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Georg Marco (1863-1923)

Georg Marco – der „Groß-, Dick- und Breitmeister“ des Wiener Schachs

Quelle: Zusammengetragen aus historischen Berichten und zeitgenössischen Porträts

Als Georg Marco in den 1880ern nach Wien zieht, will er eigentlich Medizin studieren. Doch am ersten Tag verschlägt es ihn ins Café Central. Dort spielt er bis zur Sperrstunde Schach – und danach in einem anderen Lokal weiter. Das Studium hat keine Chance.

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Geboren am 29. November 1863 in Czernowitz, einer Stadt am Rand der k.u.k. Monarchie, macht sich Marco in Wien rasch einen Namen. In den Schachcafés ist er allgegenwärtig, freundlich und wuchtig zugleich, „der gutmütigste Riese, der liebenswürdigste Oger, den man sich denken kann“, wie ein Zeitgenosse schreibt. In den 1890er-Jahren zählen seine Turniererfolge zu den besten seiner Laufbahn: Vierter in Dresden 1892, Sieger in Wien 1895, Dritter in Wien 1897, Fünfter in Monte Carlo 1903, geteilte zweite Position in Moskau 1907, Dritter in Stockholm 1912. 1906 erreicht er mit einer historischen Elo-Zahl von 2673 die Top Ten der Welt.

Sein Stil ist solide, fast unerschütterlich. Niemand zieht so viele Remispartien. Freunde nennen ihn scherzhaft den „Groß-, Dick- und Breitmeister“. Zwei Wettkämpfe mit Carl Schlechter enden unentschieden, gegen Adolf Albin siegt er 1901 in Karlsbad mit 6:4. Auf dem Dampfer „Pretoria“ spielt er 1904 ein Match mit abgelehntem Königsgambit gegen Dawid Janowski – und verliert, ohne seinen Humor zu verlieren.

Doch Marco ist mehr als ein Spieler. Schon ab den 1890er-Jahren beginnt er, Bücher zu schreiben und Turnierbände herauszugeben – zu Wien 1903 und 1908, Ostende 1906, Karlsbad 1907, Baden 1914. Er redigiert die Wiener Schachzeitung von 1898 bis 1914 und eine wöchentliche Schachspalte in Das Interessante Blatt. Als Sekretär des Wiener Schachklubs hält er den Betrieb am Laufen, verschickt Telegramme, organisiert Veranstaltungen, analysiert Partien. Armin Friedmann beschreibt ihn 1898 als „Wirbelwind, dessen Kopf voller Verwaltungsarbeit, Berichte und Kabelmeldungen steckt – und der trotzdem noch genug Verstand übrig hat, um seine Gegner zu zermalmen“.

Seine Feder macht ihn unsterblicher als seine Resultate. Savielly Tartakower nennt ihn später liebevoll „Brother Bombasticus“ und rühmt seine „Weltklugheit ohne jede Besserwisserei, seine heitere Weisheit, die jedem Raum Wärme gab“. Emanuel Lasker schreibt nüchterner, Marco sei ein „Mann praktischer Klugheit mit schwerem Humor, dessen Stimme unter Meistern immer zu hören ist“.

Als Theoretiker bleibt Marco tief verwurzelt im Klassischen. Er prägt Analysen zum Philidor-Hanham, zur Spanischen Zentrumsattacke und hinterlässt Varianten, die noch heute gelegentlich auftauchen, wie das kühne 7.0-0!? im Schliemann-Gegengambit. In seinen Kommentaren betont er die Grenzen menschlicher Präzision: „Die Wahrscheinlichkeit, in einer kritischen Stellung den besten Zug zu finden, liegt vielleicht bei 0,9. Aber dass beide Spieler 20 Mal hintereinander die besten Züge finden, ist praktisch null.“ Schach, schreibt er, sei voller Zufall – „fast wie Roulette“.

On 4 September 1916, Georg Marco declared his resignation from the Greek Orthodox Church. #chess

Michael Lorenz (@michaelorenz.bsky.social) 2025-07-25T22:10:37.278Z

Am Brett bleibt er der ewige Pragmatiker, im Leben der Mittelpunkt jeder Runde. Sein Humor und seine Turnierbücher prägen Generationen. Am 29. August 1923 stirbt Georg Marco in Wien – als Spieler respektiert, als Schriftsteller und Organisator unersetzlich. Ohne ihn, so Lasker, „wäre dem internationalen Schach viel von seinem Geschmack verloren gegangen“.


Die Wiener Schachzeitung.

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