Alexander Alekhine – The Russian Sphinx
Zitat von Conrad Schormann am 11. September 2025, 16:34 UhrAuf der Shortlist für den jänrlichen Buchpreis des englischen Verbands:
Alexander Alekhine – The Russian Sphinx: Volume 1 (1892-1921)
Sergei Voronkov
Elk and Ruby pp 471 £44.99 hardcover, £32.99 paperbackVoronkov has turned his attention on the first Russian world champion. This first volume of four, covers the 1892 -1921 years when Alekhine lived in Russia before leaving his native land in 1921, never to return. What a turbulent life it was! Brought up in Czarist Russia, narrowly escaping execution by the Bolsheviks, a complex private life and winning the first Russian Chess Championship. A large book which contains much extensive research material, which will appeal to an historian.
Auf der Shortlist für den jänrlichen Buchpreis des englischen Verbands:
Alexander Alekhine – The Russian Sphinx: Volume 1 (1892-1921)
Sergei Voronkov
Elk and Ruby pp 471 £44.99 hardcover, £32.99 paperback
Voronkov has turned his attention on the first Russian world champion. This first volume of four, covers the 1892 -1921 years when Alekhine lived in Russia before leaving his native land in 1921, never to return. What a turbulent life it was! Brought up in Czarist Russia, narrowly escaping execution by the Bolsheviks, a complex private life and winning the first Russian Chess Championship. A large book which contains much extensive research material, which will appeal to an historian.
Zitat von Conrad Schormann am 11. September 2025, 16:35 UhrMannheim 1914: Aljechins Aufstieg, der Krieg und die Gefangenschaft
Der Schachkongress in Mannheim 1914 begann vielversprechend. Der damals 21-jährige Alexander Aljechin führte das Feld im Meisterturnier mit beeindruckender Leistung an und war auf dem Weg zum ersten Platz. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stoppte das Turnier jäh – und verwandelte es für Aljechin und zahlreiche andere russische Teilnehmer in ein dramatisches Kapitel ihrer Biografie.
Aljechin 1923Turnierverlauf und erste Anzeichen der Krise
Der Kongress des Deutschen Schachbundes begann am 18. Juli 1914 im Ballhaus von Mannheim. Neben Aljechin spielten weitere bekannte Namen wie Efim Bogoljubow, Ilya Rabinovich, Peter Romanovsky, Fedor Bogatyrchuk, Boris Maljutin, Vladimir Seleschnew, Nikolai Rudnev, Samuil Weinstein und Pjotr Saburov in verschiedenen Gruppen. Aljechin war mit 9,6 von 11 möglichen Punkten klarer Spitzenreiter im Meisterturnier, als der Krieg ausbrach.
Festbankett vor Turnierbeginn (via DSB)Zunächst unterschätzten viele Teilnehmer die Gefahr. Nur wenige wie Sosnizky verließen Mannheim frühzeitig. Doch am 1. August wurde die Mobilmachung verkündet, und die Turnierleitung musste den Wettbewerb abbrechen. Die Preisgelder wurden am Montag, dem 3. August, ausgezahlt – soweit möglich.
Aljechins Verhaftung und Haft in Rastatt
Am Sonntag, dem 2. August, fuhr Aljechin nach Wiesbaden, um seine Mutter zu besuchen. Dort wurde er verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Zurück in Mannheim, wurde er in der Nacht erneut abgeführt – diesmal ohne Möglichkeit, sich ordentlich anzuziehen – und mit anderen russischen Spielern auf der Polizeiwache festgesetzt.
Wegen eines Fotos, das ihn in Uniform des Kaiserlich-Russischen Rechtsanwalts-Instituts zeigte, wurde Aljechin verdächtigt, Offizier zu sein. Das erschwerte seine Lage erheblich. Nach kurzem Aufenthalt in einer Kaserne landete er in der Militärfestung Rastatt, wo er wochenlang unter primitiven Bedingungen mit anderen inhaftierten russischen Schachspielern festgehalten wurde.
Das Gefängnisleben und die Begegnung mit der Tochter des Wärters
In Rastatt begann für Aljechin und die anderen das Leben unter Bewachung. Bücher, Zeitungen oder Schachbretter gab es nicht. Um sich abzulenken, spielten sie blind Schach. Berühmt wurde ein Vorfall, bei dem Aljechin in Einzelhaft kam – offiziell, weil er bei der Gefangenen-Gruppenbewegung im Hof lächelte. In Wirklichkeit hatte er offenbar eine Affäre mit der Tochter des Gefängniswärters, was zu seiner Isolation führte.
