Samuel Reshevsky (1911-1992)
Zitat von Conrad Schormann am 22. Juni 2025, 9:08 UhrSamuel Reshevsky – das frühreife Schachwunderkind mit Umwegen
Quelle: Georges Bertola, Europe Échecs
Samuel Reshevsky war ein Phänomen – und eine Projektionsfläche. Geboren 1911 im polnischen Ozorkow, lernte er Schach, bevor er lesen konnte. Schon als Sechsjähriger trat er in kurzen Hosen gegen Erwachsene an, spielte Simultanpartien, wurde bejubelt, bestaunt – und bald auch vermarktet.
Mit sechs Jahren besucht Reshevsky erstmals den Schachclub in Warschau. Er beeindruckt alle – auch Akiba Rubinstein, der nach einer gewonnenen Partie über den Jungen sagt:
„Eines Tages wirst du Weltmeister sein.“
Europa staunt
Mit acht Jahren reist Reshevsky durch Mitteleuropa. Sein Talent wird zum Spektakel – und zur Einkommensquelle der Familie. 1919 spielt er in den Niederlanden mehrere Simultans; Max Euwe, damals 18, ist der Einzige, der gegen ihn ein Remis erreicht. „Das sorgte für großes Aufsehen“, erinnert sich Euwe später.
1920 tritt der Neunjährige in London blind gegen den britischen Meister Richard Griffith an. Die Partie verläuft auf höchstem Niveau. Reshevsky kommentiert später lakonisch:
„Ich kannte keine Eröffnungsbücher. Ich war zu jung, um von so etwas beeindruckt zu sein.“
Tatsächlich spielt er aus dem Stand heraus ein strategisch tiefes Match – und gewinnt. Bertola analysiert die Partie Zug für Zug, lobt Reshevskys Weitblick und Angriffslust: Das Spiel kulminiert in einer Kombination mit Qualitätsopfer, Turmverdopplung, präziser Endspielführung. Am Ende bleibt Griffith nichts als die Aufgabe.
https://youtu.be/wKqtbuepQ0E
Amerika ruft
Noch im selben Jahr emigriert die Familie in die USA. Für zwei Jahre tourt der kleine Sammy weiter durchs Land, fasziniert die Öffentlichkeit, füllt Säle. Der US-Meister Edward Lasker bezahlt 1.600 Dollar für mehrere Show-Partien – und braucht 70 Züge, um eine zu gewinnen. Reshevsky platzt daraufhin der Kragen:
„Das war die letzte Partie, die Sie gegen mich gewinnen!“
Das Ende der Kindheit
Doch 1924 greift der Staat ein. Das Leben als Show-Wunderkind gilt zunehmend als Kinderarbeit, ein Vormund zwingt ihn erstmals zur regulären Schulausbildung. Der kleine Sammy, der sein Leben bisher über Schach definiert hatte, sitzt nun im Klassenzimmer.
Anders als Paul Morphy, das Wunderkind des 19. Jahrhunderts, verschwindet Reshevsky nicht von der Bühne. Er wird später mehrfacher US-Meister, besiegt Weltmeister wie Botwinnik, spielt Kandidatenturniere – und bleibt mehr als sechs Jahrzehnte lang Teil der Weltelite.
Der Mythos, der ihn umgibt, stammt aus jener Zeit, als er neun Jahre alt war, keinen Theoriezug kannte – und trotzdem stärker spielte als fast jeder Erwachsene.
