1988: Schacholympiade Thessaloniki
Zitat von Conrad Schormann am 7. September 2024, 15:59 Uhrhttps://de.wikipedia.org/wiki/Schacholympiade_1988
Stephen Fry hat eine 48-minütige Doku zur Schacholympiade gedreht, die nicht nur Jonathan Speelman tanzend zeigt. Sie berührt viele der ganz großen Schachgeschichte, von den Polgar-Schwestern zur Karpov-Kasparov-Rivalität.
https://youtu.be/Zopb7VDSuN8
Die Schacholympiade 1988 in Thessaloniki, Griechenland, war ein Turnier, das nicht nur durch das hochklassige Schachspiel, sondern auch durch die Dramen abseits des Brettes geprägt wurde. Stephen Fry führte in seiner Reportage auf humorvolle Weise durch das Turnier und bot einen einzigartigen Blick hinter die Kulissen des prestigeträchtigen Wettbewerbs, bei dem Schachlegenden wie Garry Kasparov und Anatoli Karpov sowie aufstrebende Talente wie die Polgar-Schwestern die Bühne betraten.
Die Olympiade war geprägt von einer einzigartigen Atmosphäre. Fry beschreibt den Veranstaltungsort mit einem Augenzwinkern: „Es ist eher eine Art hellenisches Birmingham“, während er die in den 1960er-Jahren errichtete Expo-Halle betrat. Trotz der etwas tristen Umgebung herrschte in der Halle eine aufgeregte und fast ehrfürchtige Stimmung, da Schachspieler aus der ganzen Welt gegeneinander antraten.
Besonders im Fokus stand die Rivalität zwischen Kasparov und Karpov, die nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch auf politischer und ideologischer Ebene ausgetragen wurde. Kasparov, der amtierende Weltmeister, kämpfte nicht nur gegen Karpov, sondern auch gegen die FIDE und deren Präsidenten Florencio Campomanes, den er wegen des Abbruchs ihres epischen Weltmeisterschaftsmatches 1984/85 scharf kritisierte. Kasparov hatte damals das Rematch gewonnen, aber die Fehde mit Campomanes nie beigelegt. In Thessaloniki attackierte Campomanes Kasparov erneut und bezeichnete ihn indirekt als „Piraten“, was die Spannungen weiter verschärfte.
Doch abseits der politischen Dramen brillierte das sowjetische Team auf den Brettern. Trotz interner Differenzen zwischen Karpov und Kasparov dominierte das Team das Turnier und sicherte sich die Goldmedaille. Kasparov selbst sagte: „Die einzige Möglichkeit, die Zukunft des Schachs zu retten, ist es, das System zu verändern“, und spielte auf seine Vision einer Reform des Schachbetriebs an. Karpov hingegen hielt sich mehr im Hintergrund, kritisierte jedoch die Art und Weise, wie Kasparov den Konflikt austrug.
Neben den Giganten des Schachs zog eine weitere bemerkenswerte Gruppe viel Aufmerksamkeit auf sich: die Polgar-Schwestern aus Ungarn. Judit, Zsuzsa und Sofia Polgar, drei jugendliche Schachtalente, beeindruckten das Publikum und kämpften sich im Frauenturnier bis an die Spitze. Judit Polgar, damals erst 12 Jahre alt, galt als eines der größten Wunderkinder der Schachwelt, und Fry kommentierte ihre Leistungen mit großem Respekt: „Vielleicht sitzt die zukünftige Weltmeisterin direkt neben mir.“ Die Polgars gewannen schließlich die Goldmedaille im Frauenturnier und wurden als Sensation des Turniers gefeiert.
Doch auch das britische Team spielte eine wichtige Rolle in der Olympiade. Nigel Short, Jonathan Speelman und John Nunn führten die englische Mannschaft ins Turnier, wobei besonders Speelman durch seine unorthodoxe Spielweise auffiel. Trotz einer Niederlage gegen die Niederlande in den entscheidenden Runden schaffte es England, sich die Silbermedaille zu sichern – ein Ergebnis, das vor Beginn des Turniers viele überrascht hätte.
