Robert Hübner (1948-2025)
Zitat von Conrad Schormann am 14. April 2025, 11:41 UhrRobert Hübner war vieles. Großmeister, WM-Kandidat, Wissenschaftler, Übersetzer, Sprachgelehrter – und: Maler von Mumienporträts.
Wer sich dem Leben des Kölner Schachgenies nähert, stößt schnell auf das Bild des strengen, brillanten, manchmal sperrigen Kopfmenschen. Doch der Beitrag von Siegfried Schönle auf der Website der Chess History & Literature Society zeigt, wie vielschichtig Hübner wirklich war. Schönle orientiert sich an Hübners eigenem Buch Elemente einer Selbstbiographie – und stellt die vielen Facetten dieses Ausnahmemenschen vor.
Der Schachspieler – gefürchtet und bewundert
Natürlich war Robert Hübner zuallererst Schachspieler. Ein Weltklassespieler über Jahrzehnte hinweg. Er lernte Schach mit fünf, gewann 1968 das Turnier in Büsum und gehörte bald zur absoluten Spitze. Sechsmal nahm er am Kandidatenturnier um die Weltmeisterschaft teil, kämpfte gegen Kortschnoi und andere Giganten seiner Zeit.
Der rumänische Großmeister Mihail Marin nannte ihn einen Heldentöter – weil Hübner regelmäßig Weltstars schlug. Zwischen 1970 und 2000 spielte er bei elf Schacholympiaden für Deutschland.
Doch Schach war für Hübner nie alles. Vielleicht war es für ihn sogar nie das Wichtigste.
Der Wissenschaftler – Papyrologe aus Leidenschaft
Parallel zu seiner Schachkarriere studierte Hübner an der Universität Köln Altgriechisch und Latein. Er promovierte 1976 über Papyrusurkunden aus dem Alltag des 1. Jahrhunderts vor Christus.
Diese Urkunden, meist in Griechisch verfasst, analysierte und übersetzte er akribisch. Sie berichten von Steuerlisten, Verträgen oder Eidformeln. Eine davon – der Eid eines Deichaufsehers – wurde sogar im Spiegel abgedruckt.
Seine Leidenschaft für die Welt der Antike war tief. Er soll einmal gesagt haben: „Altgriechische Texte zu übersetzen, macht mir hundertmal mehr Spaß als Schach!“
Der Übersetzer – von Homer bis Olli
Bis in seine letzten Lebensjahre übersetzte Hübner Klassiker. Besonders stolz war er auf seine Übertragung der Ilias von Homer in deutsche Hexameter – ein reines Liebhaberprojekt.
Noch kurioser war sein Finnisch-Projekt: Nachdem er einmal gegen den finnischen Großmeister Heikki Westerinen gespielt hatte – und sich danach mangels gemeinsamer Sprache nicht unterhalten konnte – begann Hübner, Finnisch zu lernen.
Am Ende übersetzte er sogar die humoristischen Geschichten des finnischen Autors Olli (Väinö Nuorteva) – darunter eine Satire über Schach.
Der Publizist – Schach für die breite Masse
Zwischen 1977 und 1985 schrieb Hübner eine Schachkolumne in der Fernsehzeitschrift Prisma, damals vor allem in Nordrhein-Westfalen weit verbreitet. Er stellte Stellungen vor, erklärte Mattbilder oder kommentierte eigene Partien.
Eine Aufgabe begann oft mit dem Satz: „Zur Einführung in die Lage...“ – dann folgte das Rätsel, dessen Lösung später manchmal seitenverkehrt abgedruckt war, um die Leser zum Nachdenken zu zwingen.
Der Kämpfer – Prinzipien über alles
Bekannt war Hübner auch für seine Unbeugsamkeit. Legendär wurde sein Rückzug aus dem WM-Kandidatenduell gegen Kortschnoi 1980/81 in Meran. Die Gründe? Persönlich, sagte er selbst. Es gehe um einen „Komplex von Gründen privater Natur“. Er widersprach später öffentlich kursierenden Theorien – ließ das Thema aber bewusst im Nebel.
Als die FIDE 2008 Dopingkontrollen im Schach einführen wollte, trat Hübner aus der Nationalmannschaft zurück. Er sah darin eine Entmündigung des Spielers.