Reshevskys gepriesenes Strategie-Lehrbuch, Amazon-Klappentext:Samuel Reshevsky is the ideal person to write a book on positional play because that was exactly the way he played: positionally. Reshevsky preferred to crush his opponents slowly, like a python, rather than to win with a blaze of tactics. Reshevsky was capable of great tactics, but felt it easier and more secure just to win by the slow build-up, gaining small advantages and then waiting for the opponent to throw himself on the sword with a brash counter-attack. The disadvantage is this takes a long time and most of the games in this book are long, but that makes them more instructive. A game won by sharp tactics does not teach much, unless that exact tactic arises again. The slow build-up that Reshevsky specialized in can be repeated again and again to bring home the point every time. Reshevsky goes through positional values, such as open files, avoidance of doubled pawns, consequences of weak pawns, bad bishops, unsupported pawn chains, blockade vs. breakthrough, using minority attacks, passed pawns in the middle game and rooks behind passed pawns. In each of these cases, he uses a top level grandmaster game to illustrate it, showing how the greatest players use these motifs to win their games at the highest levels.
Samuel Reshevsky – das frühreife Schachwunderkind mit Umwegen
Quelle: Georges Bertola, Europe Échecs
Samuel Reshevsky war ein Phänomen – und eine Projektionsfläche. Geboren 1911 im polnischen Ozorkow, lernte er Schach, bevor er lesen konnte. Schon als Sechsjähriger trat er in kurzen Hosen gegen Erwachsene an, spielte Simultanpartien, wurde bejubelt, bestaunt – und bald auch vermarktet.
Mit sechs Jahren besucht Reshevsky erstmals den Schachclub in Warschau. Er beeindruckt alle – auch Akiba Rubinstein, der nach einer gewonnenen Partie über den Jungen sagt:
„Eines Tages wirst du Weltmeister sein.“
Europa staunt
Mit acht Jahren reist Reshevsky durch Mitteleuropa. Sein Talent wird zum Spektakel – und zur Einkommensquelle der Familie. 1919 spielt er in den Niederlanden mehrere Simultans; Max Euwe, damals 18, ist der Einzige, der gegen ihn ein Remis erreicht. „Das sorgte für großes Aufsehen“, erinnert sich Euwe später.
1920 tritt der Neunjährige in London blind gegen den britischen Meister Richard Griffith an. Die Partie verläuft auf höchstem Niveau. Reshevsky kommentiert später lakonisch:
„Ich kannte keine Eröffnungsbücher. Ich war zu jung, um von so etwas beeindruckt zu sein.“
Tatsächlich spielt er aus dem Stand heraus ein strategisch tiefes Match – und gewinnt. Bertola analysiert die Partie Zug für Zug, lobt Reshevskys Weitblick und Angriffslust: Das Spiel kulminiert in einer Kombination mit Qualitätsopfer, Turmverdopplung, präziser Endspielführung. Am Ende bleibt Griffith nichts als die Aufgabe.
Amerika ruft
Noch im selben Jahr emigriert die Familie in die USA. Für zwei Jahre tourt der kleine Sammy weiter durchs Land, fasziniert die Öffentlichkeit, füllt Säle. Der US-Meister Edward Lasker bezahlt 1.600 Dollar für mehrere Show-Partien – und braucht 70 Züge, um eine zu gewinnen. Reshevsky platzt daraufhin der Kragen:
„Das war die letzte Partie, die Sie gegen mich gewinnen!“
Das Ende der Kindheit
Doch 1924 greift der Staat ein. Das Leben als Show-Wunderkind gilt zunehmend als Kinderarbeit, ein Vormund zwingt ihn erstmals zur regulären Schulausbildung. Der kleine Sammy, der sein Leben bisher über Schach definiert hatte, sitzt nun im Klassenzimmer.
Anders als Paul Morphy, das Wunderkind des 19. Jahrhunderts, verschwindet Reshevsky nicht von der Bühne. Er wird später mehrfacher US-Meister, besiegt Weltmeister wie Botwinnik, spielt Kandidatenturniere – und bleibt mehr als sechs Jahrzehnte lang Teil der Weltelite.
Der Mythos, der ihn umgibt, stammt aus jener Zeit, als er neun Jahre alt war, keinen Theoriezug kannte – und trotzdem stärker spielte als fast jeder Erwachsene.

