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Schachfiguren und -Sets

Stalin, Staunton und Carbolit – Die Geschichte sowjetischer Schach-Sets

Basierend auf dem Blogbeitrag „The 1940 Soviet Staunton: A Counterrevolution in Style“ von Chuck Grau auf sovietchesssets.com

In der Sowjetunion der 1930er-Jahre war auch das Schachbrett ein Ort der kulturellen Auseinandersetzung. Während revolutionäre Designer mit konstruktivistischen Formen experimentierten, entstand gegen Ende des Jahrzehnts eine Gegenbewegung: Klassizismus hielt Einzug – sichtbar auch in Schachfiguren. Die sowjetischen Staunton-Sets dieser Zeit orientierten sich bewusst an westlichen Vorbildern und spiegelten zugleich die ästhetischen Ideale des Stalinismus.

Die stilistische Wende hatte einen ideologischen Hintergrund: Ab 1934 galt der sozialistische Realismus als allein zugelassene Kunstrichtung. Er verlangte klare, realistische Formen mit positiver Ausstrahlung. In der Architektur zeigte sich das im sogenannten „Stalinistischen Empire-Stil“, in der Schachwelt in der Rückkehr zum traditionellen Staunton-Design – mit klassisch gegliederten Figuren, wie sie erstmals um 1849 in England eingeführt worden waren.

Ein erstes herausragendes Beispiel sowjetischer Staunton-Fertigung war ein Set aus Bakelit, einem frühen Kunststoff. Es war groß, schwer, formschön – und deutlich näher am britischen Original als seine konstruktivistischen Vorgänger. Besonders die Springer erinnerten mit ihrer elegant geschwungenen Form an die berühmten Elgin Marbles. Bakelit war allerdings spröde, was zur Entwicklung eines stabileren Materials führte: Carbolit.


V. Smyslov, Moscow 1940. A. Yegorov, Sovfoto photograph.

Berühmt wurde die Carbolit-Version durch ein Fotoshooting anlässlich der 12. UdSSR-Schachmeisterschaft 1940 in Moskau – oft einfach als „1940er Moskauer Turnier“ bezeichnet. Spieler wie Smyslow, Makogonow und Keres wurden mit diesem markanten Set abgelichtet. Auch wenn während des eigentlichen Turniers ein anderes Modell – das Botvinnik-Flohr II – zum Einsatz kam, prägten die offiziellen Pressebilder die Wahrnehmung nachhaltig. Seither ist vom „1940 Championship Club Set“ die Rede.

Dieses Design begleitete das sowjetische Turnierschach über Jahre hinweg: bei Länderkämpfen wie dem USA-UdSSR-Match 1946 ebenso wie bei nationalen Meisterschaften der späten 1940er. Es war Ausdruck eines neuen Selbstbewusstseins: Die Sowjetunion präsentierte sich als kulturelle Weltmacht – auch mit Schachfiguren, die so solide, elegant und repräsentativ waren wie die Säulen ihrer Moskauer Prachtbauten.


Mikhail Botvinnik, 1946 US-USSR Match, Moscow. Photographer unknown.

Ab den 1950ern sank die Fertigungsqualität etwas. Die Carbolit-Sets dieser Jahre zeigen Gussnähte, matte Farben und rote Finials – ein Zeichen dafür, dass nun Masse wichtiger war als Perfektion. Dennoch blieben sie verbreitet – und wurden sogar in Miniaturversionen produziert, etwa von der Artel Plastmass in Leningrad.

Die sowjetischen Staunton-Sets sind mehr als Spielgerät: Sie sind Zeugen eines Epochenwandels, in dem das Schachbrett zur Bühne eines politischen und ästhetischen Programms wurde.

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