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1895: Hastings
Zitat von Conrad Schormann am 12. September 2026, 9:32 UhrEin 23-Jähriger aus Boston schlug 1895 in Hastings zwei Weltmeister – und beide standen auf, um ihm zu applaudieren
Quelle: MoritexChess – „Hastings 1895", 12. September 2026
Harry Pillsbury verlor in Hastings gleich die erste Partie, und die Schachwelt fand das vollkommen in Ordnung. Der 23-Jährige aus Boston war der jüngste Teilnehmer des Feldes, hatte das Spiel erst mit 16 Jahren gelernt und in zwei New Yorker Turnieren nur das Mittelfeld erreicht. Vier Wochen später stand er als Sieger da, vor Mikhail Chigorin und dem amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker. Das berichtet MoritexChess.
https://youtu.be/NcZLOlae5tw
Begonnen hatte alles mit einem Kuraufenthalt. Ein englischer Schachmeister erholte sich 1894 im Seebadeort Hastings, gab dort Simultanvorstellungen, und die örtliche Szene war so begeistert, dass sie im Februar 1895 ein dreitägiges Schachfestival veranstaltete. Noch im selben Monat fassten die Organisatoren den Entschluss, das größte Turnier ihrer Zeit auszurichten. Sie verschickten Rundschreiben an die Schachpresse und an bedeutende Vereine in ganz Europa, mit knapper Rückmeldefrist von einem Monat, denn gespielt werden sollte bereits im August. Die Förderliste füllte sich mit Earls, Lords und Sirs. Am Ende standen 500 britische Pfund im Preistopf – nach grober Schätzung eine Kaufkraft von rund 100.000 Euro. 38 Spieler meldeten sich an, 22 durfte das Komitee nehmen, 16 musste es ablehnen. Einen Meister wies es zurück, weil dieser darauf bestand, inkognito anzutreten.
Ein Pfund pro Sieg, ein Ring für das Evans-Gambit
Preisgeld gab es nur bis zum siebten Platz, 150 Pfund für den Sieger. Wer dahinter landete, bekam sogenannte Trostgelder: ein Pfund für jeden Sieg, zwei Pfund, wenn das Opfer einer der ersten drei der Endtabelle war. Für Remisen zahlte das Komitee nichts. Selbst der Weltmeister musste fünf Pfund Startgeld entrichten, allein daraus kamen 110 Pfund zusammen. Einen eigenen Sonderpreis stiftete ein Gönner für den Spieler, der die meisten Partien mit dem Evans-Gambit gewann: einen wertvollen Ring und eine vierbändige Prachtausgabe eines damals viel genutzten Lehrbuchs. Die Schachbretter und Figuren lieh eine englische Manufaktur kostenlos, die Uhren kamen gegen Gebühr von einem Hersteller aus Bradford, der die Leihgebühr anschließend in den Preisfonds stiftete.
Gespielt wurde von montags bis mittwochs sowie freitags und samstags, ab 13 Uhr bis 17 Uhr, nach zweistündiger Pause dann noch einmal von 19 bis 22 Uhr. Die Bedenkzeit betrug zwei Stunden für 30 Züge. Wer eine Stunde nach Start der Uhren nicht am Brett saß, hatte verloren. Unvollendete Partien setzten die Spieler am freien Donnerstag fort – und hier steht ein Satz im Regelwerk, der aus heutiger Sicht verblüfft: Das Analysieren der Stellung während der Unterbrechung und die Beratung mit irgendjemandem verbot das Komitee ausdrücklich. Die Strafe war nicht der Verlust der Partie, sondern der Verlust jedes Anspruchs auf Preisgeld. In dieselbe Richtung zielte ein zweiter Kunstgriff: Das Komitee hatte alle Paarungen vorab mit Nummern festgelegt und zu Beginn ausgelost, welcher Spieler welche Nummer trug – die Gegner der kommenden Runden gab es aber erst unmittelbar vor Rundenbeginn bekannt. Vorbereitung war so kaum möglich. Dazu kam eine Klausel, die man gern wieder einführen würde: Jeder Teilnehmer war bei seiner Ehre verpflichtet, alle Partien mit voller Spielstärke zu spielen. Auf einen Vorteil durfte niemand verzichten, auch nicht auf eine Zeitüberschreitung des Gegners.
https://twitter.com/JacquesMieses/status/2045741465423274197
Die freien Donnerstage gehörten dem gesellschaftlichen Teil. Am 8. August besichtigten die Meister das Kloster am Ort der Schlacht von 1066 und anschließend ein Landhaus, dessen Eigentümer erst kurz zuvor von der Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals zurückgekehrt war. Am Abend hatten die Gäste die Wahl zwischen Theater und Konzert – alle Schachmeister entschieden sich für das Konzert. Am 22. August lud ein Gutsbesitzer zum Frühstück, abends folgte das große Festessen. Vom 27. bis 29. August lief in Hastings eine Karnevalswoche mit Militärparaden, Blumenfest und Feuerwerk; jeder Teilnehmer erhielt eine Freikarte.
