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Schach per Telegraf

Schach per Telegraf: Wie eine Frivolität zur transatlantischen Tradition wurde

Schach als Vorläufer des Online-Gamings

Quelle: t3n.de – „Geburtsstunde des Online-Gamings: Erstes Spiel fand vor 181 Jahren statt“, Christian Weindl, 18. Dezember 2025

Der Beitrag rückt Schach ins Zentrum einer Technikgeschichte, die lange vor dem Internet beginnt. Am 26. November 1844 spielten Teams in Washington D.C. und Baltimore eine Schachpartie über mehr als 60 Kilometer Distanz – vermittelt durch den damals neuen elektrischen Telegraphen. Die Züge wurden codiert, als elektrische Signale übertragen und am anderen Ende wieder entschlüsselt. Das gilt als erstes dokumentiertes Fern-Schachspiel in Echtzeit und damit als früher Vorläufer dessen, was heute Online-Schach ist. Der Text zieht die Linie von diesem Experiment zu heutigen Plattformen wie Lichess und Chess.com, auf denen täglich Millionen Partien laufen. Die Kernaussage: Der Impuls, Technik für spielerische Interaktion zu nutzen, ist alt – Schach war früh dabei und zeigte schon 1844, was „online“ im Kern bedeutet.

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Telegrafen-Wettkampf 1946: Spanien gegen Argentinien – Schach über den Atlantik

Quelle: Club d’Escacs Sant Andreu – „Match Internacional Radiotelegráfico de Ajedrez Argentina-España (12 de octubre de 1946)“, Joaquim Travesset; zeitgenössische Berichte in ABC (Madrid), 12. und 13. Oktober 1946, sowie Agentur EFE.

Am 12. Oktober 1946 beginnt ein Schachwettkampf, der keinen gemeinsamen Spielsaal kennt und dennoch gemeinsam gespielt wird. Spanien und Argentinien treten gegeneinander an – verbunden durch Radiotelefonie und Teletype, über tausende Kilometer hinweg. Fünfzehn Bretter. Ein Tag. Eine technische Grenzerfahrung.

Die zeitgenössische Presse kündigt das Ereignis sachlich an. Die Tageszeitung ABC schreibt am Morgen des 12. Oktober 1946:

„Das argentinisch-spanische Radiomatch findet heute statt.“
Quelle: ABC (Madrid), 12. Oktober 1946

Weiter heißt es dort, der Wettkampf werde an einem einzigen Tag ausgetragen, mit einer Höchstdauer von sechs Stunden, und man rechne damit, dass er gegen fünf Uhr morgens ende. Schon diese Ankündigung zeigt: Niemand weiß genau, wie lange dieser Abend dauern wird.

Der Weg zu diesem Match ist aufwendig. Die Übertragung kostet rund 138.000 Peseten. Ursprünglich sind zwanzig Bretter geplant, am Ende werden es fünfzehn. Zu teuer, zu riskant. Ende September findet in Madrid eine Generalprobe statt: mehrere Bretter, fünfzehn Züge pro Partie, drei Stunden Übertragungszeit. Langsam, störanfällig – aber funktionsfähig. Das Projekt lebt.

In Madrid wird der Wettkampf zur Bühne. Gespielt wird im Frontón Fiesta Alegre, einem Ort, den auch Real Madrid nutzt. Fünfzehn große Demonstrationsbretter werden aufgebaut, zwei davon besonders groß für die Spitzenpartien. Das Publikum soll jede Stellung verfolgen können. Der Rundfunk begleitet den Abend mit Sondersendungen. Schach wird hier nicht verborgen, sondern ausgestellt.

In Buenos Aires ist der Rahmen noch größer. Der Wettkampf fällt auf den Tag der Hispanität. Zuvor organisiert die spanische Botschaft ein feierliches Te Deum in der Kathedrale. Kurz darauf beginnt der eigentliche Schachwettkampf. Die Nachrichtenagentur EFE meldet:

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„Kurz nach dieser Zeremonie fand die Eröffnung des radiotelegrafischen Schachwettkampfs zwischen Spanien und Argentinien statt.“
Quelle: EFE, veröffentlicht in ABC, 12. Oktober 1946

Unter den Gästen sind Regierungsmitglieder, Diplomaten – und der Präsident selbst. Juan Domingo Perón übernimmt die symbolische Rolle. Er führt den ersten Zug aus: 1. e4 in der Partie Herman Pilnik – Arturo Pomar. Pomar antwortet mit …c6. Schach als Staatsakt, fast wie der Anstoß vor einem Länderspiel.

Dann beginnt die lange Nacht. Frühe Remisen wechseln sich mit zähen Kämpfen ab. In Madrid verfolgen Zuschauer jede neue Stellung auf den großen Brettern, in Buenos Aires sitzen Funktionäre, Spieler und Gäste. Je später es wird, desto deutlicher zeigt sich ein strukturelles Problem: Argentinien hat keinen Mannschaftskapitän benannt. Entscheidungen über Remisangebote werden ohne Abstimmung getroffen. Ein Punkt geht verloren, weil ein Spieler ein Unentschieden ablehnt, in Zeitnot gerät und schließlich verliert. In einem so engen Wettkampf wiegt das schwer.

Gegen Mitternacht kippt das Bild. Spanien holt auf, geht in Führung. Die argentinische Mannschaft wirkt überrascht, die spanische spielt konzentriert und zäh. Nach drei Uhr morgens laufen noch immer mehrere Partien. Der Wettkampf zieht sich weit über das hinaus, was man am Nachmittag erwartet hatte.

Als der Morgen kommt, wird es mühsam. Die argentinische Seite versucht, den Wettkampf abzukürzen, schlägt vor, laufende Partien kampflos zu entscheiden oder abzubrechen. Die spanische Seite lehnt ab. Gespielt wird weiter. Eine Partie dauert fast zwanzig Stunden. Erst gegen neun Uhr morgens fällt die letzte Entscheidung.

Das Endergebnis ist knapp: Spanien 8, Argentinien 7.

Nach dem Ende gehen Radiotelegramme über den Atlantik. Argentinien gratuliert, Spanien antwortet umgehend. Der Wettkampf ist vorbei, die Leitungen werden geschlossen. Geblieben ist mehr als ein Resultat: ein Abend, an dem Technik, Politik und Schach ineinandergriffen – und an dem ein Spiel zeigte, dass es auch ohne gemeinsamen Raum eine gemeinsame Bühne finden kann.

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