Forum
Tony Miles (1955-2001)
Zitat von Conrad Schormann am 24. April 2025, 9:37 Uhr
Tony Miles (1955-2001)
Als Tony Miles mit Schwarz gegen Anatoli Karpow spielte, eröffnete er mit 1...a6. Der sowjetische Weltmeister runzelte die Stirn, die Zuschauer murmelten, und Miles gewann. Diese Partie von 1980 in Skara, Schweden, machte Miles zur Kultfigur.
Frühe Jahre in Birmingham
Anthony John Miles wurde am 23. April 1955 in Birmingham geboren – am englischen Georgstag. Mit fünf brachte ihm sein Vater das Schachspiel bei. Drei Jahre lang spielte er jeden Abend. Dann legte er das Spiel beiseite – bis seine Schule vom Schachfieber erfasst wurde. Miles war wieder dabei – und bald allen überlegen, sogar seinen Lehrern.
Mit elf spielte er erste Wettkämpfe, gewann Stadtmeisterschaften und trat dem lokalen Schachclub bei. 1967 wurde er Zweiter bei den Schnellschachmeisterschaften von Birmingham – bei den Erwachsenen. Kurz darauf gewann er die britische U14-Meisterschaft, schlug später seinen ewigen Rivalen John Nunn und triumphierte auch bei der U21.
Bei der Jugend-WM 1973 in Teesside holte er Silber. Sein Gepäck wurde gestohlen, doch Miles ließ sich nicht beirren. 1974 dann Gold – in Manila. Seine Lieblingspartie dort: ein Sieg über Alexander Kochyev mit der Drachenvariante.
Großmeister – mit einem Telegramm
1976 war es so weit. Beim Turnier in Dubna erspielte sich Tony Miles seine zweite Großmeisternorm – damit war ihm der Titel sicher. Noch vor seiner Rückreise nach England schickte er wie versprochen ein Telegramm an einen Verbandsfunktionär, der ihn gebeten hatte, sich im Erfolgsfall zu melden. Der Inhalt bestand aus nur zwei Worten: „A cable – Tony Miles“. Die trockene Botschaft wurde zum Sinnbild seines Humors. Mit dem Titel war Miles der erste gebürtige Engländer, der Großmeister wurde. Der Unternehmer Jim Slater überreichte ihm dafür die ausgelobten 5000 Pfund.
Durchbruch gegen die Weltelite
Miles schlug sie alle: Smyslow, Tal, Spasski. 1984 gewann er das prestigeträchtige Turnier in Tilburg, 1982 die Britische Meisterschaft, mehrfach das IBM-Turnier in Amsterdam, das Capablanca Memorial in Havanna. Bei der Schacholympiade 1984 holte er mit England Silber. Sein Elo-Höchststand: Platz 9 der Welt.
Die berühmteste Partie: 1...a6
In Skara 1980 setzte Miles mit Schwarz gegen Weltmeister Karpow auf 1...a6 – eine seltene Eröffnung, später „St. George Defence“ genannt. Und er gewann. Karpow verweigerte die Unterschrift auf dem Partieformular. Jahre später besiegte Miles Karpow erneut – in einer Fernsehpartie der BBC.
https://youtu.be/h8LeMqp-Kz4
BBC, "The Master Game", Short vs. Miles 1981
Zwischen Genie und Krise
Doch Miles war kein stabiler Champion. Er litt an starken Stimmungsschwankungen, zeigte zeitweise paranoide Züge. 1985 geriet er in einen öffentlichen Streit mit Raymond Keene. Es ging um Honorare, um die Rolle des Verbandes – und um Miles’ Gesundheit. Er schlief kaum, wurde krank, konnte nicht mehr spielen.
1987 wurde er in der Downing Street festgenommen. Er hatte geglaubt, die Premierministerin müsse von einem Komplott gegen ihn erfahren. Es folgte ein Klinikaufenthalt.
Ein Leben in Bewegung
Danach spielte Miles für Porz, lebte zeitweise in Deutschland, später in Australien. Er gewann wieder Turniere, etwa Cappelle-la-Grande, und schlug 1995 beim PCA-Grandprix Kramnik und van Wely. Gegen Kasparow verlor er 1986 jedoch ein Match mit 0,5:5,5 – „Ich spielte nicht gegen einen Weltmeister, sondern gegen ein Monster mit 22 Augen“, sagte er.
