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Organisiertes Schach in Deutschland
Zitat von Conrad Schormann am 9. September 2026, 10:33 Uhr„Föderale Selbstzerfleischung": Michael Negele erzählt 150 Jahre Streit im Deutschen Schachbund
Quelle: ChessBase Deutschland – „Michael Negele über 150 Jahre Streit im Deutschen Schachbund - Interview", 9. Juli 2026, André Schulz
Der Anlass war ein Gespräch am Rande: Als André Schulz und der Schachhistoriker Michael Negele über die Querelen im Deutschen Schachbund sprachen, winkte Negele ab – das sei doch immer so gewesen. Daraus wurde ein Interview vor der Kamera, in dem Negele ein selbst mitgebrachtes Pamphlet von 1896 in die Linse hält und die Geschichte des Verbandes als Kette von Machtkämpfen erzählt. Er selbst nennt es die „föderale Selbstzerfleischung" des DSB. Das berichtet ChessBase Deutschland.
https://youtu.be/ACJloKJ32Ls
Am Anfang stand kein Streit, sondern eine Gründungswelle. Die frühen deutschen Schachvereine hießen Schachkränzchen, der älteste bekannte, der „alte Club" in Berlin, entstand 1803 und verschwand wieder. Nach dem Sieg Adolf Anderssens in London 1851 gründeten Schachfreunde reihenweise Vereine, ab 1861 schlossen sie sich regional zusammen – zuerst im Westdeutschen Schachbund in Düsseldorf, angestoßen von Max Lange, der englische Verbandsstrukturen studiert hatte. Am 18. Juli 1877 gründeten die Delegierten in Leipzig, während einer Feier zum Schachjubiläum Anderssens, den allgemeinen deutschen Schachbund. Sie legten nur drei Dinge fest: einen Generalsekretär, alle zwei Jahre einen Kongress und dort ein Meisterturnier. Mitglieder waren Vereine, Einzelpersonen und Gönner; ein Gönner zahlte einmalig 250 Mark für die Lebenszeit.
Der Rotstift und die erste Spaltung
Die Organisation ruhte auf einer Person. Hermann Zwanzig, Textilhändler und im Nebenberuf „eiserner Schachkanzler", reiste durch Deutschland und setzte den Vereinen die Pistole auf die Brust, damit sie Kongresse ausrichteten. Als er im Januar 1894 in Gera starb, stand der Bund ohne Manager da. Der pensionierte Max Lange übernahm das Amt eines „Bundesverwalters" – und griff zum Rotstift, als die Nürnberger ihren Programmentwurf für den Kongress 1896 einreichten. Der Eklat eskalierte: Die Nürnberger richteten ihr Meisterturnier ohne den Bund aus, Lange organisierte einen Notkongress in Eisenach, den ein weithin unbekannter Spieler aus Frankfurt gewann. Süddeutsche Vereine sammelten sich hinter Siegbert Tarrasch, Berliner Zeitungen schossen gegen Lange, die Berliner Schachgesellschaft trat aus. Lange, schwer krank, blieb im Amt und starb 1899. Erst unter dem Coburger Gymnasialprofessor Rudolf Gebhardt beruhigte sich der Bund – und erlebte bis 1914 seine stärkste Zeit, mit Kongressen, die Negele für die bedeutendsten Turniere der Epoche hält, mit den ersten fünf Partien der Weltmeisterschaft Lasker gegen Tarrasch in Düsseldorf 1908 und dem Abbruch von Mannheim 1914 bei Kriegsausbruch.
Der zweite große Konflikt war ein politischer. 1920 wählten die Delegierten in Berlin den Hamburger Kaufmann Walter Robinow zum Vorsitzenden, der die Deutschen Schachblätter aus eigener Tasche finanzierte und 1926 die Wiederaufnahme Deutschlands in die FIDE erreichte. Gegen ihn arbeitete der Berliner Amtsanwalt Erhard Post, der das deutsche Schach national ausrichten und von Berlin aus bestimmen wollte. Jacques Mises unterstellte ihm in der Statutendebatte eine „völkische Gesinnung"; Berlin trat aus, gründete eine eigene Zeitschrift, und 1928 versuchte Post beim Außenamt, dem DSB die Unterstützung für Den Haag zu verweigern. Robinow schrieb seinen Vorstandsmitgliedern lediglich, Post wühle wieder herrlich. Die Hamburger Olympiade 1930, mitfinanziert vom vielfach jüdischen Hamburger Geldadel, trug das Motto „Mein Brett ist die Welt". 1931 gründeten Berliner Funktionäre den Großdeutschen Schachbund. Nach dem Januar 1933 griff Joseph Goebbels in das Gerangel ein und setzte Otto Zander als Bundesleiter ein; in Bad Pyrmont erklärte dieser, Juden könne man in der Organisation nicht gebrauchen, und setzte verdiente Mitglieder und Funktionäre vor die Tür. Post wurde Sachwalter, später Geschäftsführer eines Europaschachbundes. Der Spielbetrieb lief bis 1944.
