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Marcel Duchamp (1887-1968)
Zitat von Conrad Schormann am 27. Juli 2025, 11:22 UhrMarcel Duchamp: Ein Künstlerleben zwischen Schachbrett und Avantgarde
Die Ehe von Marcel Duchamp dauerte genau drei Monate. Grund für die Trennung: Seine Hochzeitsnacht verbrachte er nicht etwa mit seiner Frau, sondern mit Schach. Stundenlang studierte er Positionen, vertiefte sich in Kombinationen. Die Ehefrau reagierte prompt – sie klebte kurzerhand alle Figuren aufs Brett. Die Beziehung zerbrach bald darauf, aber Duchamps Liebe zum Schach hielt bis zu seinem Tod.
https://twitter.com/JustChessSports/status/1949371396724863191
Marcel Duchamp, geboren 1887 in Frankreich, war schon immer ein Grenzgänger. Er revolutionierte die Kunstwelt, schuf mit dem "Readymade" eine neue Gattung, bei der Alltagsgegenstände – wie ein simples Urinal – zu Kunst erklärt wurden. Sein provokantes Werk „Fountain“ (1917) schockierte die Kritiker und etablierte ihn als zentrale Figur der Dada-Bewegung. Doch während andere Künstler in der avantgardistischen Szene aufgingen, suchte Duchamp in Schach eine tiefere, purere Schönheit: „Es hat die ganze Schönheit der Kunst – und noch viel mehr“, erklärte er. Denn Schach ließ sich nicht vermarkten, nicht kommerzialisieren.
Duchamps Faszination für das königliche Spiel entwickelte sich früh. 1919 schrieb er Freunden: „Nichts auf der Welt interessiert mich mehr als den richtigen Zug zu finden.“ Das Malen langweile ihn zunehmend. 1923 erklärte er seine künstlerische Laufbahn offiziell für beendet und widmete sich stattdessen mit enormer Hingabe dem Schachspiel.
Wo immer Duchamp auftauchte, wurde das Brett ausgepackt. Er spielte auf Dächern Pariser Theaterhäuser, auf Wiesen in Connecticut, sogar während er in Seen schwamm. Duchamp reiste nach Südamerika, nur um intensiv bei einem renommierten Lehrer zu studieren. Schach war sein Rückzugsort, eine geistige Oase, fernab vom hektischen, lauten Kunstbetrieb Manhattans. „Schachspieler sind Wahnsinnige von besonderer Qualität“, befand Duchamp. Eine Qualität, die auch auf ihn selbst zutraf.
In New York traf Duchamp auf den Avantgarde-Komponisten John Cage. Gemeinsam führten sie 1968 ein Schachduell als Performance auf. Jeder Zug löste Klang- und Lichtinstallationen aus, verwandelte die Partie in eine multimediale Inszenierung. Cage hatte zwar die Idee, aber keine Chance: Duchamp schlug ihn binnen Minuten. Ein anderes berühmtes Schachereignis fand in Pasadena statt, wo Duchamp gegen die nackte Eve Babitz spielte – eine provokative Aktion, um den damaligen Liebhaber Babitz' zu ärgern, der sie zu einer wichtigen Ausstellung nicht eingeladen hatte.
Duchamp war kein gelegentlicher Spieler, sondern ein ernsthafter Wettkämpfer. Er nahm für Frankreich an mehreren Schacholympiaden teil, publizierte Schachtheorien und analysierte Partien tiefgehend. „Während nicht alle Künstler Schachspieler sind, sind alle Schachspieler Künstler“, sagte er auf einem Kongress 1952.
