Savielly Tartakower (1887-1956)
Zitat von Conrad Schormann am 21. Februar 2026, 11:21 UhrTartakower, der Café-Spieler, und die Partie von Teplitz-Schönau
Quelle: Europe Échecs – „Maroczy vs Tartakower, 1922“, 07.03.2022, Georges Bertola
Im Oktober 1922 sitzen Géza Maróczy und Savielly Tartakower in Teplitz-Schönau, heute Teplice, an einem Brett. Eine Kleinstadt in Nordböhmen, Kurort, deutsches Sprachgebiet, zwischen den Kriegen Teil der Tschechoslowakei. Tartakower greift zur Holländischen Verteidigung, verzögert gespielt, und zieht eine Partie auf, die später wie ein langer Anlauf wirkt – bis plötzlich eine Tür aufgeht und alles kippt. Das berichtet Europe Échecs.
Rostow, Genf, Wien
Tartakower kommt am 21. Februar 1887 zur Welt, nach julianischem Kalender am 9. Februar. Seine Familie zieht aus dem Habsburgerreich nach Rostow am Don, nahe dem Asowschen Meer. Rostow: ein wirtschaftlich starkes Zentrum, mit einer großen jüdischen Gemeinde. Sein Vater Grigori baut dort ein Geschäft auf, wechselt zum Calvinismus, lässt die Kinder taufen.
Um 1899 führt der Weg nach Genf, ans Collège Calvin. Tartakower lernt das Spiel zuerst beim Vater, dann sucht er den Club. Er geht ins „Café de la Couronne“, spielt gegen den Professor J. Lyon, gewinnt die erste Partie, verliert drei. Er kommt spät zurück ins Internat „Florissant“, lässt die Prüfung liegen und klebt am Schachbrett, bis er bald Lyon und den Genfer Champion H. Guyaz schlägt.
Wenig später nimmt er in Wien das Jurastudium auf. Die Stadt sammelt Meister, junge Talente, Kaffeehausluft und lange Nächte. Tartakower sitzt im „Café Central“, spielt gegen Julius Perlis und Milan Vidmar, nennt sich ihren „besten Kunden“. Anfang 1905 reist er nach Moskau, spielt Matches gegen Aleksei Gontchachrov und Vladimir Nenarokov.
Profi wider Willen – und der Schock von 1911
1905 taucht Tartakower im Hauptturnier von Barmen auf. 1906 folgt Nürnberg: Er bleibt ungeschlagen, gewinnt vor Abraham Baratz, Paul F. Johner und Leopold Löwy und holt den Meistertitel der deutschen Föderation. In seinen Erinnerungen schildert er den Favoriten Johner, der mit 8,5 aus 9 in die Endgruppe marschiert, während er selbst sich „unter tausend Mühen“ hochkämpft.
1909 promoviert Tartakower zum Doktor der Rechte und wird Bürger der k.u.k.-Monarchie. Eine Anwaltslaufbahn reizt ihn nicht. Er verdient Geld in Cafés, spielt um Einsätze und entscheidet sich für das Leben als Profi – ohne den Vater zu fragen.
Am 18. Februar 1911 trifft ihn ein Telegramm: Seine Eltern sind in Rostow ermordet worden. Eine Deutung nennt ein Pogrom, eine andere spricht von einem Raubmord durch einen früheren Angestellten; der Historiker Sergei Voronkov habe die Umstände aufgeklärt, zitiert der Text Dominique Thimonier.
Im selben Jahr sitzt Tartakower in Karlsbad im Turniersaal. Er spielt eine Konsultationspartie in Wien an der Seite von José Raúl Capablanca gegen Fähndrich und Kaufmann – und gewinnt mit Schwarz. In Karlsbad teilt er Platz neun mit Duras und Alexander Alekhine.
Krieg, Uniform, Rückkehr in die Kaffeehäuser
1913 gewinnt Tartakower ein Match gegen Rudolf Spielmann, 1914 eines gegen Richard Réti. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. In Mannheim läuft ein Turnier, nach elf Runden stoppt es. Tartakower meldet sich freiwillig, wird Reserveleutnant im Regiment „Hoch-und Deutschmeister“, kämpft in den Karpaten gegen die russische Armee, erhält Auszeichnungen. Sein Bruder Arthur fällt im Dezember 1914.
WerbungDie Monarchie zerfällt 1918. Neue Staaten entstehen. Wien schwillt auf zwei Millionen Einwohner an, Inflation und Arbeitslosigkeit drücken die Stadt. 1922 stützt sie sich auf internationale Kredite, die Währung fällt auf einen Bruchteil ihres Vorkriegswerts, dazu kommen akute Versorgungsprobleme. Tartakower spielt weiter Schach und tritt 1922 mal für die Ukraine, mal für die Republik Österreich an.