Die Entscheidung fiel in der letzten Runde
Vor dem Turnier galten vier als Anwärter: Lasker, sein Vorgänger Wilhelm Steinitz, Chigorin und Siegbert Tarrasch. Wer hier überlegen gewinne, hatte Tarrasch erklärt, müsse als stärkster Spieler der Welt gelten. Er selbst wurde Vierter und erklärte das mit der See: Jeden Morgen habe er das Strandleben in vollen Zügen genossen und sei von der balsamischen Luft wie eingelullt gewesen, unfähig zu geistiger Anstrengung. Erst spät habe er den Zusammenhang bemerkt, danach zu Hause geblieben und prompt die letzten sechs Partien gewonnen – was die Tabelle bestätigt. Remisen blieben die Ausnahme, und die Spitze lag nie weiter als einen halben Punkt auseinander.
Vor der Schlussrunde führte Pillsbury mit einem halben Punkt vor Chigorin, dieser mit einem halben Punkt vor Lasker. Pillsbury war der Einzige der drei, der Weiß hatte, und kalkulierte mit einem Remis. Dann sah er, dass seine beiden Verfolger mit Schwarz auf Gewinn standen. Er wechselte die Spielweise, verwandelte das ausgeglichene Leichtfigurenendspiel in ein gewonnenes Bauernendspiel und siegte. Als Chigorin und Lasker davon erfuhren, verließen sie ihre noch laufenden Partien, gingen hinüber und applaudierten dem Sieger im Stehen. Pillsbury erreichte 16,5 Punkte aus 21 Partien, Chigorin 16, Lasker 15,5, Tarrasch 14, Steinitz 13,5. Tarrasch korrigierte sein Urteil dahingehend, dass Pillsbury zwar gewonnen habe, aber nicht überlegen – und gestand ihm einen Ehrenplatz unter den Großmeistern zu, dazu ein stolzes Selbstbewusstsein des Tüchtigen. In Hastings begann damit eine Turniertradition, die bis heute anhält.
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Ein 23-Jähriger aus Boston schlug 1895 in Hastings zwei Weltmeister – und beide standen auf, um ihm zu applaudieren
Quelle: MoritexChess – „Hastings 1895", 12. September 2026
Harry Pillsbury verlor in Hastings gleich die erste Partie, und die Schachwelt fand das vollkommen in Ordnung. Der 23-Jährige aus Boston war der jüngste Teilnehmer des Feldes, hatte das Spiel erst mit 16 Jahren gelernt und in zwei New Yorker Turnieren nur das Mittelfeld erreicht. Vier Wochen später stand er als Sieger da, vor Mikhail Chigorin und dem amtierenden Weltmeister Emanuel Lasker. Das berichtet MoritexChess.
Begonnen hatte alles mit einem Kuraufenthalt. Ein englischer Schachmeister erholte sich 1894 im Seebadeort Hastings, gab dort Simultanvorstellungen, und die örtliche Szene war so begeistert, dass sie im Februar 1895 ein dreitägiges Schachfestival veranstaltete. Noch im selben Monat fassten die Organisatoren den Entschluss, das größte Turnier ihrer Zeit auszurichten. Sie verschickten Rundschreiben an die Schachpresse und an bedeutende Vereine in ganz Europa, mit knapper Rückmeldefrist von einem Monat, denn gespielt werden sollte bereits im August. Die Förderliste füllte sich mit Earls, Lords und Sirs. Am Ende standen 500 britische Pfund im Preistopf – nach grober Schätzung eine Kaufkraft von rund 100.000 Euro. 38 Spieler meldeten sich an, 22 durfte das Komitee nehmen, 16 musste es ablehnen. Einen Meister wies es zurück, weil dieser darauf bestand, inkognito anzutreten.
Ein Pfund pro Sieg, ein Ring für das Evans-Gambit
Preisgeld gab es nur bis zum siebten Platz, 150 Pfund für den Sieger. Wer dahinter landete, bekam sogenannte Trostgelder: ein Pfund für jeden Sieg, zwei Pfund, wenn das Opfer einer der ersten drei der Endtabelle war. Für Remisen zahlte das Komitee nichts. Selbst der Weltmeister musste fünf Pfund Startgeld entrichten, allein daraus kamen 110 Pfund zusammen. Einen eigenen Sonderpreis stiftete ein Gönner für den Spieler, der die meisten Partien mit dem Evans-Gambit gewann: einen wertvollen Ring und eine vierbändige Prachtausgabe eines damals viel genutzten Lehrbuchs. Die Schachbretter und Figuren lieh eine englische Manufaktur kostenlos, die Uhren kamen gegen Gebühr von einem Hersteller aus Bradford, der die Leihgebühr anschließend in den Preisfonds stiftete.