Die Begeisterung für das Spiel bestimmte seinen Lebensrhythmus bis zuletzt. Duchamp lebte in einer Welt, in der Kunst und Schach miteinander verschmolzen. Für ihn war Schach ein „Gedicht“, bei dem die Figuren Buchstaben eines Alphabets sind, die auf dem Brett abstrakte Schönheit erzeugen.
https://youtu.be/PIOyUEGBn-U
Als er am 2. Oktober 1968 in seiner Pariser Wohnung starb, hinterließ er nicht nur ein revolutionäres künstlerisches Erbe, sondern auch die Erinnerung an einen Mann, der das Schachspiel zur Lebenskunst erhoben hatte. Sein Grabstein trägt die Inschrift, die er selbst wählte: „D’ailleurs c’est toujours les autres qui meurent“ – „Im Übrigen sind es immer die anderen, die sterben.“ So bleibt Marcel Duchamp unsterblich – als Künstler und Schachspieler.
Quellen:
https://www.messynessychic.com/2019/07/17/what-was-the-deal-with-marcel-duchamp-and-chess/
https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_DuchampWann ist ein Pissoir kein Pissoir mehr? Wenn Marcel Duchamp (1887–1968) es zur Kunst erklärt! Der Aufruhr, den Fontäne (1917) – ein in einer Galerie installiertes Porzellanurinal – auslöste, sandte Schockwellen durch die etablierte Kunstwelt, die bis zum heutigen Tag nachwirken.
Duchamp baute seine Karriere darauf auf, unsere Vorstellungen von dem, was Kunst ist, auf die Probe zu stellen, und eröffnete unserem Geist damit ungeahnte Möglichkeiten. Nach einem kurzen Abstecher zum Kubismus am Anfang seiner Karriere machte sich der Künstler einen Namen mit Akt, eine Treppe herabsteigend (1912), einer bahnbrechenden Vermischung von Abstraktion, Kubismus und Futurismus mit einem umstritten mechanischen Akt im Mittelpunkt. Ungefähr zur gleichen Zeit begann Duchamp, sich mit den mittlerweile zum Kult gewordenen „Readymades“ zu beschäftigen – scheinbar zufällige Fundstücke, die Duchamp dann als Kunst präsentierte, darunter Das Fahrrad-Rad (1913), Flaschentrockner (1914) und eine als Dem gebrochenen Arm voraus (1915) ausgewiesene Schneeschaufel. Duchamp löste bei den Traditionalisten weitere Herzstillstände aus mit Provokationen wie L.H.O.O.Q. (1919), für das er eine billige Kopie von Leonardos La gioconda (Mona Lisa) mit Bart und Schnäuzer bemalte und dem Ganzen obendrein einen obszönen Titel gab (im Französischen klingt die Buchstabenfolge vorgelesen wie „Elle a chaud au cul“, wörtlich: „Sie hat Feuer im Arsch“, sinngemäß: „Sie ist Nymphomanin.“).
Dieses Buch destilliert all die Provokationen und Skandale aus Duchamps Kunstschaffen zu einem unverzichtbaren Überblick, der nicht bloß einen wegweisenden Schöpfergeist vorstellt, sondern auch einen Wendepunkt der abendländischen Kunstgeschichte. Hier, zwischen den Anschlägen auf alte Meister und der gebrochenen Poesie gefundener Gegenstände, erlebte die Kunstwelt erstmals den Übergang von „Netzhauterlebnissen“ zu dem, was sich später zur Konzeptkunst entwickelte.
Marcel Duchamp: Ein Künstlerleben zwischen Schachbrett und Avantgarde
Die Ehe von Marcel Duchamp dauerte genau drei Monate. Grund für die Trennung: Seine Hochzeitsnacht verbrachte er nicht etwa mit seiner Frau, sondern mit Schach. Stundenlang studierte er Positionen, vertiefte sich in Kombinationen. Die Ehefrau reagierte prompt – sie klebte kurzerhand alle Figuren aufs Brett. Die Beziehung zerbrach bald darauf, aber Duchamps Liebe zum Schach hielt bis zu seinem Tod.
