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Raj Tischbierek

Raj Tischbierek über Transgender, Blübaum und ein halbes Leben für die Zeitschrift Schach

Quelle: Schachtalk am Sonntag, Chess Tigers mit Michael Busse und Jonathan Carlstedt, Gespräch mit GM Raj Tischbierek, September 2025

„Es gibt keine andere Lösung, als Transfrauen sofort und uneingeschränkt bei den Frauen mitspielen zu lassen.“ Diese klare Position vertrat Raj Tischbierek im Schachtalk am Sonntag. Der langjährige Chefredakteur der Zeitschrift Schach schilderte, wie er sich erst über intensives Schreiben und Gespräche – unter anderem mit der früheren Deutschen Meisterin Anne-Marie Meier – eine eindeutige Meinung gebildet habe. Wer sich in die Lage eines Menschen hineinversetze, der sich im falschen Körper wähne, könne kaum glauben, dass jemand nur für einen Titel Missbrauch betreiben würde. Den oft geäußerten Verdacht, Spieler könnten das Thema „ausnutzen“, hält er für absurd.

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Vom DDR-Meister zum Publizisten

Tischbierek, selbst zweifacher DDR-Meister und Großmeister seit 1990, übernahm 1991 die Chefredaktion der traditionsreichen Zeitschrift Schach. Zunächst angestellt beim damaligen Sportverlag, gründete er 1999 den Excelsior-Verlag und führte das Blatt über 35 Jahre. Ein redaktionelles Konzept habe er nie gehabt, sagte er – er schrieb, was er für wichtig hielt. Kritiker hielten ihm Elitismus vor, andere lobten die Tiefe. Gastautoren wie Alexei Shirov, Anatoli Karpov und Garri Kasparow prägten das Profil. 2024 gab er die Verantwortung an die Chess Tigers weiter, heute schreibt er Kolumnen für den Deutschen Schachbund.

Blübaum als WM-Kandidat

Ein Schwerpunkt des Gesprächs war die Sensation, dass sich Matthias Blübaum für das Kandidatenturnier qualifiziert hat. Tischbierek zeigte sich begeistert: Blübaum habe beim Grand Swiss nahezu fehlerlos gespielt – in zehn Partien nur einen groben Fehler. Für das Kandidatenturnier brauche er nun erstmals ein Team, denn bislang sei er ohne festen Trainer ausgekommen. Eine große Herausforderung werde zudem der neue öffentliche Druck: „Plötzlich interessieren sich alle für ihn – Interviews, Presseanfragen. Damit muss er erst umgehen.“

Auch Vincent Keymer war Thema. Tischbierek zitierte Anish Giri, der Keymers Entwicklung im Freestyle Chess als entscheidenden Faktor für seinen Sprung in die Weltspitze sieht. Keymer habe gelernt, auch ohne Vorbereitung gegen die Besten zu bestehen.

Schach im Umbruch

Zur Zukunft des Schachs zeigte sich Tischbierek skeptisch. Klassisches Schach habe es schwer, große Sponsoren zu gewinnen, während Freestyle-Formate oder E-Sport-artige Inszenierungen mehr Aufmerksamkeit versprächen. „Zur Kommerzialisierung kann das klassische Schach wenig beitragen“, sagte er. Persönlich bleibt er Anhänger der langen Bedenkzeit, rechnet aber damit, dass kürzere Formate und Showelemente an Bedeutung gewinnen.

Zwischen Tradition und Wandel

Tischbierek sprach über seine neue Rolle: keine Deadlines mehr, Zeit für Bauprojekte, aber auch neue Buchideen – etwa eine Fortsetzung seiner Olympiade-Chroniken. Rückblickend auf 35 Jahre Schach bleibt sein Fazit nüchtern: Er habe schlicht das gemacht, was er konnte. 


Nach der Lasker-Biografie demnächst eine Olympia-Fortsetzung?

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