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2006: Kramnik-Topalov, "Toiletgate"

Vladimir Kramnik – eine Karriere (III): Wiedervereinigung und Sturz vom Thron

“Er hat gelogen”: Veselin Topalov, Vladimir Kramnik und Toiletgate

2006 sollte die große Vereinigung werden: Wladimir Kramnik als „klassischer“ Weltmeister aus der Kasparow-Linie gegen Wesselin Topalow, den FIDE-Champion. Ein Titel, wieder nur einer. 1 Million Dollar Preisgeld. Gespielt wurde vom 23. September bis 13. Oktober 2006 in Elista, der Hauptstadt von Kalmückien – in einem Schach-„Spezialort“, den Kirsan Iljumschinow Jahre zuvor rund um die Olympiade 1998 hochgezogen hatte. Eine Bühne, die schon durch den Ort etwas Unwirkliches bekam.

Im Podcast „Masters and Matches“ erzählen Peter Doggers und Arne Moll die Vorgeschichte, weil „Toiletgate“ nicht aus dem Nichts kam. 2005, bei der WM in San Luis (Argentinien), gewann Topalow sechs Partien am Stück, Performance 3177, und knackte als zweiter Spieler nach Kasparow die 2800. Das reichte, um Misstrauen zu säen. Aus dem russischen Lager kamen offene Verdächtigungen, dazu später Stimmen wie Rustam Kasimdschanow, der sich über das Verhalten von Topalows Manager Silvio Danailov und über Zuschauer mit eingeschaltetem Computer empörte. In dieser Zeit wurden Computer im Schach stärker und allgegenwärtig – und in Open-Turnieren tauchten schon erste Fälle mit Handgeräten auf. Das Klima war vergiftet, noch bevor in Elista ein Zug gemacht wurde.

Der sportliche Start in Elista war klar: Alle Partien begannen mit 1.d4, praktisch nur Slawisch und Katalanisch. Kramnik gewann die ersten beiden Partien, die dritte und vierte endeten remis. Topalow ließ in Partie zwei sogar einen Gewinn aus und verlor noch. Kramnik führte 3:1. Dann kam der Ruhetag am 28. September.

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An diesem Tag ging ein Protest der Bulgaren an das Berufungskomitee. Der Kern: Kramnik gehe „nach jedem Zug“ ins Bad, über 50 Mal pro Partie. Das Team verlangte, die privaten Toiletten im Ruhebereich zu schließen. Stattdessen sollten beide Spieler eine „öffentliche“ Toilette nutzen, begleitet von einem Schiedsrichter. Zusätzlich wollten sie Videobänder aus dem Ruhebereich. Topalow drohte, das Match abzubrechen.

Das Berufungskomitee gab den Bulgaren teilweise recht: Die Toiletten wurden geschlossen, die neue Regel eingeführt, die Bänder aber nicht herausgegeben. Kramnik reagierte mit einem offenen Brief. Er sprach von Befangenheit, wollte die alten Toiletten zurück, und er wollte eine neue Kommission. Er erklärte seine vielen Wege mit Gewohnheit: Er laufe viel, der Ruhebereich sei zu klein, er trinke viel Wasser. Danailov konterte später spöttisch: Auf dem Band sehe man in fünf Stunden „ein halbes Glas“.

Am 29. September eskalierte es. Partie fünf wurde angesetzt, aber Kramnik erschien nicht. Der Schiedsrichter startete die Uhr, Kramnik blieb im Ruhebereich. Nach einer Stunde wurde die Partie abgebrochen und als kampfloser Sieg für Topalow gewertet. Plötzlich stand es nicht mehr 4:1, sondern 3:2. Kramnik sagte später, das sei eine emotionale Entscheidung gewesen – und Danailov habe den Moment zum „Insult“ perfekt gewählt.

Ab Partie sechs spielte Kramnik weiter, „unter Protest“, und hielt sich die Option offen, Partie fünf nachträglich neu zu bewerten. Auf dem Brett ging das Match trotzdem weiter – aber der Streit fraß Konzentration. Die Affäre wurde international, Doggers und Moll nennen Berichte in großen Medien. Dann setzte Danailov noch einen drauf: Während Partie sieben verteilte er Zettel mit Engine-Statistiken (Fritz 9), angeblich 78 Prozent Übereinstimmung von Kramnik-Zügen mit der ersten Engine-Linie. Kramnik konterte kühl: Im Netz habe man geprüft, Topalows Quote sei teils höher, das stehe nur nicht auf dem Zettel.

Kurz danach kippte das Match sportlich. Kramnik verlor Partie acht und neun, stand erstmals hinten. In Partie zehn patzte Topalow grob, Kramnik glich aus. Die letzten beiden klassischen Partien endeten remis: 6:6.

Damit kam es zum ersten Schnellschach-Stichkampf in einer WM. Vier Rapid-Partien. Erst remis, dann gewann Kramnik, Topalow glich sofort aus. In der vierten Rapid-Partie, erneut Slawisch, drückte Kramnik mit Weiß – und Topalow machte den entscheidenden Fehler. Kramnik sprang auf, Faust in die Luft. Ein seltener Moment.

Der Titel war vereinigt. Der Schaden blieb. Doggers und Moll erzählen, wie dieses Match Beziehungen zerstörte, wie „Toiletgate“ als Muster wieder auftauchte – und warum der wichtigste Satz aus dieser Zeit so banal wie hart ist: Betrugsvorwürfe ohne Beleg richten fast so viel an wie Betrug.

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