Helmut Pfleger in der Zeit
Zitat von Conrad Schormann am 6. Februar 2026, 11:40 UhrSemmeltod im Kaffeehaus
Quelle: ZEITmagazin Nr. 6/2026 – Kolumne „Schachbretträtsel“ von Helmut Pfleger
Die Kolumne von Helmut Pfleger erzählt eine Wiener Schachgeschichte, die weniger vom Brett als vom Leben handelt. Ausgangspunkt ist ein Bericht des Schachhistorikers Michael Ehn, erschienen im Kulturellen Schachmagazin Karl. Anhand dessen zeichnet Pfleger das Porträt eines Randständigen, dessen Fantasie stärker war als seine Lebensumstände – und eines Kaffeehauses als letzter Heimat.
Ein merkwürdiger Gast
Ehn erinnert sich an einen Abend im Café Laudon in den 1970er-Jahren. Zwischen den Brettern bewegt sich ein großer, hagerer Mann, der von Partie zu Partie zieht, kurz zuschaut und zynische Kommentare fallen lässt. Seine Kleidung wirkt nachlässig, sein Verhalten nervös. Niemand stört sich daran – bis der Kaffeehausbesitzer merkt, dass regelmäßig Semmeln verschwinden.
Die Enttarnung
Als der Mann kauend aus der Toilette tritt, platzt dem Wirt der Kragen. Der Diebstahl ist bewiesen, der Spitzname geboren: „Semmeltod“. Es folgt Hausverbot. Für Michael Ehn ist es die erste Begegnung mit Heinrich Bernleitner (1937–2010).
Leben ohne bürgerlichen Halt
Bernleitner besitzt viele Begabungen, unter anderem als Karikaturenzeichner, nutzt sie aber nie für ein geregeltes Leben. Er arbeitet nicht, ist lange obdachlos, lebt buchstäblich in Kaffeehäusern. Manche jagen ihn fort, andere lassen ihn bleiben, teils sogar über Nacht. Er nennt sich selbstironisch „Leibrentner“.
Schach als Gegenwelt
Trotz dieser Umstände komponiert Heinrich Bernleitner außergewöhnliche Schachprobleme. Pfleger zitiert seine Erklärung: Für das Komponieren brauche er absolute Konzentration und „innere Reinheit“. Tage zuvor esse er nur Semmeln und trinke Milch. Armut und Kunst stehen hier dicht nebeneinander.
Das Rätsel
Am Ende schlägt Helmut Pfleger den Bogen zurück zum Schachbrett. Eine von Bernleitners Aufgaben fordert den Leser heraus: Weiß setzt in vier Zügen matt, wobei der eigene König eine zentrale Rolle spielt. Die Kolumne schließt mit der Lösung eines anderen Problems – nüchtern, fast beiläufig.
Semmeltod im Kaffeehaus
Quelle: ZEITmagazin Nr. 6/2026 – Kolumne „Schachbretträtsel“ von Helmut Pfleger
Die Kolumne von Helmut Pfleger erzählt eine Wiener Schachgeschichte, die weniger vom Brett als vom Leben handelt. Ausgangspunkt ist ein Bericht des Schachhistorikers Michael Ehn, erschienen im Kulturellen Schachmagazin Karl. Anhand dessen zeichnet Pfleger das Porträt eines Randständigen, dessen Fantasie stärker war als seine Lebensumstände – und eines Kaffeehauses als letzter Heimat.
Ein merkwürdiger Gast
Ehn erinnert sich an einen Abend im Café Laudon in den 1970er-Jahren. Zwischen den Brettern bewegt sich ein großer, hagerer Mann, der von Partie zu Partie zieht, kurz zuschaut und zynische Kommentare fallen lässt. Seine Kleidung wirkt nachlässig, sein Verhalten nervös. Niemand stört sich daran – bis der Kaffeehausbesitzer merkt, dass regelmäßig Semmeln verschwinden.
Die Enttarnung
Als der Mann kauend aus der Toilette tritt, platzt dem Wirt der Kragen. Der Diebstahl ist bewiesen, der Spitzname geboren: „Semmeltod“. Es folgt Hausverbot. Für Michael Ehn ist es die erste Begegnung mit Heinrich Bernleitner (1937–2010).
