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Rafael Vaganian

Rafael Vaganian – zwischen Botvinnik und Köln

Quelle: Blog „Soviet Chess History“ von Douglas Griffin – Beitrag „Rafael Vaganian.“ (14. Dezember 2025), mit Zitaten aus Genna Sosonko: „The Reliable Past“ (New in Chess, 2003) sowie Erinnerungen von Adrian Mikhalchishin (chesspro.ru, 2014)

Vaganian? He has something that makes his pieces move around the board in a way only he can conceive of. His play is something special – and I’ve seen plenty in my time… He was never a chess practitioner, he was a chess artist, a fantastic chess artist!

So sprach Viktor Kortschnoi im Herbst 2000 in Istanbul über Rafael Vaganian. Es ist kein Lob aus Höflichkeit. Kortschnoi hatte alles gesehen.

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Vaganian, geboren 1951 in Jerewan, wächst im sowjetischen Schachsystem auf, ohne je ganz darin aufzugehen. Schon als Jugendlicher kreuzen sich seine Wege mit den Größten. 1967 in Moskau, Qualifikation zur Junioren-WM: Anatoly Karpov sitzt ihm gegenüber. Die Partie endet remis. Am Rand stehen Mikhail Botvinnik, Efim Geller, Aleksandr Kotov, Salo Flohr. Mikhail Tal analysiert nach den Partien mit den Jugendlichen. Vaganian ist 15. Er gehört schon dazu.

1968, Riga. Allunions-Teammeisterschaft. Spartak gegen ZSKA. Wieder Karpov. Wieder remis. Vaganian spielt Eröffnungen, die Streit suchen: Aljechin-Verteidigung, Französisch, Grünfeld. Sicherheit interessiert ihn wenig. Im selben Jahr gewinnt er im Halbfinale zur UdSSR-Meisterschaft in Tallinn acht Partien – mehr als jeder andere. Vier Niederlagen kosten ihn die Qualifikation. Das Muster ist früh sichtbar: Angriff vor Absicherung.

An excellent post from @dgriffinchess.bsky.social on Armenian grandmaster and Soviet champion Rafael Vaganian. I'm looking forward to playing through the annotated games, translated by Douglas from old Soviet chess magazinesHis blog is always a pleasure:dgriffinchess.wordpress.com/2025/12/14/r...

Scott Rose (@rprose.bsky.social) 2025-12-15T13:21:18.956Z

1970 wird zum Wendepunkt. In Dubna spielt er die UdSSR-Meisterschaft der jungen Meister. Das Feld liest sich wie ein Lexikon: Evgeny Sveshnikov, Boris Gulko, Lev Alburt, Alexander Razuvaev, Roman Dzhindzhikhashvili. Mark Dvoretsky wird Letzter. Vaganian teilt Platz eins und gewinnt endlich einen Stichkampf. Kurz darauf schlägt er Karpov im Armeemeisterschafts-Teamturnier in Leningrad. Ein Sieg mit Signalwirkung.

1971 folgt der internationale Durchbruch. In Vrnjačka Banja gewinnt Vaganian ein stark besetztes Turnier vor Leonid Stein, Borislav Ivkov und Pal Benko. Er ist noch keine 20. Der Großmeistertitel folgt. Für kurze Zeit ist er der jüngste Großmeister der Welt.

Deutschland taucht später auf andere Weise in seiner Geschichte auf. 1977 spielt Vaganian in Rom ein Turnier, über das Adrian Mikhalchishin Jahrzehnte später erzählt. Kultur, Empfänge, Partys. Vaganian habe gefürchtet, man könne ihnen das Reisen verbieten, wenn das in der Sowjetunion bekannt werde. Er selbst sprach keine Fremdsprachen. Mikhalchishin, der Deutsch und Englisch konnte, wurde offiziell Delegationsleiter – obwohl Vaganian längst der Star war.

1985 erreicht Vaganian den Zenit seiner Karriere. Er gewinnt das Interzonenturnier in Biel, 1,5 Punkte vor Yasser Seirawan, und teilt kurz darauf Platz eins beim Kandidatenturnier in Montpellier. Der Weg zur WM scheint offen. Doch in den Matches scheitert er: 1986 an Andrei Sokolov, 1988 an Lajos Portisch. Viele sind überrascht.

Genna Sosonko liefert in "The Reliable Past" die Erklärung. Vaganian habe nie alles dem Schach untergeordnet. Er lebte gern. Freunde, lange Abende, Karten, Witze. Kein Mangel an Talent. Kein Mangel an Ehrgeiz. Aber Grenzen.

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Nach dem Ende der Sowjetunion zieht Vaganian nach Deutschland, in die Nähe von Köln. Er spielt weiter, gewinnt Turniere, teilt 2004 Platz eins beim Aeroflot Open. 2019 wird er Senioren-Weltmeister Ü65 in Bukarest.

Botvinnik sah ihn früh. Tal analysierte mit ihm. Karpov prüfte ihn. Kortschnoi bewunderte ihn. Vaganian blieb immer Vaganian. Das machte ihn einzigartig – und hielt ihn vielleicht von höchsten Weihen fern.

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