Nach 1945: alte Netzwerke, neue Skandale
Der Zusammenbruch dauerte kurz. Schon im Oktober 1945 spielten Lübecker Schachfreunde wieder – auf einem Schiff, weil alles andere zerstört war. In den Besatzungszonen organisierte sich das Schach zwangsläufig regional, 1946 entstand die Arbeitsgemeinschaft deutscher Schachverbände, deren Statuten ausdrücklich die Mitarbeit entlasteter früherer Nationalsozialisten vorsahen – für das Ausland ein Ausschlussgrund. Zum dritten großen Skandal führte 1952 eine Festschrift: Alfred Brinkmann, mehrfach in Geldangelegenheiten belastet und unter den Nationalsozialisten wegen seiner Homosexualität zwei Jahre im Gefängnis, würdigte zum 75-jährigen Bestehen Robinow knapp und Post über alle Maßen. Der Hamburger Kolumnist Hans Klüver und der hessische Vorsitzende Karl Lindmann protestierten, der Präsident hielt Brinkmann die Stange. Emil Josef Diemer schrieb auf Briefpapier des Badischen Schachverbandes über Brinkmanns Homosexualität – und wurde von der letzten gesamtdeutschen Meisterschaft 1953 in Leipzig ausgeschlossen. 1955 trat der Vorstand in Köln geschlossen zurück, um auch den Ausschluss Lindmanns zu erzwingen. Brinkmann wurde Ehrenmitglied des DSB. Robinow, hält Negele fest, ist bis heute nicht Ehrenpräsident.
Ruhiger wurde es erst mit einem Angestellten: Horst Metzing, 1976 als Geschäftsführer berufen, führte den Bund bis 2013 – 37 Jahre, in denen die Wiedervereinigung der Verbände nach Negeles Urteil geräuschlos gelang. Die Krisen der letzten Jahre führt er auf verfehlte Personalentscheidungen und finanzielle Schieflagen zurück. Der neue Präsident Paul Meyer-Dunker ist nicht der, den er sich gewünscht hätte; bestimmte Landesverbände, sagt Negele, wollten keinen starken Präsidenten. Er hofft auf Strukturreformen – und hat noch einen Plan: ein Buch über Sonja Graf, in der er das mutmaßliche Vorbild für die Heldin von „Queen's Gambit" sieht.
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„Föderale Selbstzerfleischung": Michael Negele erzählt 150 Jahre Streit im Deutschen Schachbund
Quelle: ChessBase Deutschland – „Michael Negele über 150 Jahre Streit im Deutschen Schachbund - Interview", 9. Juli 2026, André Schulz
Der Anlass war ein Gespräch am Rande: Als André Schulz und der Schachhistoriker Michael Negele über die Querelen im Deutschen Schachbund sprachen, winkte Negele ab – das sei doch immer so gewesen. Daraus wurde ein Interview vor der Kamera, in dem Negele ein selbst mitgebrachtes Pamphlet von 1896 in die Linse hält und die Geschichte des Verbandes als Kette von Machtkämpfen erzählt. Er selbst nennt es die „föderale Selbstzerfleischung" des DSB. Das berichtet ChessBase Deutschland.
Am Anfang stand kein Streit, sondern eine Gründungswelle. Die frühen deutschen Schachvereine hießen Schachkränzchen, der älteste bekannte, der „alte Club" in Berlin, entstand 1803 und verschwand wieder. Nach dem Sieg Adolf Anderssens in London 1851 gründeten Schachfreunde reihenweise Vereine, ab 1861 schlossen sie sich regional zusammen – zuerst im Westdeutschen Schachbund in Düsseldorf, angestoßen von Max Lange, der englische Verbandsstrukturen studiert hatte. Am 18. Juli 1877 gründeten die Delegierten in Leipzig, während einer Feier zum Schachjubiläum Anderssens, den allgemeinen deutschen Schachbund. Sie legten nur drei Dinge fest: einen Generalsekretär, alle zwei Jahre einen Kongress und dort ein Meisterturnier. Mitglieder waren Vereine, Einzelpersonen und Gönner; ein Gönner zahlte einmalig 250 Mark für die Lebenszeit.
