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Alexander Aljechin (1892-1946)

Mannheim 1914: Aljechins Aufstieg, der Krieg und die Gefangenschaft

Der Schachkongress in Mannheim 1914 begann vielversprechend. Der damals 21-jährige Alexander Aljechin führte das Feld im Meisterturnier mit beeindruckender Leistung an und war auf dem Weg zum ersten Platz. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stoppte das Turnier jäh – und verwandelte es für Aljechin und zahlreiche andere russische Teilnehmer in ein dramatisches Kapitel ihrer Biografie.


Aljechin 1923

Turnierverlauf und erste Anzeichen der Krise

Der Kongress des Deutschen Schachbundes begann am 18. Juli 1914 im Ballhaus von Mannheim. Neben Aljechin spielten weitere bekannte Namen wie Efim Bogoljubow, Ilya Rabinovich, Peter Romanovsky, Fedor Bogatyrchuk, Boris Maljutin, Vladimir Seleschnew, Nikolai Rudnev, Samuil Weinstein und Pjotr Saburov in verschiedenen Gruppen. Aljechin war mit 9,6 von 11 möglichen Punkten klarer Spitzenreiter im Meisterturnier, als der Krieg ausbrach.

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Festbankett vor Turnierbeginn (via DSB)

Zunächst unterschätzten viele Teilnehmer die Gefahr. Nur wenige wie Sosnizky verließen Mannheim frühzeitig. Doch am 1. August wurde die Mobilmachung verkündet, und die Turnierleitung musste den Wettbewerb abbrechen. Die Preisgelder wurden am Montag, dem 3. August, ausgezahlt – soweit möglich.

Aljechins Verhaftung und Haft in Rastatt

Am Sonntag, dem 2. August, fuhr Aljechin nach Wiesbaden, um seine Mutter zu besuchen. Dort wurde er verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Zurück in Mannheim, wurde er in der Nacht erneut abgeführt – diesmal ohne Möglichkeit, sich ordentlich anzuziehen – und mit anderen russischen Spielern auf der Polizeiwache festgesetzt.

Wegen eines Fotos, das ihn in Uniform des Kaiserlich-Russischen Rechtsanwalts-Instituts zeigte, wurde Aljechin verdächtigt, Offizier zu sein. Das erschwerte seine Lage erheblich. Nach kurzem Aufenthalt in einer Kaserne landete er in der Militärfestung Rastatt, wo er wochenlang unter primitiven Bedingungen mit anderen inhaftierten russischen Schachspielern festgehalten wurde.

Das Gefängnisleben und die Begegnung mit der Tochter des Wärters

In Rastatt begann für Aljechin und die anderen das Leben unter Bewachung. Bücher, Zeitungen oder Schachbretter gab es nicht. Um sich abzulenken, spielten sie blind Schach. Berühmt wurde ein Vorfall, bei dem Aljechin in Einzelhaft kam – offiziell, weil er bei der Gefangenen-Gruppenbewegung im Hof lächelte. In Wirklichkeit hatte er offenbar eine Affäre mit der Tochter des Gefängniswärters, was zu seiner Isolation führte.

Laut Fedor Bogatyrchuk hatte Aljechin „seine Aufmerksamkeit den Reizen“ der Wärtertochter gewidmet. Diese ließ sich auf einen Flirt ein, doch sie wurden ertappt. Das „nichts“ – wie Aljechin später ironisch über den Vorfall sagte – brachte ihm drei Tage Karzer ein.

Besserung in Baden-Baden und Aljechins Arbeitsdisziplin

Nach Wochen in Rastatt durften die russischen Schachspieler nach Baden-Baden umziehen – unter polizeilicher Aufsicht, aber mit deutlich besseren Bedingungen. Dort arbeitete Aljechin intensiv an seinem Buch über den Allrussischen Meisterschaftsturnier 1913/14. Gemeinsam mit Romanovsky analysierte er stundenlang Partien.

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In einer Anekdote schildert Romanovsky, wie Aljechin ihn nachts um vier Uhr aus dem Bett holte, weil ihm in einer analysierten Stellung ein entlastender Zug b7–b6 eingefallen war. Die beiden arbeiteten den gesamten nächsten Tag daran – ein Zeugnis von Aljechins obsessiver Genauigkeit.

Die Flucht aus Deutschland – Krankheit als Ausweg?