Leben ohne bürgerlichen Halt
Bernleitner besitzt viele Begabungen, unter anderem als Karikaturenzeichner, nutzt sie aber nie für ein geregeltes Leben. Er arbeitet nicht, ist lange obdachlos, lebt buchstäblich in Kaffeehäusern. Manche jagen ihn fort, andere lassen ihn bleiben, teils sogar über Nacht. Er nennt sich selbstironisch „Leibrentner“.
Schach als Gegenwelt
Trotz dieser Umstände komponiert Heinrich Bernleitner außergewöhnliche Schachprobleme. Pfleger zitiert seine Erklärung: Für das Komponieren brauche er absolute Konzentration und „innere Reinheit“. Tage zuvor esse er nur Semmeln und trinke Milch. Armut und Kunst stehen hier dicht nebeneinander.
Das Rätsel
Am Ende schlägt Helmut Pfleger den Bogen zurück zum Schachbrett. Eine von Bernleitners Aufgaben fordert den Leser heraus: Weiß setzt in vier Zügen matt, wobei der eigene König eine zentrale Rolle spielt. Die Kolumne schließt mit der Lösung eines anderen Problems – nüchtern, fast beiläufig.
Zitat von Conrad Schormann am 21. Februar 2026, 14:31 UhrEine vogelwilde Stellung und zwei gegensätzliche Charaktere
Quelle: ZEITmagazin Nr. 8/2026, 18. Februar 2026, Helmut Pfleger
Eine gute Idee reicht nicht – in manchen Stellungen braucht es drei zwingende Züge, sonst droht das Matt. Das schreibt Helmut Pfleger im ZEITmagazin.
Im Mittelpunkt steht eine Partie aus dem Jahr 1977 zwischen Heikki Westerinen und Guðmundur Sigurjónsson, gespielt in New York. In der vorgestellten Stellung droht Schwarz nach 1...Dxc2+ 2.Kh1 Dxe2 mattzusetzen. Der internationale Meister Oliver Reeh präsentierte die Aufgabe unter dem Titel „Finnisches Finish“ , laut Helmut Pfleger „eine wunderbare und zwingende Kombination“.
Zwei Temperamente am Brett
Pfleger begegnete beiden Großmeistern häufig bei Turnieren und Olympiaden. Sigurjónsson arbeitete 1979/80 als Sekundant von Robert Hübner in dessen Kandidatenkämpfen bis zum verlorenen Finale gegen Viktor Kortschnoi in Meran. Bereits zuvor nahm er an der Internationalen Deutschen Meisterschaft in München teil, die Boris Spasski gewann.
Bei dieser Meisterschaft führte Pfleger Herzfrequenzmessungen durch, um die körperlichen Reaktionen der Spieler mit dem Partieverlauf zu vergleichen. Sigurjónsson zeigte sich dabei außergewöhnlich ausgeglichen. Westerinen hingegen trat im Leben wie am Brett unorthodox auf, suchte das Risiko und griff kompromisslos an – für Pfleger beinahe so gefährlich wie Michail Tal.
Prophylaxe und Versäumnis
Gegen Westerinen versuchte Pfleger, früh die Damen zu tauschen und trockene Endspiele anzustreben. In der vorgestellten Partie verzichtete Sigurjónsson offenbar auf diese Vorsichtsmaßnahme. Die Frage nach dem „Wie kam’s?“ bildet den offenen Schluss der Kolumne – und führt zurück zur Ausgangsstellung, in der nur eine zwingende Idee die drohende Katastrophe abwendet.
Eine vogelwilde Stellung und zwei gegensätzliche Charaktere
Quelle: ZEITmagazin Nr. 8/2026, 18. Februar 2026, Helmut Pfleger
Eine gute Idee reicht nicht – in manchen Stellungen braucht es drei zwingende Züge, sonst droht das Matt. Das schreibt Helmut Pfleger im ZEITmagazin.
Im Mittelpunkt steht eine Partie aus dem Jahr 1977 zwischen Heikki Westerinen und Guðmundur Sigurjónsson, gespielt in New York. In der vorgestellten Stellung droht Schwarz nach 1...Dxc2+ 2.Kh1 Dxe2 mattzusetzen. Der internationale Meister Oliver Reeh präsentierte die Aufgabe unter dem Titel „Finnisches Finish“ , laut Helmut Pfleger „eine wunderbare und zwingende Kombination“.
Zwei Temperamente am Brett
Pfleger begegnete beiden Großmeistern häufig bei Turnieren und Olympiaden. Sigurjónsson arbeitete 1979/80 als Sekundant von Robert Hübner in dessen Kandidatenkämpfen bis zum verlorenen Finale gegen Viktor Kortschnoi in Meran. Bereits zuvor nahm er an der Internationalen Deutschen Meisterschaft in München teil, die Boris Spasski gewann.