Reshevskys gepriesenes Strategie-Lehrbuch, Amazon-Klappentext:
Samuel Reshevsky is the ideal person to write a book on positional play because that was exactly the way he played: positionally. Reshevsky preferred to crush his opponents slowly, like a python, rather than to win with a blaze of tactics. Reshevsky was capable of great tactics, but felt it easier and more secure just to win by the slow build-up, gaining small advantages and then waiting for the opponent to throw himself on the sword with a brash counter-attack. The disadvantage is this takes a long time and most of the games in this book are long, but that makes them more instructive. A game won by sharp tactics does not teach much, unless that exact tactic arises again. The slow build-up that Reshevsky specialized in can be repeated again and again to bring home the point every time. Reshevsky goes through positional values, such as open files, avoidance of doubled pawns, consequences of weak pawns, bad bishops, unsupported pawn chains, blockade vs. breakthrough, using minority attacks, passed pawns in the middle game and rooks behind passed pawns. In each of these cases, he uses a top level grandmaster game to illustrate it, showing how the greatest players use these motifs to win their games at the highest levels.
Zitat von Conrad Schormann am 28. November 2025, 9:59 UhrSamuel Reshevsky: Vom Wunderkind zum Weltmeisterkandidaten
Quelle: Europe Échecs – „Reshevsky (1) — Das Wunderkind“, Georges Bertola
Georges Bertola zeichnet Samuel Reshevsky zuerst als frühes Phänomen: ein jüdischer Junge aus Ozorkow bei Lodz, Jahrgang 1911, der Schach spielt, bevor er lesen kann, und als Kind in kurzen Hosen Simultanvorstellungen gegen Erwachsene gibt. Schon 1917 beeindruckt er im Warschauer Schachklub, Akiba Rubinstein traut ihm damals den Weltmeistertitel zu. Danach folgen Schau- und Simultanreisen durch Europa, etwa in Holland und Wien, wo der Achtjährige gegen starke Meister wie Milan Vidmar ernsthafte Partien spielt und das Publikum erst belächelt, dann staunen lässt.
1920 wandert die Familie in die USA aus. Reshevsky tourt zwei Jahre lang als Wunderkind durchs Land, die Auftritte bringen Geld und sichern den Lebensunterhalt. Gleichzeitig wächst die Kritik: Kinderarbeit, Ausbeutung, fehlende Schulbildung. 1924 greift ein Vormund ein – Reshevsky muss zur Schule, sein öffentlicher Schachzirkus endet.
Die Rückkehr in den ernsten Turnierbetrieb verläuft leise: Pasadena 1932 ist sein erstes großes internationales Turnier, er wird geteilter Dritter hinter Aljechin. 1934 schließt er sein Studium an der University of Chicago ab und startet sportlich durch: Sieg in Syracuse, 1935 Turniersieg in Margate vor Capablanca, 1936 erster US-Meistertitel in New York, starker dritter Platz in Nottingham hinter Botwinnik und Capablanca, 1937 geteilter erster Platz in Kemeri – Ergebnisse, die ihn als realistischen Weltmeisterkandidaten erscheinen lassen.
Bertola zeigt Reshevsky als zähen Kämpfer, der in komplizierten Stellungen und Verteidigungsaufgaben glänzt, aber klare Schwächen hat: ein enges und nicht sehr modernes Eröffnungsrepertoire, schlechtes Zeitmanagement, häufige Zeitnot. Zeitgenossen wie Gideon Stahlberg, Alexander Aljechin, Emanuel Lasker und Max Euwe loben seine Zähigkeit, kritisieren aber genau diese Punkte – und sehen darin einen Grund, warum er den Weltmeistertitel nie erreicht.
Anhand kommentierter Partien (u. a. gegen Keres, Ozols, Kashdan, Smyslow) arbeitet Bertola Reshevskys Stil heraus: Er sucht Chancen in scheinbar „langweiligen“ Stellungen, weicht einfachen Lösungen aus, spielt auf Gewinn, nimmt Risiken in Kauf und verteidigt sich hartnäckig. Gleichzeitig wird sichtbar, wie stark die sowjetischen Spieler nach dem Krieg vorbereitet sind, als Reshevsky im Radiomatch 1945 gegen Smyslow den Kürzeren zieht.
