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Michael Stöttinger

Michael Stöttinger denkt Schach als Event – und sucht dafür den direkten Draht zur FIDE

Interviewpartner: Michael Stöttinger – Interviewer: Florian Schmidt – Format/Medium: YouTube – 28.12.2025

Schach soll so präsentiert werden, dass es auch Menschen fesselt, die keine Variante berechnen können. Für Michael Stöttinger liegt genau dort die Aufgabe des Sports. Blitz- und Rapid-Schach seien dafür besonders geeignet, weil dort Körpersprache, Zeitnot und Emotionen sofort sichtbar würden. „So müsste man auch Schach präsentieren.“ Das sagte Michael Stöttinger im Gespräch mit Florian Schmidt.

Der Präsident des österreichischen Schachbunds verbindet diese Sicht mit einer klaren Idee: Er möchte große internationale Schachveranstaltungen nach Österreich holen, vor allem eine Blitz- und Rapid-WM. Eine klassische Einzel-WM sieht er dagegen deutlich nüchterner. Seine Eindrücke aus Dubai beschreibt er als ernüchternd: viel Distanz, wenig unmittelbare Nähe zum Geschehen, wenig Mehrwert für Zuschauer vor Ort. Die Blitz- und Rapid-WM erlebt er anders. Er war in Usbekistan, New York und Katar live dabei und hält dieses Format für die stärkste Live-Veranstaltung im Schach.

Der Weg ins Amt führte über Events

Stöttinger sagt, er habe das Präsidentenamt nie als klassischen Karriereplan verfolgt. Sein Zugang kam über Veranstaltungen. 2006 organisierte er sein erstes Kasparov-Event in der PlusCity. Später wuchsen die Projekte, und damit entstand der Gedanke, irgendwann sogar eine Schach-WM nach Österreich zu holen. In dieser Phase merkte er nach eigener Darstellung, dass so ein Vorhaben ohne Rolle im Verband kaum umzusetzen ist.

Als der österreichische Schachbund später einen Präsidenten suchte, kam sein Name ins Spiel. Beim zweiten Anlauf sagte er zu. Danach lernte er den Verband in kurzer Zeit intensiv kennen, reiste durch die Bundesländer und arbeitete sich in Strukturen ein, die ihm vorher fremd gewesen waren.

Direkter Draht zur FIDE

Einen wichtigen Teil des Gesprächs nimmt seine Zusammenarbeit mit der FIDE ein. Stöttinger schildert, wie er sich in kurzer Zeit ein enges internationales Netzwerk aufgebaut habe. Er nennt dabei Emil Sutovsky, Arkady Dvorkovich und Timo Turlov. Diese Kontakte seien nicht zufällig entstanden. Er habe Vertreter der FIDE in Österreich empfangen, sie bewirtet, sie in die PlusCity eingeladen und durch Reisen zu Turnieren wie World Cup, Blitz- und Rapid-WM oder Grand Prix die wichtigsten Personen im Weltschach kennengelernt.

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Er beschreibt diese Nähe sehr praktisch. Beim Grand Prix in der Steiermark schrieb er nach eigener Darstellung direkt mit Arkady Dvorkovich, schickte Fotos des geplanten Spielorts und traf schnelle Absprachen. Er sagt, die FIDE habe den Ort im Glashaus letztlich akzeptiert, obwohl das Konzept ungewöhnlich war und der Technical Delegate vor Ort zunächst überrascht reagierte. Für Stöttinger zeigt das, wie wichtig persönliches Vertrauen und direkter Kontakt sind, wenn ein kleiner Verband internationale Veranstaltungen ausrichten will.

Diese FIDE-Nähe erklärt für ihn auch, warum Österreich bei internationalen Turnieren überhaupt als Austragungsort ernsthaft denkbar wird. Er sagt, viele Großmeister und Funktionäre hätten bereits geglaubt, eine Blitz- und Rapid-WM in Österreich sei fix, obwohl es nie eine formale Bewerbung gegeben habe. Genau daraus habe er gelernt, wie schnell aus Vorgesprächen in der Schachwelt feste Erwartungen werden.

