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Anita Stangl

Anita Stangl im Schachtalk: „Ich würde mich freuen, wenn Dworkowitsch abgelöst wird"

Quelle: Chess Tigers, Schachtalk (YouTube-Livestream), 02.07.2026

Sie könne selbst nie klar sagen, ob eine Reise dienstlich oder privat sei, weil sie fast immer Schachturniere oder Tango-Events mit Geschäftsterminen verbindet – ihr Steuerprüfer habe sie deshalb einmal eine „globale Persönlichkeit" genannt. Das sagte Anita Stangl im Gespräch mit den Chess Tigers. Die Unternehmerin und Woman-FIDE-Master war zu Gast bei Moderator Michael Busse, im späteren Verlauf der Sendung stieß Jonathan Carlstedt hinzu.

Schach, Tango und Kombinationssport

Stangl beschreibt ihre Reisen als untrennbare Mischung aus Turnierteilnahme, Tangotanzen und Kundenkontakten – etwa bei der jährlichen Frauen-Schnellschach-Europameisterschaft in Monaco, wo sie regelmäßig auch eine Tangoschule besucht. Auch bei ihrem Verein, der Chess Sport Association, schätzt sie die Kombination von Schach mit anderen Sportarten: Bei einem Gedenkturnier für ihren verstorbenen Mann organisierte sie ein Turnier aus Schach und Badminton, bei dem sich Vereinsmitglieder beider Sparten anmeldeten. Ihr Sohn wiederum hat sich im Schachboxen versucht – eine Erfahrung, die sie als Mutter „Wasser schwitzen" ließ.

Schach als Schulfach und die eigene Firma

Seit 20 Jahren führt Stangl die Firma Medien LB, die Lehrplan-basierte Bildungsfilme produziert. Obwohl Schach nicht in deutschen Lehrplänen verankert ist, hat sie dennoch einen Schachfilm produziert, weil sie das Fach für die Charakterbildung von Kindern für zentral hält. Sie verweist auf 16 Kriterien, die eine Sportart nach ihrer Kenntnis auszeichnen – darunter Zeitnot, Mannschaftskampf und Schiedsrichterwesen –, die Schach seit seiner Anerkennung als Sportart erfülle. Nach dem Tod ihres Mannes Markus Stangl vor fünf Jahren erwog sie einen Verkauf der Firma an einen von zwei interessierten Käufern, entschied sich nach eingehender Prüfung aber dagegen. Heute führt sie das Unternehmen gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten und ihrem Sohn Michi, der sie später als Geschäftsführer ablösen soll.

Frauen unter zehn Prozent

Seit 2022 ist Stangl Frauenbotschafterin des Deutschen Schachbundes, ohne genau zu wissen, ob sie dieses Amt formal noch innehat. Sie bezeichnet den Frauenanteil im Schach von unter zehn Prozent als „erschreckend" und plädiert dafür, Mädchen im persönlichen Umfeld das Spiel beizubringen. Getrennte Mädchengruppen mit weiblichen Trainerinnen hätten sich in ihrer Erfahrung als wirksam erwiesen, ebenso eine einladende Vereinsatmosphäre. Sie verweist zudem auf Erkenntnisse aus einer FIDE-Trainerausbildung, wonach Frauen anders lernten als Männer – ein Feld, zu dem es aus ihrer Sicht noch zu wenig Forschung gebe.

Fehlende Topspieler beim Schachgipfel

Carlstedt zeigt sich „irritiert", nicht traurig, darüber, dass Vincent Keymer nicht als Zugpferd beim Schachgipfel in Dresden antritt. Er könne nicht beurteilen, ob die Verantwortung beim Deutschen Schachbund oder bei Keymers eigener Planung liege, kritisiert aber, dass mit Keymer, Frederik Svane und Matthias Blübaum auch die übrigen deutschen Topspieler fehlen – Blübaum spiele stattdessen in Biel. Zur Teilnahme von Elisabeth Pähtz herrscht zunächst Unklarheit; am Ende stellt sich heraus, dass sie nicht auf der Meldeliste für das Rundenturnier steht, wohl aber für die Schacholympiade vorgesehen ist. Dort startet stattdessen unter anderem Dinara Wagner.

Kramnik-Sperre: Einigkeit in der Sache, unterschiedliche Tiefe

Zur zwölfmonatigen Sperre Wladimir Kramniks durch die FIDE-Ethikkommission – mit Bewährung und Sozialstunden – begrüßt Stangl das Urteil grundsätzlich: Cheating sei eine „Katastrophe" für den Schachsport, computergestützter Betrug die größere Gefahr als klassisches Doping. Carlstedt hält Kramniks Verteidigung, er habe niemanden konkret beschuldigt, sondern nur Auffälligkeiten benannt, für unhaltbar. Er begrüßt die Sperre ebenfalls, mahnt aber, dass mit der Bestrafung allein das eigentliche Problem nicht gelöst sei – mit Verweis auf Berichte über suizidale Gedanken bei David Navara und auf den Tod von Daniel Naroditsky. Er äußert zudem den Verdacht, das Urteil sei zeitlich bewusst in die Nähe eines Gedenkturniers gelegt worden und stellt die Aufrichtigkeit der FIDE in der Sache infrage.

ChessBase-Verkauf sorgt für Ärger

Carlstedt schildert die Probleme rund um den Verkauf von ChessBase an die Freedom Holding des kasachischen Investors Turlov, der zugleich als Vizepräsidentschaftskandidat im Team von Arkadi Dworkowitsch antritt. Die Hamburger Sparkasse kündige ChessBase das Konto wegen mutmaßlicher indirekter Russland-Verbindungen, die US-Aufsichtsbehörden auf den Plan gerufen hätten. Carlstedt verweist auf die Perlen vom Bodensee als Quelle der Erstveröffentlichung. Erstaunlich: Der Chefredakteur einer Schachzeitschrift lässt nicht erkennen, dass er die Geschichte gerne selbst in seiner Publikation gesehen hätte. Stattdessen erklärt er, ChessBase hätte die Angelegenheit lieber diskreter geklärt. 

FIDE-Wahl: klare Ablehnung Dworkowitschs

Zur FIDE-Präsidentschaftswahl sagt Stangl unmissverständlich, sie würde sich über eine Ablösung Dworkowitschs freuen, kennt die beiden deutschen Gegenkandidaten Wadim Rosenstein und Jan Henric Buettner aber nicht persönlich gut genug für eine tiefere Einschätzung. Carlstedt, der beide flüchtig kennt, hält sie zumindest für nicht korrupt und im Interesse des Schachs handelnd, äußert sich aber überrascht darüber, dass Buettner für ein derart aufwendiges Amt kandidiert. Er vermutet, dass Vizepräsidentschaftskandidat Malcolm Pein aufgrund seiner internationalen Vernetzung im Verbandswesen den operativen Teil der Arbeit übernehmen würde.