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1970: Interzonenturnier Palma de Mallorca

Als Fischer Smyslow die Initiative entriss

Quelle: Europa Schach – „Smyslov-Fischer, 1970“, 04.08.2020, Georges Bertola

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Im Auditorium eines großen Hotels in Palma de Mallorca verdichtete sich im November 1970 alles auf eine Partie, die zwei Epochen des Schachs zusammenführte: Wassili Smyslow, der frühere Weltmeister, gegen Robert James Fischer, der das Interzonenturnier an sich riss und in diesen Jahren ein Niveau erreichte, das seine Gegner von Beginn an unter Druck setzte. Das scheibt Georges Bertola in Europe Echecs. Als die Runde um 16 Uhr begann, kam das Publikum oft erst gegen 18 oder 19 Uhr. Dann stand gerade diese Begegnung im Mittelpunkt.

Der spanische Meister Juan Manuel Bellón erlebte das Turnier aus nächster Nähe. Er war 20 Jahre alt, half an den Demonstrationsbrettern und bei der Herausgabe des Turnierblatts. Von Fischer blieb ihm ein fester Ablauf im Gedächtnis: Der Amerikaner erschien regelmäßig zu spät, meist zwei bis fünf Minuten nach Beginn, begleitet von Edmund Edmondson, dem Präsidenten des amerikanischen Schachverbands. Nach dem Ende der Partie blieb Fischer nicht im Saal. Er analysierte nicht mit seinen Gegnern, sondern ging sofort.

Fischer kam nicht allein

Der Mythos vom völligen Einzelgänger bekommt in dieser Geschichte Risse. Edmondson begleitete Fischer nach Palma, weil er ihm versprochen hatte, ihn im Interzonenturnier, im Kandidatenturnier und notfalls bis zu einer Weltmeisterschaft zu unterstützen. Larry Evans stand ihm als Sekundant zur Seite. Kenneth Smith arbeitete wochenlang an den Vorbereitungen und sichtete Partien, Eröffnungen und Muster seiner künftigen Gegner. Fischer nahm diese Hilfe an. Gerade für Palma schien ihm diese Teamarbeit nützlich.

Smyslow trat aus einer anderen Welt an. Der frühere Weltmeister von 1957 galt als Spieler der soliden Systeme, der nicht im frühen Stadium nach greifbaren Vorteilen suchte, sondern das Gleichgewicht hielt und später im Mittelspiel mit Positionsspiel oder kurzen Kombinationen zudrückte. Gegen Fischer in Topform reichte das in Palma nicht.

Fischer vereinfachte dort, wo Vereinfachung ihm nützte, und hielt dort die Spannung, wo sie Smyslow fesselte. Der schwarze Turm drang ein, der Springer griff an, der c-Bauer marschierte. Weiß verlor erst Beweglichkeit, dann Material, dann Hoffnung. Nach 44 Zügen endete die Partie mit 0:1.

Sie wurde an diesem Punkt unterbrochen, doch Smyslow setzte sie nicht fort. Er gab auf, ohne zur Wiederaufnahme anzutreten. Gligoric sah darin die logische Folge jener frühen Konzession in der Entwicklung. Schon am Anfang hatte Smyslow einen Preis gezahlt, den Fischer später vollständig eintrieb.

Für David Levy war es die beste Partie, die jemals in Palma de Mallorca gespielt wurde. Garri Kasparow sah in Smyslows Auftreten gegen Fischer den Ausdruck einer Niederlage, die innerlich schon sehr früh begonnen hatte. Bertola richtet den Blick vor allem auf die Logik der Partie: auf die Präzision, mit der Fischer Initiative in Vorteil verwandelte und Vorteil in einen Endspielsieg überführte.

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