Laut Fedor Bogatyrchuk hatte Aljechin „seine Aufmerksamkeit den Reizen“ der Wärtertochter gewidmet. Diese ließ sich auf einen Flirt ein, doch sie wurden ertappt. Das „nichts“ – wie Aljechin später ironisch über den Vorfall sagte – brachte ihm drei Tage Karzer ein.
Besserung in Baden-Baden und Aljechins Arbeitsdisziplin
Nach Wochen in Rastatt durften die russischen Schachspieler nach Baden-Baden umziehen – unter polizeilicher Aufsicht, aber mit deutlich besseren Bedingungen. Dort arbeitete Aljechin intensiv an seinem Buch über den Allrussischen Meisterschaftsturnier 1913/14. Gemeinsam mit Romanovsky analysierte er stundenlang Partien.
In einer Anekdote schildert Romanovsky, wie Aljechin ihn nachts um vier Uhr aus dem Bett holte, weil ihm in einer analysierten Stellung ein entlastender Zug b7–b6 eingefallen war. Die beiden arbeiteten den gesamten nächsten Tag daran – ein Zeugnis von Aljechins obsessiver Genauigkeit.
Die Flucht aus Deutschland – Krankheit als Ausweg?
Wie Aljechin Deutschland schließlich verlassen konnte, blieb lange ein Rätsel. Er selbst sprach später in verschiedenen Versionen von „Zufall oder Glück“. Die offizielle Version war, dass er bei einer ärztlichen Untersuchung vorgab, schwer krank zu sein, unter anderem durch Nahrungsverzicht. Der Arzt ließ sich überzeugen, und Aljechin erhielt die Ausreisegenehmigung nach Schaffhausen in der Schweiz. Neben ihm kamen nur Saburov und Bogatyrchuk frei.
In späteren Erzählungen – etwa gegenüber britischen Journalisten – fabulierte Aljechin sogar von einer Flucht mit falschem Pass, was sich aber als Propaganda herausstellte. Die bittere Ironie: Nur wenige Jahre später sollte Aljechin wieder nach Deutschland zurückkehren – diesmal aus freien Stücken und dauerhaft.
Quelle: Sergej Voronkov, „Russkij Sfinx – Teil 6“, erschienen als Fortsetzung in russischer Sprache (auszugsweise übersetzt und zusammengefasst). Weitere Quellen: Zeitungsartikel aus Večernee Vremja (13./26. Oktober 1914), Erinnerungen von Fedor Bogatyrchuk, Pjotr Romanovsky, Boris Maljutin.
Die im Internet frei verfügbare Arbeit Voronkovs ist Teil seiner vierteiligen Buchprojekts über Alexander Aljechin. Band eins dieser Reihe ist gerade erschienen:
Amazon Klappentext:
Award-winning historian Sergey Voronkov has written a four-volume psychological biography of Alexander Alekhine, presenting the former world chess champion in a much more complicated, conflicted and tragic light than you have ever seen him before! This first volume traces his early development through to his departure from Soviet Russia in 1921, while also attempting to untangle the knot of his complex relationships with all his five wives.
Unpublished or long forgotten memoirs, as well as original newspaper and magazine articles from around the world, are drawn together in forensic research to paint the most extensive picture of Alekhine ever created. Key events in his life are reconsidered, including his release from internment in Germany during World War 1, his escape from execution in Odessa, his service under the Bolsheviks as a detective, his trip to the Urals as a Comintern translator, as well as just how he emigrated.
His character development is considered beginning with a detailed examination of his childhood, based on memoirs of his classmates. Voronkov then considers Alekhine’s transition from shy boy to dandy (and even the role played in that by his erstwhile friend José Capablanca), as well as how our protagonist gained the mental toughness of a world champion, and his chess philosophy. Some details make you admire him, others make you pity him, still others cast him in an unfavorable light...
Chess-wise, Voronkov presents over 50 games and fragments with original commentary by Alekhine and his opponents, most of which has not been published in books before. These include eleven completely unknown Alekhine games as well as ten game scores of other players with light commentary by Alekhine from the first Soviet Championship in 1920, found in Alexander Kotov’s archive.
In many cases, Alekhine’s earliest annotations are compared with his later ones to the same games, often leading to surprising conclusions. In particular, Voronkov highlights brilliant variations shown in Alekhine’s analysis that were supposedly found during play but which were actually discovered by the champion only years later when he republished his games. This led to Alekhine radically changing his assessments of positions in his writings as the years passed. We also see how Kotov had a habit of taking Alekhine’s commentary and presenting it as his own.