1924 zieht er nach Paris, eine Stadt voller Emigranten aus dem Osten. Später wählt er die polnische Staatsangehörigkeit, schließt sich der Résistance an und wird nach dem Zweiten Weltkrieg Franzose.
Teplitz-Schönau 1922 – warten, sammeln, zuschlagen
In Teplitz-Schönau trifft Tartakower auf Géza Maróczy, Jahrgang 1870, als zäher Verteidiger bekannt. Die Eröffnung: 1.d4 e6 2.c4 f5. Der Text beschreibt die Idee: Schwarz umgeht das Staunton-Gambit und hält sich Optionen offen. Weiß spielt 4.a3, ein Zug nach Steinitz’ Geschmack, der …Lb4 stoppt, aber Zeit kostet. Schwarz rochiert, baut das Stonewall-Gerüst auf, stellt die Figuren gegen den weißen König.
Der Charakter dieser Partie entsteht aus der Langsamkeit. Weiß betreibt „Politik des Wartens“, Schwarz mobilisiert Schritt für Schritt. Dann taucht ein Plan auf, der wie ein Griff ins Werkzeugfach wirkt: Türme schwenken über die h-Linie, Figuren rücken nach, Drohungen wachsen, ohne dass sofort Schachgebote fallen. Nach 17.♘d2 liegt die Stellung offen auf dem Tisch: Weißer König fast allein, viele Figuren schauen zu, Schwarz hat am Damenflügel noch Baustellen – und greift trotzdem an.
https://youtu.be/rHKbIrX6Mc4
Dann kommt der Moment, der die Partie berühmt macht: 17…♖xh2!! Tartakower opfert den Turm. Der Text betont den Ton der Kombination: keine Kette aus Schachgeboten, sondern eine Folge „stiller“ Züge, die Reservekräfte heranführen. Siegbert Tarrasch nennt das Opfer 1923 „kühn“ und spricht von einem Vorgehen aus Vorahnung; Tartakower selbst beschreibt, was er braucht: Zeit für Manöver wie …♘f6, …♘h5, …♘g3 und …♗d7, bevor Weiß seine Figuren endlich in den Kampf wirft.
Preis, Sturz, Nachhall
Die Juroren geben der Partie den dritten Schönheitspreis. Tartakower notiert, eine Mehrheit habe Opfer dieser Art für nicht vorausberechenbar erklärt und ihnen daher keine Ermutigung geben wollen.
Im Turnier selbst führt Tartakower vor der Schlussrunde. Dann stolpert er gegen Richard Teichmann und teilt am Ende Platz drei mit Ernst Grünfeld.
Tartakower, der Café-Spieler, und die Partie von Teplitz-Schönau
Quelle: Europe Échecs – „Maroczy vs Tartakower, 1922“, 07.03.2022, Georges Bertola
Im Oktober 1922 sitzen Géza Maróczy und Savielly Tartakower in Teplitz-Schönau, heute Teplice, an einem Brett. Eine Kleinstadt in Nordböhmen, Kurort, deutsches Sprachgebiet, zwischen den Kriegen Teil der Tschechoslowakei. Tartakower greift zur Holländischen Verteidigung, verzögert gespielt, und zieht eine Partie auf, die später wie ein langer Anlauf wirkt – bis plötzlich eine Tür aufgeht und alles kippt. Das berichtet Europe Échecs.
Rostow, Genf, Wien
Tartakower kommt am 21. Februar 1887 zur Welt, nach julianischem Kalender am 9. Februar. Seine Familie zieht aus dem Habsburgerreich nach Rostow am Don, nahe dem Asowschen Meer. Rostow: ein wirtschaftlich starkes Zentrum, mit einer großen jüdischen Gemeinde. Sein Vater Grigori baut dort ein Geschäft auf, wechselt zum Calvinismus, lässt die Kinder taufen.
Um 1899 führt der Weg nach Genf, ans Collège Calvin. Tartakower lernt das Spiel zuerst beim Vater, dann sucht er den Club. Er geht ins „Café de la Couronne“, spielt gegen den Professor J. Lyon, gewinnt die erste Partie, verliert drei. Er kommt spät zurück ins Internat „Florissant“, lässt die Prüfung liegen und klebt am Schachbrett, bis er bald Lyon und den Genfer Champion H. Guyaz schlägt.
Wenig später nimmt er in Wien das Jurastudium auf. Die Stadt sammelt Meister, junge Talente, Kaffeehausluft und lange Nächte. Tartakower sitzt im „Café Central“, spielt gegen Julius Perlis und Milan Vidmar, nennt sich ihren „besten Kunden“. Anfang 1905 reist er nach Moskau, spielt Matches gegen Aleksei Gontchachrov und Vladimir Nenarokov.