Am Ende dieser ersten Folge steht Reshevsky als Figur zwischen zwei Welten: ein überlebender polnischer Jude in den USA, ein amerikanischer Weltklassemann, der nach Alekhines Tod 1946 neben Botwinnik und Keres als ernsthafter Anwärter auf den WM-Titel gilt – brillant, widersprüchlich, und doch nie ganz auf der Höhe der sowjetischen Maschine.
Samuel Reshevsky: Vom Wunderkind zum Weltmeisterkandidaten
Quelle: Europe Échecs – „Reshevsky (1) — Das Wunderkind“, Georges Bertola
Georges Bertola zeichnet Samuel Reshevsky zuerst als frühes Phänomen: ein jüdischer Junge aus Ozorkow bei Lodz, Jahrgang 1911, der Schach spielt, bevor er lesen kann, und als Kind in kurzen Hosen Simultanvorstellungen gegen Erwachsene gibt. Schon 1917 beeindruckt er im Warschauer Schachklub, Akiba Rubinstein traut ihm damals den Weltmeistertitel zu. Danach folgen Schau- und Simultanreisen durch Europa, etwa in Holland und Wien, wo der Achtjährige gegen starke Meister wie Milan Vidmar ernsthafte Partien spielt und das Publikum erst belächelt, dann staunen lässt.
1920 wandert die Familie in die USA aus. Reshevsky tourt zwei Jahre lang als Wunderkind durchs Land, die Auftritte bringen Geld und sichern den Lebensunterhalt. Gleichzeitig wächst die Kritik: Kinderarbeit, Ausbeutung, fehlende Schulbildung. 1924 greift ein Vormund ein – Reshevsky muss zur Schule, sein öffentlicher Schachzirkus endet.
Die Rückkehr in den ernsten Turnierbetrieb verläuft leise: Pasadena 1932 ist sein erstes großes internationales Turnier, er wird geteilter Dritter hinter Aljechin. 1934 schließt er sein Studium an der University of Chicago ab und startet sportlich durch: Sieg in Syracuse, 1935 Turniersieg in Margate vor Capablanca, 1936 erster US-Meistertitel in New York, starker dritter Platz in Nottingham hinter Botwinnik und Capablanca, 1937 geteilter erster Platz in Kemeri – Ergebnisse, die ihn als realistischen Weltmeisterkandidaten erscheinen lassen.
Bertola zeigt Reshevsky als zähen Kämpfer, der in komplizierten Stellungen und Verteidigungsaufgaben glänzt, aber klare Schwächen hat: ein enges und nicht sehr modernes Eröffnungsrepertoire, schlechtes Zeitmanagement, häufige Zeitnot. Zeitgenossen wie Gideon Stahlberg, Alexander Aljechin, Emanuel Lasker und Max Euwe loben seine Zähigkeit, kritisieren aber genau diese Punkte – und sehen darin einen Grund, warum er den Weltmeistertitel nie erreicht.
Anhand kommentierter Partien (u. a. gegen Keres, Ozols, Kashdan, Smyslow) arbeitet Bertola Reshevskys Stil heraus: Er sucht Chancen in scheinbar „langweiligen“ Stellungen, weicht einfachen Lösungen aus, spielt auf Gewinn, nimmt Risiken in Kauf und verteidigt sich hartnäckig. Gleichzeitig wird sichtbar, wie stark die sowjetischen Spieler nach dem Krieg vorbereitet sind, als Reshevsky im Radiomatch 1945 gegen Smyslow den Kürzeren zieht.