Wie Aljechin Deutschland schließlich verlassen konnte, blieb lange ein Rätsel. Er selbst sprach später in verschiedenen Versionen von „Zufall oder Glück“. Die offizielle Version war, dass er bei einer ärztlichen Untersuchung vorgab, schwer krank zu sein, unter anderem durch Nahrungsverzicht. Der Arzt ließ sich überzeugen, und Aljechin erhielt die Ausreisegenehmigung nach Schaffhausen in der Schweiz. Neben ihm kamen nur Saburov und Bogatyrchuk frei.

In späteren Erzählungen – etwa gegenüber britischen Journalisten – fabulierte Aljechin sogar von einer Flucht mit falschem Pass, was sich aber als Propaganda herausstellte. Die bittere Ironie: Nur wenige Jahre später sollte Aljechin wieder nach Deutschland zurückkehren – diesmal aus freien Stücken und dauerhaft.


Quelle: Sergej Voronkov, „Russkij Sfinx – Teil 6“, erschienen als Fortsetzung in russischer Sprache (auszugsweise übersetzt und zusammengefasst). Weitere Quellen: Zeitungsartikel aus Večernee Vremja (13./26. Oktober 1914), Erinnerungen von Fedor Bogatyrchuk, Pjotr Romanovsky, Boris Maljutin.

Die im Internet frei verfügbare Arbeit Voronkovs ist Teil seiner vierteiligen Buchprojekts über Alexander Aljechin. Band eins dieser Reihe ist gerade erschienen:

Amazon Klappentext:

Award-winning historian Sergey Voronkov has written a four-volume psychological biography of Alexander Alekhine, presenting the former world chess champion in a much more complicated, conflicted and tragic light than you have ever seen him before! This first volume traces his early development through to his departure from Soviet Russia in 1921, while also attempting to untangle the knot of his complex relationships with all his five wives.

Unpublished or long forgotten memoirs, as well as original newspaper and magazine articles from around the world, are drawn together in forensic research to paint the most extensive picture of Alekhine ever created. Key events in his life are reconsidered, including his release from internment in Germany during World War 1, his escape from execution in Odessa, his service under the Bolsheviks as a detective, his trip to the Urals as a Comintern translator, as well as just how he emigrated.

His character development is considered beginning with a detailed examination of his childhood, based on memoirs of his classmates. Voronkov then considers Alekhine’s transition from shy boy to dandy (and even the role played in that by his erstwhile friend José Capablanca), as well as how our protagonist gained the mental toughness of a world champion, and his chess philosophy. Some details make you admire him, others make you pity him, still others cast him in an unfavorable light...

Chess-wise, Voronkov presents over 50 games and fragments with original commentary by Alekhine and his opponents, most of which has not been published in books before. These include eleven completely unknown Alekhine games as well as ten game scores of other players with light commentary by Alekhine from the first Soviet Championship in 1920, found in Alexander Kotov’s archive.

In many cases, Alekhine’s earliest annotations are compared with his later ones to the same games, often leading to surprising conclusions. In particular, Voronkov highlights brilliant variations shown in Alekhine’s analysis that were supposedly found during play but which were actually discovered by the champion only years later when he republished his games. This led to Alekhine radically changing his assessments of positions in his writings as the years passed. We also see how Kotov had a habit of taking Alekhine’s commentary and presenting it as his own.

This book is illustrated by over 170 photos and other visuals, many published for the first time.

Aljechins letzte Jahre – zwischen Schachbrett, Schuld und Schande
Quelle: Sergej Voronkov, „Злополучный замок“, ChessPro.ru, 14. Dezember 2021


Ein Rückzug, der keiner war

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Im Sommer 1940 hätte Alexander Aljechin verschwinden können. Er hatte eine amerikanische und eine portugiesische Einreiseerlaubnis, war gerade aus der französischen Armee demobilisiert worden und hätte die Gelegenheit gehabt, Europa zu verlassen. Doch er kehrte zurück – nach Paris, ins besetzte Frankreich. Der Grund war ein Schloss. Ein Haus in Saint-Aubin-le-Cauf, das seine Frau Grace Visher geerbt hatte und das Aljechin als „seine eigene“ Besitzung betrachtete. Es war von Flüchtlingen geplündert und später von den Deutschen beschlagnahmt worden. Aljechin wollte retten, was zu retten war.

Dieser Rückzug nach Paris kostete ihn mehr als ein Haus. Er bezahlte mit seiner Ehre, seiner Integrität und einem Teil seines Vermächtnisses. Denn es war in Paris, unter Aufsicht der deutschen Besatzer, dass er begann, für die „Pariser Zeitung“ zu schreiben. Nicht nur harmlose Partienkommentare, sondern auch die berüchtigten Artikelreihe „Arische und jüdische Schachkunst“.


