Bitte oder Registrieren, um Beiträge und Themen zu erstellen.

Reuben Fine (1914-1993)

Spätestens 1938 spielte sich Reuben Fine in den Niederlanden in die Schachgeschichte. Am Ende des legendären AVRO-Turniers, das als Kandidatenturnier konzipiert war, stand Fine ganz oben, gleichauf mit Paul Keres. Er hatte Botwinnik, Capablanca, Euwe, Flohr, Reshevsky und sogar den amtierenden Weltmeister Alexander Aljechin besiegt – ein seltener, fast vollkommener Triumph. Und doch sollte Fine nie um die Krone kämpfen.

Werbung


Foto: Harry Pot - Nationaal Archief, CC BY-SA 3.0 

Der Weg an die Spitze war steinig. Reuben Fine wurde am 11. Oktober 1914 in der Bronx geboren, als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer. Der Vater verließ die Familie früh, die Mutter zog ihn allein auf. Die Mittel waren knapp, doch Fine war ein Wunderkind des Denkens – nicht nur auf dem Schachbrett. Mit acht Jahren lernte er Schach von einem Onkel. Wirklich entfacht wurde sein Feuer aber erst mit 13: als Zuschauer beim berühmten New Yorker Turnier 1927. Zwei Jahre später war er fester Bestandteil der New Yorker Clubs, brillierte bald im Blitz – Capablanca war fast der Einzige, der ihm hier überlegen war.

In den 1930er Jahren begann Fines kometenhafter Aufstieg. Siebenmal gewann er die US Open – von 1932 bis 1941, so zuverlässig wie ein Uhrwerk. Bei den Schacholympiaden holte er mit dem US-Team dreimal Gold, unter anderem 1937 in Stockholm, wo er am zweiten Brett glänzte. Er war jung, schnell, präzise. Und er war ein Denker – Fine studierte Mathematik, lernte Deutsch, las Tarrasch, Nimzowitsch, Reti. Doch sein Stil war nicht dogmatisch. Er analysierte lieber Aljechin und Capablanca. Die Mathematik der Stellung interessierte ihn mehr als deren Prinzipien.

Sein privates Leben war unruhig. Fünf Ehen, zahlreiche Wohnorte. 1937 heiratete er in Amsterdam die Journalistin Emma Keesing, lernte Niederländisch, dachte über ein Leben in Europa nach – doch dann kam Hitler.

Wenig später stand er am Zenit. Nottingham 1936, dann AVRO 1938: Fine war bereit für den Weltmeisterschaftskampf. Doch Aljechin verweigerte sich. Die Verhandlungen verliefen im Sand, dann kam der Krieg. Was folgte, war ein Bruch: Reuben Fine, der 1940 auf dem Höhepunkt seiner Elo-Form stand (chessmetrics: 2762), wandte sich ab vom Schach.

Während des Kriegs diente er der US Navy – als Statistiker, als Analyst, als Schachspieler gegen U-Boote. Gleichzeitig begann er zu schreiben. Basic Chess Endings, 1941 erschienen, wurde zum Klassiker. Er war der Erste, der das Endspiel systematisch auf Englisch erschloss. Später folgten Bücher wie The Ideas Behind the Chess Openings und eine lange Reihe psychologischer Werke.

1948, nach Aljechins Tod, wurde Fine zur Weltmeisterschaft eingeladen. Er lehnte ab – mit Verweis auf seine Dissertation in Psychologie. Der Verzicht wurde oft bedauert. In Wahrheit hatte sich Fine da schon für ein anderes Leben entschieden. Er eröffnete eine Praxis in Los Angeles, promovierte an der USC, unterrichtete später am City College in New York. Dort blieb er bis zu seinem Tod. Vom Schach hatte er sich nicht ganz abgewandt – Blitzpartien gegen Bobby Fischer, eine Analyse des WM-Matches 1972, gelegentliche Kolumnen. Aber das war es. Die Bühne gehörte anderen.