Marcel Duchamp (28 July 1887 – 2 October 1968) was a French painter, sculptor, writer, and chess player. He participated in the 1924 Paris Unofficial Olympiad and in the Chess Olympiads (1928, 1930, 1931, 1933). He defeated Colle, Koltanowski, Znosko-Borovsky, Soultanbeieff. pic.twitter.com/4hsmHqMgQ9
— JustChessAndSports (@JustChessSports) July 27, 2025
Marcel Duchamp, geboren 1887 in Frankreich, war schon immer ein Grenzgänger. Er revolutionierte die Kunstwelt, schuf mit dem "Readymade" eine neue Gattung, bei der Alltagsgegenstände – wie ein simples Urinal – zu Kunst erklärt wurden. Sein provokantes Werk „Fountain“ (1917) schockierte die Kritiker und etablierte ihn als zentrale Figur der Dada-Bewegung. Doch während andere Künstler in der avantgardistischen Szene aufgingen, suchte Duchamp in Schach eine tiefere, purere Schönheit: „Es hat die ganze Schönheit der Kunst – und noch viel mehr“, erklärte er. Denn Schach ließ sich nicht vermarkten, nicht kommerzialisieren.
Duchamps Faszination für das königliche Spiel entwickelte sich früh. 1919 schrieb er Freunden: „Nichts auf der Welt interessiert mich mehr als den richtigen Zug zu finden.“ Das Malen langweile ihn zunehmend. 1923 erklärte er seine künstlerische Laufbahn offiziell für beendet und widmete sich stattdessen mit enormer Hingabe dem Schachspiel.
Wo immer Duchamp auftauchte, wurde das Brett ausgepackt. Er spielte auf Dächern Pariser Theaterhäuser, auf Wiesen in Connecticut, sogar während er in Seen schwamm. Duchamp reiste nach Südamerika, nur um intensiv bei einem renommierten Lehrer zu studieren. Schach war sein Rückzugsort, eine geistige Oase, fernab vom hektischen, lauten Kunstbetrieb Manhattans. „Schachspieler sind Wahnsinnige von besonderer Qualität“, befand Duchamp. Eine Qualität, die auch auf ihn selbst zutraf.

In New York traf Duchamp auf den Avantgarde-Komponisten John Cage. Gemeinsam führten sie 1968 ein Schachduell als Performance auf. Jeder Zug löste Klang- und Lichtinstallationen aus, verwandelte die Partie in eine multimediale Inszenierung. Cage hatte zwar die Idee, aber keine Chance: Duchamp schlug ihn binnen Minuten. Ein anderes berühmtes Schachereignis fand in Pasadena statt, wo Duchamp gegen die nackte Eve Babitz spielte – eine provokative Aktion, um den damaligen Liebhaber Babitz' zu ärgern, der sie zu einer wichtigen Ausstellung nicht eingeladen hatte.

Duchamp war kein gelegentlicher Spieler, sondern ein ernsthafter Wettkämpfer. Er nahm für Frankreich an mehreren Schacholympiaden teil, publizierte Schachtheorien und analysierte Partien tiefgehend. „Während nicht alle Künstler Schachspieler sind, sind alle Schachspieler Künstler“, sagte er auf einem Kongress 1952.
Die Begeisterung für das Spiel bestimmte seinen Lebensrhythmus bis zuletzt. Duchamp lebte in einer Welt, in der Kunst und Schach miteinander verschmolzen. Für ihn war Schach ein „Gedicht“, bei dem die Figuren Buchstaben eines Alphabets sind, die auf dem Brett abstrakte Schönheit erzeugen.
Als er am 2. Oktober 1968 in seiner Pariser Wohnung starb, hinterließ er nicht nur ein revolutionäres künstlerisches Erbe, sondern auch die Erinnerung an einen Mann, der das Schachspiel zur Lebenskunst erhoben hatte. Sein Grabstein trägt die Inschrift, die er selbst wählte: „D’ailleurs c’est toujours les autres qui meurent“ – „Im Übrigen sind es immer die anderen, die sterben.“ So bleibt Marcel Duchamp unsterblich – als Künstler und Schachspieler.