This book is illustrated by over 170 photos and other visuals, many published for the first time.
Mannheim 1914: Aljechins Aufstieg, der Krieg und die Gefangenschaft
Der Schachkongress in Mannheim 1914 begann vielversprechend. Der damals 21-jährige Alexander Aljechin führte das Feld im Meisterturnier mit beeindruckender Leistung an und war auf dem Weg zum ersten Platz. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stoppte das Turnier jäh – und verwandelte es für Aljechin und zahlreiche andere russische Teilnehmer in ein dramatisches Kapitel ihrer Biografie.

Aljechin 1923
Turnierverlauf und erste Anzeichen der Krise
Der Kongress des Deutschen Schachbundes begann am 18. Juli 1914 im Ballhaus von Mannheim. Neben Aljechin spielten weitere bekannte Namen wie Efim Bogoljubow, Ilya Rabinovich, Peter Romanovsky, Fedor Bogatyrchuk, Boris Maljutin, Vladimir Seleschnew, Nikolai Rudnev, Samuil Weinstein und Pjotr Saburov in verschiedenen Gruppen. Aljechin war mit 9,6 von 11 möglichen Punkten klarer Spitzenreiter im Meisterturnier, als der Krieg ausbrach.

Festbankett vor Turnierbeginn (via DSB)
Zunächst unterschätzten viele Teilnehmer die Gefahr. Nur wenige wie Sosnizky verließen Mannheim frühzeitig. Doch am 1. August wurde die Mobilmachung verkündet, und die Turnierleitung musste den Wettbewerb abbrechen. Die Preisgelder wurden am Montag, dem 3. August, ausgezahlt – soweit möglich.
Aljechins Verhaftung und Haft in Rastatt
Am Sonntag, dem 2. August, fuhr Aljechin nach Wiesbaden, um seine Mutter zu besuchen. Dort wurde er verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Zurück in Mannheim, wurde er in der Nacht erneut abgeführt – diesmal ohne Möglichkeit, sich ordentlich anzuziehen – und mit anderen russischen Spielern auf der Polizeiwache festgesetzt.
Wegen eines Fotos, das ihn in Uniform des Kaiserlich-Russischen Rechtsanwalts-Instituts zeigte, wurde Aljechin verdächtigt, Offizier zu sein. Das erschwerte seine Lage erheblich. Nach kurzem Aufenthalt in einer Kaserne landete er in der Militärfestung Rastatt, wo er wochenlang unter primitiven Bedingungen mit anderen inhaftierten russischen Schachspielern festgehalten wurde.
Das Gefängnisleben und die Begegnung mit der Tochter des Wärters
In Rastatt begann für Aljechin und die anderen das Leben unter Bewachung. Bücher, Zeitungen oder Schachbretter gab es nicht. Um sich abzulenken, spielten sie blind Schach. Berühmt wurde ein Vorfall, bei dem Aljechin in Einzelhaft kam – offiziell, weil er bei der Gefangenen-Gruppenbewegung im Hof lächelte. In Wirklichkeit hatte er offenbar eine Affäre mit der Tochter des Gefängniswärters, was zu seiner Isolation führte.
Laut Fedor Bogatyrchuk hatte Aljechin „seine Aufmerksamkeit den Reizen“ der Wärtertochter gewidmet. Diese ließ sich auf einen Flirt ein, doch sie wurden ertappt. Das „nichts“ – wie Aljechin später ironisch über den Vorfall sagte – brachte ihm drei Tage Karzer ein.
Besserung in Baden-Baden und Aljechins Arbeitsdisziplin
Nach Wochen in Rastatt durften die russischen Schachspieler nach Baden-Baden umziehen – unter polizeilicher Aufsicht, aber mit deutlich besseren Bedingungen. Dort arbeitete Aljechin intensiv an seinem Buch über den Allrussischen Meisterschaftsturnier 1913/14. Gemeinsam mit Romanovsky analysierte er stundenlang Partien.
In einer Anekdote schildert Romanovsky, wie Aljechin ihn nachts um vier Uhr aus dem Bett holte, weil ihm in einer analysierten Stellung ein entlastender Zug b7–b6 eingefallen war. Die beiden arbeiteten den gesamten nächsten Tag daran – ein Zeugnis von Aljechins obsessiver Genauigkeit.
Die Flucht aus Deutschland – Krankheit als Ausweg?