Spione, Visa und ein geplatzter Amerika-Plan

Aljechin hatte sich 1939–40 durchaus als Gegner der Nazis positioniert. Noch bei der Schacholympiade in Buenos Aires ließ er seine Mannschaft alle Kontakte mit dem deutschen Team meiden. Danach bewarb er sich um Aufnahme in die französische Armee – mehrfach. Laut David Bronstein soll er sogar versucht haben, über diplomatische Kanäle in den französischen Nachrichtendienst zu gelangen. Dort wurde er aufgenommen, erfuhr es aber nicht, da er Buenos Aires schon verlassen hatte, als dort die Nachricht einging. 

Im Juli 1940 hoffte Aljechin wieder auf eine Reise nach Südamerika – ein Match gegen Capablanca sollte ihn retten. Doch es kam anders: Die kubanischen Behörden zögerten, Capablanca blockte, Frankreich verweigerte Männern unter 48 die Ausreise. Und so kehrte Aljechin – ausgerechnet – in die Arme der Besatzer zurück.


Sein Deal mit dem Reich

In Paris suchte er Kontakt zu alten Bekannten – unter anderem zu NS-Funktionär Hans Frank, der ihm bereits 1934 als Mitorganisator seines WM-Matches gegen Bogoljubow begegnet war. Über diesen Kontakt landete Aljechin nicht nur im „Schach-Eck“ der Pariser Zeitung, sondern veröffentlichte im März 1941 sechs Artikel, die Schachstile in „arisch“ und „jüdisch“ unterteilten.

Die Frage, wie viel davon er selbst geschrieben hat, ist seither umstritten. Aljechin selbst behauptete nach dem Krieg, die Artikel seien „purely scientific“, später von den Nazis umgeschrieben worden. Doch es gibt Hinweise, die diese Schutzbehauptung widerlegen:

– In einem Interview in Madrid (September 1941) rühmte sich Aljechin, „als Erster den Versuch gemacht zu haben, Schach aus rassischer Sicht zu betrachten“.

– In seinen Kommentaren zu anderen Partien in der „Pariser Zeitung“ tauchen sprachlich wie inhaltlich dieselben Töne auf.

– Nach dem Krieg fanden Zeitzeugen in seinen Nachlassunterlagen handschriftliche Versionen der Artikel – in Aljechins Handschrift.

– Die zentrale Aussage, dass „arisches Schach“ aggressiv, „jüdisches Schach“ defensiv sei, findet sich fast wortgleich im Interview und in der Artikelreihe.

– Der Stil, auch orthografische Eigenheiten und teils haarsträubende Namensfehler, deuten darauf hin, dass der Text ursprünglich von Aljechin selbst stammt.


Warum hat er das getan?

Die naheliegende Erklärung: Aljechin wollte weg. Die Artikel sollten als „Währung“ dienen – für ein Visum nach Portugal, dann in die USA. Tatsächlich tauchte er Ende März 1941 in Lissabon auf, genau in dem Moment, als die Artikel in Paris veröffentlicht wurden.

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Aber warum hätte er die jüdischen Schachspieler beleidigen sollen, wenn er doch in die USA wollte – in ein Land mit vielen jüdischen Unterstützern? Vielleicht, so spekulierte später Mikhail Botwinnik, wollte Aljechin in New York öffentlich erklären, er sei zum Schreiben gezwungen worden. Doch zu dieser Entlastung kam es nie.


Ein stiller Rückzug ins Turnierleben

Nach 1942 ließ Aljechin jede politische Rolle fallen. Zwar war er offiziell als „wissenschaftlicher Mitarbeiter“ im NS-nahen „Institut für Deutsche Ostarbeit“ gelistet, doch ein geplanter Leitungsposten im „Russland-Institut“ zerschlug sich, vermutlich wegen eines internen Gutachtens der Gestapo, das Aljechin als politisch unzuverlässig einstufte: Demokrat, Freimaurer, einst der Sowjetunion gegenüber offen – ein Risiko.

Ab diesem Moment spielte Aljechin nur noch Turniere, meist mit überschaubarem Publikum, gelegentlich mit offiziellem Empfang, aber ohne echte politische Rolle. Er blieb in Bewegung, war mal in Prag, mal in Madrid, mal in München. Ein Leben zwischen Flucht und Funktion.


