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Michael Negele

Schachgeschichte als Lebensanker

Interview mit Michael Negele, geführt von Johannes Fischer für ChessBase, 2026

Schach war für Michael Negele nie nur Spiel, sondern Zugang zu Lebensgeschichten – und zeitweise Rettungsanker in einer persönlichen Krise. Das sagte Michael Negele im Gespräch mit Johannes Fischer im Chessbase-Studio. Heute plant Negele keine großen Buchprojekte mehr. Er will weiter forschen, kleinere Beiträge schreiben und an Tagungen teilnehmen. Die Schachgeschichte bleibt für ihn Zugang zu menschlichen Biografien – aber nicht mehr um jeden Preis.

Der promovierte Chemiker, der beruflich im Management arbeitete, beschreibt seine Hinwendung zur Schachgeschichte als therapeutische Entscheidung. 1997 geriet er in eine schwere Depression. Berufliche Belastung und der Tod seines Vaters trafen zusammen. In der Therapie suchte er nach etwas, das ihm Halt gab. Er blieb beim Schach, wechselte jedoch vom Wettkampf zur historischen Forschung. Die Arbeit an Quellen, Biografien und vergessenen Zusammenhängen bot Struktur. Schach sei dabei nur „Aggregationspunkt“, sagt er. Ihn interessierten die Schicksale hinter den Partien.

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Die Lasker-Biografie als Monument

Zentral für Negeles Wirken ist die mehrbändige Biografie über Emanuel Lasker. Ausgangspunkt war seine Unzufriedenheit mit der Darstellung von Jacques Hannak. Die Biografie sei hagiografisch und faktisch ungenau gewesen. Das habe ihn angespornt, es besser zu machen – nicht allein, sondern im internationalen Team.

Mit Unterstützung des Berliner Unternehmers Stefan Hansen entstand 2009 zunächst eine großformatige deutsche Ausgabe. Negele koordinierte Autoren, organisierte Übersetzungen und arbeitete eng mit dem Schweizer Historiker Richard Forster zusammen. Später folgte eine dreibändige englische Ausgabe. Die Idee zur handlicheren Form brachte Vlastimil Hort ein. Für diese Ausgabe stellte Negele selbst die Anschubfinanzierung sicher.

Er bewertet die englische Trilogie als qualitativ überlegen. Besonders wichtig ist ihm der „biographische Kompass“, der Laskers Leben Jahr für Jahr nachvollziehbar macht. Die deutsche Ausgabe kritisiert er rückblickend, weil sie auf Wunsch des Geldgebers sämtliche Lasker-Partien enthielt. Das hätte er selbst nicht so entschieden.

Das Projekt war zugleich Höhepunkt und Belastung. Nach seiner Pensionierung 2019 nahm Negele nach eigener Aussage eine „Überdosis“ Schachgeschichte. Eine erneute Depression folgte. Den zweiten Band der englischen Ausgabe brachte er noch mit Mühe zu Ende, am dritten war er faktisch nicht mehr beteiligt. Dennoch ist er stolz auf das Gesamtwerk.

Bewunderung und Bruch: Robert Hübner

Ein prägendes Kapitel ist seine Beziehung zu Robert Hübner. Negele beschreibt ihn als die einzige „geniale Person“, die er je kennengelernt habe – nicht nur im Schach. Hübners geistige Spannkraft und sein Denken in Bildern hätten ihn beeindruckt. Während Negele in Varianten rechne, habe Hübner Stellungen als visuelle Transformationen erfasst.

Zugleich schildert er Hübner als schwierigen, sprunghaften Menschen. Im Zuge der Arbeit am Lasker-Projekt kam es 2008 zum Bruch. Hübner kündigte seine Mitarbeit per eingeschriebenem Brief auf, ohne vorherige Rücksprache. Hintergrund waren Konflikte über redaktionelle Vorgaben und Umfang seines Beitrags. Nach einem klärenden Gespräch mit dem Geldgeber kehrte Hübner zwar zurück, doch die persönliche Beziehung war für Negele beendet.

Trotz dieser Erfahrung bleibt seine Einschätzung ambivalent. Hübner sei genial gewesen, aber einsam und zu abrupten Stimmungswechseln geneigt. Zudem habe sich dessen Bild von Lasker im Lauf der Arbeit ins Negative verschoben, was Negele missfiel.

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Therapie mit Risiko

Die Beschäftigung mit Schachgeschichte bezeichnet Negele ausdrücklich als therapeutische Maßnahme. Die Detailarbeit an Quellen, das Aufspüren verborgener Lebenswege und die internationale Vernetzung gaben ihm Struktur und Sinn. Erste Veröffentlichungen, etwa in der Zeitschrift „Kaissiber“, markierten den Beginn einer produktiven Phase.

Doch der Halt hatte Grenzen. Was als Therapie begann, wurde später zur Überforderung. Nach 2019 folgte eine Phase der Lethargie. Er habe nichts mehr tun können, sagt er. Erst seit rund einem Jahr arbeite er wieder regelmäßig an historischen Themen.

 

Vortrag über Schach in Westdeutschland nach 1945

Quelle: Lübecker Schachverein von 1873 – „Schach blüht aus den Ruinen", veröffentlicht am 23. März 2026

Der Schachhistoriker Michael Negele hält am 27. März 2026 ab 19:30 Uhr einen Vortrag mit dem Titel „Wiederbelebung des organisierten Schachs in der BRD". Das berichtet Lübecker Schachverein von 1873. Gäste sind ausdrücklich willkommen.

Der Vortrag beleuchtet die Entwicklung des Schachs in Westdeutschland nach dem Zweiten Weltkrieg bis Mitte der 1950er Jahre. Im Mittelpunkt steht die Neuorganisation des Spielbetriebs unter schwierigen Bedingungen: Der Deutsche Schachbund war nach 1933 in den Großdeutschen Schachbund umgewandelt worden, viele verdiente Funktionäre und jüdische Mitglieder wurden Opfer politischer Säuberungen.

Politisierung, Emigration und Wiederaufbau

Während des Nationalsozialismus wurde Schach durch Konkurrenz zwischen verschiedenen Organisationen politisiert. 1936 fand die Schacholympiade in München statt, Turniere wurden bis in den Krieg hinein abgehalten – etwa 1941 in Krakau. Zahlreiche Spieler emigrierten nach 1933 und kehrten selten zurück, darunter Paul F. Schmidt und Friedrich Nürnberg, die in die USA auswanderten. Profispieler wie Sämisch und Bogoljubow lebten nach 1945 am Existenzminimum.

Ab 1948 organisierten sogenannte Displaced Persons Lagerturniere. Die Schachpublizistik blieb zersplittert. Auch der Lübecker Schachverein erlitt schwere Kriegsverluste, erholte sich jedoch ab 1945. Innerdeutsche Spannungen zwischen Nord- und Südwestdeutschland sowie politische Verstrickungen einzelner Funktionäre belasteten den Wiederaufbau zusätzlich. Die Schachbeziehungen zwischen Ost- und Westdeutschland verschlechterten sich ab 1954; nach 1955 gab es keine gesamtdeutschen Meisterschaften mehr.

Automatisch KI-generierter Beitrag

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