Werbung

Sein Ruf blieb widersprüchlich. Die Kollegen schätzten seinen Intellekt, seine Klarheit, seine Geschwindigkeit. Im Umgang galt er als schwierig – brillant, aber oft intolerant gegenüber anderen Meinungen. Seine Bücher verkauften sich hunderttausendfach. Doch seine psychologischen Deutungen des Schachspielers blieben umstritten.

Reuben Fine starb am 26. März 1993 in New York, nach mehreren Schlaganfällen. Er war einer der größten Spieler, die nie Weltmeister wurden – und einer der wenigen, die es freiwillig nicht wurden.

Quellen:

  • Zenón Franco Ocampos: Galería de los Maestros (39), ABC Color, 11. Oktober 2011.

  • André Schulz: Reuben Fine – Verhinderter Weltmeister und Psychoanalytiker, ChessBase, 10. Oktober 2019.


Reuben Fines Auswahl der besten/wichtigsten Schachpartien ab 1851. Amazon-Klappentext:

Modern chess began in 1851 in the London Tournament of the Crystal Palace Exposition. Today, the principles of winning play have been explored and codified: a beginner can learn more about chess in one year, than a master learned a century ago during his entire career. This book is the first detailed presentation, by a Grand Master, of a complete analysis of the world's best games. For all who are interested in the fine points, the author has selected the most notable examples of brilliant play and strategy, the attack and the defense. Among the masters whose best games are to be found in the work are: Alekhine, Botvinnik, Capablanca, Euwe, Lasker, Marshall. Morphy, Rubinstein, Steinitz. Tarrasch, Tartakower, and many, many others. Reuben Fine had not taken chess seriously until late high school days. Yet he became a Grand \faster at the age of twenty-one, and was dual winner of the great AVRO Tournament of 1938. Dr. Fine was officially ranked - on the basis of twenty years of tournament play - as the Number 1 player of the United States, and a Challenger for the World Championship. Dr. Fine taught psychology at the College of the City of New York and at Brooklyn College. He and his family lived in New York City, where he practiced psychoanalysis. Reuben Fine was been a member of three U. S. World Championship Teams. He tied for first prize with Keres in the great AVRO tournament of 1938 and has won the U. S. Speed Championship four rimes. Among his famous books are The Ideas Behind the Chess Openings,The Middle Game in Chess, Basic Chess Endings, Practical Chess Openings, and his great and continuing best seller, Chess the Easy Way.

Reuben Fine – Ein gefährlicher Junge aus der Bronx
Quelle: Wladimir Nejstadt, „Страсть и военная тайна гроссмейстера Ройбена Файна“, Teil 1

Als einer der Sieger des legendären AVRO-Turniers von 1938 schien Reuben Fine auf direktem Weg zum Weltmeisterschaftskampf. Wenige Jahre später arbeitete er jedoch nicht an Schachbrettern, sondern an Seekarten, Tabellen und Berechnungen: im Zweiten Weltkrieg diente er als Analytiker in einer geheimen Forschungsgruppe der US-Marine, die den U-Boot-Krieg gegen Deutschland und die Seekriegsoperationen im Pazifik mit vorbereitete. Doch bevor Fine in die Welt militärischer Geheimnisse eintauchte, führte ihn seine Karriere tief ins Herz der Schachwelt – und mitten hinein in die politischen Schatten der dreißiger Jahre.

Kindheit in einem harten Viertel

Fine wird 1914 in der Bronx geboren, einem der härtesten New Yorker Bezirke. Seine Eltern sind Einwanderer aus Osteuropa – die Mutter aus Odessa, der Vater aus Warschau. Der Vater verlässt die Familie, als Reuben zwei Jahre alt ist. Die Bronx jener Zeit ist ein raues Pflaster, geprägt von Armut, Einwanderermilieus, Antisemitismus und hoher Kriminalität. Straßenüberfälle und Schlägereien gehören zum Alltag. Wer hier aufwächst, lernt, wachsam zu bleiben.