Nach dem Krieg: isoliert, geächtet, aber ungebrochen

1945 war Aljechin weltweit isoliert. Die FIDE wollte mit ihm keinen WM-Kampf mehr austragen. In England und den USA galt er als persona non grata. Nur Spanien und Portugal boten ihm noch Rückzugsorte. Er lebte zuletzt in Estoril, wo er 1946 unter ungeklärten Umständen starb – vermutlich an Herzversagen, möglicherweise alkoholbedingt.

Sein Ruf war beschädigt. Er blieb Schachweltmeister, doch keiner wollte mehr gegen ihn spielen. Die geplante Titelverteidigung gegen Botwinnik kam nicht mehr zustande. Der Titel wurde nach seinem Tod neu vergeben.


Epilog: ein verlorenes Leben – nicht nur wegen des Krieges

Sergej Voronkovs Fazit ist unerbittlich: Aljechin habe das Spiel mit der Macht gesucht – und sei auf ganzer Linie unterlegen. Was als Versuch begann, Eigentum und Einfluss zu sichern, endete in einem moralischen wie persönlichen Bankrott. Die „arischen“ Artikel, seine Nähe zur NS-Propaganda, seine Opportunismen – all das ließ sich nicht mehr aus der Welt schaffen.

Sein Talent, seine Partien, sein Werk – sie überlebten. Doch der Mensch Aljechin wurde – mit gutem Grund – nicht rehabilitiert.

Ein Satz von Max Euwe bringt es auf den Punkt:
„Am Brett war er groß. Im Leben – ein Kind, das glaubte, niemand merke, wenn es Unfug treibt.“

Alexander Aljechin in den 1920er-Jahren

Quelle: kahns, „A Century of Chess: Alexander Alekhine (1920-29)“, chess.com, 13. August 2025

In der Schachfolklore gibt es diese Szene, die sinnbildlich für die 1920er-Jahre von Alexander Aljechin steht: 1922 besuchen er und José Raúl Capablanca eine Revue. Während der Kubaner unentwegt die Tänzerinnen mustert, verliert Aljechin keinen Augenblick den Blick von seinem Taschen-Schachbrett. Das Bild passte zu seiner Haltung: er widmete sich nahezu obsessiv dem Ziel, Capablanca zu entzaubern und selbst Weltmeister zu werden.

Aljechins Weg durch das Jahrzehnt war von Brüchen und Extremen geprägt. In Russland galt er nach Revolution und Bürgerkrieg zeitweise als verschollen; Gerüchte sprachen sogar davon, er habe wie Osip Bernstein einst um sein Leben gegen ein Erschießungskommando spielen müssen. Tatsächlich hatte er mit Auszeichnungen für seinen Einsatz im Sanitätsdienst gedient, nach dem Krieg kurzzeitig als Polizeidetektiv und Filmschauspieler gearbeitet und 1920 die Landesmeisterschaft gewonnen. Doch 1921 entschied er sich zur Emigration – ein Schritt, der sein weiteres Leben bestimmte. Politisch hielt er sich lange zurück, doch nach seinem WM-Sieg 1927 ließ er sich zu dem Satz hinreißen: „Möge der Mythos des unbesiegbaren Bolschewismus genauso hinweggefegt sein wie der Mythos eines unbesiegbaren Capablanca.“ Die sowjetische Presse erklärte ihn daraufhin zum „Feind“, sein Bruder Alexei Aljechin wurde gezwungen, sich öffentlich von ihm loszusagen.

Sein Leben schwankte zwischen Erfolgen und Abgründen. Turniersiege wie Budapest oder Den Haag beflügelten ihn, während ein schwaches Abschneiden in Wien 1922 angeblich zu einem Suizidversuch geführt haben soll. Für die Schachwelt existierten in diesen Jahren zwei Aljechins: der gnadenlose Kämpfer, der Carlsbad 1923 teilte, Baden-Baden 1925 dominierte, in Semmering und Dresden 1926 Zweiter wurde und 1927 Kecskemét gewann – und der zugleich merkwürdig blass wirkte, wenn Capablanca im Teilnehmerfeld stand, etwa in New York 1924 oder 1927, wo er ungewöhnlich viele Remisen spielte.

