwas Großes im Schach. Aber was eigentlich?" (Abo), 30. August 2026, Anatol Vitouch

Das Kronjuwel des Schachsports ist und bleibt der klassische WM-Titel, errungen in einem mehrwöchigen Zweikampf mit üppiger Bedenkzeit. Umso erklärungsbedürftiger ist, dass künftig zwei der acht Plätze im Kandidatenturnier über eine Turnierserie vergeben werden sollen, in der überhaupt kein klassisches Schach gespielt wird. Das kommentiert Anatol Vitouch.

Kaum hatte Rameshbabu Praggnanandhaa das Finale der Grand Chess Tour in St. Louis gewonnen, folgte die Ankündigung der „Total Chess World Championship Tour“ in Budapest im November, bei der auch Magnus Carlsen antritt. Für die Spitze sei diese Vielzahl gut dotierter Zyklen ein Segen: Vincent Keymer kam auf der Tour trotz des letzten Platzes im Playoff auf rund 270.000 US-Dollar.

Früher waren solche Summen allein im WM-Kampf zu verdienen – und selbst dort scheiterten Matches immer wieder an der Börse. Akiba Rubinstein und Alexei Shirov verloren ihre sportlich verdiente Chance, weil sich keine Sponsoren fanden. Heute bleibt den Profis das Luxusproblem, zwischen Terminkollisionen zu wählen, getragen von einem Online-Publikum, dem Schach zum E-Sport geworden ist.

Schnell und schneller

Gespielt wird auf der neuen Tour Blitz, Rapid und „Fast Classical“ – eine auf Carlsens Vorlieben zugeschnittene Variante mit 45 Minuten plus 30 Sekunden Zugbonus. Spannend werde das gewiss. Warum sich dabei zwei Spieler für das klassische Kandidatenturnier qualifizieren sollen, bleibt unerfindlich – zumal die FIDE ihre Qualifikationskriterien ohnehin laufend ändert.

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Das Kind weint und vergisst – der Meister rechnet nach

Quelle: Der Standard – „Das Problem mit dem Schach in der Midlife-Crisis - Schacheck - derStandard.at › Sport" (Abo), 13. September 2026, Anatol Vitouch

Ein etwa zehnjähriger Bub schluchzt bei der Wiener Blitzschach-Landesmeisterschaft so herzzerreißend über seine Niederlage, dass weder sein Vater noch der Nebenmann ein Wort versteht. Zwei Tage später ist der Schmerz vergessen. Bei einem Fidemeister jenseits der vierzig bleibt er. Das kommentiert Anatol Vitouch.

Der Unterschied liege nicht in der Heftigkeit des Gefühls, sondern in der Perspektive. Wer minderjährig sei und ein Mindestmaß an Trainingsfleiß aufbringe, dessen Elokurve zeige stabil nach oben: Es könne nur besser werden. Wer älter werde, dem geselle sich zur gewohnten Wut eine unangenehm kalte Resignation – der Gedanke, so weit sei es nun also schon gekommen. Solche Gedanken schmerzten noch am übernächsten Tag.

„Bist du auch so müde?"

Vier peinliche Niederlagen in elf Blitzrunden seien der Anlass für diesen Befund. Verlorengegangen sei weniger die Spielstärke als die Illusion, man werde es eines Tages schon noch lernen. Dieser Zug sei abgefahren. Ein ebenfalls weit hinten im Turniersaal gelandeter Meister-Kollege habe die Lage auf eine Frage gebracht: ob er auch so müde sei. Die Antwort: zu müde für nur drei Minuten Bedenkzeit.

Trost spendet der Blick auf lange Karrieren. Andor Lilienthal starb 2010 mit 99 Jahren, eine Weile lang der älteste lebende Großmeister, und erzählte noch wenige Jahre zuvor öffentlich von seinen Begegnungen mit Emanuel Lasker in den Dreißigerjahren. Time flies.

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