Warum die WM noch nicht kam

Trotz dieser Kontakte blieb die Blitz- und Rapid-WM in Österreich bislang ein Plan. Stöttinger nennt dafür mehrere Gründe. Wien schied nach einem Gespräch im Sportministerium früh aus. Danach prüfte er Oberösterreich und Salzburg. Dort stieß er auf politische Wechsel, hohe Hotelpreise im Dezember, volle Städte und schwierige Logistik. Gerade der Termin rund um Weihnachten sei in Österreich extrem unpraktisch.

Er macht zugleich klar, dass die FIDE-Seite nicht das Hauptproblem war. Das Problem lag für ihn in Geld, Spielort und Organisation. Österreich brauche dafür einen starken Sponsor aus der Privatwirtschaft, dazu eine tragfähige Venue und eine logistische Lösung, die auch bei großem Andrang funktioniere. Er hält an der Idee fest, sagt aber ausdrücklich, dass es derzeit keine Bewerbung gibt.

2025 als Jahr der Generalproben

Für 2025 hebt Stöttinger vor allem den FIDE Grand Prix in der Steiermark hervor. Dieses Turnier beschreibt er als wichtige Probe für größere internationale Aufgaben. Er wollte dort Schach sichtbar und öffentlichkeitswirksam inszenieren. Das Glashaus-Konzept ging nach seiner Darstellung nur auf, weil das Wetter mitspielte. Ein normal warmer Mai hätte das Turnier in dieser Form kaum zugelassen. Trotzdem sieht er die Veranstaltung als gelungen und verweist darauf, dass die FIDE das Event sehr positiv aufgenommen habe.

Daneben nennt er den PlusCity Grand Prix und den Freedom Ladies Cup in Wien als prägende Projekte. Große FIDE-Veranstaltungen will er 2026 bewusst nicht zusätzlich aufladen. Nach dem Grand Prix brauche es eine Pause.

Reformen im ÖSB

Im österreichischen Schachbund beschreibt Stöttinger 2025 als Jahr mehrerer Weichenstellungen. Er lobt die Jugendkommission ausdrücklich. Im Trainerbereich sah er großen Reformbedarf. Aus einer zunächst kleineren Veränderung entwickelte sich eine größere Neuordnung. Der Verband löste bestehende Dienstverhältnisse auf und schrieb die Positionen neu aus. Die bisherigen Trainer bewarben sich danach nicht erneut.

Für Jugend und Frauen entschied sich der Verband schließlich für Gert Schnider und Martin Huber. Stöttinger nennt beide eine Idealbesetzung. Im Herrenbereich will der Verband später entscheiden. Dazu kommt der Wechsel im Sekretariat: Walter Kastner geht in Pension, Sandra Schmidt soll die Nachfolge antreten. Stöttinger beschreibt diese Stelle als Schlüsselposition für den Verband.

Finanziell sieht er den ÖSB heute stabiler als zu Beginn seiner Amtszeit. Damals sei der Verband unter Wasser gewesen. Inzwischen gebe es wieder Reserven, auch wenn 2026 wegen zusätzlicher Belastungen wie dem Mitropa Cup ein schwierigeres Jahr werde.

Wie Stöttinger arbeitet

Stöttinger beschreibt sich als jemanden, der Projekte nicht kaputtdenken will. Viele Probleme, sagt er, träten am Ende gar nicht ein. Sobald ein Termin stehe und ein Event öffentlich werde, ändere sich die Frage: Dann gehe es nicht mehr darum, ob etwas möglich sei, sondern wie es möglich werde. Diese Haltung verbindet er mit vielen Beispielen aus seiner Laufbahn als Veranstalter.

Am Ende richtet er den Blick auf das Ehrenamt. Der Verband brauche junge Funktionäre und Funktionärinnen. Gerade im Schach könne man organisatorisch und sozial viel lernen. Von dieser nächsten Generation erwartet er viel – und zeigt sich für ihre Entwicklung ausdrücklich optimistisch.

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