Doch hinter dieser Zurückhaltung steckte eine Strategie. In den Analysen zum New-York-Turnier 1927 sezierte Aljechin Capablancas Partien gnadenlos. Er fand Schwächen, wo andere nur Vollkommenheit sahen: in scheinbar einfachen Stellungen, in Übergängen vom Mittel- zum Endspiel. Sein Weltmeisterschaftskampf in Buenos Aires im selben Jahr wurde zur Zäsur der Schachgeschichte – nicht nur ein Duell zweier Genies, sondern ein Stilwandel. Aljechin wich den dynamischen Gefechten, die ihm eigentlich lagen, bewusst aus. Stattdessen zwang er Capablanca in die Strukturen des Damengambits und spielte positionsbetont, wo alle glaubten, der Kubaner sei unüberwindlich. Am Ende triumphierte Aljechin, Capablanca musste eingestehen: „Dr. Aljechin ist des Stahls jedes Mannes würdig. Wenn Sie es nicht glauben, versuchen Sie es.“

Nach diesem Triumph ließ sich Aljechin Zeit und promovierte in Rechtswissenschaften. Seine Titelverteidigung gegen Efim Bogoljubow wurde enger, als es die Erinnerung oft darstellt. Bogoljubow war gefährlich, wenn er die Initiative hatte, doch Aljechins größere Stabilität entschied die Sache.

Damit begann seine vielleicht stärkste Phase: von einem Mitglied der Weltelite wurde er zum dominierenden Spieler der späten 1920er-Jahre. Sein Stil brachte eine neue Dynamik ins Schach. Drei Elemente charakterisierten ihn:

  1. Dynamismus: Wo zuvor statisches Positionsspiel als Ideal galt, spielte Aljechin stets auf Initiative. Wie Bobby Fischer später schrieb: „Hat man eine Partie Aljechins gesehen, hat man sie alle gesehen. Er manövrierte seine Figuren zum Königsflügel und um den 25. Zug begann er, seinen Gegner mattzusetzen.“

  2. Spiel über das ganze Brett: Aljechin überlastete Gegner, indem er auf beiden Flügeln drohte. So entstanden Doppelangriffe und Partien, die den Eindruck vermittelten, er kämpfe gleichzeitig an allen Fronten.

  3. Integration der Phasen: Er verband Eröffnung, Mittel- und Endspiel zu einem einheitlichen Plan – eine Denkweise, die später als Kennzeichen der sowjetischen Schule galt.

So wurde aus dem einstigen Emigranten, der von vielen schon abgeschrieben war, der Schachspieler, der das klassische Zeitalter beendete und das moderne einleitete. Seine 1920er-Jahre waren eine Vorbereitung auf jene Dominanz, die er im nächsten Jahrzehnt entfalten sollte – geprägt von unerschütterlichem Ehrgeiz, stilistischer Erneuerung und der fixen Idee, Capablanca zu stürzen.

Aljechin in Odessa: Wie er 1919 knapp der Erschießung entkam

Quelle: Sergej Tkatschenko – „Спаситель Алехина“ (Der Retter Aljechins), ergänzt um Partien und Kompositionen von Jakow Wilner

Als Odessa im Frühjahr 1919 zum wiederholten Mal den Machthabern wechselnder Armeen verfiel, war die Stadt ein Pulverfass. Hunger, willkürliche Gewalt und Angst prägten das Leben. Inmitten dieses Chaos spielte Alexander Aljechin, damals 26 Jahre alt und schon einer der stärksten Spieler der Welt, noch immer im Café Robina Schach. Wenige Wochen später fand er sich jedoch in den Kellern der Tscheka wieder, der ersten sowjetische Geheimpolizei nach der Oktoberrevolution – und entkam nur knapp dem Tod.

Der Hintergrund: Odessa im Bürgerkrieg

Odessa, einst mondäne Hafenstadt mit kosmopolitischem Flair, war nach der Revolution ein Ort permanenter Unsicherheit. Weiße Garden, französische Truppen, Bolschewiki – die Fronten wechselten. Als die Rote Armee im April 1919 erneut die Stadt besetzte, richtete die Geheimpolizei Tscheka am Katharinenplatz ihr Hauptquartier ein. Von dort aus wurden Verhaftungen organisiert, Exekutionslisten erstellt und Häftlinge nachts erschossen. Der Schriftsteller Iwan Bunin, der damals in Odessa lebte, beschrieb diese Zeit in seinen „Verfluchten Tagen“ als eine Abfolge von Schrecken.

Aljechins Verhaftung

In dieser Atmosphäre wurde auch Alexander Aljechin festgenommen. Die Gründe sind unklar – vielleicht galt er als Angehöriger der alten Oberschicht, vielleicht war er schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort. Jedenfalls landete sein Name auf einer der Todeslisten der Tscheka. Für gewöhnlich bedeutete das: wenige Tage bis zur Erschießung.