Der Schachhistoriker – immer auch Forscher
Immer wieder zog es Hübner auch in die Welt der Schachgeschichte. 2007 war er Ehrengast beim Schachhistoriker-Seminar im polnischen Kórnik. Dort spielte er ein Simultan gegen Jugendliche und analysierte gemeinsam mit anderen Historikern seltene Schachquellen.
Der Urheberrechtsstreiter – Partien als Werk
Ein ungewöhnlicher Kampf beschäftigte ihn Anfang der 1980er-Jahre: Hübner wollte Schachpartien urheberrechtlich schützen lassen. Schließlich seien auch sie ein geistiges Werk. Er unterlag. Das deutsche Recht sah in einer Schachpartie kein schützbares Werk, weil es im Wettstreit entstehe.
Sein juristisches Gutachten liegt heute im Schachmuseum Löberitz.
Die Mumienporträts – Hübners verborgenste Leidenschaft
Das wohl ungewöhnlichste Kapitel in Robert Hübners Leben ist seine Liebe zu antiken Mumienporträts.
Diese Porträts stammen ursprünglich aus Ägypten. Es handelt sich um bemalte Holztafeln, die auf die Gesichter von Mumien gelegt wurden – entstanden zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert nach Christus.
Hübner kopierte diese Kunstwerke – in allerhöchster Präzision und mit selbstgemischten Farben. Er ließ sich dafür sogar in einem Schweizer Nonnenkloster ausbilden.
Goldauflagen, exakte Farbtöne, altägyptische Techniken – nichts war ihm zu aufwendig. Hübners Porträts waren keine schnellen Kopien, sondern Studien von Technik, Stil und Ausdruck.
Drei seiner Werke wurden in einem seiner Bücher Schund abgedruckt – versehen mit einer ironischen Bemerkung im Vorwort: Die Bilder seien eigentlich versehentlich in das Buch geraten, weil er „eine falsche Taste“ gedrückt habe.
Doch dieses Understatement war typisch für Hübner. Hinter dem Scherz steckt tiefe Ernsthaftigkeit. Er hatte sich intensiv mit den Techniken beschäftigt, um sich dieser alten Kunst anzunähern.
Sein Freund Konrad Reiß vom Schachmuseum Löberitz berichtete, dass Hübner seine Mumienbilder mit größtem Können malte – und dass diese Werke zeigten, wie sehr Hübner über den Schachrand hinausschaute.
Der Mensch – leise, gebildet, hilfsbereit
Wer Robert Hübner persönlich kannte, beschreibt ihn als bescheidenen, hilfsbereiten und feinsinnigen Menschen.
Siegfried Schönle berichtet in seinem Nachruf, dass Hübner nie Wünsche unbeantwortet ließ. Dass seine Antworten stets kenntnisreich, oft ironisch, immer aber respektvoll und freundlich waren.
Er jagte nie Ruhm oder Geld hinterher. Er blieb stets seiner eigenen Welt treu – einer Welt aus Wissen, Genauigkeit, Eigenständigkeit und leiser Ironie.
Robert Hübner war nicht nur ein Schachgenie.
Er war ein Gelehrter alten Stils. Ein Übersetzer antiker Texte. Ein Sprachliebhaber. Ein Maler von Mumienporträts.
Und vielleicht war genau das sein größter Sieg: Dass er sich selbst nie auf eine Rolle festlegen ließ.
https://www.kwabc.org/de/news/gm-dr-phil-robert-huebner-br-6-11-1948-5-1-2025.html
Robert Hübner war vieles. Großmeister, WM-Kandidat, Wissenschaftler, Übersetzer, Sprachgelehrter – und: Maler von Mumienporträts.
Wer sich dem Leben des Kölner Schachgenies nähert, stößt schnell auf das Bild des strengen, brillanten, manchmal sperrigen Kopfmenschen. Doch der Beitrag von Siegfried Schönle auf der Website der Chess History & Literature Society zeigt, wie vielschichtig Hübner wirklich war. Schönle orientiert sich an Hübners eigenem Buch Elemente einer Selbstbiographie – und stellt die vielen Facetten dieses Ausnahmemenschen vor.
