Forum

Bitte oder Registrieren, um Beiträge und Themen zu erstellen.

Harry Nelson Pillsbury (1872-1906)

Der Komet, der zu früh verglühte

Quelle: MoritexChess – „Harry Pillsbury (1872-1906) - Die Tragik eines Genies", 3. Oktober 2026

Harry Pillsbury verkörpert wie kaum ein anderer Schachmeister der Jahrhundertwende die Kluft zwischen Genie und Verhängnis. Das berichtet MoritexChess. Mit 22 Jahren gewinnt Pillsbury 1895 überraschend das hochkarätig besetzte Turnier von Hastings und steigt binnen weniger Monate vom unbekannten amerikanischen Kaufhausangestellten zum besten Spieler der Welt auf. Elf Jahre später ist er tot, mit nur 33 Jahren, zerstört von einer Krankheit, die ihn ausgerechnet auf dem Höhepunkt seines Ruhms ereilt.

Vom Verkäufer zum Weltstar

Geboren am 5. Dezember 1872 in Summerville bei Boston als jüngstes von vier Kindern, wächst Pillsbury in geordneten, angesehenen Verhältnissen auf. Sein Vater unterrichtet an der Summerville High School und wird später deren stellvertretender Leiter, seine Mutter ist ebenfalls Lehrerin und veröffentlicht sogar einen Gedichtband. Als die Mutter 1888 stirbt, bricht der gerade 16-jährige Harry die Schule ab und beginnt in einem Bostoner Kaufhaus zu arbeiten, wo er es bis zum Werbefachmann bringt. Erst in diesem Jahr wendet er sich dem Schachspiel zu, offenbar als Ablenkung von der Trauer. Schon als Schüler war er aufgefallen, weil er mathematische Aufgaben ohne jede Notiz im Kopf löste – eine Begabung, die später sein Markenzeichen wird: das Blindspiel.

Seine erste belegte Schachpartie stammt aus dem Jahr 1890. Binnen zweier Jahre wird er stärkster Spieler Bostons, zieht 1892 nach New York, 1893 weiter nach Philadelphia, wo er neben Schach auch professionell Dame und Karten spielt. 1892 schlägt er in einem Vorgabewettkampf Weltmeister Wilhelm Steinitz und bezwingt ihn kurz darauf sogar in einer regulären Simultanpartie mit einem Damenopfer, nachdem Steinitz eine Springergabel übersehen hatte.

1894 ist Pillsbury noch Mittelmaß unter amerikanischen Meistern und verdient sich bei einem Weltmeisterschaftskampf zwischen Steinitz und Emanuel Lasker nebenbei Geld als Schachreporter. Umso überraschender, dass er sich 1895 für das legendäre Turnier von Hastings bewirbt und zu den 22 Teilnehmern unter mehr als 30 Bewerbern zählt, vermutlich weil das Organisationskomitee unbedingt einen Amerikaner im internationalen Feld haben wollte. Die Vorberichterstattung handelt ihn bestenfalls als nette Beigabe neben den Größen des europäischen Schachs – und er gewinnt das Turnier am Ende souverän. Bei seiner Rückkehr wird er wie ein Nationalheld gefeiert, der Bürgermeister von Boston schenkt ihm eine goldene Uhr, amerikanische Schachclubs beginnen, seinen Namen zu tragen.

Ein Gedächtnis ohne Grenzen

Pillsbury ist nicht nur Turnierspieler, sondern Unterhalter. Er spielt Blindsimultan gegen zwanzig und mehr Gegner gleichzeitig, kündigt in einer Partie korrekt ein Matt in acht Zügen an und korrigiert im Anschluss sogar fehlerhafte Mitschriften seiner Kontrahenten aus dem Gedächtnis. In Toledo spielt er einmal zwölf Partien Blindschach und vier Partien Blinddame gleichzeitig und nimmt parallel noch an einer Whist-Runde teil. Bei einer Vorführung lässt er sich dreißig bizarre, wahllos gewählte Wörter einmal laut vorlesen und trägt sie danach fehlerfrei vorwärts wie rückwärts vor – kein fotografisches Gedächtnis also, wie gelegentlich kolportiert wird, sondern ein außergewöhnliches Gehör-Gedächtnis.