Der humorvolle Höhepunkt der Dokumentation kam jedoch am Ende, als Jonathan Speelman, normalerweise für seine bedachte und ernste Schachweise bekannt, nach der Siegerehrung eine Tanzperformance hinlegte, die Fry als „unvergesslich“ beschreibt. „Ihr habt vielleicht schon einen höflichen englischen Ladenangestellten gesehen oder ein Schwein Tennis spielen sehen, aber ich garantiere euch, dass ihr noch nie etwas so Einzigartiges wie Jonathan Spielman tanzen gesehen habt“, kommentierte Fry mit einem Augenzwinkern. Spielmans unerwartete Tanzeinlage setzte einen heiteren Schlusspunkt unter das ansonsten ernsthafte und dramatische Turnier. (AI)
https://de.wikipedia.org/wiki/Schacholympiade_1988
Stephen Fry hat eine 48-minütige Doku zur Schacholympiade gedreht, die nicht nur Jonathan Speelman tanzend zeigt. Sie berührt viele der ganz großen Schachgeschichte, von den Polgar-Schwestern zur Karpov-Kasparov-Rivalität.
Die Schacholympiade 1988 in Thessaloniki, Griechenland, war ein Turnier, das nicht nur durch das hochklassige Schachspiel, sondern auch durch die Dramen abseits des Brettes geprägt wurde. Stephen Fry führte in seiner Reportage auf humorvolle Weise durch das Turnier und bot einen einzigartigen Blick hinter die Kulissen des prestigeträchtigen Wettbewerbs, bei dem Schachlegenden wie Garry Kasparov und Anatoli Karpov sowie aufstrebende Talente wie die Polgar-Schwestern die Bühne betraten.
Die Olympiade war geprägt von einer einzigartigen Atmosphäre. Fry beschreibt den Veranstaltungsort mit einem Augenzwinkern: „Es ist eher eine Art hellenisches Birmingham“, während er die in den 1960er-Jahren errichtete Expo-Halle betrat. Trotz der etwas tristen Umgebung herrschte in der Halle eine aufgeregte und fast ehrfürchtige Stimmung, da Schachspieler aus der ganzen Welt gegeneinander antraten.
Besonders im Fokus stand die Rivalität zwischen Kasparov und Karpov, die nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch auf politischer und ideologischer Ebene ausgetragen wurde. Kasparov, der amtierende Weltmeister, kämpfte nicht nur gegen Karpov, sondern auch gegen die FIDE und deren Präsidenten Florencio Campomanes, den er wegen des Abbruchs ihres epischen Weltmeisterschaftsmatches 1984/85 scharf kritisierte. Kasparov hatte damals das Rematch gewonnen, aber die Fehde mit Campomanes nie beigelegt. In Thessaloniki attackierte Campomanes Kasparov erneut und bezeichnete ihn indirekt als „Piraten“, was die Spannungen weiter verschärfte.
Doch abseits der politischen Dramen brillierte das sowjetische Team auf den Brettern. Trotz interner Differenzen zwischen Karpov und Kasparov dominierte das Team das Turnier und sicherte sich die Goldmedaille. Kasparov selbst sagte: „Die einzige Möglichkeit, die Zukunft des Schachs zu retten, ist es, das System zu verändern“, und spielte auf seine Vision einer Reform des Schachbetriebs an. Karpov hingegen hielt sich mehr im Hintergrund, kritisierte jedoch die Art und Weise, wie Kasparov den Konflikt austrug.
Neben den Giganten des Schachs zog eine weitere bemerkenswerte Gruppe viel Aufmerksamkeit auf sich: die Polgar-Schwestern aus Ungarn. Judit, Zsuzsa und Sofia Polgar, drei jugendliche Schachtalente, beeindruckten das Publikum und kämpften sich im Frauenturnier bis an die Spitze. Judit Polgar, damals erst 12 Jahre alt, galt als eines der größten Wunderkinder der Schachwelt, und Fry kommentierte ihre Leistungen mit großem Respekt: „Vielleicht sitzt die zukünftige Weltmeisterin direkt neben mir.“ Die Polgars gewannen schließlich die Goldmedaille im Frauenturnier und wurden als Sensation des Turniers gefeiert.
Doch auch das britische Team spielte eine wichtige Rolle in der Olympiade. Nigel Short, Jonathan Speelman und John Nunn führten die englische Mannschaft ins Turnier, wobei besonders Speelman durch seine unorthodoxe Spielweise auffiel. Trotz einer Niederlage gegen die Niederlande in den entscheidenden Runden schaffte es England, sich die Silbermedaille zu sichern – ein Ergebnis, das vor Beginn des Turniers viele überrascht hätte.