Schach tritt früh in sein Leben: Ein Onkel zeigt ihm die Figuren, allerdings nicht korrekt. Die Bewegungen der Figuren und die Feinheiten des Spiels bringt sich Fine selbst bei. Eine Tageszeitung mit aufgezeichneten Partien weckt seine Neugier – er versteht, dass man Züge mitschreiben kann, und lernt sofort die Notation.

Vom College in die Clubs

In den späten Zwanzigern besucht Fine das City College of New York, eine Hochschule, die vielen talentierten, aber mittellosen jungen Leuten offensteht. Er spielt zunächst für das College-Team – ohne große Erfolge. Den entscheidenden Schub bringt der Schritt in die großen Clubs der Stadt.

Der Marshall Chess Club und der Manhattan Chess Club werden zu seinen zweiten Wohnsitzen. Im Marshall-Club sind Schnellpartien mit zehn Sekunden pro Zug die Spezialität, im Manhattan-Club „Prizes“ – kleine K.-o.-Turniere im Schnellschach. Fine steigt dort vom Handicap-Gegner, dem Meister noch Figurenvorsprung geben, zum ebenbürtigen Kontrahenten auf. Rasch gewinnt er fast alle Blitz- und Schnellturniere, an denen er teilnimmt. Nur José Raúl Capablanca bleibt in dieser Disziplin lange unantastbar.

Sein schneller, scharfer Stil bringt ihm den Spitznamen „dangerous boy“ ein. Diese Routine in Kurzpartien hilft ihm später oft in ernsten Turnieren, wenn er in Zeitnot gerät.

Erste große Turniere

1931 erzielt Fine einen Achtungserfolg: Zweiter Platz bei der Meisterschaft des Bundesstaats New York, nur einen halben Punkt hinter Fred Reinfeld. Den möglichen Gleichstand vergibt er in einer kuriosen Endspielsituation gegen Sidney Bernstein.

Das internationale Debüt folgt 1932 in Pasadena – mit bescheidenem Ergebnis. Fine landet im unteren Tabellenbereich, holt aber gegen den überragenden Sieger Alexander Aljechin ein Remis. Der Weltmeister, auf dem Höhepunkt seiner Form, bringt ihn zwar an den Rand der Niederlage, doch Fine hält stand – auch dank Zeitnotchaos. Von diesem Moment an nimmt Aljechin den jungen Amerikaner ernst.

Begegnungen mit Aljechin

In den folgenden Jahren kreuzen sich ihre Wege oft. In New York spielen sie Trainings- und Blitzpartien, manchmal um kleine Beträge. Aljechin ärgert sich, wenn er verliert, und fordert Fine zu einem Match über sechs Zehn-Sekunden-Partien auf – Einsatz: zehn Dollar, eine für Fine beträchtliche Summe, die seine Freunde zusammenlegen. Aljechin gewinnt knapp, 3½:2½. Fine aber erkennt, dass er in schnellen Partien auf höchstem Niveau mithalten kann.

Im Turnierschach bleibt die Bilanz lange ausgeglichen: vier Remis in den ersten vier Begegnungen. Fine platziert sich vor Aljechin in Nottingham und Amsterdam (1936), in Hastings 1937/38 liegt er vor der vorletzten Runde knapp in Führung, verliert dann gegen eine riskante Attacke des Weltmeisters.

1937 wird Fine von Max Euwe als Sekundant für den WM-Kampf gegen Aljechin engagiert. Die Zusammenarbeit vertieft sein Verständnis für Aljechins Stil. In einer Partie des Matches kann Fine 17 Züge in Folge korrekt voraussagen.

Am Ende ihrer offiziellen Bilanz stehen neun Partien: drei Siege für Fine, zwei für Aljechin, vier Remis. Fine ist überzeugt, dass er einen WM-Kampf 1939 gewonnen hätte – doch der Krieg macht alle Pläne zunichte.

Reise in die Sowjetunion

Einer der ungewöhnlichsten Abschnitte seiner Karriere ist die Reise 1937 in die Sowjetunion. Fine spielt in Trainingswettkämpfen in Moskau und Leningrad. Die sowjetische Presse feiert ihn als einen der größten lebenden Meister. Hinter den Kulissen herrscht jedoch das Klima der Großen Säuberung.