Aljechin verdiente sich in Odessa seinen Lebensunterhalt mit Simultanvorstellungen. In seiner Freizeit spielte er hier: Robins Schachcafé-Restaurant. | via chesspro.ru

Legenden und Mythen

Schon früh kursierten abenteuerliche Geschichten über seine Rettung. Eine Version besagte, Leo Trotzki selbst habe Aljechin im Keller Schach abverlangt und ihn dann großmütig verschont. Doch Trotzki hielt sich 1919 nachweislich nicht in Odessa auf. Eine andere Variante schrieb die Rettung Dmitri Manuilski zu, einem späteren Spitzenfunktionär der Kommunistischen Internationale. Doch Manuilski saß zu dieser Zeit in französischer Internierung. Historisch haltbar ist beides nicht.

Jakow Wilner tritt auf

Sergej Tkatschenko hat in Archiven eine plausiblere Erklärung gefunden. Der junge Jakow Wilner (1899–1931), selbst ein starker Schachmeister aus Odessa, arbeitete 1919 als Schreiber im juristischen Dienst des Revolutionstribunals. Wilner war kein Funktionär von Rang, aber er hatte Zugriff auf die Listen, die zur Unterschrift vorgelegt wurden. Dort entdeckte er den Namen Aljechins.


Jakow Wilner, erster Champion der Ukraine. | via chesspro.ru

Anstatt die Exekution mechanisch abzuzeichnen, zog er den Fall nach oben. Über seine Kontakte erreichte er Christjan Rakowski, den Vorsitzenden des ukrainischen Sowjets und eine der mächtigsten Figuren der Bolschewiki in der Region. Rakowski residierte in einem Sonderzug am Bahnhof Odessa-Glawnaja und hatte das Recht, Exekutionsentscheidungen zu bestätigen oder aufzuheben. Auf seine Intervention wurde Aljechin freigelassen – buchstäblich in letzter Minute.

Erinnerungen und Zeugnisse

Zeitzeugen bestätigten später, dass Aljechin dem Tod nur knapp entging. Der Arzt und Schachmeister Fedor Bogatyrtschuk, der die politischen Wirren jener Jahre aus nächster Nähe erlebte und später in den Westen ging, schrieb in seinen Memoiren ebenfalls von der Bedrohung und der wundersamen Rettung. Konkrete Dokumente sind kaum erhalten: Viele Tscheka-Akten wurden schon 1919 vernichtet, andere gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. Aber die Mosaiksteine aus Presseberichten, Archiven und Erinnerungen stützen die These, dass es Wilners Eingreifen war, das Aljechin das Leben rettete.

Die Folgen

Für Aljechin hatte die Episode lebensentscheidende Bedeutung. Kurz darauf verließ er Russland, ging über verschiedene Stationen ins Ausland und stieg 1927 in Buenos Aires zum Weltmeister auf, als er José Raúl Capablanca entthronte. Ohne die Rettung in Odessa hätte es diese Karriere nicht gegeben. Auch die Schachgeschichte selbst hätte sich anders entwickelt: Aljechin widerlegte mit seinem aggressiven Stil die damals kursierende Theorie vom „Remistod“ des Schachs.

Für Jakow Wilner selbst war der Einsatz gefährlich. Er blieb in Odessa eine zentrale Figur des Schachlebens, gewann dreimal die Meisterschaft der Ukraine, spielte bei UdSSR-Meisterschaften und veröffentlichte preisgekrönte Schachaufgaben. Doch die Politik holte ihn ein. In den späten 1920er-Jahren galt er wegen angeblicher Sympathien für trotzkistische Kreise als belastet. Ende 1930 verließ er Odessa in Richtung Leningrad – ein fataler Schritt, denn das feuchte Klima verschärfte seine schwere Asthma-Erkrankung. Wenige Monate später, im Juni 1931, starb er mit nur 31 Jahren.

Zwei Lebenswege, eine Schnittstelle

Die Geschichte von Odessa 1919 verbindet damit zwei Schicksale: den späteren Weltmeister Aljechin, der in den Kellern der Tscheka beinahe ausgelöscht worden wäre – und den jungen Schachmeister Wilner, der ihm das Leben rettete, selbst aber wenig später von Krankheit und politischem Druck zermürbt wurde.

Für die Schachwelt war Wilners Entscheidung, eine Todesliste nicht einfach zu unterschreiben, von unschätzbarer Bedeutung. Denn ohne sie hätte es womöglich weder den Weltmeister Aljechin noch die revolutionären Partien gegen Capablanca, Bogoljubow oder Euwe gegeben. Odessa war in jenen Tagen ein Ort des Terrors – und zugleich der Schauplatz eines unscheinbaren Akts von Zivilcourage, der den Lauf der Schachgeschichte veränderte.

