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Svetozar Gligoric (1923-2012)

Svetozar Gligoric – Gentleman, Gegenspieler der Sowjets, Chronist des Schachbooms
Quelle: The Guardian – „Svetozar Gligoric obituary“, Leonard Barden, 22. August 2012

Svetozar Gligoric war mehr als ein Weltklassespieler. Er gehörte zur erweiterten Weltspitze, war dreimal Kandidat und führte Jugoslawien bei Schacholympiaden zu fünf Silbermedaillen sowie zu Gold 1950, als die Sowjetunion fehlte. Vor allem aber war er eine prägende Figur zwischen den Lagern – sportlich, menschlich und publizistisch.

Als junger Spieler lernte Gligoric Schach unter ärmlichen Bedingungen, schnitzte sich Figuren aus Weinkorken und wurde mit 15 Belgrader Meister. Der Zweite Weltkrieg unterbrach seine Laufbahn: Vier Jahre kämpfte er bei Titos Partisanen, brachte es bis zum Hauptmann. Nach dem Krieg kehrte er stark zurück, gewann 1947 in Warschau vor sowjetischen Spitzenleuten und etablierte sich in den 1950ern als einer der wenigen ernsthaften Herausforderer der sowjetischen Dominanz. Siege gegen Weltmeister wie Tigran Petrosjan und Wassili Smyslow belegen das – 1958 verzichteten Botwinnik und Smyslow bei der Olympiade in München lieber auf ein Duell mit ihm.

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Warum er dennoch nie ganz bis zur WM kam, erklärt Leonard Barden nüchtern: Kriegsjahre bremsten seine Entwicklung, ein verpasstes Interzonal 1948 verzögerte den Kandidatenstatus, und sein Eröffnungsrepertoire war auf höchstem Niveau zu berechenbar. Gleichwohl blieb Gligoric ein gefürchteter Gegner, besonders mit Königsindisch und Sizilianisch.

Seine größte öffentliche Wirkung entfaltete er als Autor und Vermittler. Beim WM-Match 1972 in Reykjavik – Fischer gegen Spasski – schrieb er mit The Chess Match of the Century einen unmittelbaren, zugänglichen Kommentar, der sich hunderttausendfach verkaufte und den globalen Schachboom mittrug. Er war eng befreundet mit Bobby Fischer, half später, dessen Comeback 1992 gegen Boris Spassky vorzubereiten, und spielte sogar eine geheime Trainingsserie.

Gligoric verstand Schach als Kampf der Ideen. Sein Buch I Play Against Pieces formulierte ein Programm gegen Psychospielchen, für Logik und Struktur. Als Kolumnist erklärte er Trends, prägte Systeme in mehreren Eröffnungen und ärgerte sich nur darüber, dass eine von ihm eingeführte Variante im Königsindisch nicht seinen Namen trägt.

Abseits des Bretts war Musik seine zweite Leidenschaft. In den frühen 1950ern brachte er westliche Schallplatten nach Jugoslawien, später komponierte er selbst – noch im hohen Alter erschien ein Album. Für ihn war Musik Schach mit anderen Mitteln: Note als Zug, Architektur aus Regeln.

Gligoric galt als höflich, charmant, integrativ. 1958 wurde er Jugoslawiens Sportler des Jahres, 1978 verfehlte er knapp das Amt des FIDE-Präsidenten, später leitete er als Schiedsrichter den Marathon-WM-Kampf Karpow–Kasparow 1984/85. Er starb 2012 im Alter von 89 Jahren. Sein Vermächtnis: Stärke ohne Dogma, Einfluss ohne Lautstärke – und die Kunst, Schach zu erklären, ohne es zu verraten.

Svetozar Gligorić – ein Leben zwischen Brett, Krieg und Haltung

Nach einem Beitrag von Georges Bertola auf Europe-Echecs

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Als Svetozar Gligorić elf Jahre alt war, schnitzte er sich seine ersten Schachfiguren aus Weinkorken. Geld für ein Brett gab es nicht. Der Vater war früh gestorben, die Mutter wenig später. Belgrad, Ende der 1930er-Jahre, ein Junge ohne Absicherung – aber mit einem Spiel, das Struktur versprach in einer Zeit, die bald jede Ordnung verlieren sollte.