Wie Aljechin Deutschland schließlich verlassen konnte, blieb lange ein Rätsel. Er selbst sprach später in verschiedenen Versionen von „Zufall oder Glück“. Die offizielle Version war, dass er bei einer ärztlichen Untersuchung vorgab, schwer krank zu sein, unter anderem durch Nahrungsverzicht. Der Arzt ließ sich überzeugen, und Aljechin erhielt die Ausreisegenehmigung nach Schaffhausen in der Schweiz. Neben ihm kamen nur Saburov und Bogatyrchuk frei.
In späteren Erzählungen – etwa gegenüber britischen Journalisten – fabulierte Aljechin sogar von einer Flucht mit falschem Pass, was sich aber als Propaganda herausstellte. Die bittere Ironie: Nur wenige Jahre später sollte Aljechin wieder nach Deutschland zurückkehren – diesmal aus freien Stücken und dauerhaft.
Quelle: Sergej Voronkov, „Russkij Sfinx – Teil 6“, erschienen als Fortsetzung in russischer Sprache (auszugsweise übersetzt und zusammengefasst). Weitere Quellen: Zeitungsartikel aus Večernee Vremja (13./26. Oktober 1914), Erinnerungen von Fedor Bogatyrchuk, Pjotr Romanovsky, Boris Maljutin.
Die im Internet frei verfügbare Arbeit Voronkovs ist Teil seiner vierteiligen Buchprojekts über Alexander Aljechin. Band eins dieser Reihe ist gerade erschienen:
Amazon Klappentext:
Award-winning historian Sergey Voronkov has written a four-volume psychological biography of Alexander Alekhine, presenting the former world chess champion in a much more complicated, conflicted and tragic light than you have ever seen him before! This first volume traces his early development through to his departure from Soviet Russia in 1921, while also attempting to untangle the knot of his complex relationships with all his five wives.
Unpublished or long forgotten memoirs, as well as original newspaper and magazine articles from around the world, are drawn together in forensic research to paint the most extensive picture of Alekhine ever created. Key events in his life are reconsidered, including his release from internment in Germany during World War 1, his escape from execution in Odessa, his service under the Bolsheviks as a detective, his trip to the Urals as a Comintern translator, as well as just how he emigrated.
His character development is considered beginning with a detailed examination of his childhood, based on memoirs of his classmates. Voronkov then considers Alekhine’s transition from shy boy to dandy (and even the role played in that by his erstwhile friend José Capablanca), as well as how our protagonist gained the mental toughness of a world champion, and his chess philosophy. Some details make you admire him, others make you pity him, still others cast him in an unfavorable light...
Chess-wise, Voronkov presents over 50 games and fragments with original commentary by Alekhine and his opponents, most of which has not been published in books before. These include eleven completely unknown Alekhine games as well as ten game scores of other players with light commentary by Alekhine from the first Soviet Championship in 1920, found in Alexander Kotov’s archive.
In many cases, Alekhine’s earliest annotations are compared with his later ones to the same games, often leading to surprising conclusions. In particular, Voronkov highlights brilliant variations shown in Alekhine’s analysis that were supposedly found during play but which were actually discovered by the champion only years later when he republished his games. This led to Alekhine radically changing his assessments of positions in his writings as the years passed. We also see how Kotov had a habit of taking Alekhine’s commentary and presenting it as his own.
This book is illustrated by over 170 photos and other visuals, many published for the first time.
Zitat von Conrad Schormann am 11. September 2025, 16:35 UhrAljechins letzte Jahre – zwischen Schachbrett, Schuld und Schande
Quelle: Sergej Voronkov, „Злополучный замок“, ChessPro.ru, 14. Dezember 2021Ein Rückzug, der keiner war
Im Sommer 1940 hätte Alexander Aljechin verschwinden können. Er hatte eine amerikanische und eine portugiesische Einreiseerlaubnis, war gerade aus der französischen Armee demobilisiert worden und hätte die Gelegenheit gehabt, Europa zu verlassen. Doch er kehrte zurück – nach Paris, ins besetzte Frankreich. Der Grund war ein Schloss. Ein Haus in Saint-Aubin-le-Cauf, das seine Frau Grace Visher geerbt hatte und das Aljechin als „seine eigene“ Besitzung betrachtete. Es war von Flüchtlingen geplündert und später von den Deutschen beschlagnahmt worden. Aljechin wollte retten, was zu retten war.