Aljechin spielt in Bled 1931 wie von einem anderen Stern
Quelle: Chess.com – „A Century of Chess: Bled 1931“, Sam Kahn (24. Oktober 2025)

Im Sommer 1931 verwandelte Alexander Aljechin das Turnier im jugoslawischen Bled in eine Demonstration seiner Überlegenheit. Gegen ein internationales Spitzenfeld erzielte der Weltmeister 20,5 Punkte aus 26 Partien, 15 Siege, keine Niederlage – und distanzierte das Feld um 5,5 Punkte. Zeitgenössische Beobachter fanden nur einen Vergleich: Emanuel Laskers 23,5/28 in London 1899.

Aljechin spielte nicht nur besser, er spielte ein anderes Schach – dynamischer, präziser, zugleich elegant. Aron Nimzowitsch, der sonst kein Freund überschwänglicher Worte war, bekannte nach dem Turnier: „Er spielt mit uns wie mit Kindern.“

Seine Gegner wurden zu Statisten eines Meisterwerks. Gösta Stoltz brach nach einem Fehlzug in sich zusammen, Tartakower wurde positionell zerpflückt, Vidmar in einem lehrbuchreifen Endspiel bezwungen. Gegen Colle und Flohr setzte Aljechin taktische Kunstgriffe, gegen Bogoljubow und Kostić pure Positionsstärke. Vasja Pirc erlebte den Angriff des Weltmeisters bereits in der Eröffnung als Zerstörungsakt.

Besonders hart traf es Nimzowitsch, der zweimal verlor – in 19 und 36 Zügen – und zuvor schon in San Remo 1930 unterlegen war. Aljechin hatte die Niederlagen des Rivalen gezielt vorbereitet, um ihn psychologisch zu brechen. Diese Serie nahm Nimzowitsch jede Glaubwürdigkeit als Weltmeisterschafts-Kandidat.

Hinter Aljechin landete Efim Bogoljubow auf Platz zwei, Nimzowitsch auf Rang drei. Turnierorganisator Milan Vidmar hatte mit Bled sein Ziel erreicht: Jugoslawien war fortan fester Bestandteil der Schachkarte. Für den jungen Gösta Stoltz, der kurzfristig Akiba Rubinstein ersetzte, wurde das Turnier zum Durchbruch.

Alexander Aljechin: Anfänge eines Besessenen
(nach Georges Bertola, Europe Échecs – „Alekhine : ses premières années (1)“)

Herkunft und Familie

Moskau, 31. Oktober 1892: In eine wohlhabende, einflussreiche Familie geboren, wächst Alexander Aljechin zwischen Stadtpalais, Reisen und strengen Gymnasialstunden auf. Der Vater, Adeliger und Duma-Mitglied; die Mutter, Tochter eines großen Textilunternehmers. Schach ist Familiensache. Die Mutter zeigt ihm die ersten Züge, der ältere Bruder Alexej wird der wichtigste Lehrer, Sparringspartner, Antreiber. Am Tisch wird analysiert, die Schwester Varvara mischt oft mit. Und doch: Wunderkind ist er keines. Er lernt schnell, aber reift leise.

Die Stadt bietet Stoff für Ambitionen. Zwischen Moskau und St. Petersburg kreist eine lebhafte Szene, in der Vereine, Salons und Zeitungen Theorie debattieren. Ein Erlebnis brennt sich ein: 1902 spielt Harry Nelson Pillsbury in Moskau eine gigantische Blindsimultan-Vorstellung. Der zehnjährige Alexander darf nicht in den Club, hört aber gebannt, wie Alexej abends von Zigarre, Schnaps und 22 unsichtbaren Brettern erzählt – von einem Geist, der Stellungen im Kopf festhält und nacheinander besiegt. Aus Staunen wird Ziel.


Familie Aljechin. | via europe-echecs

Lehrjahre in Moskau

Aljechin gilt als herausragender Schüler: Sprachen, Gedächtnis, Abstraktionsvermögen. Gleichzeitig verschiebt sich sein Fokus. Er versteckt Figuren, wenn die Eltern das Brett wegschließen, analysiert heimlich Diagramme, beginnt mit Fernschach, führt akribische Notizbücher mit Zeitungsausschnitten von Michail Tschigorin. Eine längere Krankheit bremst ihn – und zwingt ihn zur geduldigen Arbeit auf Papier. Dort wächst sein Positionsgefühl.