Quellen:
https://www.messynessychic.com/2019/07/17/what-was-the-deal-with-marcel-duchamp-and-chess/
https://de.wikipedia.org/wiki/Marcel_Duchamp
Wann ist ein Pissoir kein Pissoir mehr? Wenn Marcel Duchamp (1887–1968) es zur Kunst erklärt! Der Aufruhr, den Fontäne (1917) – ein in einer Galerie installiertes Porzellanurinal – auslöste, sandte Schockwellen durch die etablierte Kunstwelt, die bis zum heutigen Tag nachwirken.
Duchamp baute seine Karriere darauf auf, unsere Vorstellungen von dem, was Kunst ist, auf die Probe zu stellen, und eröffnete unserem Geist damit ungeahnte Möglichkeiten. Nach einem kurzen Abstecher zum Kubismus am Anfang seiner Karriere machte sich der Künstler einen Namen mit Akt, eine Treppe herabsteigend (1912), einer bahnbrechenden Vermischung von Abstraktion, Kubismus und Futurismus mit einem umstritten mechanischen Akt im Mittelpunkt. Ungefähr zur gleichen Zeit begann Duchamp, sich mit den mittlerweile zum Kult gewordenen „Readymades“ zu beschäftigen – scheinbar zufällige Fundstücke, die Duchamp dann als Kunst präsentierte, darunter Das Fahrrad-Rad (1913), Flaschentrockner (1914) und eine als Dem gebrochenen Arm voraus (1915) ausgewiesene Schneeschaufel. Duchamp löste bei den Traditionalisten weitere Herzstillstände aus mit Provokationen wie L.H.O.O.Q. (1919), für das er eine billige Kopie von Leonardos La gioconda (Mona Lisa) mit Bart und Schnäuzer bemalte und dem Ganzen obendrein einen obszönen Titel gab (im Französischen klingt die Buchstabenfolge vorgelesen wie „Elle a chaud au cul“, wörtlich: „Sie hat Feuer im Arsch“, sinngemäß: „Sie ist Nymphomanin.“).
Dieses Buch destilliert all die Provokationen und Skandale aus Duchamps Kunstschaffen zu einem unverzichtbaren Überblick, der nicht bloß einen wegweisenden Schöpfergeist vorstellt, sondern auch einen Wendepunkt der abendländischen Kunstgeschichte. Hier, zwischen den Anschlägen auf alte Meister und der gebrochenen Poesie gefundener Gegenstände, erlebte die Kunstwelt erstmals den Übergang von „Netzhauterlebnissen“ zu dem, was sich später zur Konzeptkunst entwickelte.
Zitat von Conrad Schormann am 3. Oktober 2025, 20:47 UhrMarcel Duchamp am Schachbrett in Paris
Quelle: Europe Échecs – „Marcel Duchamp, Paris 1929“, Georges Bertola
Im Juni 1929 sitzt Marcel Duchamp im Pariser Viertel Montmartre an einem Café-Tisch, die Augen auf das Schachbrett gerichtet. Gegenüber: Sir George Alan Thomas, Gentleman, Sportler, siebenfacher englischer Badmintonmeister, Wimbledon-Finalist und zugleich internationaler Schachmeister – ein Musterbeispiel für Fair Play. Das Foto, das diesen Moment festhält, hat Georges Bertola zum Ausgangspunkt einer Spurensuche gemacht.
