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Arkady Dvorkovich

Ausführlicher Beitrag im Deutschlandfunk zur FIDE-Wahl mit Stimmen von Ullrich Krause und Ulrich Stock:

https://www.deutschlandfunk.de/schach-wiederwahl-umstrittener-fide-praesident-russland-dvorkovich-100.html

Russischer Welt-Schachpräsident: "Ich vertrete nicht die russische Politik"

14. Februar 2023, 18:48 Uhr

Lesezeit: 12 min

Russischer Welt-Schachpräsident: Der Präsident des Schach-Weltverbandes Fide, Arkadij Wladimirowitsch Dworkowitsch (rechts), hier im Jahr 2018 mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

Der Präsident des Schach-Weltverbandes Fide, Arkadij Wladimirowitsch Dworkowitsch (rechts), hier im Jahr 2018 mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.

(Foto: imago stock&people/imago/Itar-Tass)

Arkadij Dworkowitsch war stellvertretender russischer Ministerpräsident. Jetzt führt er den Welt-Schachverband Fide, in dem viel im Sinne des Kreml läuft. Ein Gespräch über sein Verhältnis zu Wladimir Putin - und wie er zur Ukraine steht.

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Zum Interview (hinter der Aboschranke)

Interview in "El Mundo", in dem Dvorkovich zu Beginn des Gesprächs klar macht, über allzu Kritisches nicht reden zu wollen:

Arkady Dvorkovich, presidente de la FIDE: "El futuro del ajedrez son los torneos mixtos"

Actualizado Sábado, 10 junio 2023 - 00:18
 

El dirigente admite que, como ruso, deseaba la victoria de Nepomniachtchi.

Zum Interview (Spanisch, aber mit zB Google Translate gut auf Deutsch lesbar)

Arkady Dvorkovich: Der Technokrat auf dem schmalen Grat

Quelle: Revue XXI – „Entre Kremlin et Occident, la dangereuse partie du patron mondial des échecs“, Nicolas Gastineau, Clément Fayol (29.09.2025)

Gelassenes Lächeln, breite Denkerstirn, das Auftreten eines unerschütterlichen Verwaltungsprofis: Arkady Dvorkovich hat etwas geschafft, woran viele russische Spitzenfunktionäre nach dem Überfall auf die Ukraine scheiterten – er blieb an der Spitze einer Weltorganisation. Als Präsident des Weltschachbundes FIDE steuert er eine Disziplin mit Hunderten Millionen Spielerinnen und Spielern, zugleich aber eine Institution, in der seit 2022 jede Geste politisch gelesen wird. Dvorkovich agiert, so beschreibt es Revue XXI, wie ein Meister der Prophylaxe: nicht angreifen, sondern vorbauen, Risiken entschärfen, den Gegner laufen lassen.

Balanceakt als Prinzip

Zwischen den Fronten – Kreml-Hardliner hier, ukrainische und westliche Kritik dort – sendet Dvorkovich widersprüchliche Signale. Er zeigt sich auf Fotos mit dem Umfeld Wladimir Putins, äußerte zugleich früh – im März 2022 – Mitgefühl für ukrainische Zivilisten. Die Reaktion im Moskauer Machtapparat fiel scharf aus: Dmitri Rogozin attackierte ihn öffentlich; Politiker sprachen von „Verrat“. Dvorkovich gab daraufhin die Leitung der Innovationsstiftung Skolkowo ab. Ein Dissident ist er dennoch nicht – in Kiew erscheint er weiterhin als Teil eines russischen Soft-Power-Apparats.

Der DSB kritisiert den Beschluss des FIDE-Rates mit Präsident Dvorkovich (Foto: Bonhage/FIDE), ein russisches Frauen-Team unter neutraler Flagge bei der WM 2025 starten zu lassen. Das sei mit Blick auf den Ukraine-Krieg strikt abzulehnen. Der komplette Beitrag: http://www.schachbund.de/news/durch-d...

Deutscher Schachbund (@schachbund.bsky.social) 2025-07-25T07:32:44.906Z

Die Taktik der Enthaltung

Wie weit seine Vorsicht reicht, zeigte die FIDE-Generalversammlung 2024 in Budapest. Als eine Gruppe staatlich naher Verbündeter Russlands die Rückkehr russischer und belarussischer Teams unter eigener Flagge anstrebte, reiste Oleksandr Kamyshyn, Chef des ukrainischen Verbands, im Eilverfahren an, um Stimmen zu sammeln. Dvorkovich leitete die Sitzung ausgerechnet bei diesem Tagesordnungspunkt nicht – ein klassischer prophylaktischer Zug: lieber nicht positionieren als verlieren. So sichert er sein Amt, ohne offen Partei zu ergreifen.