Begleiter Fines ist Pjotr Mussuri, ein griechischer Journalist und Problemschach-Autor. Nur zwei Tage vor Fines Ankunft in Leningrad wird Mussuri verhaftet. Offenbar zögert die Geheimpolizei den Zugriff hinaus, um keinen Skandal während des Besuchs des ausländischen Gastes zu riskieren. Kurz nach Fines Abreise wird Mussuri erschossen – ebenso wie seine Mutter.

Fine spürt die Atmosphäre der Angst. Am Brett sind die sowjetischen Meister freundlich, im Alltag meiden sie ihn. Selbst Besuche in seiner Unterkunft trauen sie sich nicht.

Begegnung mit Emanuel Lasker

Während seines Aufenthalts besucht Fine den in Moskau lebenden Emanuel Lasker. Der Altmeister, einst sein großes Vorbild, empfängt ihn herzlich. „Sie sehen schon mehr als Marshall“, sagt Lasker dem jungen Gast – ein Kompliment, das Fine nie vergisst.

In Moskau spielt Fine einen Simultan im Schriftstellerhaus. Unter den Gegnern sind bekannte Autoren und starke Hobbyspieler, darunter Wladimir Nejstadt, der spätere Chronist seiner Erlebnisse. Fine gewinnt 22 Partien, verliert zwei, eine endet remis. Danach gibt es ein Bankett, bei dem die Gastgeber auf Stalin und den amerikanischen Gast anstoßen. Fine lobt die sowjetische Schachorganisation – Komplimente, die in der politischen Realität jener Tage wohl erwartet werden.

Aufstieg an die Spitze

Zwischen 1935 und 1938 etabliert sich Fine in der Weltspitze. Er holt Spitzenplätze in Nottingham, Amsterdam und Hastings, glänzt mit schneller Auffassungsgabe und präziser Technik. Der Höhepunkt ist das AVRO-Turnier 1938, in dem er gemeinsam mit Mikhail Botwinnik den ersten Platz belegt.

Sein Selbstvertrauen ist groß, die Bilanz gegen Aljechin spricht für ihn. Ein WM-Kampf scheint möglich, vielleicht sogar wahrscheinlich. Doch der Ausbruch des Krieges beendet diese Perspektive abrupt – und führt ihn in eine völlig andere Rolle: als Analyst im Dienst der US-Marine, in einer streng geheimen Einheit, die mathematische Modelle für den Seekrieg entwickelt.

Der „gefährliche Junge“ aus der Bronx hatte sich nicht nur im Schach, sondern auch im Schatten großer politischer und militärischer Ereignisse behauptet.

Reuben Fine: Vom hungrigen New Yorker Wunderknaben zum „verdeckten“ Kriegsanalytiker und Weltklassespieler

Quelle: chesspro.ru – „СТРАСТЬ И ВОЕННАЯ ТАЙНА ГРОССМЕЙСТЕРА РОЙБЕНА ФАЙНА, часть 2“, Wladimir Neishtadt

Reuben Fine wächst im New York der Großen Depression auf – ein Stadtjunge, der oft mit leerem Magen und einem Brett unter dem Arm in die Clubs Marshall und Manhattan pendelt. Preisgelder im Blitz? Zwei, drei Dollar. An manchen Tagen stellt er sich für eine Schüssel Suppe am Armeelastwagen an. Dennoch gilt der frühreife Ost-Bronxer in den 1930ern schnell als die vielleicht größte US-Hoffnung: Arnold Denker hält ihn für den Amerikaner mit den realistischsten Chancen auf die Weltkrone. Fine selbst sieht das ähnlich – denn nur als Weltmeister, so seine nüchterne Rechnung, ließe sich in Amerika allein vom Schach leben.

