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Schach in Armenien

Arte-Reportage "Armenien: Schach ist König"

Videobeschreibung:

In Armenien wird Schach schon in der Grundschule gelehrt – als Pflichtfach. Selbst in den entlegensten Bergdörfern sind die Kinder mit Begriffen wie „Rochade“ und „Gambit“ vertraut. 1963 wurde der Armenier Tigran Petrosjan Schachweltmeister und löste bei seinen Landsleuten ein beispielloses Schachfieber aus, das seither nicht wieder abgeflaut ist. Für das Land im Südkaukasus mit seiner dramatischen, vom Völkermord 1915 gezeichneten Geschichte ist das Spiel, das auf den Sieg über den gegnerischen König abzielt, auch zu einem Symbol geworden – als einzige Möglichkeit, jene Mächte herauszufordern, die das armenische Volk im Laufe seiner Geschichte immer wieder unterwerfen wollten.

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In Armenien lernen alle Kinder Schach – aber wofür eigentlich?

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 5. Mai 2026 (Abo), Jana Kehl (Text), Anush Babajanyan (Bilder)

Schach gilt vielerorts als elitär, langweilig, altmodisch. In Armenien ist es Pflichtfach. Das schreibt die Neue Zürcher Zeitung.

Als erstes und bisher einziges Land hat der kleine südkaukasische Staat mit drei Millionen Einwohnern das Brettspiel an allen Schulen verpflichtend eingeführt. Zusätzliche Lernstunden werden durch den staatsnahen Schachverband finanziert. Kinder wie der sechsjährige Aschot gehen dreimal pro Woche ins Schachhaus in Eriwan – und bekamen die Spielregeln teils schon mit drei Jahren zu Hause gezeigt.

Vom Kalten Krieg zum Alltagskompass

Die Wurzeln des armenischen Schachbooms liegen in der Sowjetzeit. Der 63-jährige Norair Kalantarjan, der damals selbst als Kind im Schachhaus spielen lernte und heute dort Turniere organisiert, erinnert sich: Schach war Weltpolitik, ein Mittel, um die Überlegenheit des sowjetischen Systems gegenüber dem Westen zu demonstrieren. Heute, sagt er, sei Schach nur noch ein populärer Sport, ein Kulturgut.

Die armenische Regierung sieht das anders – oder zumindest weiter. Sie gründete 2011 nicht nur das Pflichtfach, sondern auch ein eigenes Schach-Institut an der Pädagogischen Universität in Eriwan. Die Soziologin Kristine Tanaijan forscht dort unter anderem über den Einfluss des Spiels auf Kinder mit Autismus. Ihre These: Schach-Strategien können Kindern helfen, kreativere Lösungen für Probleme zu finden und verschiedene Optionen abzuwägen. Resilienz, Empathie, Fokus – Eigenschaften, die für eine moderne Gesellschaft wichtig seien.

Schach und Krieg, verbunden durch Erfahrung

Doch Schach ist in Armenien nicht nur Bildungsprogramm. Es ist auch Haltung. Knarik Danieljan, eine junge Geschichtslehrerin mit violetten Haaren, kehrte vor knapp drei Jahren aus Russland zurück, nachdem Aserbaidschan Nagorni Karabach erobert hatte und Verwandte aus dem Gebiet fliehen mussten. Seitdem nimmt sie an Schachturnieren teil. Krieg und Spiel sind für sie seither irgendwie verbunden – eine Beobachtung, die auch ihre Mitspieler teilen: Angriff, Verteidigung, Front – solche Begriffe fallen auch am Schachbrett.

Einen anderen Blick darauf wirft der Turniersieger, ein 26-jähriger russischer Deserteur, der im September 2022 aus Russland geflohen ist. Für ihn hat Schach wenig mit dem realen Leben zu tun. Es gehe um Strategie – und am Ende des Spiels, sagt er, werden alle Figuren wieder aufgestellt.

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