Der Schachspieler – gefürchtet und bewundert
Natürlich war Robert Hübner zuallererst Schachspieler. Ein Weltklassespieler über Jahrzehnte hinweg. Er lernte Schach mit fünf, gewann 1968 das Turnier in Büsum und gehörte bald zur absoluten Spitze. Sechsmal nahm er am Kandidatenturnier um die Weltmeisterschaft teil, kämpfte gegen Kortschnoi und andere Giganten seiner Zeit.
Der rumänische Großmeister Mihail Marin nannte ihn einen Heldentöter – weil Hübner regelmäßig Weltstars schlug. Zwischen 1970 und 2000 spielte er bei elf Schacholympiaden für Deutschland.
Doch Schach war für Hübner nie alles. Vielleicht war es für ihn sogar nie das Wichtigste.
Der Wissenschaftler – Papyrologe aus Leidenschaft
Parallel zu seiner Schachkarriere studierte Hübner an der Universität Köln Altgriechisch und Latein. Er promovierte 1976 über Papyrusurkunden aus dem Alltag des 1. Jahrhunderts vor Christus.
Diese Urkunden, meist in Griechisch verfasst, analysierte und übersetzte er akribisch. Sie berichten von Steuerlisten, Verträgen oder Eidformeln. Eine davon – der Eid eines Deichaufsehers – wurde sogar im Spiegel abgedruckt.
Seine Leidenschaft für die Welt der Antike war tief. Er soll einmal gesagt haben: „Altgriechische Texte zu übersetzen, macht mir hundertmal mehr Spaß als Schach!“
Der Übersetzer – von Homer bis Olli
Bis in seine letzten Lebensjahre übersetzte Hübner Klassiker. Besonders stolz war er auf seine Übertragung der Ilias von Homer in deutsche Hexameter – ein reines Liebhaberprojekt.
Noch kurioser war sein Finnisch-Projekt: Nachdem er einmal gegen den finnischen Großmeister Heikki Westerinen gespielt hatte – und sich danach mangels gemeinsamer Sprache nicht unterhalten konnte – begann Hübner, Finnisch zu lernen.
Am Ende übersetzte er sogar die humoristischen Geschichten des finnischen Autors Olli (Väinö Nuorteva) – darunter eine Satire über Schach.
Der Publizist – Schach für die breite Masse
Zwischen 1977 und 1985 schrieb Hübner eine Schachkolumne in der Fernsehzeitschrift Prisma, damals vor allem in Nordrhein-Westfalen weit verbreitet. Er stellte Stellungen vor, erklärte Mattbilder oder kommentierte eigene Partien.
Eine Aufgabe begann oft mit dem Satz: „Zur Einführung in die Lage...“ – dann folgte das Rätsel, dessen Lösung später manchmal seitenverkehrt abgedruckt war, um die Leser zum Nachdenken zu zwingen.
Der Kämpfer – Prinzipien über alles
Bekannt war Hübner auch für seine Unbeugsamkeit. Legendär wurde sein Rückzug aus dem WM-Kandidatenduell gegen Kortschnoi 1980/81 in Meran. Die Gründe? Persönlich, sagte er selbst. Es gehe um einen „Komplex von Gründen privater Natur“. Er widersprach später öffentlich kursierenden Theorien – ließ das Thema aber bewusst im Nebel.
Als die FIDE 2008 Dopingkontrollen im Schach einführen wollte, trat Hübner aus der Nationalmannschaft zurück. Er sah darin eine Entmündigung des Spielers.
Der Schachhistoriker – immer auch Forscher
Immer wieder zog es Hübner auch in die Welt der Schachgeschichte. 2007 war er Ehrengast beim Schachhistoriker-Seminar im polnischen Kórnik. Dort spielte er ein Simultan gegen Jugendliche und analysierte gemeinsam mit anderen Historikern seltene Schachquellen.
Der Urheberrechtsstreiter – Partien als Werk
Ein ungewöhnlicher Kampf beschäftigte ihn Anfang der 1980er-Jahre: Hübner wollte Schachpartien urheberrechtlich schützen lassen. Schließlich seien auch sie ein geistiges Werk. Er unterlag. Das deutsche Recht sah in einer Schachpartie kein schützbares Werk, weil es im Wettstreit entstehe.