Lernen ohne Netz und doppelten Boden

Angloamerikanische Schachliteratur ist dürftig, also bringt sich Fine Deutsch bei und studiert systematisch: Tarraschs 300 Partien“ als Fundament, dann die Hypermodernen Réti und Nimzowitsch („Mein System“). Parallel seziert er die Weltmeister: Lasker und Steinitz formen seine Logik, Capablanca und der „frühe“ Aljechin seine Dynamik. Aus der Arbeit mit Fred Reinfeld wachsen kommentierte Partiensammlungen – schlecht bezahlt, aber ein Trainingsgoldschatz: „Hunderte Partien Zug für Zug zu jäten, war unbezahlbar.“

Der Sprung nach Europa

In den USA reicht Schach nicht zum Leben; Preisgelder klein, Einladungen rar. In Europa dagegen übernehmen Veranstalter Kost und Logis – also verlegt Fine ab 1936 seine „Operationsbasis“ in die Niederlande (sein Niederländisch wird fließend) und stürzt sich in einen irrwitzigen Turnierrhythmus. Der Durchbruch gelingt in Hastings 1935/36 (Sieg über Topfavorit Salo Flohr in Runde 1, das Turnier bleibt insgesamt verlustfrei), danach folgen Einladungen nach Zandvoort und Nottingham. Ende der 1930er erzielt er eine Serie, die Denker an Morphy erinnert: neun Turniersiege in zehn Starts, dazu zweite Plätze – ein US-Star, der Europa erobert.

Höhepunkt: AVRO 1938, das „Turnier des Jahrhunderts“. Fine führt lange, teilt am Ende die Spitze mit Keres, liegt in der Summenwertung der beiden Superturniere Nottingham 1936 + AVRO 1938 sogar vor der Weltelite (Fine 18, Botwinnik 17, Reshevsky/Euwe 16,5, Aljechin/Capablanca 16). Gegen fünf Weltmeister (Lasker, Capablanca, Aljechin, Euwe, Botwinnik) erzielt er in 25 Partien insgesamt +3 – eine Bilanz, die seine Klasse dokumentiert, auch wenn Capablanca ihm in ernsten Partien nie unterliegt. Aljechin erkennt nach AVRO „die erstaunliche Stilwandlung“ Fines; Tartakower lobt seine Form als Ursache, nicht Glück.

Amerika, Reshevsky – und die verpasste Krone

Zu Hause liefern sich Fine und Samuel Reshevsky ein Dauerduell. In offenen US-Meisterschaften siegt Fine siebenmal, in den „offiziellen“ US-Championships wird er 1938 und 1940 jeweils Zweiter hinter Reshevsky (13/16 vs. Fines 12,5/16). Denker beklagt rückblickend, dass genau seine eigenen Ergebnisse die Titelbalance zugunsten Reshevskys kippten. Stilistisch hält Denker Fine für den „besseren Schachspieler“: universell, theoretisch versierter, tiefgründig – aber in heimischen Turnieren bisweilen von Geldsorgen mental gestört, wo Reshevsky, abgesichert durch seinen Brotberuf, stoischer punktet.

Fine veröffentlicht „Basic Chess Endings“ (1941), in nur drei Monaten konzipiert; er widmet Denker ein Exemplar mit dem trockenen Rat: „Bitte vor der Partie gegen Reshevsky nachschlagen.“

Emma, Euwe – und der Krieg, der alles dreht

In Amsterdam heiratet Fine 1937 Emma Keesing, Tochter seines Verlegers; die Niederlande werden Heimathafen, ein Match Euwe–Fine mit Weltmeister-Option ist geplant. Doch der Krieg kommt, die Pläne zerschellen. Fine kehrt in die USA zurück.

