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Schach im Gefängnis

Schach als Werkzeug, das bei Rehabilitation und Wiedereingliederung in die Gesellschaft hilft, ist in Gefängnissen nicht neu, auch in deutschen. Der Schachclub des Londoner Gefängnisses Wandsworth hat schon mehrfach Schlagzeilen gemacht, unter anderem vor zwei Jahren bei der ersten Weltmeisterschaft der Haftanstalten. Der britische Schach-Tausendsassa Malcolm Pein hat den Gefängnis-Club vor zwölf Jahren gegründet, seitdem trainiert er dessen Team.

Jetzt ist das ZDF aufmerksam geworden. Beitrag über den Londoner Gefängnis-Schachclub in der ZDF-Mediathek.

Ausbrüche im Kopf: Wenn Strafgefangene am Schachbrett um die Europameisterschaft spielen

NZZ am Sonntag, 5. Juli 2026, Marc Zollinger (Abo)

Ein Tag in Freiheit für das ganze Team, falls die Mannschaft am Ende vor der Konkurrenz aus Cagliari landet: Mit diesem Versprechen macht Gefängnisdirektorin Maria Lucia Avantaggiato aus einem Online-Schachturnier plötzlich die wichtigste Sache der Welt. Das schreibt NZZ am Sonntag. Im Gefängnis von Teramo in den italienischen Abruzzen spielen dreissig Männer regelmässig Schach im Rahmen von Chess for Freedom, einem Fide-Programm, das seit 2021 in inzwischen sechzig Ländern läuft. Die besten vier plus zwei Ersatzspieler treten bei den Europameisterschaften im Gefängnisschach an.

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Am Brett zählt nur, wer ruhig bleibt: Gigi aus Rumänien, stoisch und geschoren; Barakat aus Syrien, der mit breitem Lächeln seine Unsicherheit überspielt; Francesco, der Lokale und nach eigenem Ruf stärkste Spieler des Hauses; und MacGyver, cool wie sein TV-Namensgeber. Nach der ersten Runde gegen Cagliari steht nur ein Sieg gegen drei Niederlagen – ausgerechnet Francesco kassiert die deutlichste. „Ich habe gute Tage und schlechte", sagt er.

Pionier des Gefängnisschachs ist Mikhail Korenman, der in Chicago seit Jahren Vollzeit als Schachlehrer im grössten Gefängnis der Stadt arbeitet. Eine Untersuchung an 120 Männern zeigt: Rund zehn Prozent der Spieler landeten nach der Entlassung erneut hinter Gittern, bei Nicht-Spielern war die Quote etwa doppelt so hoch. Am Brett muss man denken, vorausplanen, Konsequenzen abwägen – für Männer, deren Leben von Impulsivität geprägt war, gibt das Spiel etwas zurück, das hinter Gittern selten ist: Selbstwert.

Team Teramo gewinnt die nächste Runde kampflos, weil Kroatien wegen Internetproblemen nicht antritt; die Häftlinge hängen daraufhin stolz eine italienische Flagge auf. Francesco verliert dennoch weiter, gerät ausser sich, fängt sich aber im letzten Moment und verlässt leise den Raum. Am Ende steht Platz 17 für Teramo, vier Ränge vor Cagliari.

Gigi beschreibt später, wie er sich so ins Spiel steigerte, dass alles um ihn verschwand: Er habe vergessen, im Gefängnis zu sein – „Es war, als ob ich fliegen würde." Zuletzt sei nicht einmal mehr er selbst übrig geblieben: „Ich bin zur Freiheit geworden." Anders als bei Stefan Zweigs Dr. B. aus der „Schachnovelle", der die Einzelhaft nur durch gedankliche Partien gegen sich selbst übersteht und darüber fast den Verstand verliert, rettet die Stille am Brett in Teramo, statt zu zerstören. Den versprochenen Tag in Freiheit könnte ausgerechnet Gigi selbst nicht antreten: Weil er noch nicht lange genug einsitzt, muss ein Richter über eine Ausnahme entscheiden.

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