Ein scharfer Kopf, ein scharfer Stift
Miles war ein brillanter Kommentator. Für Kingpin und Chess Café schrieb er bissige Kolumnen, spöttisch, klug, pointiert. Seine Rezension von Eric Schillers Eröffnungsbuch bestand aus zwei Worten: „Utter crap“.
Er verspottete Karpow („Has Karpov lost his marbles?“), kritisierte Funktionäre, beschimpfte das „System“. Und gewann dennoch Turniere – oft im Liegen. 1985 spielte er das Turnier in Tilburg mit einem ärztlichen Attest – wegen Rückenschmerzen auf einer Liege. Robert Hübner weigerte sich anfangs zu spielen. Die Partie wurde verschoben.
https://twitter.com/JustChessSports/status/1919465557587300569
Letzte Jahre, letzter Kampf
In den 1990ern pendelte Miles zwischen Ländern, Turnieren, Stimmungen. Seine zweite Ehe scheiterte. 1999 wurde Diabetes diagnostiziert. 2001 brach er beim British Championship die vorletzte Runde ab – krank. Am 12. November 2001 starb er in Birmingham an einem Herzinfarkt. Er war 46.
Ein Vorbild – trotz allem
Nigel Short sagte über ihn: „Er war unser bedeutendster Spieler seit Joseph Blackburne.“ Miles habe dem britischen Schach den Weg geebnet, mit Mut, Talent und Biss. Genna Sosonko nannte ihn „einen Meister des sarkastischen Kommentars“.
Tony Miles war nicht einfach. Aber einzigartig.
Am 23. April 2025 wäre er 70 geworden.
Tony Miles, der erste britische Großmeister. Einer, der spielte, wie er lebte: ohne Angst vor großen Namen. Und mit dem Mut, 1...a6 gegen Karpow zu ziehen.
Quellen:
https://www.chesshistory.com/winter/extra/miles.html
https://de.chessbase.com/post/it-s-only-me-erinnerungen-an-tony-miles
https://de.wikipedia.org/wiki/Tony_Miles_(Schachspieler)
https://en.wikipedia.org/wiki/Tony_Miles
https://de.chessbase.com/post/erinnerung-an-tony-milesKlappentext "It's only me":
The charismatic Tony Miles has been much missed since his tragic and premature death in 2001. Regarded as one of England's greatest ever chess players and analysts, he was also one of the wittiest writers on the game. By sheer force of example and ebullient peronality, he inspired the 'English chess explosion' after becoming the first UK grandmaster in the mid 70s. This Fascinating collection of over a hundred games and articles, covering Tony's entire chess career, includes his most celebrated wins, a few losses, and in addition to the famous game against Karpov with the bizarre St George's opening 1 e4 a6 - a less well known victory over the then world champion from a television tournament. All the games are annotated by Tony himself - in his own inimitable style. This fitting tribute is rounded off with a review of Tony's original opening repertoire as well as personal appreciations by his Birmingham clubmates and friends Mike Fox, Malcolm Hunt and Geoff Lawton.
![]()
Tony Miles (1955-2001)
Als Tony Miles mit Schwarz gegen Anatoli Karpow spielte, eröffnete er mit 1...a6. Der sowjetische Weltmeister runzelte die Stirn, die Zuschauer murmelten, und Miles gewann. Diese Partie von 1980 in Skara, Schweden, machte Miles zur Kultfigur.
Frühe Jahre in Birmingham
Anthony John Miles wurde am 23. April 1955 in Birmingham geboren – am englischen Georgstag. Mit fünf brachte ihm sein Vater das Schachspiel bei. Drei Jahre lang spielte er jeden Abend. Dann legte er das Spiel beiseite – bis seine Schule vom Schachfieber erfasst wurde. Miles war wieder dabei – und bald allen überlegen, sogar seinen Lehrern.