„Nur für den internen Gebrauch“: Fines Kriegsdienst

Zwischen 1939 und 1941 schlägt Fine sich zunächst als Übersetzer durch (Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch, Jiddisch, Deutsch). Dann wird der Großmeister – ausgebildet als Mathematiker/Logiker (Bachelor und Master), später Psychologe – Mitglied einer streng geheimen Forschungsgruppe der US-Marine: zuerst ASWORG (Anti-Submarine Warfare Research Group), später ORG (Operations Research Group), in der Untergruppe AAORG (Anti-Aircraft ORG). Auftrag: mit den Werkzeugen der Operations Research U-Boot-Routen abschätzen, Einsatzmuster analysieren, später sogar Kamikaze-Angriffe auswerten – so sensibel, dass man intern von „Bombardierungsstudien“ spricht. Fines Berichte tragen die Unterschriften der Wissenschaftskapazitäten Philip Morse und George Kimball; Jahrzehnte später tauchen die Dokumente aus den Archiven von CNA (Center for Naval Analyses) auf und bestätigen seine Mitarbeit. Der Weltklassespieler als Kriegsanalytiker – ein Doppelleben, über das er selbst zu Lebzeiten kaum spricht.

On May 3, 1942, Reuben Fine threw down against 110 opponents at the National Press Club in Washington, DC (87 wins, 6 losses, 17 draws). From Chess Review, May 1942. #chess

Chess Olympus (@chessolympus.bsky.social) 2024-05-03T13:02:54.147Z

Nachkrieg: vom Brett zur Psychologie

Nach dem Krieg nimmt Fine Abstand vom Vollzeitturnierbetrieb, promoviert in Psychologie, wird klinischer Psychologe und Autor einflussreicher Bücher – vom Endspielstandardwerk bis zu Essays über Denken und Training. Sein Schachideal fasst er nüchtern zusammen: vollständige Eröffnungsbeherrschung und Perfektion der Technik „in allen Phasen“, weil „ein kleiner Fehler tödlicher ist als je zuvor“ – ein Satz, der heute aktueller klingt als damals.

Bilanz eines Unbequemen

Reuben Fine war ein Universalist mit eiserner Arbeitsmoral, logisch bis ins Mark, oft herb zur Sache, selten sentimentaler Vereinsmensch. Er gewann alles, was ein Profi ohne Weltmeisterschaft gewinnen konnte, und verfehlte die ganz große Bühne weniger aus schachlicher Schwäche als durch Zeitläufte, Ökonomie – und den Krieg, der ihn statt an Aljechins Matchbrett an die Reißbretter der Operationsforschung setzte. Zwischen Suppenküche und Superturnier, Euwe-Projekt und Geheimakten, Emma und Emigration, Reshevsky und „Basic Chess Endings“ blieb Fine der kühle Realist, der er immer war: ein Mann, der – wie er schrieb – „sich in seiner Karriere nur auf sich selbst verlassen musste“.

Wenn man seine Lebenslinie verfolgt, spürt man, warum Denker ihn für „in manchem fischerhaft“ hielt: kompromisslose Genauigkeit, universelle Mittel, eine stille, harte Disziplin. Der Weltmeistertitel blieb ein Konjunktiv, das Vermächtnis steht.

 

Reuben Fine – Der Großmeister, der lernte, U-Boote zu suchen

Quelle: chesspro.ru – „CТРАСТЬ И ВОЕННАЯ ТАЙНА ГРОССМЕЙСТЕРА РОЙБЕНА ФАЙНА, часть 3“, Wladimir Neishtadt

Als die Vereinigten Staaten im Dezember 1941 in den Krieg eintreten, steht Reuben Fine am Zenit seiner Schachkarriere – und zugleich am Rand einer neuen Laufbahn, die kaum jemand mit einem Großmeister in Verbindung bringen würde. Der siebenfache Sieger der offenen US-Meisterschaften, gefeierter Theoretiker des Endspiels und Autor des Standardwerks Basic Chess Endings, verlässt das Turnierbrett und taucht in die Welt der militärischen Analyse ein – in eine Disziplin, die damals gerade erst entsteht: die Operationsforschung.


via chesspro.ru

Ein Schachspieler im Krieg

Die Lage der Alliierten zu Beginn des Jahres 1942 ist katastrophal. Deutsche U-Boote zerstören vor der Ostküste der USA Tanker und Frachter im Dutzend, während Städte wie Miami nachts noch hell erleuchtet sind, als wäre kein Krieg. Erst spät erzwingt die Marine Verdunkelung. Aber das Problem liegt tiefer: Die amerikanische U-Boot-Abwehr ist schlecht organisiert, ihre Einsätze folgen keiner Logik, und der Atlantik wird zur Todeszone für alliierte Transporte.

