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1885-1891: Steinitz' "International Chess Magazine"
Zitat von Conrad Schormann am 19. Juli 2026, 17:41 UhrDas „International Chess Magazine" – Steinitz' publizistisches Kampfinstrument
Quelle: Edward Winters Steinitz-Sammlung
Wilhelm Steinitz gründete mit dem International Chess Magazine eine Fachzeitschrift - und ein persönliches Forum, in dem sich schachanalytische Tiefe, publizistischer Kampfgeist und private Bekenntnisse eng miteinander verwoben. Das Magazin begleitete Steinitz über einen Großteil seiner Jahre als Weltmeister (1886-1894).
Wie der Schachhistoriker Douglas Griffin jetzt anmerkt, sind sämtliche Jahresbände des Magazins online verfügbar.
https://twitter.com/dgriffinchess/status/2078825751990686080
Die Kolumne „Personal and General"
Das Herzstück des Magazins war Steinitz' Kolumne „Personal and General", die er selbst als mehr denn nur eine private Rubrik verstand. Im Januar 1887 begründete er dort seinen Ton programmatisch: Es gehe darum, „dishonest parties" – unehrliche Akteure der Schachwelt – bloßzustellen, denn Schach müsse zunächst als „thoroughly straightforward and honest game" etabliert werden, bevor es zu einem wirklich gentlemanlike Spiel werden könne. Betrug und Täuschung müssten „gewarnt" werden, doch dafür brauche es „a strong arm", denn „war on dishonest chessists cannot be made with rose water".
Diese kämpferische Haltung prägte die Kolumne durchgehend. Im September 1887 beklagte sich Steinitz über „literary trickeries", denen er seit 20 Jahren ausgesetzt sei – die Vorstellung, dass in bestimmten journalistischen Kreisen reihum jeder außer ihm selbst Weltmeister gewesen sei. Sein einziger Trost: Die meisten seiner Niederlagen habe er in eigener Abwesenheit erlitten – eine bittere Anspielung auf das Wechselspiel von Presseerzählung und sportlicher Realität.
https://bsky.app/profile/fide-chess-mirror.bsky.social/post/3mlsdz6a6nd2a
Öffentliche Fehden als redaktionelles Prinzip
Das Magazin diente Steinitz wiederholt als Bühne für ausführlich geführte Streitigkeiten. Besonders eskalierte sein Verhältnis zu James Séguin, dem Schachredakteur der New Orleans Times-Democrat: Die British Chess Magazine urteilte in ihrem Nachruf 1900, Steinitz' „base, scurrilous and filthy abuse" gegen Séguin habe manche Ausgaben eher für den Ofen als für die Bibliothek geeignet gemacht.
Auch mit Siegbert Tarrasch geriet Steinitz öffentlich aneinander, nachdem dieser ihn parodiert hatte. Im Februar 1891 reagierte Steinitz zunächst scharf, verglich Tarraschs Parodie mit dem Verhalten eines „dummen Jungen" in seinen „Flegeljahren". Als Tarrasch daraufhin im März 1891 einen ausführlichen, Steinitz eulogisierenden Artikel veröffentlichte, druckte Steinitz Teile davon in seinem eigenen Magazin ab und bezeichnete dies als „the handsomest recognition that has ever been accorded to my work and aims as a player and analyst".
Auch prozessrechtliche Auseinandersetzungen fanden Eingang ins Magazin: Im September 1890 berichtete Steinitz über den „ersten Verleumdungsprozess der Schachgeschichte" – eine Klage gegen die Wiener Zeitung Volksblatt wegen eines Artikels über das gescheiterte Chigorin-Gunsberg-Match. In der Folgeausgabe schilderte er einen weiteren Fall, bei dem Francis Joseph Lee gegen Isidor Gunsberg wegen angeblicher Verleumdung vorging – Steinitz nahm darin explizit Stellung und äußerte Sympathie für die eine, aber nicht die andere Partei.
Auch Alkoholexzesse eines Konkurrenten blieben nicht unkommentiert: Im August 1890 beschrieb Steinitz, wie James Mason beim New Yorker Turnier eine Partie „by time" verlor und wiederholt „disgraceful drunken disturbances" verursachte.