Sein juristisches Gutachten liegt heute im Schachmuseum Löberitz.
Die Mumienporträts – Hübners verborgenste Leidenschaft
Das wohl ungewöhnlichste Kapitel in Robert Hübners Leben ist seine Liebe zu antiken Mumienporträts.
Diese Porträts stammen ursprünglich aus Ägypten. Es handelt sich um bemalte Holztafeln, die auf die Gesichter von Mumien gelegt wurden – entstanden zwischen dem 1. und 3. Jahrhundert nach Christus.
Hübner kopierte diese Kunstwerke – in allerhöchster Präzision und mit selbstgemischten Farben. Er ließ sich dafür sogar in einem Schweizer Nonnenkloster ausbilden.
Goldauflagen, exakte Farbtöne, altägyptische Techniken – nichts war ihm zu aufwendig. Hübners Porträts waren keine schnellen Kopien, sondern Studien von Technik, Stil und Ausdruck.
Drei seiner Werke wurden in einem seiner Bücher Schund abgedruckt – versehen mit einer ironischen Bemerkung im Vorwort: Die Bilder seien eigentlich versehentlich in das Buch geraten, weil er „eine falsche Taste“ gedrückt habe.
Doch dieses Understatement war typisch für Hübner. Hinter dem Scherz steckt tiefe Ernsthaftigkeit. Er hatte sich intensiv mit den Techniken beschäftigt, um sich dieser alten Kunst anzunähern.
Sein Freund Konrad Reiß vom Schachmuseum Löberitz berichtete, dass Hübner seine Mumienbilder mit größtem Können malte – und dass diese Werke zeigten, wie sehr Hübner über den Schachrand hinausschaute.
Der Mensch – leise, gebildet, hilfsbereit
Wer Robert Hübner persönlich kannte, beschreibt ihn als bescheidenen, hilfsbereiten und feinsinnigen Menschen.
Siegfried Schönle berichtet in seinem Nachruf, dass Hübner nie Wünsche unbeantwortet ließ. Dass seine Antworten stets kenntnisreich, oft ironisch, immer aber respektvoll und freundlich waren.
Er jagte nie Ruhm oder Geld hinterher. Er blieb stets seiner eigenen Welt treu – einer Welt aus Wissen, Genauigkeit, Eigenständigkeit und leiser Ironie.
Robert Hübner war nicht nur ein Schachgenie.
Er war ein Gelehrter alten Stils. Ein Übersetzer antiker Texte. Ein Sprachliebhaber. Ein Maler von Mumienporträts.
Und vielleicht war genau das sein größter Sieg: Dass er sich selbst nie auf eine Rolle festlegen ließ.
https://www.kwabc.org/de/news/gm-dr-phil-robert-huebner-br-6-11-1948-5-1-2025.html
Zitat von Conrad Schormann am 15. April 2025, 7:31 UhrEin Schachmeister in Luxemburg – Robert Hübners Gastspiel in Echternach
Robert Hübner, der wohl größte Denker unter Deutschlands Schachgroßmeistern, spielte über ein Jahrzehnt lang für den Luxemburger Klub de Sprenger Echternach. Warum ausgerechnet dort? Gerd Densing zeichnet in Karl die Geschichte eines ungewöhnlichen Engagements nach, das mehr mit Freundschaft, Atmosphäre und Bescheidenheit zu tun hatte als mit sportlichem Ehrgeiz.
Ausgangspunkt war Hübners enge Verbindung zu Dr. Michael Trauth aus Trier, einem geisteswissenschaftlich gebildeten Schachfreund. Die beiden verbanden mehr als nur das Spiel – sie diskutierten Literatur, verbrachten gemeinsame Wochenenden, und fuhren sonntags über die Grenze, um in Luxemburg Punktspiele zu bestreiten. Als Trauth über Körholz zum Klub stieß, war bald auch Hübner mit dabei. Von 2008 bis 2019 spielte er zwei bis drei Partien pro Saison für Echternach – oft an Brett eins. Sieben Mal wurde er mit dem Verein Landesmeister.