In dieser Situation gründet das US-Marineministerium eine kleine, streng geheime Gruppe von Wissenschaftlern: die Anti-Submarine Warfare Operations Research Group, kurz ASWORG. Ihr Leiter ist der Physiker Philip Morse, Professor am Massachusetts Institute of Technology. Seine Aufgabe: Mit Hilfe von Mathematik, Statistik und Logik die U-Boot-Abwehr aus dem Bereich der Improvisation in den Bereich der Wissenschaft zu holen.


Philip Morse via chesspro.ru

Morse holt die besten Köpfe, die er finden kann – William Shockley, Physiker und später Nobelpreisträger, der nach dem Krieg den Transistor miterfinden wird; Bernard Koopman, Mathematiker an der Columbia University, der mit dem nach ihm benannten „Koopman-Operator“ bereits in der Dynamikforschung Geschichte geschrieben hat; und George Kimball, theoretischer Chemiker und Spezialist für Quantenmechanik, ein nüchterner Denker, der bald einer der führenden Taktiker der U-Boot-Abwehr wird.

Irgendwann im Jahr 1942 stößt auch Reuben Fine zu dieser Gruppe – wie genau, bleibt bis heute unklar. Vermutlich hilft ihm seine Kombination aus analytischem Denken, Sprachkenntnissen (Deutsch, Italienisch) und psychologischem Gespür. Seine langjährige Arbeitslosigkeit als Schachprofi endet abrupt: Nun arbeitet er im Herzen des Marinehauptquartiers in Washington D.C., im alten Flottengebäude an der Constitution Avenue.


via chesspro.ru

Von der Theorie des Endspiels zur Theorie des Suchens

Was Fine dort tut, ist im Grunde angewandtes Schachdenken in lebenswichtiger Form. Zusammen mit Koopman und Kimball entwickelt er mathematische Modelle, um den Suchraum des Atlantiks zu verstehen. Statt Gegner auf dem Brett zu berechnen, berechnen sie Wahrscheinlichkeiten in der Weite des Ozeans.

Die Kernfrage lautet: Wo wird das nächste U-Boot auftauchen – und wann?

Mit Daten aus hunderten Flügen, Einsatzprotokollen und Sonarkontakten erstellen die Analytiker Tabellen, Diagramme und Formeln. Sie stellen fest, dass die meisten Patrouillen zu nah an der Küste kreisen, wo kaum noch U-Boote auftauchen. Ihre Empfehlung: den Suchradius erweitern, die Flugmuster verändern, Schiffe und Flugzeuge anders koordinieren.

Die Gruppe schreibt Memoranden, die in nüchterner Sprache, aber von großer praktischer Wirkung sind. Einer dieser Berichte stammt von Fine: Er schlägt vor, die Zünder von Wasserbomben auf 7,5 Meter Tiefe zu stellen, statt auf 15. Grund: Fast die Hälfte aller Luftangriffe erfolgt auf U-Boote, die noch nicht tief genug getaucht sind. Außerdem sollen Flugzeuge ihre Bomben nur noch dann abwerfen, wenn das Ziel weniger als 30 Sekunden zuvor abgetaucht ist – danach sei die Trefferwahrscheinlichkeit zu gering. Diese Änderungen verdoppeln laut späteren US-Berichten die Effizienz der Angriffe.

So entsteht aus einer Gruppe von Mathematikern, Physikern – und einem Schachgroßmeister – eine Wissenschaft, die nach dem Krieg in Wirtschaft, Logistik und Technik ein eigenes Fach wird: Operations Research.

Zwischen Rechenmaschine und Realität

Die Arbeit ist zäh. Die ASWORG verfügt zunächst nur über einfache IBM-Rechenmaschinen und mechanische Addierer. Oft sitzen Fine und seine Kollegen über Zahlenkolonnen und wälzen Diagramme, die sie mit Lineal und Zirkel erstellen. Erst gegen Ende des Krieges kommt ein Exemplar des ersten programmierbaren Computers, MARK I, in den Einsatz.

