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1994: Linares

Karpows Linares-Sieg und der Streit um Kasparows Springerzug

Quelle: The Chess Revolution – „Karpov's Biggest Triumph & The Touch-Move Incident: Linares 1994“, 18. April 2026, Peter Doggers und Arne Moll

Anatoli Karpow spielte im Frühjahr 1994 in Linares das Turnier seines Lebens: neun Siege, vier Remis, keine Niederlage, 11 Punkte aus 13 Partien. Das berichtet The Chess Revolution. Der zwölfte Weltmeister gewann die zwölfte Ausgabe des Turniers, das damals als „Wimbledon des Schachs“ galt, mit 2,5 Punkten Vorsprung vor Garry Kasparow und Alexei Schirow.

Linares brachte vom 23. Februar bis 14. März 1994 ein Feld zusammen, das für diese Zeit kaum stärker sein konnte. Kasparow kam als PCA-Weltmeister, Karpow als FIDE-Weltmeister. Dazu spielten unter anderem Viswanathan Anand, Wassili Iwantschuk, Wladimir Kramnik, Gata Kamsky, Boris Gelfand, Weselin Topalow und die 17-jährige Judit Polgar, die erstmals bei einem Superturnier antrat. Der Durchschnitt lag bei 2685 Elo. Kasparow hatte vor dem Turnier gesagt, der Sieger könne sich mit Recht Weltmeister der Turniere nennen.

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Karpow kommt aus der Ruhe

Karpow hatte vor Linares weniger gespielt als sonst. Nach seinem Sieg gegen Jan Timman im FIDE-WM-Match und Turniersiegen 1993 nahm er sich Zeit. Vor Linares gewann er noch einen Wettkampf gegen Ivan Morovic auf Gran Canaria, danach legte er einige Tage am Meer ein. In seinem Rückblick beschrieb er diese Pause als wichtigen Teil der Vorbereitung.

Am Brett nutzte Karpow dann fast jede Chance. Er startete mit sechs Siegen. Gegen Jewgeni Barejew half ihm ein schwerer Fehler des Gegners, gegen Topalow spielte er eine seiner besten Partien. In der Schlussrunde gegen Alexander Beljawski brachte er eine Vorbereitung aufs Brett, die er nach eigenen Angaben schon für sein Kandidatenfinale gegen Viktor Kortschnoi 1974 untersucht hatte. Zwanzig Jahre später kam sie zum Einsatz.

Ein Turnier im gespaltenen Schach

Das Turnier fiel in eine Zeit, in der das Spitzenschach zwei Weltmeister hatte. Kasparow und Nigel Short hatten 1993 ihren WM-Kampf außerhalb der FIDE ausgetragen, Karpow hatte im FIDE-Match gegen Timman gewonnen. Linares bot deshalb mehr als ein starkes Rundenturnier. Es stellte Kasparow und Karpow wieder in einen direkten sportlichen Vergleich.

Kasparow landete am Ende gemeinsam mit Schirow bei 8,5 Punkten. Für ihn genügte das nicht. Kramnik besiegte ihn in Runde zehn erstmals in einer klassischen Partie, Joël Lautier gewann ebenfalls gegen ihn. Karpow blieb ungeschlagen und sammelte Sieg um Sieg. Später zählte der Statistiker Jeff Sonas Karpows Ergebnis zu den größten Turnierleistungen der Schachgeschichte.

Der Springer auf c5

Der bekannteste Streit des Turniers entstand in der fünften Runde zwischen Judit Polgar und Garry Kasparow. Kasparow führte eine Gewinnstellung. Dann zog er einen Springer nach c5, hielt die Figur kurz, ließ sie nach der Darstellung der Gastgeber für einen Moment los, griff sofort wieder zu und spielte nach mehreren Minuten einen anderen Springerzug. Polgar sah die Szene, protestierte aber nicht.

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Sie schilderte später, warum sie schwieg. Sie spielte mit 17 Jahren ihr erstes Superturnier, saß dem Weltmeister gegenüber und hatte eine objektiv verlorene Stellung. Zudem fürchtete sie eine Strafe auf der Uhr, falls ein Protest scheitern würde. Erst später stellte sich heraus, dass eine spanische Fernsehkamera die Szene aufgenommen hatte. Die Kamera lief ohne Kameramann weiter.

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Polgar stellt Kasparow zur Rede

Am Ende des Turniers sah eine kleine Gruppe die Aufnahme. Polgar sprach Kasparow danach in der Hotelbar an und fragte ihn, wie er ihr das habe antun können. Kasparow wies den Vorwurf zurück. Später erklärte er, er habe nicht gespürt, dass seine Hand die Figur verlassen habe. Drei Jahre lang sprach er nicht mit Polgar.

In der Netflix-Doku „Queen of Chess“ nannte Kasparow den Vorgang Jahrzehnte später eine kleine Kontroverse. Er blieb bei seiner Linie: Er habe nicht das Gefühl gehabt, etwas falsch gemacht zu haben. Polgar zeigte sich in ihrem Buch milder. Sie forderte die Leser auf, sich in Kasparows Lage zu versetzen: eine Muss-gewinn-Partie, Druck, Kameras, keine direkte Beschwerde am Brett.

Ein Sieg mit langem Nachhall

Linares 1994 blieb vor allem Karpows Turnier. Kasparow stand für Angriff, Streit und die neue Ordnung des Schachs. Karpow kam nach Spanien, spielte ruhig, präzise und hartnäckig, und ließ die stärksten Spieler seiner Zeit hinter sich. Sein Satz aus „My Best Games“ fasst den Moment knapp zusammen: Die Zahl zwölf habe ihm Glück gebracht – die zwölfte Ausgabe von Linares und der zwölfte Weltmeister.

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