Jahrelang sitzt er zudem verborgen in Ajeeb, einem 1868 vom englischen Möbeltischler Charles Hooper gebauten Schach- und Dame-Automaten, der unter anderem gegen Theodore Roosevelt und Houdini antritt und angeblich von selbst spielt. 70 Dollar die Woche soll Pillsbury dafür verdient haben, während ein Sieger gegen die Maschine fünf Dollar erhielt. Daneben gibt er Simultanvorstellungen eigens gegen Frauen, raucht dabei ununterbrochen Zigarren und tritt stets selbstbewusst, jovial und charmant auf.

Nach Hastings folgen weitere Turniere: 1898 in Wien teilt er sich den ersten Platz mit Siegbert Tarrasch, verliert aber den Stichkampf knapp. 1899 in London und 1900 in Paris wird er jeweils Zweiter weit hinter Lasker, 1900 in München gewinnt er, als Lasker fehlt. 1901 siegt er souverän in Buffalo. Nachträglich berechnete historische Elozahlen bescheinigen ihm für die Jahre 1903 und 1904 sogar den Platz als bester Spieler der Welt.

Zu einem Weltmeisterschaftskampf zwischen Pillsbury und Lasker kommt es dennoch nie: Lasker verlangt von Herausforderern eine Einlage von 2000 Dollar, eine Summe, die Pillsbury mit seinen Auftritten in Ajeeb binnen eines halben Jahres mühelos verdient hätte. Nichts deutet darauf hin, dass er je öffentlich darauf gedrängt hätte, um den Titel zu spielen. Im direkten Vergleich trennen sich beide in vierzehn überlieferten Partien exakt 7:7 – entgegen gelegentlicher Behauptungen einer positiven Bilanz für Pillsbury.

Der Einbruch von St. Petersburg

Den Bruch markiert ein Turnier im Winter 1895/96 in St. Petersburg, bei dem Lasker, Steinitz, Mikhail Chigorin und Pillsbury in sechs Umgängen gegeneinander antreten, um die inoffizielle Weltrangliste zu klären. Zur Halbzeit führt Pillsbury mit sechseinhalb Punkten aus neun Partien, dann bricht seine Form regelrecht ein: Aus der zweiten Hälfte holt er nur noch anderthalb Punkte und wird am Ende Dritter hinter Lasker und Steinitz. Begleitet wird der Einbruch von Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und grippeähnlichen Symptomen.

Vieles spricht dafür, dass er sich dort mit Syphilis infiziert – eine Erkrankung, die sich über Jahre unbemerkt ins Gehirn vorarbeitet. Zwischen 1896 und 1904 spielt er weiter große Turniere, wird 1897 amerikanischer Meister und bleibt es bis zu seinem Tod, schlägt 1904 in Cambridge Springs sogar noch einmal Lasker in ihrer letzten gemeinsamen Partie. Doch Schlaganfälle, Taubheitsgefühle und Verwirrtheit häufen sich zunehmend.

Seit 1901 verheiratet, reist er 1905 mit seiner Frau zur Erholung auf die Bermuda-Inseln, erleidet dort jedoch einen weiteren Schlaganfall. Zurück in Philadelphia diagnostiziert der Spezialist Charles Mills eine progressive Paralyse. Zuvor hatte Pillsbury bereits versucht, in einer Klinik mit bloßen Fäusten eine Fensterscheibe einzuschlagen und sich hindurchzuzwängen, bis eine Pflegerin ihn zurückhielt; wenige Tage später versuchte er es erneut, diesmal aus dem vierten Stock. Am 17. Juni 1906 um vier Uhr morgens stirbt er im Frankford Hospital in Philadelphia an dieser Krankheit, deren Zusammenhang mit einer Syphilis-Infektion erst 1913 wissenschaftlich belegt wird – zu spät, zumal das heilende Penicillin erst Jahrzehnte später zur Verfügung steht.

Sein Tod nährt den Verdacht, Schach selbst mache wahnsinnig – ein Verdacht, dem Lasker in einem Nachruf in der New York Times öffentlich widerspricht: Ursache sei ein Schlaganfall gewesen, nicht geistige Überanstrengung durchs Spiel. Andere, darunter sein eigener Schachclub-Präsident in Philadelphia, machten stattdessen das exzessive Zigarrenrauchen verantwortlich.

Sein Leben an der Weltspitze währte kaum zehn Jahre reichte doch aus, um Pillsbury neben Paul Morphy und Bobby Fischer zu einem der drei größten amerikanischen Schachspieler der Geschichte zu machen.

Automatisch generierter Beitrag