Duchamp, Lazard, Schwartzmann, Znosko-Borovsky, Sir Thomas (von links). | via europe-echecs.com Um das Brett herum stehen Figuren der damaligen Pariser Schachszene: Fred Lazard, Problemkomponist; Eugène Znosko-Borovsky, Kritiker, Schriftsteller, Emigrant aus Russland; und Léon Schwartzmann, Pariser Meister von 1927, der wenige Jahre später in Auschwitz ermordet werden sollte. Es ist ein Bild, das die Atmosphäre des Turniers von 1929 einfängt – gespielt im Café am Place des Abbesses, organisiert vom „Potemkin-Kreis“ als Hommage an den Dichter Pjotr Potemkin, der der FIDE den Wahlspruch Gens una sumus schenkte.Duchamp, längst bekannt als Provokateur der Kunstwelt, widmete dem Schach immer mehr Zeit. Seine künstlerische Produktion wurde spärlicher, seine Leidenschaft für das Brettspiel umso intensiver. Er übersetzte Znosko-Borovskys Wie man eine Schachpartie beginnt, verfasste mit Vitaly Halberstadt das Endspielwerk Opposition und konjugierte Quadrate werden versöhnt und suchte nach einer „Malerei der Präzision“ im Schachspiel. „Auch wenn nicht alle Künstler Schachspieler sind, sind alle Schachspieler Künstler“, sagte er einmal.
Für Duchamp war Schach kein heiteres Spiel, sondern Kampf. „Es ist ein gewalttätiger Sport“, formulierte er in einem Interview, „und doch faszinierend in seinen geometrischen Mustern.“ Er verglich die Schönheit des Spiels mit religiöser Kunst: ernst, streng, entrückt. Die Figuren waren für ihn keine ästhetischen Objekte, sondern Teil einer Bewegung, eines Mechanismus – Schönheit lag für ihn in der Dynamik, nicht in der Form.
Menchik - Duchamp, Paris 1929 | via europe-echecs.comSeine Resultate auf dem Brett blieben wechselhaft. Gegen große Namen wie Tartakower oder Vera Menchik gelangen ihm Achtungserfolge, doch er fehlte an Selbstbeherrschung und Ausdauer. Was blieb, war weniger die Bilanz eines Meisters als das Bild eines Künstlers, der im Schach einen existenziellen Rückzugsraum fand. Der Rückzug ins Spiel war für ihn eine Art Fluchtpunkt – fort vom „retinalen Spektakel“ der Kunstwelt, hinein in eine strenge, geistige Ordnung.
Bertola erinnert daran, dass Duchamp bis zu seinem Tod 1968 dieser Leidenschaft treu blieb. Für ihn war Schach „eine Leidenschaft, die man mit ins Grab nimmt“. Ein Satz, der vielleicht erklärt, warum er so wenig malte, aber so lange spielte. Und warum ihn der Schriftsteller André Breton den „intelligentesten Mann des Jahrhunderts“ nannte. Duchamp selbst setzte am Ende eine letzte Pirouette: „Die Lösung des Lebensproblems ist im Verschwinden dieses Problems zu sehen.“
Marcel Duchamp am Schachbrett in Paris
Quelle: Europe Échecs – „Marcel Duchamp, Paris 1929“, Georges Bertola
Im Juni 1929 sitzt Marcel Duchamp im Pariser Viertel Montmartre an einem Café-Tisch, die Augen auf das Schachbrett gerichtet. Gegenüber: Sir George Alan Thomas, Gentleman, Sportler, siebenfacher englischer Badmintonmeister, Wimbledon-Finalist und zugleich internationaler Schachmeister – ein Musterbeispiel für Fair Play. Das Foto, das diesen Moment festhält, hat Georges Bertola zum Ausgangspunkt einer Spurensuche gemacht.

Duchamp, Lazard, Schwartzmann, Znosko-Borovsky, Sir Thomas (von links). | via europe-echecs.com
Duchamp, längst bekannt als Provokateur der Kunstwelt, widmete dem Schach immer mehr Zeit. Seine künstlerische Produktion wurde spärlicher, seine Leidenschaft für das Brettspiel umso intensiver. Er übersetzte Znosko-Borovskys Wie man eine Schachpartie beginnt, verfasste mit Vitaly Halberstadt das Endspielwerk Opposition und konjugierte Quadrate werden versöhnt und suchte nach einer „Malerei der Präzision“ im Schachspiel. „Auch wenn nicht alle Künstler Schachspieler sind, sind alle Schachspieler Künstler“, sagte er einmal.