Der Rotstift und die erste Spaltung
Die Organisation ruhte auf einer Person. Hermann Zwanzig, Textilhändler und im Nebenberuf „eiserner Schachkanzler", reiste durch Deutschland und setzte den Vereinen die Pistole auf die Brust, damit sie Kongresse ausrichteten. Als er im Januar 1894 in Gera starb, stand der Bund ohne Manager da. Der pensionierte Max Lange übernahm das Amt eines „Bundesverwalters" – und griff zum Rotstift, als die Nürnberger ihren Programmentwurf für den Kongress 1896 einreichten. Der Eklat eskalierte: Die Nürnberger richteten ihr Meisterturnier ohne den Bund aus, Lange organisierte einen Notkongress in Eisenach, den ein weithin unbekannter Spieler aus Frankfurt gewann. Süddeutsche Vereine sammelten sich hinter Siegbert Tarrasch, Berliner Zeitungen schossen gegen Lange, die Berliner Schachgesellschaft trat aus. Lange, schwer krank, blieb im Amt und starb 1899. Erst unter dem Coburger Gymnasialprofessor Rudolf Gebhardt beruhigte sich der Bund – und erlebte bis 1914 seine stärkste Zeit, mit Kongressen, die Negele für die bedeutendsten Turniere der Epoche hält, mit den ersten fünf Partien der Weltmeisterschaft Lasker gegen Tarrasch in Düsseldorf 1908 und dem Abbruch von Mannheim 1914 bei Kriegsausbruch.
Der zweite große Konflikt war ein politischer. 1920 wählten die Delegierten in Berlin den Hamburger Kaufmann Walter Robinow zum Vorsitzenden, der die Deutschen Schachblätter aus eigener Tasche finanzierte und 1926 die Wiederaufnahme Deutschlands in die FIDE erreichte. Gegen ihn arbeitete der Berliner Amtsanwalt Erhard Post, der das deutsche Schach national ausrichten und von Berlin aus bestimmen wollte. Jacques Mises unterstellte ihm in der Statutendebatte eine „völkische Gesinnung"; Berlin trat aus, gründete eine eigene Zeitschrift, und 1928 versuchte Post beim Außenamt, dem DSB die Unterstützung für Den Haag zu verweigern. Robinow schrieb seinen Vorstandsmitgliedern lediglich, Post wühle wieder herrlich. Die Hamburger Olympiade 1930, mitfinanziert vom vielfach jüdischen Hamburger Geldadel, trug das Motto „Mein Brett ist die Welt". 1931 gründeten Berliner Funktionäre den Großdeutschen Schachbund. Nach dem Januar 1933 griff Joseph Goebbels in das Gerangel ein und setzte Otto Zander als Bundesleiter ein; in Bad Pyrmont erklärte dieser, Juden könne man in der Organisation nicht gebrauchen, und setzte verdiente Mitglieder und Funktionäre vor die Tür. Post wurde Sachwalter, später Geschäftsführer eines Europaschachbundes. Der Spielbetrieb lief bis 1944.
Nach 1945: alte Netzwerke, neue Skandale
Der Zusammenbruch dauerte kurz. Schon im Oktober 1945 spielten Lübecker Schachfreunde wieder – auf einem Schiff, weil alles andere zerstört war. In den Besatzungszonen organisierte sich das Schach zwangsläufig regional, 1946 entstand die Arbeitsgemeinschaft deutscher Schachverbände, deren Statuten ausdrücklich die Mitarbeit entlasteter früherer Nationalsozialisten vorsahen – für das Ausland ein Ausschlussgrund. Zum dritten großen Skandal führte 1952 eine Festschrift: Alfred Brinkmann, mehrfach in Geldangelegenheiten belastet und unter den Nationalsozialisten wegen seiner Homosexualität zwei Jahre im Gefängnis, würdigte zum 75-jährigen Bestehen Robinow knapp und Post über alle Maßen. Der Hamburger Kolumnist Hans Klüver und der hessische Vorsitzende Karl Lindmann protestierten, der Präsident hielt Brinkmann die Stange. Emil Josef Diemer schrieb auf Briefpapier des Badischen Schachverbandes über Brinkmanns Homosexualität – und wurde von der letzten gesamtdeutschen Meisterschaft 1953 in Leipzig ausgeschlossen. 1955 trat der Vorstand in Köln geschlossen zurück, um auch den Ausschluss Lindmanns zu erzwingen. Brinkmann wurde Ehrenmitglied des DSB. Robinow, hält Negele fest, ist bis heute nicht Ehrenpräsident.
Ruhiger wurde es erst mit einem Angestellten: Horst Metzing, 1976 als Geschäftsführer berufen, führte den Bund bis 2013 – 37 Jahre, in denen die Wiedervereinigung der Verbände nach Negeles Urteil geräuschlos gelang. Die Krisen der letzten Jahre führt er auf verfehlte Personalentscheidungen und finanzielle Schieflagen zurück. Der neue Präsident Paul Meyer-Dunker ist nicht der, den er sich gewünscht hätte; bestimmte Landesverbände, sagt Negele, wollten keinen starken Präsidenten. Er hofft auf Strukturreformen – und hat noch einen Plan: ein Buch über Sonja Graf, in der er das mutmaßliche Vorbild für die Heldin von „Queen's Gambit" sieht.
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