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Emil Schallopp (1843-1919)

Emil Schallopp: Stenograf im Reichstag, Romantiker am Brett
Quelle: Steakanator, „Loser’s POV: Emil Schallopp (1880–1889)“, chess.com, 11. August 2025

Emil Schallopp, geboren am 1. August 1843 in Friesack, führte ein Doppelleben: tagsüber als Stenograf im Reichstag, abends als Autor und Spieler in der Schachwelt. Schon als Gymnasiast dichtete und übersetzte er auf Latein, mit 15 begann er sich der Stenografie zu widmen. Ab 1872 leitete er das „Besondere stenographische Büro“ im Reichstag.

Berühmt wurde Schallopp jedoch weniger durch seine Resultate als durch seine Feder. Er schrieb zahlreiche Turnierbücher – etwa über Leipzig 1877, Paris 1878, die ersten Kongresse des Deutschen Schachbundes (Leipzig 1879, Berlin 1881, Nürnberg 1883) – und über das WM-Match Steinitz–Zukertort. Außerdem verantwortete er die 7. Auflage des Standardwerks Handbuch des Schachspiels von 1891.

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Seine Laufbahn als Spieler begann in den 1860ern beim Berliner Schachverein, wo er gegen Größen wie Adolf Anderssen und Gustav Neumann antrat. International trat er erstmals in Wiesbaden 1880 auf – und überraschte mit dem 4. Platz hinter Blackburne, Englisch und Schwarz. Doch seine Resultate schwankten. Glanzlichter waren zweite Plätze in Hereford 1885 und Nottingham 1886; dazu respektable Auftritte in Nürnberg 1883 und Hamburg 1885.

Zeitgenossen beschrieben Schallopp als Romantiker: Er liebte das Risiko, suchte Komplikationen, glänzte mit brillanten Angriffen – oder stürzte ebenso spektakulär ab. Oft habe er sogar während der Partien an Manuskripten gearbeitet, was seine Konzentration kostete. Trotzdem bleiben einige brillante Siege, etwa gegen Johannes Zukertort (Berlin 1881), Max Weiss (1883) oder sein Brilliancy-Preis-Sieg gegen Isidor Gunsberg in London 1886.

Auch in der Theorie hinterließ er Spuren. Schallopp spielte vielseitig: Spanisch, Französisch, Schottisch, Sizilianisch. Mal wählte er solide Systeme wie die Austauschvarianten, mal moderne Aufbauten. In der Slawischen Verteidigung erinnert bis heute die Schallopp-Verteidigung an ihn.

Endspiele waren weniger seine Stärke, doch in asymmetrischen Stellungen zeigte er Sinn für taktische Möglichkeiten, wie Siege gegen Johann Berger (Hamburg 1885) oder William Pollock (1886) belegen.

So gilt Schallopp heute als eine jener Figuren des 19. Jahrhunderts, deren größte Bedeutung nicht in Turniersiegen lag, sondern darin, das Schach schriftlich zu dokumentieren und mitzugestalten. Ein Mann, der die Glanzlichter der Romantik noch einmal aufblitzen ließ – und gleichzeitig das Fundament für die Schachliteratur der Moderne legte.

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