Am Ende dieser ersten Folge steht Reshevsky als Figur zwischen zwei Welten: ein überlebender polnischer Jude in den USA, ein amerikanischer Weltklassemann, der nach Alekhines Tod 1946 neben Botwinnik und Keres als ernsthafter Anwärter auf den WM-Titel gilt – brillant, widersprüchlich, und doch nie ganz auf der Höhe der sowjetischen Maschine.
Zitat von Conrad Schormann am 9. März 2026, 20:08 UhrDas Wunderkind als Spiegel einer Gesellschaft
Quelle: The Zugzwang Blog – „Samuel Reshevsky: El niño que el mundo usó como un juguete“, 9. März 2026, Daniel Muñoz
Das Bild des Schachgenies Samuel Reshevsky erzählt weniger von einem außergewöhnlichen Talent als von einer Gesellschaft, die ein Kind zum Spektakel machte. Das schreibt The Zugzwang Blog. Hinter der Bewunderung für den jungen Spieler steht die Frage, wo Förderung endet und Ausbeutung beginnt.
Eine Szene aus dem Berlin des Jahres 1920 steht im Zentrum dieser Betrachtung. In einem aristokratischen Saal warten zwanzig erwachsene Spieler auf einen Gegner – und sehen stattdessen einen achtjährigen Jungen eintreten. Reshevsky geht von Brett zu Brett und besiegt sie alle in einer Simultanvorstellung. Nach drei Stunden verlässt er den Saal, läuft in einen Garten und spielt mit anderen Kindern, als wolle er die Partie so schnell wie möglich hinter sich lassen.
https://bsky.app/profile/chessolympus.bsky.social/post/3mdfyeyxqbs2p
Vom Wunderkind zum Schauobjekt
Reshevsky wurde 1911 im polnischen Ozorków geboren, damals Teil des Russischen Reiches. Als Sohn einer armen orthodox-jüdischen Familie lernte er das Spiel mit vier Jahren, indem er seinem Vater zusah. Schon kurz darauf galt er in seiner Umgebung als außergewöhnliches Talent. Mit sechs Jahren spielte er in Warschau gegen erfahrene Gegner und wurde in der Öffentlichkeit als Wunderkind präsentiert.
Nach dem Ersten Weltkrieg entdeckten Unternehmer und Förderer das wirtschaftliche Potenzial des Jungen. Es begann eine Tour durch europäische Städte wie Wien, Berlin, Hamburg, Amsterdam, London und Paris. Reshevsky trat in Cafés und Salons auf, spielte Simultanpartien und wurde zum Gegenstand einer wachsenden Medienaufmerksamkeit. Seine Auftritte wurden gefilmt, Zeitungen berichteten über ihn, und ein internationales Publikum verfolgte seine Partien.
Die Kehrseite dieses Ruhms lag im Alltag des Kindes. Während Reshevsky vor Publikum spielte und Einnahmen für seine Familie erzielte, erhielt er kaum Schulunterricht. Nach Angaben zeitgenössischer Berichte konnte er mit acht Jahren weder lesen noch schreiben.
Ein Kind als Forschungsobjekt
Die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Jungen weckten das Interesse der Wissenschaft. In Berlin untersuchte die Schweizer Psychologin Franziska Baumgarten seine geistigen Leistungen. In Tests zeigte Reshevsky eine außergewöhnliche Gedächtnisleistung: Er konnte Reihen von Zahlen in Sekunden aufnehmen und wiedergeben.
Gleichzeitig stellten die Untersuchungen deutliche Defizite fest. In Fragen der Allgemeinbildung oder der emotionalen Entwicklung schnitt der Junge deutlich schlechter ab. Baumgarten stellte fest, dass ihm grundlegende Erfahrungen fehlten, etwa der Umgang mit Kinderbüchern oder alltäglichen Bildern aus der Natur. In ihren Berichten beschrieb sie Reshevsky als erschöpft und emotional distanziert.