Mit elf spielte er erste Wettkämpfe, gewann Stadtmeisterschaften und trat dem lokalen Schachclub bei. 1967 wurde er Zweiter bei den Schnellschachmeisterschaften von Birmingham – bei den Erwachsenen. Kurz darauf gewann er die britische U14-Meisterschaft, schlug später seinen ewigen Rivalen John Nunn und triumphierte auch bei der U21.
Bei der Jugend-WM 1973 in Teesside holte er Silber. Sein Gepäck wurde gestohlen, doch Miles ließ sich nicht beirren. 1974 dann Gold – in Manila. Seine Lieblingspartie dort: ein Sieg über Alexander Kochyev mit der Drachenvariante.
Großmeister – mit einem Telegramm
1976 war es so weit. Beim Turnier in Dubna erspielte sich Tony Miles seine zweite Großmeisternorm – damit war ihm der Titel sicher. Noch vor seiner Rückreise nach England schickte er wie versprochen ein Telegramm an einen Verbandsfunktionär, der ihn gebeten hatte, sich im Erfolgsfall zu melden. Der Inhalt bestand aus nur zwei Worten: „A cable – Tony Miles“. Die trockene Botschaft wurde zum Sinnbild seines Humors. Mit dem Titel war Miles der erste gebürtige Engländer, der Großmeister wurde. Der Unternehmer Jim Slater überreichte ihm dafür die ausgelobten 5000 Pfund.
Durchbruch gegen die Weltelite
Miles schlug sie alle: Smyslow, Tal, Spasski. 1984 gewann er das prestigeträchtige Turnier in Tilburg, 1982 die Britische Meisterschaft, mehrfach das IBM-Turnier in Amsterdam, das Capablanca Memorial in Havanna. Bei der Schacholympiade 1984 holte er mit England Silber. Sein Elo-Höchststand: Platz 9 der Welt.
Die berühmteste Partie: 1...a6
In Skara 1980 setzte Miles mit Schwarz gegen Weltmeister Karpow auf 1...a6 – eine seltene Eröffnung, später „St. George Defence“ genannt. Und er gewann. Karpow verweigerte die Unterschrift auf dem Partieformular. Jahre später besiegte Miles Karpow erneut – in einer Fernsehpartie der BBC.
BBC, "The Master Game", Short vs. Miles 1981
Zwischen Genie und Krise
Doch Miles war kein stabiler Champion. Er litt an starken Stimmungsschwankungen, zeigte zeitweise paranoide Züge. 1985 geriet er in einen öffentlichen Streit mit Raymond Keene. Es ging um Honorare, um die Rolle des Verbandes – und um Miles’ Gesundheit. Er schlief kaum, wurde krank, konnte nicht mehr spielen.
1987 wurde er in der Downing Street festgenommen. Er hatte geglaubt, die Premierministerin müsse von einem Komplott gegen ihn erfahren. Es folgte ein Klinikaufenthalt.
Ein Leben in Bewegung
Danach spielte Miles für Porz, lebte zeitweise in Deutschland, später in Australien. Er gewann wieder Turniere, etwa Cappelle-la-Grande, und schlug 1995 beim PCA-Grandprix Kramnik und van Wely. Gegen Kasparow verlor er 1986 jedoch ein Match mit 0,5:5,5 – „Ich spielte nicht gegen einen Weltmeister, sondern gegen ein Monster mit 22 Augen“, sagte er.
Ein scharfer Kopf, ein scharfer Stift
Miles war ein brillanter Kommentator. Für Kingpin und Chess Café schrieb er bissige Kolumnen, spöttisch, klug, pointiert. Seine Rezension von Eric Schillers Eröffnungsbuch bestand aus zwei Worten: „Utter crap“.
Er verspottete Karpow („Has Karpov lost his marbles?“), kritisierte Funktionäre, beschimpfte das „System“. Und gewann dennoch Turniere – oft im Liegen. 1985 spielte er das Turnier in Tilburg mit einem ärztlichen Attest – wegen Rückenschmerzen auf einer Liege. Robert Hübner weigerte sich anfangs zu spielen. Die Partie wurde verschoben.