Gespielt wurde von montags bis mittwochs sowie freitags und samstags, ab 13 Uhr bis 17 Uhr, nach zweistündiger Pause dann noch einmal von 19 bis 22 Uhr. Die Bedenkzeit betrug zwei Stunden für 30 Züge. Wer eine Stunde nach Start der Uhren nicht am Brett saß, hatte verloren. Unvollendete Partien setzten die Spieler am freien Donnerstag fort – und hier steht ein Satz im Regelwerk, der aus heutiger Sicht verblüfft: Das Analysieren der Stellung während der Unterbrechung und die Beratung mit irgendjemandem verbot das Komitee ausdrücklich. Die Strafe war nicht der Verlust der Partie, sondern der Verlust jedes Anspruchs auf Preisgeld. In dieselbe Richtung zielte ein zweiter Kunstgriff: Das Komitee hatte alle Paarungen vorab mit Nummern festgelegt und zu Beginn ausgelost, welcher Spieler welche Nummer trug – die Gegner der kommenden Runden gab es aber erst unmittelbar vor Rundenbeginn bekannt. Vorbereitung war so kaum möglich. Dazu kam eine Klausel, die man gern wieder einführen würde: Jeder Teilnehmer war bei seiner Ehre verpflichtet, alle Partien mit voller Spielstärke zu spielen. Auf einen Vorteil durfte niemand verzichten, auch nicht auf eine Zeitüberschreitung des Gegners.
Hastings 1895 is the tournament where chess grew up. Lasker, Steinitz, Tarrasch, Chigorin, Pillsbury. The 22 strongest players in the world, three weeks of play, a format that became the template for everything after.
Mieses was there. He was 30.— JacquesMieses (@JacquesMieses) April 19, 2026
Die freien Donnerstage gehörten dem gesellschaftlichen Teil. Am 8. August besichtigten die Meister das Kloster am Ort der Schlacht von 1066 und anschließend ein Landhaus, dessen Eigentümer erst kurz zuvor von der Eröffnung des Kaiser-Wilhelm-Kanals zurückgekehrt war. Am Abend hatten die Gäste die Wahl zwischen Theater und Konzert – alle Schachmeister entschieden sich für das Konzert. Am 22. August lud ein Gutsbesitzer zum Frühstück, abends folgte das große Festessen. Vom 27. bis 29. August lief in Hastings eine Karnevalswoche mit Militärparaden, Blumenfest und Feuerwerk; jeder Teilnehmer erhielt eine Freikarte.
Die Entscheidung fiel in der letzten Runde
Vor dem Turnier galten vier als Anwärter: Lasker, sein Vorgänger Wilhelm Steinitz, Chigorin und Siegbert Tarrasch. Wer hier überlegen gewinne, hatte Tarrasch erklärt, müsse als stärkster Spieler der Welt gelten. Er selbst wurde Vierter und erklärte das mit der See: Jeden Morgen habe er das Strandleben in vollen Zügen genossen und sei von der balsamischen Luft wie eingelullt gewesen, unfähig zu geistiger Anstrengung. Erst spät habe er den Zusammenhang bemerkt, danach zu Hause geblieben und prompt die letzten sechs Partien gewonnen – was die Tabelle bestätigt. Remisen blieben die Ausnahme, und die Spitze lag nie weiter als einen halben Punkt auseinander.
Vor der Schlussrunde führte Pillsbury mit einem halben Punkt vor Chigorin, dieser mit einem halben Punkt vor Lasker. Pillsbury war der Einzige der drei, der Weiß hatte, und kalkulierte mit einem Remis. Dann sah er, dass seine beiden Verfolger mit Schwarz auf Gewinn standen. Er wechselte die Spielweise, verwandelte das ausgeglichene Leichtfigurenendspiel in ein gewonnenes Bauernendspiel und siegte. Als Chigorin und Lasker davon erfuhren, verließen sie ihre noch laufenden Partien, gingen hinüber und applaudierten dem Sieger im Stehen. Pillsbury erreichte 16,5 Punkte aus 21 Partien, Chigorin 16, Lasker 15,5, Tarrasch 14, Steinitz 13,5. Tarrasch korrigierte sein Urteil dahingehend, dass Pillsbury zwar gewonnen habe, aber nicht überlegen – und gestand ihm einen Ehrenplatz unter den Großmeistern zu, dazu ein stolzes Selbstbewusstsein des Tüchtigen. In Hastings begann damit eine Turniertradition, die bis heute anhält.
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