Bei dieser Meisterschaft führte Pfleger Herzfrequenzmessungen durch, um die körperlichen Reaktionen der Spieler mit dem Partieverlauf zu vergleichen. Sigurjónsson zeigte sich dabei außergewöhnlich ausgeglichen. Westerinen hingegen trat im Leben wie am Brett unorthodox auf, suchte das Risiko und griff kompromisslos an – für Pfleger beinahe so gefährlich wie Michail Tal.
Prophylaxe und Versäumnis
Gegen Westerinen versuchte Pfleger, früh die Damen zu tauschen und trockene Endspiele anzustreben. In der vorgestellten Partie verzichtete Sigurjónsson offenbar auf diese Vorsichtsmaßnahme. Die Frage nach dem „Wie kam’s?“ bildet den offenen Schluss der Kolumne – und führt zurück zur Ausgangsstellung, in der nur eine zwingende Idee die drohende Katastrophe abwendet.
Zitat von Conrad Schormann am 28. Februar 2026, 10:43 UhrHofnarr mit Kombination
In seiner Kolumne erinnert Helmut Pfleger an Reverend George Alcock MacDonnell (1830–1899), einen der stärksten englischen Meister des 19. Jahrhunderts – und zugleich Geistlichen mit Sinn für Bühne und Pointe.
MacDonnell verband Kanzel und Schachbrett. Seine Predigten erschienen als Buch, im Londoner Simpson’s Grand Divan Tavern glänzte er mit Humor und Tischreden. Zeitgenossen beschrieben ihn als schillernde Figur, beliebt im Kaffeehaus, stark am Brett, nie ganz streng mit der Wahrheit in seinen Anekdoten.
Schachlich gehörte er zur englischen Spitze und spielte gegen Größen wie Bird, Blackburne, Steinitz und Zukertort. 1876 gelang ihm im Divan eine besonders schöne Kombination gegen John Wisker – der Anlass für Pflegers Rätsel.
Hofnarr mit Kombination
In seiner Kolumne erinnert Helmut Pfleger an Reverend George Alcock MacDonnell (1830–1899), einen der stärksten englischen Meister des 19. Jahrhunderts – und zugleich Geistlichen mit Sinn für Bühne und Pointe.
MacDonnell verband Kanzel und Schachbrett. Seine Predigten erschienen als Buch, im Londoner Simpson’s Grand Divan Tavern glänzte er mit Humor und Tischreden. Zeitgenossen beschrieben ihn als schillernde Figur, beliebt im Kaffeehaus, stark am Brett, nie ganz streng mit der Wahrheit in seinen Anekdoten.
Schachlich gehörte er zur englischen Spitze und spielte gegen Größen wie Bird, Blackburne, Steinitz und Zukertort. 1876 gelang ihm im Divan eine besonders schöne Kombination gegen John Wisker – der Anlass für Pflegers Rätsel.
Zitat von Conrad Schormann am 5. März 2026, 11:49 UhrEin Freund, ein Brett und eine Erinnerung
Quelle: ZEITmagazin – „Schachbretträtsel“, 4. März 2026, Helmut Pfleger
Das Schachbrett steht für ein Bild vom Leben: Menschen ziehen über die Felder, greifen an, werden geschlagen und verschwinden schließlich wieder vom Brett. Das schreibt ZEITmagazin. Der Gedanke stammt von dem persischen Dichter Omar Chajjam (circa 1048–1131), dessen Verse die Welt als Spielbrett beschreiben, auf dem das Schicksal die Figuren bewegt.
Für Helmut Pfleger verbindet sich dieses Bild mit einer persönlichen Erinnerung. Kurz vor der 34. Deutschen Ärzteschachmeisterschaft im April in Bad Homburg denkt er an einen Freund zurück, der das Turnierleben geprägt hat: Modjtaba Abtahi. Vor 25 Jahren starb der iranischstämmige Arzt, doch unter den Teilnehmern der Ärzteschachturniere bleibt er präsent. Der Kollege Norbert Knoblach erinnere sich an Abtahis „unerschöpfliche Fröhlichkeit“, die über den Turnieren lag „wie eine Sonne“.