„Verräter“: Dvorkovich fällt in Ungnade

Der russische Schachverband – ein Machtvulkan

Außerhalb Russlands sind Schachverbände meist Ehrenämter. In Moskau ist die Föderation ein Machtknoten. Dem Vorstand gehören, neben Dvorkovich (Präsident bis 2014, später weiter im Gremium), Schwergewichte wie Dmitri Peskow, Sergei Schoigu und Sergei Sobyanin an; Gazprom-Manager sitzen mit am Tisch. Parallel belegen Recherchen, dass in den besetzten ukrainischen Gebieten Kinderturniere unter russischer Fahne stattfinden und regionale Verbände (Krim, Donezk) in die russische Struktur integriert wurden. Laut Berichten wurden administrativ nahezu 5 000 ukrainische Spielerinnen und Spieler unter 20 Jahren in die Russische Schachföderation überführt – ein Instrument der kulturellen und administrativen Annexion. Der Weltschachpräsident hält sich dazu öffentlich zurück – einer der zentralen Kritikpunkte an seiner Amtsführung.

Ethikverfahren – und ein Freispruch in der Berufung

2024 befasste sich die FIDE-Ethikkommission mit Dvorkovichs Nähe zu sanktionierten Spitzen der russischen Föderation. Erstinstanzlich wurde er angewiesen, Ämter in Russland zu räumen; in der Berufung fiel die Entscheidung zu seinen Gunsten. Politisch schadlos blieb er ohnehin: Schon 2022 wählten ihn die Delegierten mit großer Mehrheit zum FIDE-Präsidenten – trotz eines ukrainischen Gegenkandidaten, der die Wahl als Referendum über Russlands Kriegspolitik führen wollte.

Herkunft, Aufstieg, Netzwerk

Dvorkovich stammt aus einer Schachfamilie: Sein Vater war ein renommierter Schiedsrichter mit Nähe zu Garry Kasparov. Der Sohn studierte Ökonomie in Moskau und an der Duke University, arbeitete in der russischen Regierung, stieg zum Vizepremier unter Dmitri Medvedev auf und übernahm Aufsichtsgremien großer Staatskonzerne (u. a. Russian Railways). 2018 organisierte er die Fußball-WM in Russland – ein globaler Vertrauensposten. Kurz darauf wechselte er an die Spitze der FIDE.

Nach Kirsan: Sanierer mit russischem Geld

Als Dvorkovich 2018 den langjährigen FIDE-Chef Kirsan Iljumschinow ablöste, stand der Verband finanziell und reputativ am Abgrund: gesperrte Konten in der Schweiz, toxische Verbindungen. Dvorkovich stabilisierte die FIDE binnen Tagen – mit Sponsoren aus dem Umfeld russischer Staatskonzerne (u. a. Russian Railways, Gazprom, Rosatom). Er präsentierte sich als international anschlussfähiger Modernisierer, ohne offen nationalistisch aufzutreten: der Mann, der „alles regelt“.

Die Methode Dvorkovich

Das Porträt zeichnet einen Funktionär, der Konflikte entkernt, indem er sie verwaltet. Sein Stil: höflich, verbindlich, nie grob – und, aus Sicht der Kritiker, politisch folgenlos. Peter Heine Nielsen, Großmeister und Sekundant Magnus Carlsens, betreibt seit Jahren eine dokumentarische Kampagne gegen die gefühlte Rehabilitierung Russlands im Schach. Er dokumentiert Fälle, in denen in besetzten Gebieten Partien stattfinden oder enge Kontakte sichtbar werden. Sein Resümee über Dvorkovich: Er perfektioniere die Kunst, nichts zu tun – in der Geopolitik möglicherweise erfolgreich, im Sportethos jedoch fragwürdig.

Warum er bleibt

Dvorkovich vereint seltene Eigenschaften: Er spricht die Sprache internationaler Institutionen, kennt die Binnenlogik russischer Macht, liefert Sponsoring und Administration – und vermeidet sichtbare Frontstellungen. Diese Mischung macht ihn für viele Verbände attraktiv: Sie erhalten Stabilität, Geld und Ruhe. Der Preis ist eine FIDE, die formal Regelwerke befolgt (Neutralflaggen, Sperren), politisch aber einen Graubereich kultiviert, in dem Moskaus Einfluss nicht verschwindet, sondern anders verankert wird.