In Moskau öffnen sich Türen. Im Familiensalon an der Nikolsky-Straße und im Schachklub trifft Alexander auf starke Meister. Fjodor Duz-Chotimirsky gibt dem Vierzehnjährigen bezahlte Privatstunden; später wird Wladimir Nenarokow ein präziser Theorielehrer. In dieser Lehrzeit entstehen die ersten dokumentierten Partien: eine Konsultationsbegegnung 1907, in der Aljechin mit Qualitätsopfer die Initiative packt; im Klub seine „erste ernste Partie“ gegen Lew Rosanow, voller Nervosität und Rettungsideen; 1908 eine sauber geführte Sizilianisch-Demonstration gegen Schaposchnikow, die bereits seine Sinnhaftigkeit in der Eröffnung zeigt: Entwicklung, Felder, Druck – keine Effekthascherei um jeden Preis.

Aufbruch nach Westen

Dann der Schritt hinaus: Düsseldorf 1908, sein erstes internationales Turnier. Er startet mit 5/5, spürt erstmals Druck, wird am Ende Vierter – respektabel, lehrreich. Eine Miniatur gegen Friedrich Köhnlein macht die Runde: mutige Taktik, klare Pointe. Kurz darauf gewinnt Aljechin einen Privatmatch gegen den exzentrischen Curt von Bardeleben deutlich. Die Kommentierung dieser frühen Partien verrät bereits zweierlei: kompromisslose Angriffslust, ja – aber getragen von Logik, von vorbereiteten Feldern und Hebeln. Das Bild des „bloßen Kombinateurs“ greift zu kurz.

Bertola zeichnet nebenbei ein korrigiertes Familienpanorama. Sowjetische Autoren beschrieben Aljechins Eltern gern als dekadent und abwesend; andere Quellen zeigen den Vater als vielfach engagierte Persönlichkeit zwischen Militär, Verwaltung und Abstinenz-Komitee. Sicher ist: Die äußere Welt war groß, unruhig, privilegiert – und das Brett bot dem begabten Sohn Ordnung. Schritt für Schritt, Turnier für Turnier, tastet er sich hinauf. Nicht im glühenden Durchbruch eines Morphy, sondern im dichten Gewebe aus Lernen, Widerspruch, Korrektur.

Die Formung des Stils

Wesentlich bleibt Alexej. Er organisiert, spornt an, gewinnt selbst 1908 einen großen Fernschach-Wettbewerb in Lausanne ohne Niederlage. Diese Brüderachse ist Aljechins erstes Trainingslabor: Varianten werden zu Hause durchgeknetet, dann in Klubpartien erprobt. So wächst die berühmte Rechenkraft – doch stets eingespannt in einen Plan, eine Stellungslogik. 

Am Ende dieser „ersten Jahre“ steht kein fertiger Weltmeister, sondern ein Funktionsprinzip: Aljechin verwandelt Eindruck in Arbeit, Arbeit in Muster, Muster in Mut. Das Pillsbury-Staunen, die Klubabende, die Lehrstunden, das frühe Fernschach – all das schärft ein Werkzeug, das ihn später an die Spitze tragen wird: die Fähigkeit, komplizierte Stellungen zu erzeugen, deren innere Ordnung er besser versteht als der Gegner. So beginnt die lange, stetige Annäherung an den Thron – keine Sternschnuppe, ein Marsch.

Aljechins Dominanz 1932: Zwei Turniere, ein unantastbarer Weltmeister

Quelle: chess.com – Blog „A Century of Chess: London/Bern 1932“, Sam Kahn

Der Blog zeichnet nach, wie Alexander Aljechin 1932 seine wohl beeindruckendste Phase erreichte. Nach seinem noch knappen WM-Sieg 1929 über Efim Bogoljubow startete er eine Siegesserie, die historisch herausragt: Zwischen San Remo, Bled, London, Bern, Pasadena und Mexiko kam er auf die Bilanz +62 =24 –2. London und Bern wirken wie der Höhepunkt dieser Übermacht. Dort zeigte Aljechin eine Mischung aus perfekter Vorbereitung, taktischer Präzision und ständiger Initiative. Gegen William Winter, Savielly Tartakower, Georges Koltanowski, Mir Sultan Khan und Salo Flohr gewann er mit Angriffen, die oft aus tief vorbereiteten Ideen entsprangen. Sportlich ging es in beiden Turnieren fast nur um Platz zwei – den sich Salo Flohr sicherte, dessen elegante, aber weniger energische Spielweise im direkten Vergleich machtlos blieb.


London


Bern

Aljechin hat eine Reihe Partien aus diesen Turnieren in seinem Buch "My best games of chess, 1908-1937" kommentiert:

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