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Jean Dufresne

Jean Dufresne – Ein Leben für das Schachspiel

Wenn man im deutschen Sprachraum nach einem einzigen Buch fragt, das über Generationen hinweg das Schachspiel geprägt hat, fällt der Name Der Kleine Dufresne. Doch hinter diesem Namen steht mehr als nur ein populäres Lehrbuch. Es ist das Vermächtnis eines Mannes, der wie kaum ein anderer mit Holz und Feder das Schachspiel verkörperte: Jean Dufresne.

Ein Berliner mit französischem Namen

Geboren am 14. Februar 1829 in Berlin, war Jean Dufresne ein echtes Kind der Stadt. Sein französisch klingender Name täuscht: Die Familie war jüdisch, alteingesessen in Berlin, und hatte ursprünglich den Namen Ephraim getragen. Einer seiner Vorfahren war Bankier Friedrichs des Großen. Als der Großvater 1812 den Namen Dufresne annahm, war dies Ausdruck eines verbreiteten Assimilationswillens. Jean selbst erhielt eine hervorragende Ausbildung am „Berlinischen Gymnasium zum Grauen Kloster“, einer Eliteschule.

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Der junge Student trifft den alten Meister

Nach dem Abitur 1847 begann Dufresne ein Studium der Rechtswissenschaften in Berlin und Breslau. Dort traf er auf einen Mann, der sein Leben prägen sollte: Adolf Anderssen. Die Begegnung mit dem bereits legendären Breslauer Mathematiklehrer führte zur intensiven Auseinandersetzung mit Schach. „Als ältesten lebenden Schüler Anderssens darf ich wohl mich selbst bezeichnen“, schrieb Dufresne später rückblickend. Noch vor dem Londoner Turnier von 1851 war er Anderssens wichtigster Trainingspartner in Berlin – und nach eigenen Angaben spielte er mit ihm mehr als 200 Partien.

Doch seine erste bedeutende Partie bestritt er 1848 gegen Daniel Harrwitz, einen der damals stärksten Spieler Europas. Harrwitz war auf der Heimreise von Paris nach Breslau und machte Halt in Berlin. Dort traf er auf den jungen Dufresne – und verlor eine Partie, die später in der Schachzeitung gedruckt wurde. Von da an war Dufresne in der deutschen Schachszene ein Name.

Die Immergrüne Partie

Dufresnes Name ist untrennbar verbunden mit einer der berühmtesten Partien der Schachgeschichte: der „Immergrünen Partie“, gespielt 1852 gegen Anderssen in Berlin. Es war ein freundschaftliches Duell, wie viele zwischen den beiden, doch dieses eine Spiel wurde unsterblich.

Anderssen opferte einen Turm, eine Dame – und krönte das Spiel mit einem Matt durch Läufer und Springer. Dufresne verlor, doch sein Name blieb: als würdiger Gegner in einem ästhetischen Meisterwerk. Der argentinische Meister Guillermo Puiggros sagte dazu treffend: „Es ist unfair, dass man sich fast ausschließlich an ihn als Verlierer erinnert.“ Doch auch das ist eine Form des Ruhms.

Erfolge und der Weg zum Schreiben

Dufresne war nicht nur der Schüler Anderssens, sondern auch ein erfolgreicher Spieler. 1853 gewann er die Meisterschaft der Berliner Schachgesellschaft, besiegte dabei Max Lange und Carl Mayet. Ein Jahr später setzte er sich im Match gegen Mayet mit 7:5 durch – eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass Mayet zur Berliner Schach-Elite zählte.

Doch Dufresne war kein Berufsspieler. Die wirtschaftliche Not zwang ihn 1852 zum Abbruch seines Studiums, nachdem sein Vater in den Bankrott geraten war. Stattdessen schlug er eine journalistische Laufbahn ein, schrieb für Zeitungen wie Der Publizist, Deutsche Zeit, Deutsche Reform und später für die Post.

Der Schachautor wider Willen

Schon früh kombinierte er seine schriftstellerische Begabung mit seiner Schachleidenschaft. Sein erstes Schachbuch, Paul Morphy's Schachwettkämpfe, erschien 1859, gefolgt von Werken wie Das Londoner Schachturnier von 1862 oder Theoretisch-praktisches Handbuch des Schachspiels (1863). Doch der größte Erfolg ließ noch auf sich warten.

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1874 zwang ihn die zunehmende Ertaubung, seine Arbeit als Redakteur aufzugeben. Fortan widmete er sich ganz dem Schach – als Autor, Kommentator und Pädagoge. 1881 erschien dann sein Opus magnum: Kleines Lehrbuch des Schachspiels.