Tilburg 1985
Tony Miles and Roman Dzindzichashvili (5 May 1944)#chess #ajedrez #scacchi #schach #echecs #xadrez pic.twitter.com/WJ3ns092en
— JustChessAndSports (@JustChessSports) May 5, 2025
![]()
Letzte Jahre, letzter Kampf
In den 1990ern pendelte Miles zwischen Ländern, Turnieren, Stimmungen. Seine zweite Ehe scheiterte. 1999 wurde Diabetes diagnostiziert. 2001 brach er beim British Championship die vorletzte Runde ab – krank. Am 12. November 2001 starb er in Birmingham an einem Herzinfarkt. Er war 46.
Ein Vorbild – trotz allem
Nigel Short sagte über ihn: „Er war unser bedeutendster Spieler seit Joseph Blackburne.“ Miles habe dem britischen Schach den Weg geebnet, mit Mut, Talent und Biss. Genna Sosonko nannte ihn „einen Meister des sarkastischen Kommentars“.
Tony Miles war nicht einfach. Aber einzigartig.
Am 23. April 2025 wäre er 70 geworden.
Tony Miles, der erste britische Großmeister. Einer, der spielte, wie er lebte: ohne Angst vor großen Namen. Und mit dem Mut, 1...a6 gegen Karpow zu ziehen.
Quellen:
https://www.chesshistory.com/winter/extra/miles.html
https://de.chessbase.com/post/it-s-only-me-erinnerungen-an-tony-miles
https://de.wikipedia.org/wiki/Tony_Miles_(Schachspieler)
https://en.wikipedia.org/wiki/Tony_Miles
https://de.chessbase.com/post/erinnerung-an-tony-miles
Klappentext "It's only me":
The charismatic Tony Miles has been much missed since his tragic and premature death in 2001. Regarded as one of England's greatest ever chess players and analysts, he was also one of the wittiest writers on the game. By sheer force of example and ebullient peronality, he inspired the 'English chess explosion' after becoming the first UK grandmaster in the mid 70s. This Fascinating collection of over a hundred games and articles, covering Tony's entire chess career, includes his most celebrated wins, a few losses, and in addition to the famous game against Karpov with the bizarre St George's opening 1 e4 a6 - a less well known victory over the then world champion from a television tournament. All the games are annotated by Tony himself - in his own inimitable style. This fitting tribute is rounded off with a review of Tony's original opening repertoire as well as personal appreciations by his Birmingham clubmates and friends Mike Fox, Malcolm Hunt and Geoff Lawton.
Zitat von Conrad Schormann am 24. April 2025, 9:53 Uhrhttps://perlenvombodensee.de/2018/12/08/tony-miles-und-das-irische-bauernzentrum/
https://veganeschachkatzen.de/tony-miles-1955-2001/
Zitat von Conrad Schormann am 19. Mai 2025, 21:57 Uhrhttps://twitter.com/dgriffinchess/status/1924540160256975155
Wijk aan Zee, 19th January 1977.
Tony Miles pours a glass of Fanta to accompany a bacon roll during his 5th-round game v. Genna Sosonko. (Unusual to see Miles favour a soft drink over milk, which he had a habit of consuming in large amounts!)
(📷: https://t.co/NmWTswhtpx.) #chess pic.twitter.com/LdoKWxdsar— Douglas Griffin (@dgriffinchess) May 19, 2025
Zitat von Conrad Schormann am 19. September 2025, 11:16 UhrTony Miles in Tilburg 1985: Der Sieg im Liegen
Als Tony Miles 1985 beim renommierten Turnier im niederländischen Tilburg antrat, war er gesundheitlich schwer angeschlagen. Ein ärztliches Attest bestätigte seine starken Rückenschmerzen, und so erlaubte der Turnierarzt dem englischen Großmeister, seine Partien liegend zu spielen – auf dem Bauch ausgestreckt, während er die Züge ansagte oder aufs Brett griff.
Foto via ChessbaseDas Bild des auf der Liege spielenden Miles ging um die Welt und erregte enormes Aufsehen – nicht nur in der Schachszene. Doch trotz der ungewöhnlichen Bedingungen spielte Miles groß auf: Er teilte am Ende den ersten Platz mit Robert Hübner und Viktor Kortschnoi, ein sportlicher Triumph, den ihm viele in dieser Situation nicht zugetraut hätten.