Mit 13 spielte Gligorić Turniere, mit 14 wurde er Juniorenmeister von Belgrad, mit 16 nationaler Amateurmeister. Dann kam der Krieg. Jugoslawien zerfiel, wurde besetzt, aufgeteilt, verwaltet von Deutschen, Italienern, Ungarn, Bulgaren. Gligorić floh, schlug sich durch, schloss sich 1943 freiwillig den Partisanen an, kämpfte unter Josip Broz Tito, wurde Offizier. Fünf Jahre, die im Schach Lebenszeit sind, gingen verloren.

Später sagte er: „Im Krieg habe ich gelernt, dass menschliches Leben wertlos ist.“ Kein pathetischer Satz. Eher eine nüchterne Feststellung. Wer Gligorić später am Brett sah – ruhig, kontrolliert, ohne theatrale Gesten – verstand, dass diese Haltung nicht aus Büchern kam.

Als der Krieg vorbei war, kehrte er zurück. 1947 gewann er das stark besetzte Turnier von Warschau vor Wassili Smyslow und Isaak Boleslawski. Plötzlich war er da, auf Augenhöhe mit der sowjetischen Elite. Die Reaktion folgte prompt: Die UdSSR nahm ihn ernst – und mied ihn. Zu gefährlich, zu unabhängig, nicht eingebunden ins eigene System.

1950 führte Gligorić Jugoslawien bei der Olympiade in Dubrovnik zum Gold. Die Sowjetunion fehlte – politischer Bruch zwischen Stalin und Tito. Moskau spielte den Erfolg klein. Gligorić gewann wenige Monate später Mar del Plata, erhielt 1951 den Großmeistertitel – ohne Protektion, ohne Apparat. Seine Ergebnisse reichten aus.

Doch seine Laufbahn blieb fragmentiert. Reisen in den Ostblock waren schwierig, Einladungen rar. Im Westen galt er als Spieler aus einem kommunistischen Land. Während andere in ihren frühen Zwanzigern aufstiegen, begann für Gligorić der internationale Normalbetrieb erst mit 30. Ein struktureller Nachteil, der sich nie ganz ausgleichen ließ.

Trotzdem kam er nah heran. 1958 glänzte er bei der Olympiade in München am ersten Brett vor Michail Botwinnik, wurde Zweiter beim Interzonenturnier von Portorož. 1959 teilte er beim Kandidatenturnier Platz fünf – mit einem 16-jährigen Amerikaner namens Robert James Fischer. Später, 1968, führte er im WM-Viertelfinale gegen Michail Tal – und verlor nach einer selbstverschuldeten Wendung. Eine Partie, ein journalistischer Kommentar, ein unvorbereiteter Zug. Gligorić brach ein. Seine letzte echte Chance.

Sein Schach war klar, prinzipientreu, strategisch. Er liebte starke Bauernzentren, Läuferpaare, offene Kämpfe. Die Königsindische Verteidigung war jahrzehntelang seine Waffe. Komplikationen nahm er an – aber er suchte sie nicht um ihrer selbst willen. Tigran Petrosjan respektierte ihn, Tal analysierte ihn genau, Fischer vertraute ihm. Als Fischer 1992 zurückkam, bestand er darauf, dass Gligorić bei den Verhandlungen anwesend war.

Neben dem Brett schrieb Gligorić. Seine Kolumne „Das Spiel des Monats“ wurde Pflichtlektüre. Sein Buch über den WM-Kampf Fischer–Spasski erschien 1972 fast zeitgleich mit dem Match – und wurde ein Welterfolg. Hunderttausende Exemplare. Kaum ein anderer erklärte Schach so ruhig, so präzise, so unaufgeregt.

Im Alter wandte er sich der Musik zu. Komponierte, nahm ein Album auf. „Jede Note ist ein Zug“, sagte er. „Aus bekannten Regeln entsteht eine eigene Architektur.“ Es war kein Abschied vom Schach. Eher eine Fortsetzung mit anderen Mitteln.

Svetozar Gligorić starb 2012. Er wurde nie Weltmeister. Aber er war etwas, das seltener ist: eine verbindende Figur zwischen Epochen, Systemen, Menschen. Einer, der überlebt hatte – und deshalb nie vergaß, worauf es ankommt.

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