Dieser Rückzug nach Paris kostete ihn mehr als ein Haus. Er bezahlte mit seiner Ehre, seiner Integrität und einem Teil seines Vermächtnisses. Denn es war in Paris, unter Aufsicht der deutschen Besatzer, dass er begann, für die „Pariser Zeitung“ zu schreiben. Nicht nur harmlose Partienkommentare, sondern auch die berüchtigten Artikelreihe „Arische und jüdische Schachkunst“.
Spione, Visa und ein geplatzter Amerika-Plan
Aljechin hatte sich 1939–40 durchaus als Gegner der Nazis positioniert. Noch bei der Schacholympiade in Buenos Aires ließ er seine Mannschaft alle Kontakte mit dem deutschen Team meiden. Danach bewarb er sich um Aufnahme in die französische Armee – mehrfach. Laut David Bronstein soll er sogar versucht haben, über diplomatische Kanäle in den französischen Nachrichtendienst zu gelangen. Dort wurde er aufgenommen, erfuhr es aber nicht, da er Buenos Aires schon verlassen hatte, als dort die Nachricht einging.
Im Juli 1940 hoffte Aljechin wieder auf eine Reise nach Südamerika – ein Match gegen Capablanca sollte ihn retten. Doch es kam anders: Die kubanischen Behörden zögerten, Capablanca blockte, Frankreich verweigerte Männern unter 48 die Ausreise. Und so kehrte Aljechin – ausgerechnet – in die Arme der Besatzer zurück.
Sein Deal mit dem Reich
In Paris suchte er Kontakt zu alten Bekannten – unter anderem zu NS-Funktionär Hans Frank, der ihm bereits 1934 als Mitorganisator seines WM-Matches gegen Bogoljubow begegnet war. Über diesen Kontakt landete Aljechin nicht nur im „Schach-Eck“ der Pariser Zeitung, sondern veröffentlichte im März 1941 sechs Artikel, die Schachstile in „arisch“ und „jüdisch“ unterteilten.
Die Frage, wie viel davon er selbst geschrieben hat, ist seither umstritten. Aljechin selbst behauptete nach dem Krieg, die Artikel seien „purely scientific“, später von den Nazis umgeschrieben worden. Doch es gibt Hinweise, die diese Schutzbehauptung widerlegen:
– In einem Interview in Madrid (September 1941) rühmte sich Aljechin, „als Erster den Versuch gemacht zu haben, Schach aus rassischer Sicht zu betrachten“.
– In seinen Kommentaren zu anderen Partien in der „Pariser Zeitung“ tauchen sprachlich wie inhaltlich dieselben Töne auf.
– Nach dem Krieg fanden Zeitzeugen in seinen Nachlassunterlagen handschriftliche Versionen der Artikel – in Aljechins Handschrift.
– Die zentrale Aussage, dass „arisches Schach“ aggressiv, „jüdisches Schach“ defensiv sei, findet sich fast wortgleich im Interview und in der Artikelreihe.
– Der Stil, auch orthografische Eigenheiten und teils haarsträubende Namensfehler, deuten darauf hin, dass der Text ursprünglich von Aljechin selbst stammt.
Warum hat er das getan?
Die naheliegende Erklärung: Aljechin wollte weg. Die Artikel sollten als „Währung“ dienen – für ein Visum nach Portugal, dann in die USA. Tatsächlich tauchte er Ende März 1941 in Lissabon auf, genau in dem Moment, als die Artikel in Paris veröffentlicht wurden.
Aber warum hätte er die jüdischen Schachspieler beleidigen sollen, wenn er doch in die USA wollte – in ein Land mit vielen jüdischen Unterstützern? Vielleicht, so spekulierte später Mikhail Botwinnik, wollte Aljechin in New York öffentlich erklären, er sei zum Schreiben gezwungen worden. Doch zu dieser Entlastung kam es nie.
Ein stiller Rückzug ins Turnierleben
Nach 1942 ließ Aljechin jede politische Rolle fallen. Zwar war er offiziell als „wissenschaftlicher Mitarbeiter“ im NS-nahen „Institut für Deutsche Ostarbeit“ gelistet, doch ein geplanter Leitungsposten im „Russland-Institut“ zerschlug sich, vermutlich wegen eines internen Gutachtens der Gestapo, das Aljechin als politisch unzuverlässig einstufte: Demokrat, Freimaurer, einst der Sowjetunion gegenüber offen – ein Risiko.
Ab diesem Moment spielte Aljechin nur noch Turniere, meist mit überschaubarem Publikum, gelegentlich mit offiziellem Empfang, aber ohne echte politische Rolle. Er blieb in Bewegung, war mal in Prag, mal in Madrid, mal in München. Ein Leben zwischen Flucht und Funktion.