Dvorkovich will die dritte Amtszeit

Dvorkovich verteidigt neuen Kombi-Welttitel und räumt Fehler ein
Quelle: ChessBase India – Interview mit Sagar Shah (Oktober 2025)

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Die vergangenen Jahre seien „nicht einfach“ gewesen, sagt FIDE-Präsident Arkady Dvorkovich im Gespräch mit Sagar Shah. Pandemie, politische Spannungen und „die geopolitische Situation“ – gemeint ist der russische Angriff auf die Ukraine – hätten seine Amtszeit geprägt. Dennoch sieht er den Weltverband auf stabilem Fundament: „Wir haben dem Schach auf höchstem Niveau gedient“, sagt Dvorkovich, „und FIDE steht finanziell solide da.“

Im Zentrum des Interviews steht das neue, gemeinsam mit Norway Chess entwickelte Weltmeisterschaftsformat: Der „Combined World Chess Champion“ soll ab 2026 in einem mehrjährigen Zyklus ermittelt werden. Gespielt wird in drei Disziplinen – Fast Classic, Rapid und Blitz – mit hohen Preisgeldern und vier Turnieren pro Jahr. Das Ziel, sagt Dvorkovich, sei ein Titel, der die Vielseitigkeit des modernen Schachs abbildet und zugleich dem schnelleren, digitalen Zeitalter gerecht wird. Der klassische Weltmeistertitel bleibe die Nummer eins, doch der kombinierte Titel könne „mindestens so bedeutend wie Rapid und Blitz“ werden.

Gegenüber der Grand Chess Tour hebt Dvorkovich hervor, dass bei der neuen Serie alle Disziplinen innerhalb eines Events kombiniert werden. „Man kann nicht mit lauter Remis ins Finale kommen“, sagt er, „Risiko gehört dazu – und genau das macht es für Zuschauer spannend.“ Idealerweise, meint er, sollten FIDE und Grand Chess Tour ihre Kräfte irgendwann bündeln. Noch sei der Kalender allerdings „völlig überladen“. Zwei Teilnehmer des neuen Formats sollen künftig direkt für das Kandidatenturnier qualifiziert sein – eine Entscheidung, die Dvorkovich als pragmatisch verteidigt: „Schon heute werden viele Matches durch Rapid- oder Blitz-Tie­breaks entschieden.“

Das neue Fast-Classic-Format mit zwei Partien pro Tag nennt er „herausfordernd, aber zukunftsfähig“. Es sei intensiver, aber auch attraktiver für Medien und Sponsoren. Dass Magnus Carlsen an der Entwicklung beteiligt war, verneint Dvorkovich. Er gratuliert ihm zum ersten Kind, nennt das „das wichtigste Ereignis seines Lebens“ – und fügt hinzu: „Wenn ich er wäre, läge meine Priorität bei der Familie.“ Eine Teilnahme Carlsens am neuen Weltturnier wäre wünschenswert, „doch es wurde nicht für ihn gemacht“.

Zum Konflikt um die Freestyle Chess Tour räumt Dvorkovich eigene Fehler ein. Er habe „die Bedeutung der Kommunikation mit den Spielern unterschätzt“ und entschuldigt sich für Missverständnisse, macht aber auch deutlich, dass „auf beiden Seiten Fehler“ passiert seien. Mit Organisator Jan Henric Buettner gebe es wieder Kontakt, doch noch keine offizielle Partnerschaft. „Jeder, der etwas Positives fürs Schach versucht, ist willkommen“, sagt Dvorkovich. Freestyle Chess und Chess960 seien „echter Spaß“ für die Topspieler, klassisches Schach als Zuschauer jedoch „nach wie vor das interessanteste Format“.

Zur Global Chess League in Mumbai sagt er, sie wachse zu einem medienfreundlichen und wirtschaftlich tragfähigen Teamformat heran: „Das ist kein Charity-Projekt, sondern eine professionelle Investition mit Zukunft.“

Auf Kritik an der FIDE-Ratingpolitik reagiert Dvorkovich ungewohnt selbstkritisch. Die jüngste Debatte um Hikaru Nakamura und dessen Punktegewinne gegen schwächere Gegner in US-Turnieren kommentiert er mit: „Das sah nicht gut aus – aber es war unser Fehler, nicht seiner.“ Kurzfristig habe die FIDE die 400-Punkte-Regel für Spieler über 2650 Elo eingeführt, langfristig brauche es eine umfassende Reform, um inaktive Ratings und veraltete Wertungen zu korrigieren.

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