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Tigran Petrosjan (1929-1984)

NiC-Podcast über Tigran Petrosian anhand von Gennadi Sosonkos Erzählungen:

https://www.newinchess.com/blog/post/nic-podcast-26-the-main-thing-is-happiness

Timestamps:
00:00 Introduction
01:17 Petrosian was celebrated as an Armenian hero
06:33 The reception by the people when Petrosian became World Chess Champion
10:35 "Our Tigran": Petrosian did not belong to just one country
12:31 Petrosian the Polyglot
13:56 AD BREAK
14:29 Petrosian's friendship with composer Arno Babajanian
15:46 The Armenian-Jewish combination
17:02 Khrushchev's joke and Mikoyan's warning
19:31 How Petrosian's life might have been if he had still been alive today
22:35 Petrosian in anticipation of his demise

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Tigran Petrosjan: Der stille Meister der Kontrolle
Quelle: Blogeintrag von FM Jan939519, „The Chess Hall of Fame: Birthday tributes – Tigran Petrosyan“, veröffentlicht am 17. Juni 2025

Tigran Petrosjan, geboren am 17. Juni 1929 in Tiflis, war ein Kind großer Entbehrung. Während des Zweiten Weltkriegs verlor er beide Eltern und hielt sich mit Putzarbeiten über Wasser. Zugleich vertiefte er sich in Schachbücher – eine Leidenschaft, die ihn nie mehr loslassen sollte. Schon mit zwölf Jahren spielte er auf hohem Niveau, gefördert von der Schachszene in Jerewan, wohin er 1946 zog. Früh prägte ihn das strategische Denken von Capablanca und Nimzowitsch, seine Devise wurde: Vorsorge statt Spektakel.

1949 wechselte Petrosjan nach Moskau, wo er am renommierten Institut für Körperkultur studierte und vom Trainer Andrei Batuev betreut wurde. Nur zwei Jahre später wurde er Internationaler Meister, 1952 Großmeister. Seine beste Form sah er selbst in den Jahren 1958 bis 1963 – darunter fällt auch sein Sieg gegen Paul Keres im Kandidatenturnier 1959.

Sein Weg zum WM-Titel war weder dramatisch noch taktisch glanzvoll, sondern geprägt von tiefem strategischem Verständnis und dem konsequenten Vermeiden jeglicher Gefahr. Als Kind hatte er für Unterricht im Schachclub den Boden gefegt – 1963 fegte er im übertragenen Sinne Botwinnik vom Thron: Mit fünf Siegen, zwei Niederlagen und 15 Remis gewann Petrosjan den Weltmeisterschaftskampf und wurde als erster Armenier und erster sowjetischer Weltmeister nicht-russischer Herkunft Champion. Botwinnik sagte später: „Petrosjan war der einzige Spieler, den ich psychologisch nicht bezwingen konnte.“

Drei Jahre später verteidigte Petrosjan seinen Titel gegen den angriffslustigen Boris Spassky. Der scheinbar „stille“ Spieler neutralisierte die Attacken des Herausforderers und gewann knapp. 1969, im Rückkampf, war Spassky besser vorbereitet – er holte sich den Titel, doch Petrosjan blieb ein Großer, ohne Bitterkeit, mit Haltung.

Petrosjan war nicht nur ein exzellenter Spieler, sondern ein Denker mit akademischem Hintergrund: Er hatte Philosophie studiert und war als Redakteur der sowjetischen Schachzeitung aktiv. Seine Schachästhetik war geprägt von Prävention, seine Verteidigung legendär. „Ich weigere mich einfach, in taktische Fallen zu laufen“, sagte er einmal auf die Frage, wie er so wenige Fehler mache.

In einer Welt voller Angriffslust und Hochgeschwindigkeit war Petrosjan der Gegenentwurf: die personifizierte Ruhe, eine lebendige Erinnerung daran, dass Nichtverlieren auch eine Kunst sein kann – und manchmal der sicherste Weg zum Sieg.

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Tigran Petrosjan – der „Präventions-Weltmeister“
Quelle: Georges Bertola, Europe-Echecs, „Polugajewski – Petrosian, 1970“, 06.04.2020 (akt. 16.12.2024)

Wer Tigran Petrosjan erlebte, empfand ihn oft als unscheinbar: grauer Anzug, verschlossen, scheinbar passiv. Schon 1968 bei der Olympiade in Lugano wirkte er „wie aus einer anderen Zeit“, während eine neue Generation vom Geist der Beatles und Stones geprägt war. Rein schachlich wurde er unterschätzt – seine „langweiligen“ Partien schienen harmlos, doch hinter ihnen verbarg sich tiefe Strategie. Ex-Weltmeister Max Euwe verglich ihn mit einer „giftigen Schlange“: lange unbeweglich, aber tödlich im richtigen Moment.


Tigran Petrosian, Lev Polugaevsky und Mikhail Tal

Sein Stil wurzelte in den Ideen Capablancas und Nimzowitschs, vermittelt durch seinen Trainer Arkhil Ebralidse. Petrosjan selbst betonte: „Ich versuche, Zufälle zu vermeiden. Wer sich auf den Zufall verlässt, spielt besser Karten oder Roulette.“ Für ihn bedeutete korrektes Schach: nichts dem Zufall überlassen, den Gegner ersticken, bevor er zu Chancen kommt.

Sein langjähriger Sekundant Alexei Suetin rätselte über das „Geheimnis seines Stils“: war es seine prophylaktische Weitsicht, sein strategisches Verständnis oder seine subtile Taktik? Der amerikanische Meister Anthony Saidy brachte es auf den Punkt: Petrosjan machte „Prophylaxe“ – das Denken aus der Sicht des Gegners – zu seiner Philosophie. Angriffe waren selten, Niederlagen noch seltener. „Sie sagen, meine Partien sollten ‚interessanter‘ sein. Ich könnte ‚interessanter‘ sein – und verlieren“, entgegnete er Kritikern.

Auch persönlich blieb Petrosjan schwer fassbar. Zeitzeugen wie Florin Gheorghiu betonten, dass er im kleinen Kreis durchaus humorvoll war, während er am Brett hinter Hörgeräten und verschlossener Miene wie ein Fremder wirkte.

Kurz vor seinem Tod 1984 sagte er im Gespräch mit Viktor Kenkhin, dass es nicht auf den Titel ankomme, sondern auf das Vermächtnis: „Wichtig ist, was man hinterlässt – Partien, die grundlegend bleiben.“ Petrosjan hat genau das erreicht: seine Partien gelten bis heute als Inbegriff prophylaktischen Schachs, als Lehre in Geduld und Weitsicht.

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