Der humorvolle Höhepunkt der Dokumentation kam jedoch am Ende, als Jonathan Speelman, normalerweise für seine bedachte und ernste Schachweise bekannt, nach der Siegerehrung eine Tanzperformance hinlegte, die Fry als „unvergesslich“ beschreibt. „Ihr habt vielleicht schon einen höflichen englischen Ladenangestellten gesehen oder ein Schwein Tennis spielen sehen, aber ich garantiere euch, dass ihr noch nie etwas so Einzigartiges wie Jonathan Spielman tanzen gesehen habt“, kommentierte Fry mit einem Augenzwinkern. Spielmans unerwartete Tanzeinlage setzte einen heiteren Schlusspunkt unter das ansonsten ernsthafte und dramatische Turnier. (AI)
Zitat von Conrad Schormann am 24. März 2025, 9:28 Uhrhttps://twitter.com/JustChessSports/status/1904041238057169209
28th Chess Olympiad, Thessaloniki 1988.
Yasser Seirawan (24 March 1960), Garry Kasparov and Anatoly Karpov.
Photo: Bill Hook#chess #ajedrez #schach #scacchi #echecs #xadrez pic.twitter.com/NAT2zHOH5D
— JustChessAndSports (@JustChessSports) March 24, 2025
Zitat von Conrad Schormann am 11. April 2026, 16:51 UhrKasparow, Karpow und die Polgar-Schwestern: Die Schacholympiade 1988
The Chess Revolution (Podcast), 16. Februar 2026, Peter Doggers und Arne Moll
Die zwölfjährige Judit Polgar saß am Brett, als Garri Kasparow stehen blieb und zusah. Er war der beste Spieler der Welt, sie war ein Kind aus Budapest – und sie spielte, als wüsste sie das nicht. Zwölf Siege, ein Remis, 12,5 Punkte aus 13 Partien. Kasparow sprach hinterher mit den Schwestern, hauptsächlich mit der älteren Zsuzsa. Judit und Zsófia waren zu eingeschüchtert, um das Wort zu ergreifen.
Es war die Schacholympiade 1988 in Thessaloniki – und die Polgar-Schwestern waren ihre Geschichte.
https://youtu.be/UhHmNakGGkQ
Gold gegen alle Erwartungen
Die ungarische Frauenmannschaft bestand aus Zsuzsa, Zsófia und Judit Polgar sowie Ildikó Mádl. Ihr Gegner im Kampf um Gold war die Sowjetunion – ein Team mit Weltmeisterin Maja Tschiburdanidze und einer deutlich höheren Durchschnittsrating. Die Sowjetinnen hatten zehn der vorherigen elf Frauenolympiaden gewonnen.
Die Entscheidung fiel in der letzten Runde unter dramatischen Umständen. Ungarn spielte gegen Schweden; die Sowjetinnen hatten das leichtere Los gegen die Niederlande. Zsuzsa Polgar stand gegen die schwedische Großmeisterin Pia Cramling sogar auf Verlust – und rettete sich. Die Sowjetinnen remisierten alle ihre Partien. Judit gewann ihre. Am Ende trennten beide Teams nur ein halber Punkt.
Judit Polgar schrieb später: Als Journalisten uns zum ersten Mal im Pressezentrum sahen, dachten sie, unsere Teilnahme würde der Geschichte etwas Farbe verleihen. Während das Turnier voranschritt, wurde klar, dass wir die Geschichte waren.
Der englische Großmeister Glenn Flear schrieb damals in New in Chess, wenn Judit sich so weiterentwickle, werde sie ernsthafte Wellen in der von Männern dominierten Schachwelt schlagen. Prophetische Worte: Die Rivalität zwischen Polgar und Kasparow sollte die nächsten zwei Jahrzehnte prägen.
Kommunismus, Hausunterricht, Maschinenpistolen
Dass die Schwestern überhaupt in Thessaloniki antraten, war keine Selbstverständlichkeit. Ungarn war 1988 noch ein kommunistischer Staat, ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer. Hausunterricht, Schachturniere unter Männern, eine bewusst andere Erziehung – das alles war dem Regime suspekt. Die Eltern der Polgars berichteten, dass Männer mit Maschinenpistolen vor ihrer Haustür erschienen und drohten, die Kinder wegzunehmen. Die Olympiade änderte alles. Judit Polgar nannte sie später lebensverändernd.