Nach dem Krieg: isoliert, geächtet, aber ungebrochen
1945 war Aljechin weltweit isoliert. Die FIDE wollte mit ihm keinen WM-Kampf mehr austragen. In England und den USA galt er als persona non grata. Nur Spanien und Portugal boten ihm noch Rückzugsorte. Er lebte zuletzt in Estoril, wo er 1946 unter ungeklärten Umständen starb – vermutlich an Herzversagen, möglicherweise alkoholbedingt.
Sein Ruf war beschädigt. Er blieb Schachweltmeister, doch keiner wollte mehr gegen ihn spielen. Die geplante Titelverteidigung gegen Botwinnik kam nicht mehr zustande. Der Titel wurde nach seinem Tod neu vergeben.
Epilog: ein verlorenes Leben – nicht nur wegen des Krieges
Sergej Voronkovs Fazit ist unerbittlich: Aljechin habe das Spiel mit der Macht gesucht – und sei auf ganzer Linie unterlegen. Was als Versuch begann, Eigentum und Einfluss zu sichern, endete in einem moralischen wie persönlichen Bankrott. Die „arischen“ Artikel, seine Nähe zur NS-Propaganda, seine Opportunismen – all das ließ sich nicht mehr aus der Welt schaffen.
Sein Talent, seine Partien, sein Werk – sie überlebten. Doch der Mensch Aljechin wurde – mit gutem Grund – nicht rehabilitiert.
Ein Satz von Max Euwe bringt es auf den Punkt:
„Am Brett war er groß. Im Leben – ein Kind, das glaubte, niemand merke, wenn es Unfug treibt.“
Aljechins letzte Jahre – zwischen Schachbrett, Schuld und Schande
Quelle: Sergej Voronkov, „Злополучный замок“, ChessPro.ru, 14. Dezember 2021
Ein Rückzug, der keiner war
Im Sommer 1940 hätte Alexander Aljechin verschwinden können. Er hatte eine amerikanische und eine portugiesische Einreiseerlaubnis, war gerade aus der französischen Armee demobilisiert worden und hätte die Gelegenheit gehabt, Europa zu verlassen. Doch er kehrte zurück – nach Paris, ins besetzte Frankreich. Der Grund war ein Schloss. Ein Haus in Saint-Aubin-le-Cauf, das seine Frau Grace Visher geerbt hatte und das Aljechin als „seine eigene“ Besitzung betrachtete. Es war von Flüchtlingen geplündert und später von den Deutschen beschlagnahmt worden. Aljechin wollte retten, was zu retten war.
Dieser Rückzug nach Paris kostete ihn mehr als ein Haus. Er bezahlte mit seiner Ehre, seiner Integrität und einem Teil seines Vermächtnisses. Denn es war in Paris, unter Aufsicht der deutschen Besatzer, dass er begann, für die „Pariser Zeitung“ zu schreiben. Nicht nur harmlose Partienkommentare, sondern auch die berüchtigten Artikelreihe „Arische und jüdische Schachkunst“.
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Spione, Visa und ein geplatzter Amerika-Plan
Aljechin hatte sich 1939–40 durchaus als Gegner der Nazis positioniert. Noch bei der Schacholympiade in Buenos Aires ließ er seine Mannschaft alle Kontakte mit dem deutschen Team meiden. Danach bewarb er sich um Aufnahme in die französische Armee – mehrfach. Laut David Bronstein soll er sogar versucht haben, über diplomatische Kanäle in den französischen Nachrichtendienst zu gelangen. Dort wurde er aufgenommen, erfuhr es aber nicht, da er Buenos Aires schon verlassen hatte, als dort die Nachricht einging.
Im Juli 1940 hoffte Aljechin wieder auf eine Reise nach Südamerika – ein Match gegen Capablanca sollte ihn retten. Doch es kam anders: Die kubanischen Behörden zögerten, Capablanca blockte, Frankreich verweigerte Männern unter 48 die Ausreise. Und so kehrte Aljechin – ausgerechnet – in die Arme der Besatzer zurück.
Sein Deal mit dem Reich
In Paris suchte er Kontakt zu alten Bekannten – unter anderem zu NS-Funktionär Hans Frank, der ihm bereits 1934 als Mitorganisator seines WM-Matches gegen Bogoljubow begegnet war. Über diesen Kontakt landete Aljechin nicht nur im „Schach-Eck“ der Pariser Zeitung, sondern veröffentlichte im März 1941 sechs Artikel, die Schachstile in „arisch“ und „jüdisch“ unterteilten.
