Schacholympiade 1939
Achte Schacholympiade, ausgetragen im August und September 1939 in Buenos Aires und die erste außerhalb Europas. 27 Mannschaften spielten in vier Vorrundengruppen um den Einzug ins A-Finale. Deutschland, das als „Großdeutschland“ antrat, gewann mit einem halben Punkt Vorsprung vor Polen und erhielt den Hamilton-Russell-Pokal — bis heute der einzige deutsche Sieg bei einer Schacholympiade. Die Endrunde begann am 1. September, dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen. Zum Feld gehörten Weltmeister Alexander Aljechin (Frankreich), José Raúl Capablanca (Kuba) bei seinem letzten großen internationalen Auftritt, Paul Keres (Estland) sowie Savielly Tartakower und Mieczysław Najdorf (Polen); die USA als Sieger der vier vorangegangenen Olympiaden fehlten, ebenso Ungarn und Jugoslawien.
Kriegsausbruch während des Turniers
England zog seine Mannschaft zurück; Hugh Alexander, Harry Golombek und Stuart Milner-Barry kehrten nach Europa zurück und arbeiteten später in Bletchley Park an der Entschlüsselung deutscher Nachrichten. Die übrigen Teams blieben, doch sechs Begegnungen des A-Finales kamen nicht zustande und wurden mit 2:2 gewertet, darunter Deutschland gegen Polen, gegen Frankreich und gegen die ausschließlich mit jüdischen Spielern angetretene Mannschaft Palästinas. Auf Verlangen des deutschen Mannschaftskapitäns Albert Becker entfielen auch Begegnungen des von Deutschland besetzten „Protektorats Böhmen und Mähren“ sowie Argentinien gegen Palästina. Becker, der die Absprachen in einem Brief an die Deutsche Schachzeitung als gegen Deutschland gerichteten „moralischen Boykott“ bezeichnete, führte sie auf eine Initiative Aljechins und Tartakowers zurück. Ob die kampflosen Punkte Deutschland nutzten oder es Punkte kosteten, war bereits 1939 umstritten.
Die deutsche Mannschaft
Jüdische Spieler gab es im deutschen Team nicht mehr; der Großdeutsche Schachbund hatte sie seit 1933 aus Vereinen und Verbänden gedrängt. Heinz Foerder, 1928 bei der Olympiade in Den Haag noch für Deutschland am Brett, spielte nach seiner Emigration für Palästina. Durch den „Anschluss“ Österreichs 1938 waren die Österreicher Erich Eliskases (Brett eins) und Becker für die deutsche Auswahl verfügbar geworden. Erfolgreichster Spieler war Ludwig Engels am dritten Brett, der über Vor- und Endrunde 14 Punkte aus 16 Partien erzielte und den Brettpreis gewann; dazu kamen Paul Michel und Heinrich Reinhardt. Keiner der fünf kehrte nach Deutschland zurück — die Überfahrt galt nach Beckers Darstellung als zu riskant; sie ließen sich in Argentinien beziehungsweise Brasilien nieder.
Frauenweltmeisterschaft
Parallel wurde in Buenos Aires die Frauen-WM ausgetragen. Vera Menchik verteidigte ihren Titel und kehrte nach England zurück, wo sie im Juni 1944 mit Mutter und Schwester bei einem V1-Einschlag in London ums Leben kam. Sonja Graf, die sich offen gegen das NS-Regime gestellt hatte, trat ohne Nation unter der Bezeichnung „Libre“ an und wurde Vizeweltmeisterin; sie blieb in Argentinien. Die deutsche Meisterin Friedl Rinder spielte für das Deutsche Reich, wurde Vierte und reiste zu ihrer Familie zurück.
Folgen
Zahlreiche europäische Spieler blieben nach dem Turnier in Südamerika und begründeten die Blüte des argentinischen Schachs in den Nachkriegsjahrzehnten. Najdorf, dessen Frau, Tochter, Eltern und weitere Angehörige in Polen zurückblieben und fast vollständig im Holocaust ermordet wurden, lebte von da an als Miguel Najdorf in Argentinien. Die Atlantiküberfahrt der europäischen Teilnehmer auf der „Piriápolis“ diente Stefan Zweig als Vorbild für die Schiffsreise in der „Schachnovelle“.
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