Ganz reibungslos lief es jedoch nicht. Bei der Spielerversammlung stimmten alle der Sonderregelung zu – mit einer Ausnahme: Robert Hübner. Der deutsche Großmeister weigerte sich, gegen einen im Liegen spielenden Gegner anzutreten. Diplomatie war gefragt, und Schiedsrichter Geurt Gjissen fand einen Kompromiss: Die Partie wurde auf den nächsten Ruhetag verschoben. Miles musste diesmal sitzen, durfte aber während der Partie immer wieder umhergehen, um seinen Rücken zu entlasten. Die Begegnung verlief kurz und endete mit einem Remis – wohl auch, weil beide Seiten daran interessiert waren, die Situation ohne weiteres Aufsehen zu beenden.
Später erklärte Hübner, er sei überzeugt gewesen, Miles habe die Rückenschmerzen nur vorgetäuscht – schließlich hatte er ihn am Vorabend noch aufrecht im chinesischen Restaurant speisen sehen. Ob Simulation oder nicht: In den Turniertabellen bleibt die Episode ein einzigartiges Kuriosum. Miles gewann das Turnier im Liegen – und Hübner blieb als einziger in Erinnerung, der sich weigerte, unter diesen Bedingungen zu spielen.
Horts Erinnerungen, unter anderem an Tony Miles.
Tony Miles in Tilburg 1985: Der Sieg im Liegen
Foto via Chessbase
Das Bild des auf der Liege spielenden Miles ging um die Welt und erregte enormes Aufsehen – nicht nur in der Schachszene. Doch trotz der ungewöhnlichen Bedingungen spielte Miles groß auf: Er teilte am Ende den ersten Platz mit Robert Hübner und Viktor Kortschnoi, ein sportlicher Triumph, den ihm viele in dieser Situation nicht zugetraut hätten.
Ganz reibungslos lief es jedoch nicht. Bei der Spielerversammlung stimmten alle der Sonderregelung zu – mit einer Ausnahme: Robert Hübner. Der deutsche Großmeister weigerte sich, gegen einen im Liegen spielenden Gegner anzutreten. Diplomatie war gefragt, und Schiedsrichter Geurt Gjissen fand einen Kompromiss: Die Partie wurde auf den nächsten Ruhetag verschoben. Miles musste diesmal sitzen, durfte aber während der Partie immer wieder umhergehen, um seinen Rücken zu entlasten. Die Begegnung verlief kurz und endete mit einem Remis – wohl auch, weil beide Seiten daran interessiert waren, die Situation ohne weiteres Aufsehen zu beenden.
Später erklärte Hübner, er sei überzeugt gewesen, Miles habe die Rückenschmerzen nur vorgetäuscht – schließlich hatte er ihn am Vorabend noch aufrecht im chinesischen Restaurant speisen sehen. Ob Simulation oder nicht: In den Turniertabellen bleibt die Episode ein einzigartiges Kuriosum. Miles gewann das Turnier im Liegen – und Hübner blieb als einziger in Erinnerung, der sich weigerte, unter diesen Bedingungen zu spielen.

Horts Erinnerungen, unter anderem an Tony Miles.
Zitat von Conrad Schormann am 12. Februar 2026, 20:31 Uhr
11 February 2026 First upload of 975 games. The major new material that hasn't been available previously are the games played in UK weekenders. My thanks to Geoff Lawton for digitising these games and giving access to them. My own input has been to discover as many dates and round numbers as possible, and to compare and check versions of the scores. Many tournament record details have still to be added but the games collection phase is largely complete to the end of 1979. https://www.saund.org.uk/britbase/pgn/milestony-viewer.html
| 11 February 2026 | First upload of 975 games. The major new material that hasn't been available previously are the games played in UK weekenders. My thanks to Geoff Lawton for digitising these games and giving access to them. My own input has been to discover as many dates and round numbers as possible, and to compare and check versions of the scores. Many tournament record details have still to be added but the games collection phase is largely complete to the end of 1979. |
Zitat von Conrad Schormann am 14. Mai 2026, 11:54 UhrDer Mann, der den Weltmeister mit 1. …a6 besiegte
The Chess Revolution (YouTube-Podcast), 12. Mai 2026, Peter Doggers und Arne Moll
Tony Miles war kein bequemer Mensch. Er spielte Eröffnungen, über die das Publikum lachte, ließ sich von einem Weltmeister nicht einschüchtern und verriss Bücher mit zwei Wörtern. Unter anderem darum geht es im Podcast The Chess Revolution. Dass er dabei auch noch einer der stärksten Spieler der Welt war und der erste in Großbritannien geborene Großmeister, macht seine Geschichte nur noch bemerkenswerter.