Die Frage, wie viel davon er selbst geschrieben hat, ist seither umstritten. Aljechin selbst behauptete nach dem Krieg, die Artikel seien „purely scientific“, später von den Nazis umgeschrieben worden. Doch es gibt Hinweise, die diese Schutzbehauptung widerlegen:
– In einem Interview in Madrid (September 1941) rühmte sich Aljechin, „als Erster den Versuch gemacht zu haben, Schach aus rassischer Sicht zu betrachten“.
– In seinen Kommentaren zu anderen Partien in der „Pariser Zeitung“ tauchen sprachlich wie inhaltlich dieselben Töne auf.
– Nach dem Krieg fanden Zeitzeugen in seinen Nachlassunterlagen handschriftliche Versionen der Artikel – in Aljechins Handschrift.
– Die zentrale Aussage, dass „arisches Schach“ aggressiv, „jüdisches Schach“ defensiv sei, findet sich fast wortgleich im Interview und in der Artikelreihe.
– Der Stil, auch orthografische Eigenheiten und teils haarsträubende Namensfehler, deuten darauf hin, dass der Text ursprünglich von Aljechin selbst stammt.
Warum hat er das getan?
Die naheliegende Erklärung: Aljechin wollte weg. Die Artikel sollten als „Währung“ dienen – für ein Visum nach Portugal, dann in die USA. Tatsächlich tauchte er Ende März 1941 in Lissabon auf, genau in dem Moment, als die Artikel in Paris veröffentlicht wurden.
Aber warum hätte er die jüdischen Schachspieler beleidigen sollen, wenn er doch in die USA wollte – in ein Land mit vielen jüdischen Unterstützern? Vielleicht, so spekulierte später Mikhail Botwinnik, wollte Aljechin in New York öffentlich erklären, er sei zum Schreiben gezwungen worden. Doch zu dieser Entlastung kam es nie.
Ein stiller Rückzug ins Turnierleben
Nach 1942 ließ Aljechin jede politische Rolle fallen. Zwar war er offiziell als „wissenschaftlicher Mitarbeiter“ im NS-nahen „Institut für Deutsche Ostarbeit“ gelistet, doch ein geplanter Leitungsposten im „Russland-Institut“ zerschlug sich, vermutlich wegen eines internen Gutachtens der Gestapo, das Aljechin als politisch unzuverlässig einstufte: Demokrat, Freimaurer, einst der Sowjetunion gegenüber offen – ein Risiko.
Ab diesem Moment spielte Aljechin nur noch Turniere, meist mit überschaubarem Publikum, gelegentlich mit offiziellem Empfang, aber ohne echte politische Rolle. Er blieb in Bewegung, war mal in Prag, mal in Madrid, mal in München. Ein Leben zwischen Flucht und Funktion.
Nach dem Krieg: isoliert, geächtet, aber ungebrochen
1945 war Aljechin weltweit isoliert. Die FIDE wollte mit ihm keinen WM-Kampf mehr austragen. In England und den USA galt er als persona non grata. Nur Spanien und Portugal boten ihm noch Rückzugsorte. Er lebte zuletzt in Estoril, wo er 1946 unter ungeklärten Umständen starb – vermutlich an Herzversagen, möglicherweise alkoholbedingt.
Sein Ruf war beschädigt. Er blieb Schachweltmeister, doch keiner wollte mehr gegen ihn spielen. Die geplante Titelverteidigung gegen Botwinnik kam nicht mehr zustande. Der Titel wurde nach seinem Tod neu vergeben.
Epilog: ein verlorenes Leben – nicht nur wegen des Krieges
Sergej Voronkovs Fazit ist unerbittlich: Aljechin habe das Spiel mit der Macht gesucht – und sei auf ganzer Linie unterlegen. Was als Versuch begann, Eigentum und Einfluss zu sichern, endete in einem moralischen wie persönlichen Bankrott. Die „arischen“ Artikel, seine Nähe zur NS-Propaganda, seine Opportunismen – all das ließ sich nicht mehr aus der Welt schaffen.
Sein Talent, seine Partien, sein Werk – sie überlebten. Doch der Mensch Aljechin wurde – mit gutem Grund – nicht rehabilitiert.