Der einstige Weltklassespieler reiste meist mit dem Zug, übernachtete bei Trauth, kehrte mit Kölner Mitspielern zurück. Für ihn war Luxemburg ein wohltuender Gegenentwurf zum oft reglementierten deutschen Schachbetrieb: Kein Live-Brett, keine Kameras, keine Journalisten. Selbst Plastikfiguren störten ihn nicht. Die Partien verschwanden im Archiv, statt online in Datenbanken zu landen. Der Druck war geringer, die Atmosphäre familiär.
Als Trauth 2022 starb, endete auch Hübners Engagement. Zuvor war er immer seltener zufrieden mit seinen Leistungen, ließ öfter Remis gegen schwächere Gegner zu und zeigte sich im Vereinsheim mehr an den Partien anderer interessiert als an seinen eigenen. Seine Analysen waren keine Taktikshows, sondern stille Lektionen strategischer Tiefe.
Auch bei internationalen Einsätzen war er für Echternach dabei: etwa 2009 beim European Chess Club Cup in Ohrid, wo er 4,5 Punkte aus sieben Partien holte – unter anderem gegen die Superstars aus Moskau. Zwei Jahre später in Slowenien war er mit 3,5 aus sieben weniger erfolgreich, brillierte aber auch dort mit verblüffendem Gedächtnis und Analysevermögen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an einen zurückhaltenden, höflichen, tiefgründigen Menschen, der sich in Echternach sichtlich wohlfühlte – nicht wegen Titeln oder Preisgeldern, sondern wegen der Menschen, der Ruhe, der Gespräche über Homer und Handschriften, und eines roten Pullovers beim letzten Titelgewinn.
Schaacks Editorial über Hübner:
https://karlonline.org/125_1
Ein Schachmeister in Luxemburg – Robert Hübners Gastspiel in Echternach
Robert Hübner, der wohl größte Denker unter Deutschlands Schachgroßmeistern, spielte über ein Jahrzehnt lang für den Luxemburger Klub de Sprenger Echternach. Warum ausgerechnet dort? Gerd Densing zeichnet in Karl die Geschichte eines ungewöhnlichen Engagements nach, das mehr mit Freundschaft, Atmosphäre und Bescheidenheit zu tun hatte als mit sportlichem Ehrgeiz.
Ausgangspunkt war Hübners enge Verbindung zu Dr. Michael Trauth aus Trier, einem geisteswissenschaftlich gebildeten Schachfreund. Die beiden verbanden mehr als nur das Spiel – sie diskutierten Literatur, verbrachten gemeinsame Wochenenden, und fuhren sonntags über die Grenze, um in Luxemburg Punktspiele zu bestreiten. Als Trauth über Körholz zum Klub stieß, war bald auch Hübner mit dabei. Von 2008 bis 2019 spielte er zwei bis drei Partien pro Saison für Echternach – oft an Brett eins. Sieben Mal wurde er mit dem Verein Landesmeister.
Der einstige Weltklassespieler reiste meist mit dem Zug, übernachtete bei Trauth, kehrte mit Kölner Mitspielern zurück. Für ihn war Luxemburg ein wohltuender Gegenentwurf zum oft reglementierten deutschen Schachbetrieb: Kein Live-Brett, keine Kameras, keine Journalisten. Selbst Plastikfiguren störten ihn nicht. Die Partien verschwanden im Archiv, statt online in Datenbanken zu landen. Der Druck war geringer, die Atmosphäre familiär.
Als Trauth 2022 starb, endete auch Hübners Engagement. Zuvor war er immer seltener zufrieden mit seinen Leistungen, ließ öfter Remis gegen schwächere Gegner zu und zeigte sich im Vereinsheim mehr an den Partien anderer interessiert als an seinen eigenen. Seine Analysen waren keine Taktikshows, sondern stille Lektionen strategischer Tiefe.
Auch bei internationalen Einsätzen war er für Echternach dabei: etwa 2009 beim European Chess Club Cup in Ohrid, wo er 4,5 Punkte aus sieben Partien holte – unter anderem gegen die Superstars aus Moskau. Zwei Jahre später in Slowenien war er mit 3,5 aus sieben weniger erfolgreich, brillierte aber auch dort mit verblüffendem Gedächtnis und Analysevermögen.