Miles wurde am 23. April 1955 in Edgbaston, einem Vorort von Birmingham, geboren und starb am 12. November 2001 an Herzversagen infolge seiner Diabetes. Er wurde 46 Jahre alt. Bis kurz vor seinem Tod spielte er Schach – die letzten Partien waren kurze Remisen in der Four Nations Chess League.
https://youtu.be/eyWOkKpIuyI
Karpow, A6 und das lachende Publikum
Der bekannteste Moment seiner Karriere war zugleich einer der unwahrscheinlichsten der Schachgeschichte. Bei der Europameisterschaft der Mannschaften 1980 in Skara spielte Miles mit Schwarz gegen den amtierenden Weltmeister Anatoli Karpow – und begann mit dem Zug 1. …a6. Das Publikum lachte. Miles ließ es geschehen. Karpow antwortete mit d4, Miles spielte b5. „Als der Gelächter im Saal immer lauter wurde, war es fast peinlich", schrieb Miles später. Er gewann die Partie. Karpow unterschrieb das Ergebnisblatt nicht selbst; das übernahm der sowjetische Mannschaftskapitän. Miles hörte von anderen, Karpow habe sich durch seine Eröffnungswahl beleidigt gefühlt.
Das Eröffnungssystem mit 1. …a6 und 2. …b5 trägt heute den Namen St.-Georgs-Verteidigung – nach dem Geburtstag von Miles, dem St.-Georgstag in Großbritannien. Karpow besiegte Miles drei Jahre später erneut mit Schwarz, diesmal in einem Turnier für die BBC in Bath, mit einer scharfen Caro-Kann-Variante.
Miles spielte sein ganzes Leben lang unorthodoxe Eröffnungen – nicht aus Spielerei, sondern aus Überzeugung. Er wollte Stellungen erreichen, in denen er kämpfen konnte, ohne vorbereitete Varianten seines Gegners zu begegnen. „Ich will eine spielbare Stellung bekommen und dann anfangen zu kämpfen", brachte er sein Prinzip auf den Punkt. Auf die Frage, wie man seinen Stil beschreiben solle, antwortete er: „Straßenkämpfer reicht. Den Straßenteil kann man weglassen."
Tilburg 1985: Schach im Liegen
Das Turnier, das Miles am stärksten in Erinnerung blieb, war das Interpokal 1985 in Tilburg – nicht wegen des Ergebnisses allein, sondern wegen des Bildes, das es hinterließ: Miles lag während seiner Partien auf einem Krankenbett hinter dem Schachbrett. Er hatte seit seiner Jugend Rückenprobleme; mit 15 Jahren hatte er sich beim Cricket die Wirbelsäule verdreht. In Tilburg wurden die Schmerzen während des Turniers so stark, dass die Veranstalter schließlich ein medizinisches Untersuchungsbett neben das Brett stellten. Miles spielte von dort – und teilte am Ende den ersten Platz mit Robert Hübner und Viktor Kortschnoi.
Nicht alle Gegner reagierten gelassen. Kortschnoi bemerkte auf einem Spielermeeting, es gebe Turniere für Frauen, für Blinde, für Behinderte – dies sei aber ein Turnier für gesunde Spieler. Jan Timman hielt dagegen: Blinde, Frauen und Behinderte dürften selbstverständlich auch an normalen Turnieren teilnehmen. Das Gespräch war damit beendet. Ljubomir Ljubojević und Kortschnoi hatten während des Turniers andere Spieler zu überzeugen versucht, dass Miles sie ablenke, ohne es zu merken. Timman sagte Miles später, er selbst sei vor allem mit der Stellung beschäftigt gewesen.