Parallel dazu betreiben sie Feldforschung. Manche der Analytiker werden an Marinebasen in Nordafrika, auf den Azoren oder Hawaii geschickt, um Daten direkt aus den Einsatzgebieten zu sammeln. Fine bleibt zumeist in Washington, geht aber oft zu Fuß durch die Hauptstadt – nach langen Nächten voller Berechnungen spaziert er, wie sein Sohn Benjamin Fine später erzählt, über die Mall und sitzt manchmal still am Lincoln Memorial.

Die Logik des Krieges und die Logik des Schachs

Das, was Fine im Krieg tut, ähnelt auf verblüffende Weise seiner Tätigkeit am Brett. In beiden Fällen geht es um Wahrscheinlichkeit, Mustererkennung, Vorahnung und Selbstdisziplin.
Er lernt, dass Erfolg in der U-Boot-Jagd wie im Schach aus begrenzten Informationen entsteht: Man sieht nur einen Teil des Feldes und muss dennoch den entscheidenden Zug tun.

Als der Krieg sich 1944 dem Ende nähert, bekommt Fine ein neues Einsatzgebiet. Die japanischen Kamikaze-Angriffe auf die amerikanischen Flotten bei den Philippinen zwingen das US-Militär, eine eigene Forschungsgruppe für Luftabwehr zu gründen – die Anti-Aircraft Operations Research Group (AAORG). Fine wird einer ihrer ersten Analysten und arbeitet an mathematischen Studien über die Angriffsmuster und Abwehrmöglichkeiten der Kamikaze-Piloten. Seine Berichte tragen Titel wie Memorandum on Suicide Attacks und bleiben jahrzehntelang geheim. Erst fünfzig Jahre später werden sie freigegeben.

Das Schach geht weiter

Trotz seiner Arbeit für die Marine erlaubt ihm Philip Morse, gelegentlich zu Turnieren zu reisen. 1944 spielt Fine beim US-Championat in New York, im Park Central Hotel, und trifft auf Arnold Denker. Die beiden sind Freunde und Rivalen. In ihrer entscheidenden Partie überschätzt Fine seine Verteidigung in der Nimzowitsch-Verteidigung – Denker opfert eine Bauernstruktur, entwickelt einen Angriff und gewinnt nach brillanter Kombination. Fine, sonst ein kühler Rechner, verliert die Nerven, verbraucht fast die ganze Bedenkzeit und gibt auf.

Denker gewinnt das Turnier mit 15½ aus 17 Punkten – eine Leistung, die nur Bobby Fischer später übertreffen wird. Fine bleibt Zweiter. Doch der Schmerz sitzt tief. Auf der Heimfahrt sagt er zu Denker: „Du standest mir immer im Weg.“ Denker erinnert sich: „Mit einem Freund wie diesem braucht man keine Feinde.“


Fine (r.) gratuliert Denker. | via chesspro.ru

Ein Intellektueller im Zwiespalt

Zeitgenossen beschreiben Fine als eigenwillig, hochintelligent, manchmal ungeduldig. Fred Reinfeld, selbst Schachautor und langjähriger Weggefährte, schreibt: „Fine ist phänomenal belesen, besonders in Philosophie und Psychologie. Er verehrt Dostojevski, hasst Trivialliteratur und liebt die Musik der Klassiker. Sein Temperament aber ist zu lebendig, um immer beherrscht zu bleiben.“

Fine selbst sieht Schach längst nicht mehr nur als Spiel. Es ist für ihn ein Modell menschlichen Verhaltens. Nach dem Krieg verlässt er die Turnierszene, promoviert in Psychologie und arbeitet als Psychoanalytiker in New York. Doch die Denkweise, die er im Krieg gelernt hat – das systematische, interdisziplinäre Analysieren –, bleibt sein Markenzeichen.

Werbung