Das Traumteam mit dem Riss
Bei den Männern gewann die Sowjetunion überlegen mit 40,5 Punkten. Das Team bestand aus Kasparow, Anatoli Karpow, Artur Jussupow, Alexander Beljawski, Jan Ehlvest und dem damals 19-jährigen Wassyl Iwantschuk. Doch hinter der Fassade schwelte ein offener Konflikt. Kasparow erklärte gegenüber dem BBC-Dokumentarfilm, Karpow existiere als Persönlichkeit nicht – er sei lediglich ein Symbol des Systems. Karpow antwortete sachlich: Von drei Mannschaftsbesprechungen habe Kasparow zwei versäumt.
Das Turnier fand wenige Monate nach dem WM-Kampf in Sevilla statt, nach dem Kasparow die FIDE öffentlich mit der Mafia verglichen hatte. FIDE-Präsident Florencio Campomanes antwortete in seiner Eröffnungsrede mit dem Bild von Piratenschiffen, die den FIDE-Küsten nahten – und die der vereinte Geist des Weltverbandes zerreißen werde.
Silber durch Buchholz
Hinter der Sowjetunion lieferten sich England und die Niederlande ein knappes Rennen um Silber. Die Niederländer spielten ohne ihren besten Mann: Jan Timman hatte sich nach zwei kräftezehrenden Turnieren zur Erholung entschlossen. Ausgerechnet ohne ihn erzielte das niederländische Team sein bestes Olympiade-Ergebnis.
Die entscheidende Partie im direkten Duell war die zwischen John Nunn und Paul van der Sterren. Van der Sterren, damals noch Internationaler Meister, hatte eine klar gewinnende Stellung – ein Freibauer lief auf die Umwandlung zu. Nigel Short beobachtete die Partie und kommentierte knapp: einfach mit dem Bauern laufen, die Partie sei verloren. Van der Sterren lief nicht. Er vereinfachte in ein theoretisch remises Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern. England gewann am Ende Silber durch das Buchholzsystem. Van der Sterren schrieb später in seinem Buch Schwarz auf Weiß über das, was er als mentalen Schwindel beschrieb: die Lähmung im entscheidenden Moment.
Kasparow schlägt auf den Tisch
Ein anderes Drama lieferte die Partie zwischen Kasparow und dem amerikanischen Großmeister Yasser Seirawan. Seirawan stand gut, geriet in Zeitnot und machte schließlich einen Fehler. Kasparow nutzte ihn sofort und brachte seinen Zug mit einem lauten Schlag auf die Uhr. Durch die Wucht sprangen die Figuren auf Seirawans Brett – und auch auf dem Nachbarbrett, wo gerade Karpow gegen Boris Gulko spielte. Seirawan schilderte später, er habe in diesem Moment ernsthaft erwogen, Kasparow mit der Faust ins Gesicht zu treffen. Kasparow hob sofort beide Hände, entschuldigte sich wiederholt und stellte die Figuren selbst wieder auf. Seirawan verlor dennoch.
Die 2-2-Einigung
Eine kuriose Episode spielte sich im Duell Sowjetunion gegen Niederlande ab. Der sowjetisch-niederländische Großmeister Gennadi Sosonko erkundigte sich beim niederländischen Mannschaftskapitän, ob ein 2-2-Unentschieden angeboten werden solle. Der Kapitän hielt es für unwahrscheinlich, dass die Sowjets annehmen würden. Sosonko fragte trotzdem den sowjetischen Mannschaftskapitän Sergei Makaritschew, der ihn zu Kasparow weiterschickte. Kasparow prüfte die laufenden Partien und hielt das Remis für vertretbar – bat aber darum, auch Karpow zu fragen. Karpow, gerade am Brett, antwortete knapp: Die Entscheidung liegt bei euch. Sosonko begann daraufhin, die Uhren anzuhalten. Die niederländischen Spieler trauten sich nicht selbst einzugreifen. Also stoppte Sosonko kurzerhand die Uhr von Beljawski eigenhändig – zu dessen sichtlichem Erstaunen. Karpow kommentierte: Gut, dann Remis.
