Forum

Bitte oder Registrieren, um Beiträge und Themen zu erstellen.

Frankreichs Schacherbe

Von Philidor bis Aljechin, von Aufklärung bis Auschwitz: Frankreichs zwiespältiges Schacherbe

Quelle: Deutschland Archiv – „Schach zwischen Aufklärung, Auschwitz und Kaltem Krieg", 23. Juni 2026, Nils Franke

Oktober 1941, Krakau, Wawelschloss: Alexander Aljechin, amtierender Schachweltmeister und französischer Staatsbürger, setzt sich Hans Frank gegenüber ans Brett. Das berichtet Deutschland Archiv. Frank regiert zu diesem Zeitpunkt den deutschen Teil des aufgeteilten Polens, verantwortet die Ermordung hunderttausender Menschen, und Auschwitz liegt sechzig Kilometer entfernt. Zwei Männer spielen Schach.

Aljechin stammt aus der russischen Oberschicht, floh vor den Bolschewisten, schrieb sich an der Sorbonne ein. Als er 1927 den amtierenden Weltmeister José Raúl Capablanca besiegte, verlieh ihm der französische Staat rückwirkend die Staatsbürgerschaft – er war als Russe ins Turnier gegangen und kam als Franzose und Weltmeister heraus. Zu Frank fand er 1934, als das nationalsozialistische Deutschland die Schachweltmeisterschaft ausrichtete. Die Verbindung hielt. 1941 arbeitete Aljechin offiziell als Russland-Spezialist für Frank in Krakau.

Beide sterben 1946. Frank stirbt in Nürnberg durch das Urteil der Alliierten. Aljechin erstickt unter ungeklärten Umständen an einem Stück Fleisch in einem portugiesischen Hotel. Gerüchte verweisen auf die französische Résistance oder den sowjetischen Geheimdienst NKWD.

Schach als Fluchtort: Boris Spasski auf dem Weg in den Ural

Im selben Jahr, in dem Aljechin und Frank in Krakau spielen, beginnen deutsche und finnische Truppen die Belagerung Leningrads. Die Belagerung dauert bis 1944 und kostet etwa 1,1 Millionen Menschen das Leben. Eine Familie schickt den vierjährigen Boris Spasski und seinen Bruder in ein Kinderheim im Ural. Auf der 1.500 Kilometer langen Fahrt dorthin berührt das Kind zum ersten Mal ein Schachbrett. Schach wird sein Fluchtort, täglich, für Jahre.

Spasskis Talent fällt früh auf. Mit zehn Jahren schlägt er in einer Simultanpartie den amtierenden Weltmeister Michail Botwinnik. 1969 gewinnt er selbst den Titel.

Reykjavík 1972: Schach als Systemfrage

Das „Match des Jahrhunderts" folgt 1972. Spasskis Herausforderer: der US-Amerikaner Bobby Fischer. Mitten im Kalten Krieg stilisieren beide Seiten die Partie zum Kampf der politischen Systeme hoch. Fischer schlägt Spasski. Moskau fällt damit auch symbolisch. Spasski verliert seine Reisefreiheit, seine Turnierteilnahmen schrumpfen.

Die Wende kommt durch eine Frau: Marina Yurievna Scherbachova, französische Staatsbürgerin mit russischen Wurzeln, arbeitet in der französischen Botschaft in Moskau. Spasski heiratet sie. Der französische Staatspräsident Georges Pompidou setzt sich persönlich für das Paar ein. 1977 erhält Spasski die französische Staatsbürgerschaft – als Franzose gewinnt er keinen WM-Titel mehr.

Der einzige echte Franzose: Philidor, geboren 1726

Den einzigen Schachweltmeister, den Frankreich mit Recht als seinen eigenen beanspruchen kann, bringt das 18. Jahrhundert hervor: François-André Danican, genannt Philidor, geboren am 26. September 1726 in Dreux, sechzig Kilometer von Paris. Seinen Beinamen trägt die Familie seit König Ludwig XIII., der Philidors Großvater, einen schottischen Oboisten, nach einem Musiker aus Siena umbenannte.

Mit sechs Jahren tritt Philidor als Sängerknabe in die Hofkapelle zu Versailles ein. Mit vierzehn verdient er Geld durch Notenabschriften, Musikunterricht und Schachpartien gegen Hofmusiker. Nach dem Stimmbruch zieht er nach Paris, trifft im Café de la Régence und im Café Procope Voltaire, Diderot, Jean-Jacques Rousseau und den Herzog von Richelieu.

1746 fordert Philidor im Londoner Slaughters Café House den syrischen Spieler Philipp Stamma öffentlich heraus. Stamma hatte seinen Schachbegriff gerade in einem vielgelesenen Buch dargelegt. Philidor zerlegt ihn. Ein Rematch 1747 gewinnt er mit acht Punkten bei nur einer Niederlage – das Remis schenkt er seinem Gegner großzügig als Punkt.

1749 erscheint Philidors L'analyse des échecs. Er lehrt darin die zentrale Rolle der Bauern: Sie schaffen Raumgewinn, bilden stabile Ketten, sichern Positionen. Der Bauer bedroht den König – auf dem Brett, zur Zeit der Aufklärung, wenige Jahrzehnte vor der Französischen Revolution.

Aljechins Artikelserie: Rassismus als Schachtheorie

Aljechin kannte Philidors Werk, hatte seine Partien analysiert. 1941 veröffentlicht er in der von der deutschen Besatzung herausgegebenen Pariser Zeitung eine sechsteilige Artikelserie unter dem Titel „Arisches und jüdisches Schach". Er behauptet darin, jüdische Spieler spielten defensiv, ängstlich und auf Materialgewinn bedacht – Ausdruck eines auf materiellen Vorteil ausgerichteten Wesens. Den „arischen Spieler" charakterisiert er als kühn, angriffsstark und kombinatorisch begabt. Philidor ordnet er dem „arischen" Stil zu.