Was bleibt, ist die Erinnerung an einen zurückhaltenden, höflichen, tiefgründigen Menschen, der sich in Echternach sichtlich wohlfühlte – nicht wegen Titeln oder Preisgeldern, sondern wegen der Menschen, der Ruhe, der Gespräche über Homer und Handschriften, und eines roten Pullovers beim letzten Titelgewinn.
Schaacks Editorial über Hübner:
Zitat von Conrad Schormann am 22. April 2025, 19:13 UhrEbenfalls Karl: der Zugpflichtschaden
https://twitter.com/ehscho/status/1914726541998661916
Ebenfalls Karl: der Zugpflichtschaden
2/2 … the player about to move is in the losing position. Hübner suggested a new term for the „incorrectly“ dubbed wrongly Zugzwang positions: Zugpflichtschaden (~move obligation damage). This must be the most German cliche thing i heard in a long time.. pic.twitter.com/mu1Y4O6ujW
— iris 🐈♟📚 (@ehscho) April 22, 2025
Zitat von Conrad Schormann am 5. Januar 2026, 11:01 UhrHommage an Robert Hübner: Purist, Wahrheitssucher, Außenseiter
Quelle: Europe Échecs – „Hommage à Robert Huebner (1948-2025)“, Georges Bertola, veröffentlicht am 08.01.2025 (aktualisiert am 09.01.2025)
Robert Hübner wurde am 6. November 1948 in Köln geboren und starb am 5. Januar 2025 nach langer Krankheit. Georges Bertola zeichnet ihn als Gegenfigur zum heutigen Spitzenschach: ein Purist, der „Wahrheit“ suchte, klassisches Schach verteidigte und dem Schach als Show wenig abgewinnen konnte.
Der Text startet biografisch: Bertola erinnert sich an Hübners ersten Olympia-Auftritt 1968 in Lugano, noch ohne Großmeistertitel, am letzten Brett der Bundesrepublik um Wolfgang Unzicker – solide, aber ohne Star-Status. Zwei Jahre später kommt der Bruch: Beim Interzonal 1970 in Palma de Mallorca spielt Hübner plötzlich ganz oben mit. Er hält Bobby Fischer remis, wird Zweiter (geteilt mit Bent Larsen und Efim Geller) und qualifiziert sich für die Kandidaten – samt GM-Titel. Bertola zitiert dazu die damalige Einschätzung aus Schach-Echo: der „relativ Unbekannte“ sei über Nacht in die Weltspitze gerückt.
Bertola nutzt dann zwei Partien als Fenster in Hübners Denken – und arbeitet hier schon das Grundthema aus: kein Glanz als Selbstzweck, sondern Analyse als Lebensform.
Erst Fischer–Hübner (Interzonal 1970). Der Artikel bringt längere Auszüge aus Hübners Kommentaren und zeigt seine Art, Stellungen in Tempo, Struktur und Figurenwegen zu zerlegen. Am Ende steht kein Triumph, sondern ein nüchterner Blick auf Balance, Ungenauigkeiten und die Psychologie am Brett – inklusive der Notiz, dass Fischer nach enttäuschenden Ergebnissen oft keine „post mortem“-Analyse wollte.
Dann Tal–Hübner (Leningrad 1973). Hübner kommentiert wieder streng, korrigiert sogar seine eigenen Urteile aus der Zeit später in einem Buch und betont: In vielen Varianten sei nicht „die kleine Maschine“ entscheidend, sondern das Verstehen der Stellung. Die Partie endet mit einem einzigen groben Fehler Mikhaïl Tal’s, den Hübner als Wendepunkt markiert.
Der Text blendet Hübners Brüche nicht aus, sondern macht sie zum Kern. Schon 1971 gegen Tigran Petrosjan in Sevilla: sechs Remis, dann eine Niederlage – und Hübner bricht den Kandidatenkampf ab. Bertola deutet das als psychische Fragilität unter Druck, Lärm, Atmosphäre, der Präsenz der sowjetischen Delegation. Hübner selbst wird mit einem Satz aus New in Chess (1997/2) zitiert: Fortschritt wäre möglich, „wenn die Vernunft die Emotionen überholen könnte“.