Das kleine große Lehrbuch

Der Kleine Dufresne“, wie das Buch bald liebevoll genannt wurde, war mehr als ein Lehrwerk. Es war ein Begleiter ganzer Generationen. In über 30 Ausgaben, zuletzt 2004, führte es unzählige Schachfreunde in die Geheimnisse des Spiels ein. Mit klaren Erklärungen, Kommentaren zu 130 Meisterpartien, einer präzisen Eröffnungslehre und fundierten Endspielanalysen wurde es zum meistgelesenen Schachbuch Deutschlands.

Wer mit diesem Buch lernte? Namen wie Friedrich Sämisch, Kurt Richter, Wolfgang Unzicker, Lothar Schmid, Klaus Darga, Hans-Joachim Hecht oder Robert Hübner – alle begannen mit dem Kleinen Dufresne.

Schon früh wurde das Buch von anderen weitergeführt. Der Großmeister Jacques Mieses, selbst ein bedeutender Autor, übernahm nach Dufresnes Tod 1893 die Bearbeitung. Während der NS-Zeit wurden jüdische Namen aus späteren Ausgaben getilgt – Mieses’ Name verschwand, wie viele andere. Die Nazis duldeten nur die Erwähnung des Weltmeisters Emanuel Lasker – und auch das nur bei Verlustpartien.

Nach dem Krieg übernahm der siebenfache Berliner Meister Rudolf Teschner die Pflege des Werks. Noch 1996 schrieb er im Vorwort zur 29. Auflage, das Buch sei „Wegbegleiter und Ratgeber des Lernenden und künftigen Turnierspielers“.

Ein Mann mit vielen Talenten

Neben seinen Schachbüchern versuchte sich Dufresne auch als Romanautor – unter dem Pseudonym E.S. Freund, einem Anagramm seines Namens. Drei Romane erschienen, doch ein durchschlagender Erfolg blieb aus. Über Jahrzehnte wurde sogar spekuliert, ob E.S. Freund und Jean Dufresne überhaupt dieselbe Person seien – ein Missverständnis, das erst 1980 von Egbert Meissenburg endgültig aufgeklärt wurde.

Als Kolumnist war Dufresne ebenfalls gefragt. Ab 1858 schrieb er für die weit verbreitete Familienzeitschrift Über Land und Meer, neben Schriftstellern wie Theodor Fontane oder Wilhelm Raabe. Er verband Kultur, Bildung und Schach – und machte das königliche Spiel einer breiteren Leserschaft zugänglich.

Vergessen, verfallen – und wiederentdeckt

Dufresne starb am 15. April 1893 in Berlin, völlig ertaubt und gesundheitlich angeschlagen. Sein Grab auf dem jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee geriet in Vergessenheit, wurde im Krieg beschädigt und über Jahrzehnte nicht gepflegt. Erst 2002 begann die Suche nach seiner Ruhestätte. Mit Hilfe des Schachhistorikers René Schilling und dank der Unterstützung von Ralph Schiffmann konnte das Grab lokalisiert und restauriert werden.

2006 wurde dort eine Bronzetafel angebracht, die an Dufresnes Lebenswerk erinnert – errichtet von deutschen Schachspielern, die sich an den Mann erinnerten, der ihnen einst das Spiel beigebracht hatte.

Nachhall und Vermächtnis

Wer war Jean Dufresne? Ein Berliner durch und durch. Ein talentierter Spieler, der den Mut hatte, eine Karriere abzubrechen und sich dem Schach zu verschreiben. Ein Mann mit federleichter Sprache, tiefem Verständnis für das Spiel – und mit dem Wunsch, sein Wissen weiterzugeben.

Der Schachpublizist Dr. Hermann von Gottschall schrieb nach seinem Tod: „Die Schachwelt verliert in Jean Dufresne in erster Linie einen geistreichen Schachspieler, in zweiter den fleißigsten Schachlitteraten.“

Jean Dufresne wurde kein Weltmeister. Doch sein Einfluss war größer als der mancher Titelträger. Er war Lehrer, Vorbild und Erzähler. Sein Name bleibt unauslöschlich mit dem deutschen Schach verbunden – und mit einer Partie, die nie vergeht.

Quellen:

https://www.tabladeflandes.com/zenon2006/zenon_540.html

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https://de.wikipedia.org/wiki/Jean_Dufresne

https://de.chessbase.com/post/jean-dufresne-meister-mit-holz-und-feder

https://www.schachversand.de/lehrbuch-des-schachspiels-6597.html

https://en.wikipedia.org/wiki/Jean_Dufresne

1881 erschienen, hier die 29. Auflage 1996, bearbeitet von Rudolf Teschner.

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