Für Duchamp war Schach kein heiteres Spiel, sondern Kampf. „Es ist ein gewalttätiger Sport“, formulierte er in einem Interview, „und doch faszinierend in seinen geometrischen Mustern.“ Er verglich die Schönheit des Spiels mit religiöser Kunst: ernst, streng, entrückt. Die Figuren waren für ihn keine ästhetischen Objekte, sondern Teil einer Bewegung, eines Mechanismus – Schönheit lag für ihn in der Dynamik, nicht in der Form.

Menchik - Duchamp, Paris 1929 | via europe-echecs.com
Seine Resultate auf dem Brett blieben wechselhaft. Gegen große Namen wie Tartakower oder Vera Menchik gelangen ihm Achtungserfolge, doch er fehlte an Selbstbeherrschung und Ausdauer. Was blieb, war weniger die Bilanz eines Meisters als das Bild eines Künstlers, der im Schach einen existenziellen Rückzugsraum fand. Der Rückzug ins Spiel war für ihn eine Art Fluchtpunkt – fort vom „retinalen Spektakel“ der Kunstwelt, hinein in eine strenge, geistige Ordnung.
Bertola erinnert daran, dass Duchamp bis zu seinem Tod 1968 dieser Leidenschaft treu blieb. Für ihn war Schach „eine Leidenschaft, die man mit ins Grab nimmt“. Ein Satz, der vielleicht erklärt, warum er so wenig malte, aber so lange spielte. Und warum ihn der Schriftsteller André Breton den „intelligentesten Mann des Jahrhunderts“ nannte. Duchamp selbst setzte am Ende eine letzte Pirouette: „Die Lösung des Lebensproblems ist im Verschwinden dieses Problems zu sehen.“
Zitat von Conrad Schormann am 18. Juli 2026, 9:51 UhrEin Künstler, der das Schachbrett zur Bühne machte
Quelle: The New York Times, Critic's Notebook, 16. Juli 2026, Deborah Solomon
Marcel Duchamp ist wohl der einzige Künstler, dessen Ansehen zunahm, als er verkündete, die Kunst aufzugeben. Er zog es vor, seine Zeit mit Schach zu verbringen, studierte Eröffnungen mit Hingabe und trat bei Profiturnieren an. Das schreibt Deborah Solomon. Sein angeblicher Rückzug aus dem Kunstbetrieb wurde selbst zu einem triumphalen Endspiel.
Am 28. Juli, zu Duchamps 139. Geburtstag, richtet das Museum of Modern Art in New York ein Schachspektakel zu seinen Ehren aus. Im Foyer tritt die ungarisch-amerikanische Großmeisterin Susan Polgar gegen rund 50 Künstlerinnen, Historiker und andere Figuren der Kunstszene gleichzeitig an – ein Simultanwettkampf, der an eine ähnliche Veranstaltung von 1974 anknüpft, damals während der ersten Duchamp-Retrospektive des Museums.
Eine Familienangelegenheit
Für Duchamp begann Schach als Sache der Familie. Sein frühes Gemälde „The Chess Game" von 1910 zeigt seine beiden älteren Brüder, beide ebenfalls Künstler, in konzentriertem Spiel vertieft, während ihre Ehefrauen mit sichtbarer Distanz ins Leere blicken. Diese Distanz sollte sich später in Duchamps eigenem Leben wiederholen: Seine erste Frau, Lydie Sarazin-Levassor, soll aus Frust über die endlosen schachbedingten Abwesenheiten ihres Mannes einmal sämtliche Figuren auf das Brett geklebt haben – die Ehe hielt das nicht, Duchamps Spielleidenschaft aber auch nicht auf. Seine zweite Frau, Alexina „Teeny" Sattler, teilte hingegen seine Begeisterung; das Paar zog eigens in ein Haus gegenüber dem Marshall Chess Club, wo sie täglich spielten.