Eine Randnotiz aus diesem Turnier: Miles spielte gegen Hübner eine vorab vereinbarte kurze Remis – auf ausdrückliche Bitte des Schiedsrichters in mindestens fünf Zügen. Hübners Züge erinnerten dabei merkwürdig an eine Miles-Partie aus dem Jahr 1978, in der Miles die Dame bereits im dritten Zug herausgespielt hatte.
Schreiben als zweite Stärke
Miles war ein außergewöhnlicher Schachschreiber. Er analysierte eigene Partien mit Humor und Schärfe, und seine Buchrezensionen hatten einen eigenen Ruf. Eric Schillers Buch über unorthodoxe Eröffnungen beschrieb er in zwei Wörtern: „utter crap". Über das Hastings-Turnier schrieb er, es genieße den wachsenden Ruf, eines der schlechtesten Turniere der Welt zu sein – gespielt direkt unter einer Pantomime, begleitet von Orgelmusik und dem Stampfen hunderter kleiner Füße.
In einer Rezension von John Nunns Endspielbuch Secrets of Minor Piece Endings begann er: „Unsere Rezensionen sind zuletzt ziemlich fad geworden. Hau ein bisschen rein." Und er tat es – bemerkte Widersprüche zwischen dem Klappentext und dem Inhalt, kritisierte das Cover und schloss: „Schach ist für mich ein faszinierendes und in gewisser Weise lebendiges Spiel."
Dieser Satz war sein Credo. Miles betrachtete Schach nicht als theoretische Übung, sondern als Kampf. „Ich habe eine starke Neigung, zuerst verrückte Züge zu betrachten", sagte er. Beim Bauernumwandlung zog er den Läufer der Dame vor, wenn es möglich war. Einmal, so erzählte er, hatte er in einem Wochenendturnier drei Türme auf dem Brett – und statt aufzugeben, ließ sein Gegner sich schön in der Brettmitte mattsetzen. „Das spricht mich an", sagte Miles.
Der Mann, der den Weltmeister mit 1. …a6 besiegte
The Chess Revolution (YouTube-Podcast), 12. Mai 2026, Peter Doggers und Arne Moll
Tony Miles war kein bequemer Mensch. Er spielte Eröffnungen, über die das Publikum lachte, ließ sich von einem Weltmeister nicht einschüchtern und verriss Bücher mit zwei Wörtern. Unter anderem darum geht es im Podcast The Chess Revolution. Dass er dabei auch noch einer der stärksten Spieler der Welt war und der erste in Großbritannien geborene Großmeister, macht seine Geschichte nur noch bemerkenswerter.
Miles wurde am 23. April 1955 in Edgbaston, einem Vorort von Birmingham, geboren und starb am 12. November 2001 an Herzversagen infolge seiner Diabetes. Er wurde 46 Jahre alt. Bis kurz vor seinem Tod spielte er Schach – die letzten Partien waren kurze Remisen in der Four Nations Chess League.
Karpow, A6 und das lachende Publikum
Der bekannteste Moment seiner Karriere war zugleich einer der unwahrscheinlichsten der Schachgeschichte. Bei der Europameisterschaft der Mannschaften 1980 in Skara spielte Miles mit Schwarz gegen den amtierenden Weltmeister Anatoli Karpow – und begann mit dem Zug 1. …a6. Das Publikum lachte. Miles ließ es geschehen. Karpow antwortete mit d4, Miles spielte b5. „Als der Gelächter im Saal immer lauter wurde, war es fast peinlich", schrieb Miles später. Er gewann die Partie. Karpow unterschrieb das Ergebnisblatt nicht selbst; das übernahm der sowjetische Mannschaftskapitän. Miles hörte von anderen, Karpow habe sich durch seine Eröffnungswahl beleidigt gefühlt.
Das Eröffnungssystem mit 1. …a6 und 2. …b5 trägt heute den Namen St.-Georgs-Verteidigung – nach dem Geburtstag von Miles, dem St.-Georgstag in Großbritannien. Karpow besiegte Miles drei Jahre später erneut mit Schwarz, diesmal in einem Turnier für die BBC in Bath, mit einer scharfen Caro-Kann-Variante.