Liebe, Flucht und das Marital Gambit
Noch während des Turniers ereignete sich ein Vorfall, der die amerikanische Mannschaft heimlich in Atem hielt. John Donaldson, Mannschaftskapitän der USA, heiratete die sowjetische Spielerin Jelena Achmilowskaja im Verborgenen und bestieg mit ihr am nächsten Tag ein Flugzeug nach Frankfurt und weiter nach Seattle. Die gesamte amerikanische Mannschaft wusste davon und schwieg. Der Großmeister Maxim Dlugy schrieb später, die Aufregung jener Nacht habe dem Team in den letzten vier Runden erhebliche Kraft gekostet – die USA schloss das Turnier auf Platz vier ab. Achmilowskaja hatte zu diesem Zeitpunkt 8,5 aus 9 gespielt. Ihr Fehlen schwächte auch das sowjetische Frauenteam in den entscheidenden Schlussrunden.
Kasparow, Karpow und die Polgar-Schwestern: Die Schacholympiade 1988
The Chess Revolution (Podcast), 16. Februar 2026, Peter Doggers und Arne Moll
Die zwölfjährige Judit Polgar saß am Brett, als Garri Kasparow stehen blieb und zusah. Er war der beste Spieler der Welt, sie war ein Kind aus Budapest – und sie spielte, als wüsste sie das nicht. Zwölf Siege, ein Remis, 12,5 Punkte aus 13 Partien. Kasparow sprach hinterher mit den Schwestern, hauptsächlich mit der älteren Zsuzsa. Judit und Zsófia waren zu eingeschüchtert, um das Wort zu ergreifen.
Es war die Schacholympiade 1988 in Thessaloniki – und die Polgar-Schwestern waren ihre Geschichte.
Gold gegen alle Erwartungen
Die ungarische Frauenmannschaft bestand aus Zsuzsa, Zsófia und Judit Polgar sowie Ildikó Mádl. Ihr Gegner im Kampf um Gold war die Sowjetunion – ein Team mit Weltmeisterin Maja Tschiburdanidze und einer deutlich höheren Durchschnittsrating. Die Sowjetinnen hatten zehn der vorherigen elf Frauenolympiaden gewonnen.
Die Entscheidung fiel in der letzten Runde unter dramatischen Umständen. Ungarn spielte gegen Schweden; die Sowjetinnen hatten das leichtere Los gegen die Niederlande. Zsuzsa Polgar stand gegen die schwedische Großmeisterin Pia Cramling sogar auf Verlust – und rettete sich. Die Sowjetinnen remisierten alle ihre Partien. Judit gewann ihre. Am Ende trennten beide Teams nur ein halber Punkt.
Judit Polgar schrieb später: Als Journalisten uns zum ersten Mal im Pressezentrum sahen, dachten sie, unsere Teilnahme würde der Geschichte etwas Farbe verleihen. Während das Turnier voranschritt, wurde klar, dass wir die Geschichte waren.
Der englische Großmeister Glenn Flear schrieb damals in New in Chess, wenn Judit sich so weiterentwickle, werde sie ernsthafte Wellen in der von Männern dominierten Schachwelt schlagen. Prophetische Worte: Die Rivalität zwischen Polgar und Kasparow sollte die nächsten zwei Jahrzehnte prägen.
Kommunismus, Hausunterricht, Maschinenpistolen
Dass die Schwestern überhaupt in Thessaloniki antraten, war keine Selbstverständlichkeit. Ungarn war 1988 noch ein kommunistischer Staat, ein Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer. Hausunterricht, Schachturniere unter Männern, eine bewusst andere Erziehung – das alles war dem Regime suspekt. Die Eltern der Polgars berichteten, dass Männer mit Maschinenpistolen vor ihrer Haustür erschienen und drohten, die Kinder wegzunehmen. Die Olympiade änderte alles. Judit Polgar nannte sie später lebensverändernd.
Das Traumteam mit dem Riss
Bei den Männern gewann die Sowjetunion überlegen mit 40,5 Punkten. Das Team bestand aus Kasparow, Anatoli Karpow, Artur Jussupow, Alexander Beljawski, Jan Ehlvest und dem damals 19-jährigen Wassyl Iwantschuk. Doch hinter der Fassade schwelte ein offener Konflikt. Kasparow erklärte gegenüber dem BBC-Dokumentarfilm, Karpow existiere als Persönlichkeit nicht – er sei lediglich ein Symbol des Systems. Karpow antwortete sachlich: Von drei Mannschaftsbesprechungen habe Kasparow zwei versäumt.