Ein Satz von Max Euwe bringt es auf den Punkt:
„Am Brett war er groß. Im Leben – ein Kind, das glaubte, niemand merke, wenn es Unfug treibt.“
Zitat von Conrad Schormann am 7. November 2025, 13:50 UhrMatthew Sadler über „Alexander Alekhine. The Russian Sphinx“
Quelle: New In Chess Blog – Rezension von Matthew Sadler, November 2025Der britische Großmeister Matthew Sadler vergibt die Höchstwertung von fünf Sternen für den ersten Band von Sergey Voronkovs monumentaler Biografie „Alexander Alekhine. The Russian Sphinx: Volume 1 (1892–1921)“, erschienen bei Elk and Ruby. Auf 468 reich bebilderten Seiten zeichnet Voronkov das bislang präziseste Porträt der frühen Jahre des vierten Weltmeisters – und entfaltet laut Sadler „die Komplexität einer Alekhine-Partie“ in Buchform.
Das Werk rekonstruiert Alekhines Leben vom Moskauer Gymnasium bis zum Ende des Bürgerkriegs, eine Zeit, in der viele im Westen glaubten, er sei gestorben. Neben bislang unbekannten biografischen Details und Partien enthält das Buch zeitgenössische Kommentare, Briefe und Schilderungen von Weggefährten – von Mitschülern bis zu Ehefrauen.
Sadler hebt besonders Voronkovs psychologische Tiefenschärfe hervor. Alekhine erscheint darin als hochnervöser, rastloser Perfektionist, der schon in der Schulzeit ununterbrochen analysierte, Korrespondenzpartien führte und selbst im Unterricht Züge berechnete. Ein Mitschüler schilderte ihn als zappelnd, mit zerbissenen Nägeln und schweißnassen Händen – ein frühes Bild des Getriebenen, der später Schachgeschichte schrieb.
Die Fülle an Zitaten, Dokumenten und Partien – darunter sogar eine verrückte Korrespondenzpartie mit dem Rice-Gambit aus Alekhines Jugend – macht das Buch für Sadler zu einer Entdeckung nach der anderen: „Ich las es praktisch in einem Zug, und meine ständigen Begleiter waren ‘Oooh!’ und ‘No, really, seriously?’“
Sein Fazit: ein außergewöhnliches Werk, das in Dichte und Leidenschaft kaum zu übertreffen sei – und der Auftakt zu einer vierbändigen Reihe, auf deren Fortsetzung Sadler „kaum warten“ könne.
Matthew Sadler über „Alexander Alekhine. The Russian Sphinx“
Quelle: New In Chess Blog – Rezension von Matthew Sadler, November 2025
Der britische Großmeister Matthew Sadler vergibt die Höchstwertung von fünf Sternen für den ersten Band von Sergey Voronkovs monumentaler Biografie „Alexander Alekhine. The Russian Sphinx: Volume 1 (1892–1921)“, erschienen bei Elk and Ruby. Auf 468 reich bebilderten Seiten zeichnet Voronkov das bislang präziseste Porträt der frühen Jahre des vierten Weltmeisters – und entfaltet laut Sadler „die Komplexität einer Alekhine-Partie“ in Buchform.
Das Werk rekonstruiert Alekhines Leben vom Moskauer Gymnasium bis zum Ende des Bürgerkriegs, eine Zeit, in der viele im Westen glaubten, er sei gestorben. Neben bislang unbekannten biografischen Details und Partien enthält das Buch zeitgenössische Kommentare, Briefe und Schilderungen von Weggefährten – von Mitschülern bis zu Ehefrauen.
Sadler hebt besonders Voronkovs psychologische Tiefenschärfe hervor. Alekhine erscheint darin als hochnervöser, rastloser Perfektionist, der schon in der Schulzeit ununterbrochen analysierte, Korrespondenzpartien führte und selbst im Unterricht Züge berechnete. Ein Mitschüler schilderte ihn als zappelnd, mit zerbissenen Nägeln und schweißnassen Händen – ein frühes Bild des Getriebenen, der später Schachgeschichte schrieb.
Die Fülle an Zitaten, Dokumenten und Partien – darunter sogar eine verrückte Korrespondenzpartie mit dem Rice-Gambit aus Alekhines Jugend – macht das Buch für Sadler zu einer Entdeckung nach der anderen: „Ich las es praktisch in einem Zug, und meine ständigen Begleiter waren ‘Oooh!’ und ‘No, really, seriously?’“
Sein Fazit: ein außergewöhnliches Werk, das in Dichte und Leidenschaft kaum zu übertreffen sei – und der Auftakt zu einer vierbändigen Reihe, auf deren Fortsetzung Sadler „kaum warten“ könne.
