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Lichess

Wie aus einem Lernprojekt die wichtigste freie Schachplattform der Welt wurde

Quelle: The Hindu – „The Lichess story: the cool, open-source site helping power the chess boom“, P.K. Ajith Kumar (für Abonnenten)

Die Geschichte von Lichess beginnt unscheinbar: Der französische Programmierer Thibault Duplessis wollte 2010 eine neue Sprache namens Scala lernen. Als Übungsprojekt schrieb er eine kleine Schachseite. Regeln fehlten, en passant funktionierte nicht, man konnte durch Schach rochieren. Nutzer meldeten Fehler im Chat, Duplessis korrigierte sie – und programmierte weiter.

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Aus diesem Bastelprojekt entstand eine Plattform, die heute zu den größten Websites der Welt gehört. Lichess ist kostenlos, werbefrei, open source und verlangt nicht einmal eine Registrierung. Drei Festangestellte – Duplessis selbst, Mobile-Entwickler Vincent Velociter und Operations-Chef Theo Wait – halten den Kern am Laufen. Den Rest stemmen freiwillige Helfer aus aller Welt.

Wait stieß 2011 als Student dazu. Er übersetzte die Seite ins Russische, wurde 2013 ins Team geholt und ist heute Gesicht und Organisator eines Projekts, das jeden Monat Hunderte Millionen Besuche verarbeitet. Lichess bietet alles: Partien, Training, Studien, Kursmaterial, Turnierübertragungen – von Amateurturnieren bis zur Weltmeisterschaft. Jeden Tag laufen 3,5 bis 7 Millionen Partien, je nach Modus.

Besonders stark wuchs die Seite während der Pandemie. Vor Covid waren rund 50.000 Nutzer gleichzeitig online, 2020 war es das Dreifache. Lichess profitierte als eine der wenigen Plattformen von diesem Boom – und blieb trotzdem bei seinem Grundprinzip: keine Werbung, keine Paywall. Finanziert wird die Seite durch Spenden, im Schnitt fünf Euro pro Beitrag. Der Jahresaufwand liegt bei rund 720.000 Dollar für Server, Gehälter, Moderation und Preisfonds für Turniere.

Weltklassespieler loben das Projekt. Vidit Gujrathi verfolgt Turniere über die App, nutzt Lichess Features für seine Vorbereitung und spricht offen über seinen Respekt für Duplessis. Anish Giri stimmt zu. Andere Topspieler bereiten sich im Verborgenen dort vor, viele unter anonymen Accounts.

Die Plattform hat Kaufinteressenten gehabt, sogar von großen Unternehmen. Das Team bleibt bei seiner Haltung: Lichess ist nicht zu verkaufen. Ein Verkauf würde die Idee zerstören, dass Schach für alle zugänglich bleibt. Ein Monopol – damit spielt Wait deutlich auf Chess.com an – hält er für schädlich.

Wichtig bleibt die Community. Die meisten finanziellen Beiträge kommen aus Nordamerika und Europa, doch das Wachstum in Indien ist enorm. Lichess möchte dort stärker in Schulen und den Breitensport hineinwirken. Denn die Mission bleibt klar: Schach soll frei bleiben – im technischen, inhaltlichen und finanziellen Sinn.

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