Miles spielte sein ganzes Leben lang unorthodoxe Eröffnungen – nicht aus Spielerei, sondern aus Überzeugung. Er wollte Stellungen erreichen, in denen er kämpfen konnte, ohne vorbereitete Varianten seines Gegners zu begegnen. „Ich will eine spielbare Stellung bekommen und dann anfangen zu kämpfen", brachte er sein Prinzip auf den Punkt. Auf die Frage, wie man seinen Stil beschreiben solle, antwortete er: „Straßenkämpfer reicht. Den Straßenteil kann man weglassen."
Tilburg 1985: Schach im Liegen
Das Turnier, das Miles am stärksten in Erinnerung blieb, war das Interpokal 1985 in Tilburg – nicht wegen des Ergebnisses allein, sondern wegen des Bildes, das es hinterließ: Miles lag während seiner Partien auf einem Krankenbett hinter dem Schachbrett. Er hatte seit seiner Jugend Rückenprobleme; mit 15 Jahren hatte er sich beim Cricket die Wirbelsäule verdreht. In Tilburg wurden die Schmerzen während des Turniers so stark, dass die Veranstalter schließlich ein medizinisches Untersuchungsbett neben das Brett stellten. Miles spielte von dort – und teilte am Ende den ersten Platz mit Robert Hübner und Viktor Kortschnoi.
Nicht alle Gegner reagierten gelassen. Kortschnoi bemerkte auf einem Spielermeeting, es gebe Turniere für Frauen, für Blinde, für Behinderte – dies sei aber ein Turnier für gesunde Spieler. Jan Timman hielt dagegen: Blinde, Frauen und Behinderte dürften selbstverständlich auch an normalen Turnieren teilnehmen. Das Gespräch war damit beendet. Ljubomir Ljubojević und Kortschnoi hatten während des Turniers andere Spieler zu überzeugen versucht, dass Miles sie ablenke, ohne es zu merken. Timman sagte Miles später, er selbst sei vor allem mit der Stellung beschäftigt gewesen.
Eine Randnotiz aus diesem Turnier: Miles spielte gegen Hübner eine vorab vereinbarte kurze Remis – auf ausdrückliche Bitte des Schiedsrichters in mindestens fünf Zügen. Hübners Züge erinnerten dabei merkwürdig an eine Miles-Partie aus dem Jahr 1978, in der Miles die Dame bereits im dritten Zug herausgespielt hatte.
Schreiben als zweite Stärke
Miles war ein außergewöhnlicher Schachschreiber. Er analysierte eigene Partien mit Humor und Schärfe, und seine Buchrezensionen hatten einen eigenen Ruf. Eric Schillers Buch über unorthodoxe Eröffnungen beschrieb er in zwei Wörtern: „utter crap". Über das Hastings-Turnier schrieb er, es genieße den wachsenden Ruf, eines der schlechtesten Turniere der Welt zu sein – gespielt direkt unter einer Pantomime, begleitet von Orgelmusik und dem Stampfen hunderter kleiner Füße.
In einer Rezension von John Nunns Endspielbuch Secrets of Minor Piece Endings begann er: „Unsere Rezensionen sind zuletzt ziemlich fad geworden. Hau ein bisschen rein." Und er tat es – bemerkte Widersprüche zwischen dem Klappentext und dem Inhalt, kritisierte das Cover und schloss: „Schach ist für mich ein faszinierendes und in gewisser Weise lebendiges Spiel."
Dieser Satz war sein Credo. Miles betrachtete Schach nicht als theoretische Übung, sondern als Kampf. „Ich habe eine starke Neigung, zuerst verrückte Züge zu betrachten", sagte er. Beim Bauernumwandlung zog er den Läufer der Dame vor, wenn es möglich war. Einmal, so erzählte er, hatte er in einem Wochenendturnier drei Türme auf dem Brett – und statt aufzugeben, ließ sein Gegner sich schön in der Brettmitte mattsetzen. „Das spricht mich an", sagte Miles.