Ein Gegenpunkt folgt 1972: Bei der Olympiade in Skopje holt Hübner Gold am ersten Brett, ungeschlagen (+12 =6), und nimmt Petrosjan eine kleine Revanche ab – Petrosjan verliert auf Zeit in einer Stellung, die als ausgeglichen gilt. Doch selbst das wird nicht als Heldengeschichte erzählt. Hübner, so Bertola, sah sich nicht primär als Schachspieler. Er habe andere Tätigkeiten für „wertvoller“ gehalten und sich beweisen wollen, dass er mehr könne als „Holz schieben“. Dazu passt sein akademisches Profil: Studium von Griechisch und Latein in Köln, Spezialgebiet Papyrologie.
Bertola mischt eigene Begegnungen hinein und schärft das Bild: Hübner mochte Journalisten nicht, weil sie seiner Meinung nach Wahrheit verdrehen und er dann Zeit mit Korrekturen verliert. Er wirkte verschlossen, unterschrieb aber Bücher – mit der Einschränkung, dass er eines nicht signierte, weil er mit dem Verleger im Streit lag. Bertola zieht hier bewusst die Parallele zu Fischer.
Dann wird der Text explizit programmatisch: Hübners Analysen seien ein Gegenmodell zur heutigen Kommentar-Kultur, die oft nur die Stockfish-Anzeige nacherzählt. Bertola nennt als Beispiel Hübners 40-Seiten-Zerlegung einer berühmten Tal-Partie im Buch The Magic Tactics of Mikhail Tal und zitiert Hübners Fazit: Über diese Partie ließe sich ein ganzes Buch schreiben.
Ein Detail, das hängen bleibt, ist Hübners Regel zur Notation von Fehlern: Fragezeichen nur, wenn ein Zug eine gewonnene Stellung in Remis oder Verlust kippt – zwei Fragezeichen, wenn aus Gewinn Verlust wird; Ausrufezeichen lehnt er ab, weil sie nur die Begeisterung des Kommentators markieren.
Zum Schluss liefert Bertola noch ein zweites „Drama“ als Szene: Interzonal Biel 1976. Hübner führt, steht gegen Petrosjan auf Gewinn, hat zwei verbundene Freibauern am Damenflügel – und verpasst in Zeitnot die klare Fortsetzung, die sogar zu einem Matt führt. Nach einem Fehlzug kollabiert die Partie, Petrosjan dreht sie. Bertola nennt das einen der bittersten Momente, der Hübner die Kandidaten-Quali kostete.
Der Nachruf endet nicht mit Trost, sondern mit Einordnung: Hübner sei vermutlich der talentierteste westliche Großmeister seiner Generation neben Jan Timman – und zugleich eine Ausnahmefigur, weil er Schach nicht als Bühne verstand, sondern als Arbeit an Wahrheit.
Hommage an Robert Hübner: Purist, Wahrheitssucher, Außenseiter
Quelle: Europe Échecs – „Hommage à Robert Huebner (1948-2025)“, Georges Bertola, veröffentlicht am 08.01.2025 (aktualisiert am 09.01.2025)
Robert Hübner wurde am 6. November 1948 in Köln geboren und starb am 5. Januar 2025 nach langer Krankheit. Georges Bertola zeichnet ihn als Gegenfigur zum heutigen Spitzenschach: ein Purist, der „Wahrheit“ suchte, klassisches Schach verteidigte und dem Schach als Show wenig abgewinnen konnte.
Der Text startet biografisch: Bertola erinnert sich an Hübners ersten Olympia-Auftritt 1968 in Lugano, noch ohne Großmeistertitel, am letzten Brett der Bundesrepublik um Wolfgang Unzicker – solide, aber ohne Star-Status. Zwei Jahre später kommt der Bruch: Beim Interzonal 1970 in Palma de Mallorca spielt Hübner plötzlich ganz oben mit. Er hält Bobby Fischer remis, wird Zweiter (geteilt mit Bent Larsen und Efim Geller) und qualifiziert sich für die Kandidaten – samt GM-Titel. Bertola zitiert dazu die damalige Einschätzung aus Schach-Echo: der „relativ Unbekannte“ sei über Nacht in die Weltspitze gerückt.
Bertola nutzt dann zwei Partien als Fenster in Hübners Denken – und arbeitet hier schon das Grundthema aus: kein Glanz als Selbstzweck, sondern Analyse als Lebensform.