Amerika und ein erzwungener Bruch
Ende 1920 wanderte die Familie in die Vereinigten Staaten aus. Dort trat Reshevsky erneut als Wunderkind auf, spielte Simultanvorstellungen und wurde in der Öffentlichkeit gefeiert. Gleichzeitig wuchs die Kritik daran, dass ein Kind seine Zeit in verrauchten Klubs verbrachte, statt eine Schule zu besuchen.
Die Situation änderte sich durch den Unternehmer und Philanthropen Julius Rosenwald, Präsident des Unternehmens Sears, Roebuck & Co. Er erklärte sich bereit, die Ausbildung des Jungen und den Lebensunterhalt der Familie zu finanzieren – unter der Bedingung, dass Reshevsky vollständig aus dem professionellen Schachbetrieb verschwindet. Der Junge zog sich daraufhin für mehrere Jahre aus der Öffentlichkeit zurück.
Rückkehr eines Erwachsenen
Erst später kehrte Reshevsky an das Brett zurück. Inzwischen hatte er ein Studium der Buchhaltung an der Universität Chicago abgeschlossen. Als Erwachsener entwickelte er sich zu einem der stärksten Spieler der Vereinigten Staaten. Er gewann siebenmal die US-Meisterschaft und spielte über Jahrzehnte auf höchstem Niveau.
In internationalen Wettkämpfen trat er gegen Spieler wie Mijaíl Botvínnik an und erlebte später den Aufstieg von Bobby Fischer. Seine Partien waren berüchtigt für Zeitnotphasen, in denen er unter großem Druck präzise Züge fand.
Talent und Preis
Reshevsky starb 1992. Seine Laufbahn hinterließ nicht nur bedeutende Partien, sondern auch eine Geschichte über die Ambivalenz früher Berühmtheit. Der Aufstieg eines außergewöhnlichen Kindes zeigt in dieser Darstellung zugleich die Mechanismen einer Gesellschaft, die Talent bewundert, vermarktet und untersucht.
Der Spieler selbst erinnerte sich später daran, dass er als Kind oft nur eines wollte: die Partie schnell beenden, nach draußen gehen und mit anderen Kindern spielen.
Das Wunderkind als Spiegel einer Gesellschaft
Quelle: The Zugzwang Blog – „Samuel Reshevsky: El niño que el mundo usó como un juguete“, 9. März 2026, Daniel Muñoz
Das Bild des Schachgenies Samuel Reshevsky erzählt weniger von einem außergewöhnlichen Talent als von einer Gesellschaft, die ein Kind zum Spektakel machte. Das schreibt The Zugzwang Blog. Hinter der Bewunderung für den jungen Spieler steht die Frage, wo Förderung endet und Ausbeutung beginnt.
Eine Szene aus dem Berlin des Jahres 1920 steht im Zentrum dieser Betrachtung. In einem aristokratischen Saal warten zwanzig erwachsene Spieler auf einen Gegner – und sehen stattdessen einen achtjährigen Jungen eintreten. Reshevsky geht von Brett zu Brett und besiegt sie alle in einer Simultanvorstellung. Nach drei Stunden verlässt er den Saal, läuft in einen Garten und spielt mit anderen Kindern, als wolle er die Partie so schnell wie möglich hinter sich lassen.
On this day in 1921, Samuel Reshevsky threw down against 20 Ohioans at the City Club of Cleveland (17 wins, 2 draws, 1 loss). From American Chess Bulletin, February 1921.
Werbung— Chess Olympus (@chessolympus.bsky.social) 2026-01-27T14:39:06.442Z
Vom Wunderkind zum Schauobjekt
Reshevsky wurde 1911 im polnischen Ozorków geboren, damals Teil des Russischen Reiches. Als Sohn einer armen orthodox-jüdischen Familie lernte er das Spiel mit vier Jahren, indem er seinem Vater zusah. Schon kurz darauf galt er in seiner Umgebung als außergewöhnliches Talent. Mit sechs Jahren spielte er in Warschau gegen erfahrene Gegner und wurde in der Öffentlichkeit als Wunderkind präsentiert.