Profi wider Willen – und der Schock von 1911
1905 taucht Tartakower im Hauptturnier von Barmen auf. 1906 folgt Nürnberg: Er bleibt ungeschlagen, gewinnt vor Abraham Baratz, Paul F. Johner und Leopold Löwy und holt den Meistertitel der deutschen Föderation. In seinen Erinnerungen schildert er den Favoriten Johner, der mit 8,5 aus 9 in die Endgruppe marschiert, während er selbst sich „unter tausend Mühen“ hochkämpft.
1909 promoviert Tartakower zum Doktor der Rechte und wird Bürger der k.u.k.-Monarchie. Eine Anwaltslaufbahn reizt ihn nicht. Er verdient Geld in Cafés, spielt um Einsätze und entscheidet sich für das Leben als Profi – ohne den Vater zu fragen.
Am 18. Februar 1911 trifft ihn ein Telegramm: Seine Eltern sind in Rostow ermordet worden. Eine Deutung nennt ein Pogrom, eine andere spricht von einem Raubmord durch einen früheren Angestellten; der Historiker Sergei Voronkov habe die Umstände aufgeklärt, zitiert der Text Dominique Thimonier.
Im selben Jahr sitzt Tartakower in Karlsbad im Turniersaal. Er spielt eine Konsultationspartie in Wien an der Seite von José Raúl Capablanca gegen Fähndrich und Kaufmann – und gewinnt mit Schwarz. In Karlsbad teilt er Platz neun mit Duras und Alexander Alekhine.

Krieg, Uniform, Rückkehr in die Kaffeehäuser
1913 gewinnt Tartakower ein Match gegen Rudolf Spielmann, 1914 eines gegen Richard Réti. Dann bricht der Erste Weltkrieg aus. In Mannheim läuft ein Turnier, nach elf Runden stoppt es. Tartakower meldet sich freiwillig, wird Reserveleutnant im Regiment „Hoch-und Deutschmeister“, kämpft in den Karpaten gegen die russische Armee, erhält Auszeichnungen. Sein Bruder Arthur fällt im Dezember 1914.
Die Monarchie zerfällt 1918. Neue Staaten entstehen. Wien schwillt auf zwei Millionen Einwohner an, Inflation und Arbeitslosigkeit drücken die Stadt. 1922 stützt sie sich auf internationale Kredite, die Währung fällt auf einen Bruchteil ihres Vorkriegswerts, dazu kommen akute Versorgungsprobleme. Tartakower spielt weiter Schach und tritt 1922 mal für die Ukraine, mal für die Republik Österreich an.
1924 zieht er nach Paris, eine Stadt voller Emigranten aus dem Osten. Später wählt er die polnische Staatsangehörigkeit, schließt sich der Résistance an und wird nach dem Zweiten Weltkrieg Franzose.

Teplitz-Schönau 1922 – warten, sammeln, zuschlagen
In Teplitz-Schönau trifft Tartakower auf Géza Maróczy, Jahrgang 1870, als zäher Verteidiger bekannt. Die Eröffnung: 1.d4 e6 2.c4 f5. Der Text beschreibt die Idee: Schwarz umgeht das Staunton-Gambit und hält sich Optionen offen. Weiß spielt 4.a3, ein Zug nach Steinitz’ Geschmack, der …Lb4 stoppt, aber Zeit kostet. Schwarz rochiert, baut das Stonewall-Gerüst auf, stellt die Figuren gegen den weißen König.
Der Charakter dieser Partie entsteht aus der Langsamkeit. Weiß betreibt „Politik des Wartens“, Schwarz mobilisiert Schritt für Schritt. Dann taucht ein Plan auf, der wie ein Griff ins Werkzeugfach wirkt: Türme schwenken über die h-Linie, Figuren rücken nach, Drohungen wachsen, ohne dass sofort Schachgebote fallen. Nach 17.♘d2 liegt die Stellung offen auf dem Tisch: Weißer König fast allein, viele Figuren schauen zu, Schwarz hat am Damenflügel noch Baustellen – und greift trotzdem an.
Dann kommt der Moment, der die Partie berühmt macht: 17…♖xh2!! Tartakower opfert den Turm. Der Text betont den Ton der Kombination: keine Kette aus Schachgeboten, sondern eine Folge „stiller“ Züge, die Reservekräfte heranführen. Siegbert Tarrasch nennt das Opfer 1923 „kühn“ und spricht von einem Vorgehen aus Vorahnung; Tartakower selbst beschreibt, was er braucht: Zeit für Manöver wie …♘f6, …♘h5, …♘g3 und …♗d7, bevor Weiß seine Figuren endlich in den Kampf wirft.
Preis, Sturz, Nachhall
Die Juroren geben der Partie den dritten Schönheitspreis. Tartakower notiert, eine Mehrheit habe Opfer dieser Art für nicht vorausberechenbar erklärt und ihnen daher keine Ermutigung geben wollen.
Im Turnier selbst führt Tartakower vor der Schlussrunde. Dann stolpert er gegen Richard Teichmann und teilt am Ende Platz drei mit Ernst Grünfeld.