Kunst oder bloß Spiel?
Ob Schach selbst eine Kunstform sei, blieb umstritten. Duchamp war überzeugt: „Nicht alle Künstler sind Schachspieler, aber alle Schachspieler sind Künstler", erklärte er 1952 vor der New York State Chess Federation. Andere widersprachen entschieden – Albert Einstein etwa spielte zwar, bezeichnete das Spiel aber öffentlich als geistig einengend. Auch unter den heutigen Teilnehmern des MoMA-Simultans herrscht Skepsis: Für die Kunstberaterin Amy Cappellazzo ist Schach keine Kunstform, sondern eher Yoga fürs Gehirn – die Regeln ließen sich schließlich nicht verändern, anders als in der Kunst, wo Innovation erst das Wesentliche ausmache.
Vom Schachbrett zur Skulptur
Unbestritten künstlerisch sind dagegen die Objekte selbst. Die Bildhauerin Carol Bove hat für ihre Guggenheim-Retrospektive fünf Schachtische entworfen, deren Figuren zu minimalistischen Stahlskulpturen werden – Besucher dürfen sie tatsächlich benutzen. Im MoMA selbst lässt sich Man Rays Schachset von 1926 bewundern, mit überdimensionierten geometrischen Figuren in Silber und Schwarz, das inzwischen vielfach nachgebaut wurde. Yoko Onos „White Chess Set" von 1966 wiederum, komplett in Weiß gehalten, macht es unmöglich, die eigenen Figuren von denen des Gegners zu unterscheiden – ein Entwurf, der jeden Sieg im herkömmlichen Sinn unterläuft.
Ein Spiel im digitalen Zeitalter
Heute, an die Stelle von Dada, tritt Data: Plattformen wie Chess.com haben dem Spiel zu neuer, globaler Popularität verholfen, verstärkt seit die Netflix-Serie „The Queen's Gambit" 2020 eine neue Generation junger Spielerinnen anzog. Susan Polgar, die 1991 als erste Frau überhaupt den Großmeistertitel errang, hält von der Serie wenig, was die Darstellung ihrer Hauptfigur als tablettenabhängig betrifft – ein realitätsfernes Detail, wie sie findet. Für das kommende Simultan im MoMA hat sie sich ihren Gegnern gegenüber großzügig gezeigt: Sie wird mit deutlich weniger Bedenkzeit auskommen müssen, da sie zwischen 50 Brettern hin- und herlaufen muss, während jeder einzelne Gegner die Zeit für nur einen Zug nutzt. In der Schönheit des Spiels sieht sie eine verborgene Verwandtschaft zur bildenden Kunst: Man müsse nur wissen, wie die Figuren sich bewegen, um sie zu erkennen.
Ein Künstler, der das Schachbrett zur Bühne machte
Quelle: The New York Times, Critic's Notebook, 16. Juli 2026, Deborah Solomon
Marcel Duchamp ist wohl der einzige Künstler, dessen Ansehen zunahm, als er verkündete, die Kunst aufzugeben. Er zog es vor, seine Zeit mit Schach zu verbringen, studierte Eröffnungen mit Hingabe und trat bei Profiturnieren an. Das schreibt Deborah Solomon. Sein angeblicher Rückzug aus dem Kunstbetrieb wurde selbst zu einem triumphalen Endspiel.
Am 28. Juli, zu Duchamps 139. Geburtstag, richtet das Museum of Modern Art in New York ein Schachspektakel zu seinen Ehren aus. Im Foyer tritt die ungarisch-amerikanische Großmeisterin Susan Polgar gegen rund 50 Künstlerinnen, Historiker und andere Figuren der Kunstszene gleichzeitig an – ein Simultanwettkampf, der an eine ähnliche Veranstaltung von 1974 anknüpft, damals während der ersten Duchamp-Retrospektive des Museums.