Nach dem Ersten Weltkrieg entdeckten Unternehmer und Förderer das wirtschaftliche Potenzial des Jungen. Es begann eine Tour durch europäische Städte wie Wien, Berlin, Hamburg, Amsterdam, London und Paris. Reshevsky trat in Cafés und Salons auf, spielte Simultanpartien und wurde zum Gegenstand einer wachsenden Medienaufmerksamkeit. Seine Auftritte wurden gefilmt, Zeitungen berichteten über ihn, und ein internationales Publikum verfolgte seine Partien.
Die Kehrseite dieses Ruhms lag im Alltag des Kindes. Während Reshevsky vor Publikum spielte und Einnahmen für seine Familie erzielte, erhielt er kaum Schulunterricht. Nach Angaben zeitgenössischer Berichte konnte er mit acht Jahren weder lesen noch schreiben.
Ein Kind als Forschungsobjekt
Die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Jungen weckten das Interesse der Wissenschaft. In Berlin untersuchte die Schweizer Psychologin Franziska Baumgarten seine geistigen Leistungen. In Tests zeigte Reshevsky eine außergewöhnliche Gedächtnisleistung: Er konnte Reihen von Zahlen in Sekunden aufnehmen und wiedergeben.
Gleichzeitig stellten die Untersuchungen deutliche Defizite fest. In Fragen der Allgemeinbildung oder der emotionalen Entwicklung schnitt der Junge deutlich schlechter ab. Baumgarten stellte fest, dass ihm grundlegende Erfahrungen fehlten, etwa der Umgang mit Kinderbüchern oder alltäglichen Bildern aus der Natur. In ihren Berichten beschrieb sie Reshevsky als erschöpft und emotional distanziert.
Amerika und ein erzwungener Bruch
Ende 1920 wanderte die Familie in die Vereinigten Staaten aus. Dort trat Reshevsky erneut als Wunderkind auf, spielte Simultanvorstellungen und wurde in der Öffentlichkeit gefeiert. Gleichzeitig wuchs die Kritik daran, dass ein Kind seine Zeit in verrauchten Klubs verbrachte, statt eine Schule zu besuchen.
Die Situation änderte sich durch den Unternehmer und Philanthropen Julius Rosenwald, Präsident des Unternehmens Sears, Roebuck & Co. Er erklärte sich bereit, die Ausbildung des Jungen und den Lebensunterhalt der Familie zu finanzieren – unter der Bedingung, dass Reshevsky vollständig aus dem professionellen Schachbetrieb verschwindet. Der Junge zog sich daraufhin für mehrere Jahre aus der Öffentlichkeit zurück.
Rückkehr eines Erwachsenen
Erst später kehrte Reshevsky an das Brett zurück. Inzwischen hatte er ein Studium der Buchhaltung an der Universität Chicago abgeschlossen. Als Erwachsener entwickelte er sich zu einem der stärksten Spieler der Vereinigten Staaten. Er gewann siebenmal die US-Meisterschaft und spielte über Jahrzehnte auf höchstem Niveau.
In internationalen Wettkämpfen trat er gegen Spieler wie Mijaíl Botvínnik an und erlebte später den Aufstieg von Bobby Fischer. Seine Partien waren berüchtigt für Zeitnotphasen, in denen er unter großem Druck präzise Züge fand.
Talent und Preis
Reshevsky starb 1992. Seine Laufbahn hinterließ nicht nur bedeutende Partien, sondern auch eine Geschichte über die Ambivalenz früher Berühmtheit. Der Aufstieg eines außergewöhnlichen Kindes zeigt in dieser Darstellung zugleich die Mechanismen einer Gesellschaft, die Talent bewundert, vermarktet und untersucht.
Der Spieler selbst erinnerte sich später daran, dass er als Kind oft nur eines wollte: die Partie schnell beenden, nach draußen gehen und mit anderen Kindern spielen.