Das Turnier fand wenige Monate nach dem WM-Kampf in Sevilla statt, nach dem Kasparow die FIDE öffentlich mit der Mafia verglichen hatte. FIDE-Präsident Florencio Campomanes antwortete in seiner Eröffnungsrede mit dem Bild von Piratenschiffen, die den FIDE-Küsten nahten – und die der vereinte Geist des Weltverbandes zerreißen werde.
Silber durch Buchholz
Hinter der Sowjetunion lieferten sich England und die Niederlande ein knappes Rennen um Silber. Die Niederländer spielten ohne ihren besten Mann: Jan Timman hatte sich nach zwei kräftezehrenden Turnieren zur Erholung entschlossen. Ausgerechnet ohne ihn erzielte das niederländische Team sein bestes Olympiade-Ergebnis.
Die entscheidende Partie im direkten Duell war die zwischen John Nunn und Paul van der Sterren. Van der Sterren, damals noch Internationaler Meister, hatte eine klar gewinnende Stellung – ein Freibauer lief auf die Umwandlung zu. Nigel Short beobachtete die Partie und kommentierte knapp: einfach mit dem Bauern laufen, die Partie sei verloren. Van der Sterren lief nicht. Er vereinfachte in ein theoretisch remises Endspiel mit ungleichfarbigen Läufern. England gewann am Ende Silber durch das Buchholzsystem. Van der Sterren schrieb später in seinem Buch Schwarz auf Weiß über das, was er als mentalen Schwindel beschrieb: die Lähmung im entscheidenden Moment.
Kasparow schlägt auf den Tisch
Ein anderes Drama lieferte die Partie zwischen Kasparow und dem amerikanischen Großmeister Yasser Seirawan. Seirawan stand gut, geriet in Zeitnot und machte schließlich einen Fehler. Kasparow nutzte ihn sofort und brachte seinen Zug mit einem lauten Schlag auf die Uhr. Durch die Wucht sprangen die Figuren auf Seirawans Brett – und auch auf dem Nachbarbrett, wo gerade Karpow gegen Boris Gulko spielte. Seirawan schilderte später, er habe in diesem Moment ernsthaft erwogen, Kasparow mit der Faust ins Gesicht zu treffen. Kasparow hob sofort beide Hände, entschuldigte sich wiederholt und stellte die Figuren selbst wieder auf. Seirawan verlor dennoch.
Die 2-2-Einigung
Eine kuriose Episode spielte sich im Duell Sowjetunion gegen Niederlande ab. Der sowjetisch-niederländische Großmeister Gennadi Sosonko erkundigte sich beim niederländischen Mannschaftskapitän, ob ein 2-2-Unentschieden angeboten werden solle. Der Kapitän hielt es für unwahrscheinlich, dass die Sowjets annehmen würden. Sosonko fragte trotzdem den sowjetischen Mannschaftskapitän Sergei Makaritschew, der ihn zu Kasparow weiterschickte. Kasparow prüfte die laufenden Partien und hielt das Remis für vertretbar – bat aber darum, auch Karpow zu fragen. Karpow, gerade am Brett, antwortete knapp: Die Entscheidung liegt bei euch. Sosonko begann daraufhin, die Uhren anzuhalten. Die niederländischen Spieler trauten sich nicht selbst einzugreifen. Also stoppte Sosonko kurzerhand die Uhr von Beljawski eigenhändig – zu dessen sichtlichem Erstaunen. Karpow kommentierte: Gut, dann Remis.
Liebe, Flucht und das Marital Gambit
Noch während des Turniers ereignete sich ein Vorfall, der die amerikanische Mannschaft heimlich in Atem hielt. John Donaldson, Mannschaftskapitän der USA, heiratete die sowjetische Spielerin Jelena Achmilowskaja im Verborgenen und bestieg mit ihr am nächsten Tag ein Flugzeug nach Frankfurt und weiter nach Seattle. Die gesamte amerikanische Mannschaft wusste davon und schwieg. Der Großmeister Maxim Dlugy schrieb später, die Aufregung jener Nacht habe dem Team in den letzten vier Runden erhebliche Kraft gekostet – die USA schloss das Turnier auf Platz vier ab. Achmilowskaja hatte zu diesem Zeitpunkt 8,5 aus 9 gespielt. Ihr Fehlen schwächte auch das sowjetische Frauenteam in den entscheidenden Schlussrunden.