Erst Fischer–Hübner (Interzonal 1970). Der Artikel bringt längere Auszüge aus Hübners Kommentaren und zeigt seine Art, Stellungen in Tempo, Struktur und Figurenwegen zu zerlegen. Am Ende steht kein Triumph, sondern ein nüchterner Blick auf Balance, Ungenauigkeiten und die Psychologie am Brett – inklusive der Notiz, dass Fischer nach enttäuschenden Ergebnissen oft keine „post mortem“-Analyse wollte.
Dann Tal–Hübner (Leningrad 1973). Hübner kommentiert wieder streng, korrigiert sogar seine eigenen Urteile aus der Zeit später in einem Buch und betont: In vielen Varianten sei nicht „die kleine Maschine“ entscheidend, sondern das Verstehen der Stellung. Die Partie endet mit einem einzigen groben Fehler Mikhaïl Tal’s, den Hübner als Wendepunkt markiert.
Der Text blendet Hübners Brüche nicht aus, sondern macht sie zum Kern. Schon 1971 gegen Tigran Petrosjan in Sevilla: sechs Remis, dann eine Niederlage – und Hübner bricht den Kandidatenkampf ab. Bertola deutet das als psychische Fragilität unter Druck, Lärm, Atmosphäre, der Präsenz der sowjetischen Delegation. Hübner selbst wird mit einem Satz aus New in Chess (1997/2) zitiert: Fortschritt wäre möglich, „wenn die Vernunft die Emotionen überholen könnte“.
Ein Gegenpunkt folgt 1972: Bei der Olympiade in Skopje holt Hübner Gold am ersten Brett, ungeschlagen (+12 =6), und nimmt Petrosjan eine kleine Revanche ab – Petrosjan verliert auf Zeit in einer Stellung, die als ausgeglichen gilt. Doch selbst das wird nicht als Heldengeschichte erzählt. Hübner, so Bertola, sah sich nicht primär als Schachspieler. Er habe andere Tätigkeiten für „wertvoller“ gehalten und sich beweisen wollen, dass er mehr könne als „Holz schieben“. Dazu passt sein akademisches Profil: Studium von Griechisch und Latein in Köln, Spezialgebiet Papyrologie.
Bertola mischt eigene Begegnungen hinein und schärft das Bild: Hübner mochte Journalisten nicht, weil sie seiner Meinung nach Wahrheit verdrehen und er dann Zeit mit Korrekturen verliert. Er wirkte verschlossen, unterschrieb aber Bücher – mit der Einschränkung, dass er eines nicht signierte, weil er mit dem Verleger im Streit lag. Bertola zieht hier bewusst die Parallele zu Fischer.
Dann wird der Text explizit programmatisch: Hübners Analysen seien ein Gegenmodell zur heutigen Kommentar-Kultur, die oft nur die Stockfish-Anzeige nacherzählt. Bertola nennt als Beispiel Hübners 40-Seiten-Zerlegung einer berühmten Tal-Partie im Buch The Magic Tactics of Mikhail Tal und zitiert Hübners Fazit: Über diese Partie ließe sich ein ganzes Buch schreiben.
Ein Detail, das hängen bleibt, ist Hübners Regel zur Notation von Fehlern: Fragezeichen nur, wenn ein Zug eine gewonnene Stellung in Remis oder Verlust kippt – zwei Fragezeichen, wenn aus Gewinn Verlust wird; Ausrufezeichen lehnt er ab, weil sie nur die Begeisterung des Kommentators markieren.
Zum Schluss liefert Bertola noch ein zweites „Drama“ als Szene: Interzonal Biel 1976. Hübner führt, steht gegen Petrosjan auf Gewinn, hat zwei verbundene Freibauern am Damenflügel – und verpasst in Zeitnot die klare Fortsetzung, die sogar zu einem Matt führt. Nach einem Fehlzug kollabiert die Partie, Petrosjan dreht sie. Bertola nennt das einen der bittersten Momente, der Hübner die Kandidaten-Quali kostete.
Der Nachruf endet nicht mit Trost, sondern mit Einordnung: Hübner sei vermutlich der talentierteste westliche Großmeister seiner Generation neben Jan Timman – und zugleich eine Ausnahmefigur, weil er Schach nicht als Bühne verstand, sondern als Arbeit an Wahrheit.