Eine Familienangelegenheit
Für Duchamp begann Schach als Sache der Familie. Sein frühes Gemälde „The Chess Game" von 1910 zeigt seine beiden älteren Brüder, beide ebenfalls Künstler, in konzentriertem Spiel vertieft, während ihre Ehefrauen mit sichtbarer Distanz ins Leere blicken. Diese Distanz sollte sich später in Duchamps eigenem Leben wiederholen: Seine erste Frau, Lydie Sarazin-Levassor, soll aus Frust über die endlosen schachbedingten Abwesenheiten ihres Mannes einmal sämtliche Figuren auf das Brett geklebt haben – die Ehe hielt das nicht, Duchamps Spielleidenschaft aber auch nicht auf. Seine zweite Frau, Alexina „Teeny" Sattler, teilte hingegen seine Begeisterung; das Paar zog eigens in ein Haus gegenüber dem Marshall Chess Club, wo sie täglich spielten.
Kunst oder bloß Spiel?
Ob Schach selbst eine Kunstform sei, blieb umstritten. Duchamp war überzeugt: „Nicht alle Künstler sind Schachspieler, aber alle Schachspieler sind Künstler", erklärte er 1952 vor der New York State Chess Federation. Andere widersprachen entschieden – Albert Einstein etwa spielte zwar, bezeichnete das Spiel aber öffentlich als geistig einengend. Auch unter den heutigen Teilnehmern des MoMA-Simultans herrscht Skepsis: Für die Kunstberaterin Amy Cappellazzo ist Schach keine Kunstform, sondern eher Yoga fürs Gehirn – die Regeln ließen sich schließlich nicht verändern, anders als in der Kunst, wo Innovation erst das Wesentliche ausmache.
Vom Schachbrett zur Skulptur
Unbestritten künstlerisch sind dagegen die Objekte selbst. Die Bildhauerin Carol Bove hat für ihre Guggenheim-Retrospektive fünf Schachtische entworfen, deren Figuren zu minimalistischen Stahlskulpturen werden – Besucher dürfen sie tatsächlich benutzen. Im MoMA selbst lässt sich Man Rays Schachset von 1926 bewundern, mit überdimensionierten geometrischen Figuren in Silber und Schwarz, das inzwischen vielfach nachgebaut wurde. Yoko Onos „White Chess Set" von 1966 wiederum, komplett in Weiß gehalten, macht es unmöglich, die eigenen Figuren von denen des Gegners zu unterscheiden – ein Entwurf, der jeden Sieg im herkömmlichen Sinn unterläuft.
Ein Spiel im digitalen Zeitalter
Heute, an die Stelle von Dada, tritt Data: Plattformen wie Chess.com haben dem Spiel zu neuer, globaler Popularität verholfen, verstärkt seit die Netflix-Serie „The Queen's Gambit" 2020 eine neue Generation junger Spielerinnen anzog. Susan Polgar, die 1991 als erste Frau überhaupt den Großmeistertitel errang, hält von der Serie wenig, was die Darstellung ihrer Hauptfigur als tablettenabhängig betrifft – ein realitätsfernes Detail, wie sie findet. Für das kommende Simultan im MoMA hat sie sich ihren Gegnern gegenüber großzügig gezeigt: Sie wird mit deutlich weniger Bedenkzeit auskommen müssen, da sie zwischen 50 Brettern hin- und herlaufen muss, während jeder einzelne Gegner die Zeit für nur einen Zug nutzt. In der Schönheit des Spiels sieht sie eine verborgene Verwandtschaft zur bildenden Kunst: Man müsse nur wissen, wie die Figuren sich bewegen, um sie zu erkennen.