Arzt, Erzähler, Schachliebhaber
Abtahi arbeitete als Chefarzt der Unfallchirurgie im Prosper-Hospital in Recklinghausen. Dort kennt man ihn bis heute. Neben seiner medizinischen Arbeit liebte er das Schachspiel und pflegte einen eigenen Tonfall, wenn er seine Partien kommentierte. Wenn er einen Gegner langsam unter Druck setzte, sagte er: „Das ist wie eine gute Anästhesie: dem Gegner so viel Sauerstoff geben, dass er gerade noch atmen kann!“
Er konnte in wenigen Zügen mehrere Figuren gewinnen und seine Umgebung verblüffen. Pfleger erinnert sich an Momente, in denen Abtahi „in 15 Zügen zweieinhalb Figuren erobern“ konnte. Die halbe Figur blieb ein Rätsel. Für Pfleger hatte das etwas von „persischer Magie“. Trotz seiner Genauigkeit als Mediziner blieb Abtahi ein Erzähler mit orientalischer Fantasie.
Zwischen zwei politischen Systemen
Pfleger lernte ihn während des Medizinstudiums in Erlangen kennen. Abtahi hatte den Iran verlassen. Als Führer einer oppositionellen Studentengruppe geriet er unter Druck des Schah-Regimes und sah keine sichere Zukunft im Land. Doch auch das spätere System unter Ruhollah Chomeini erschien ihm nicht als Alternative.
Unter Chomeini verbot der Staat das Schachspiel. Die Behörden begründeten das mit der sprachlichen Nähe zwischen „Schach“ und „Schah“, also dem König, und mit der Vorstellung, Spiele würden von der ernsthaften Gottessuche ablenken.
Ein Freund, ein Brett und eine Erinnerung
Quelle: ZEITmagazin – „Schachbretträtsel“, 4. März 2026, Helmut Pfleger
Das Schachbrett steht für ein Bild vom Leben: Menschen ziehen über die Felder, greifen an, werden geschlagen und verschwinden schließlich wieder vom Brett. Das schreibt ZEITmagazin. Der Gedanke stammt von dem persischen Dichter Omar Chajjam (circa 1048–1131), dessen Verse die Welt als Spielbrett beschreiben, auf dem das Schicksal die Figuren bewegt.
Für Helmut Pfleger verbindet sich dieses Bild mit einer persönlichen Erinnerung. Kurz vor der 34. Deutschen Ärzteschachmeisterschaft im April in Bad Homburg denkt er an einen Freund zurück, der das Turnierleben geprägt hat: Modjtaba Abtahi. Vor 25 Jahren starb der iranischstämmige Arzt, doch unter den Teilnehmern der Ärzteschachturniere bleibt er präsent. Der Kollege Norbert Knoblach erinnere sich an Abtahis „unerschöpfliche Fröhlichkeit“, die über den Turnieren lag „wie eine Sonne“.
Arzt, Erzähler, Schachliebhaber
Abtahi arbeitete als Chefarzt der Unfallchirurgie im Prosper-Hospital in Recklinghausen. Dort kennt man ihn bis heute. Neben seiner medizinischen Arbeit liebte er das Schachspiel und pflegte einen eigenen Tonfall, wenn er seine Partien kommentierte. Wenn er einen Gegner langsam unter Druck setzte, sagte er: „Das ist wie eine gute Anästhesie: dem Gegner so viel Sauerstoff geben, dass er gerade noch atmen kann!“
Er konnte in wenigen Zügen mehrere Figuren gewinnen und seine Umgebung verblüffen. Pfleger erinnert sich an Momente, in denen Abtahi „in 15 Zügen zweieinhalb Figuren erobern“ konnte. Die halbe Figur blieb ein Rätsel. Für Pfleger hatte das etwas von „persischer Magie“. Trotz seiner Genauigkeit als Mediziner blieb Abtahi ein Erzähler mit orientalischer Fantasie.
Zwischen zwei politischen Systemen
Pfleger lernte ihn während des Medizinstudiums in Erlangen kennen. Abtahi hatte den Iran verlassen. Als Führer einer oppositionellen Studentengruppe geriet er unter Druck des Schah-Regimes und sah keine sichere Zukunft im Land. Doch auch das spätere System unter Ruhollah Chomeini erschien ihm nicht als Alternative.
Unter Chomeini verbot der Staat das Schachspiel. Die Behörden begründeten das mit der sprachlichen Nähe zwischen „Schach“ und „Schah“, also dem König, und mit der Vorstellung, Spiele würden von der ernsthaften Gottessuche ablenken.