Persönliche Tragödien im redaktionellen Raum
Das Magazin war zugleich Ort intimster persönlicher Mitteilungen. Im Februar 1888 verkündete Steinitz dort den Tod seiner Tochter Flora, seines einzigen Kindes, im Alter von 21 Jahren an einem Herzleiden nach viermonatiger Krankheit – mit den Worten, seine „most cherished hopes" seien „dead and buried in the grave of my daughter".
Der Anspruch auf den Weltmeistertitel
Wiederholt nutzte Steinitz die Zeitschrift, um seinen eigenen Status zu behaupten. Im April 1888 bezeichnete er sich als den „only true champion of the world for the last 22 years", im Juli desselben Jahres wiederholte er die Formel fast wortgleich. Auch im Streit mit Emanuel Lasker um die Rechtmäßigkeit von dessen Herausforderung 1893 setzte Steinitz das Magazin als Verteidigungsplattform ein, ebenso im Oktober 1894, als er nach dem verlorenen Titel in einem offenen Brief den Titel wieder für sich beanspruchte, weil Lasker das vereinbarte Rückkampf-Match verweigert habe.
https://bsky.app/profile/fide-chess-mirror.bsky.social/post/3mlskuwcxni22
Analytisches Vermächtnis
Neben den persönlichen Auseinandersetzungen enthielt das Magazin dichte schachanalytische Arbeit: mehrteilige Serien zu Eröffnungsfragen (etwa im Mai bis August 1885 zum Muzio-Gambit), Rezensionen wie die begeisterte Besprechung von Salvioris Teoria e Pratica im März 1885, sowie Berichte über sein eigenes Kabelmatch gegen Chigorin, das er im April 1891 als Ereignis von „widespread and literally universal interest" beschrieb, wie es die Schachgeschichte zuvor nicht gekannt habe.
Ein Magazin im Schatten der Verarmung
Das International Chess Magazine war für Steinitz zugleich Existenzgrundlage und Bürde. Nach eigener Aussage lebte er in seinen letzten Lebensjahren von kaum mehr als 250 Dollar jährlich, nachdem er Reisekosten abgezogen hatte – trotz 28 Jahren als Weltmeister. Sein Ausspruch, ein Schachmeister habe „no more right to be ill than a general on the battle field", den er im Dezember 1887 in der Kolumne formulierte, liest sich rückblickend auch als Selbstverpflichtung eines Mannes, der bis zuletzt gegen wirtschaftliche und gesundheitliche Widrigkeiten anschrieb – in einem Magazin, das ihm bis in seine letzten Jahre als Bühne diente, seine Sicht der Schachwelt zu verteidigen.
Das „International Chess Magazine" – Steinitz' publizistisches Kampfinstrument
Quelle: Edward Winters Steinitz-Sammlung
Wilhelm Steinitz gründete mit dem International Chess Magazine eine Fachzeitschrift - und ein persönliches Forum, in dem sich schachanalytische Tiefe, publizistischer Kampfgeist und private Bekenntnisse eng miteinander verwoben. Das Magazin begleitete Steinitz über einen Großteil seiner Jahre als Weltmeister (1886-1894).
Wie der Schachhistoriker Douglas Griffin jetzt anmerkt, sind sämtliche Jahresbände des Magazins online verfügbar.
Possibly of interest: via Google Books, a full digitised archive of the 'International Chess Magazine', a monthly publication founded by Wilhelm Steinitz which ran from 1885-1891.
Games in English descriptive notation.
Accessible via the Wiki page:https://t.co/vlLqR9CAmn— Douglas Griffin (@dgriffinchess) July 19, 2026
Die Kolumne „Personal and General"
Das Herzstück des Magazins war Steinitz' Kolumne „Personal and General", die er selbst als mehr denn nur eine private Rubrik verstand. Im Januar 1887 begründete er dort seinen Ton programmatisch: Es gehe darum, „dishonest parties" – unehrliche Akteure der Schachwelt – bloßzustellen, denn Schach müsse zunächst als „thoroughly straightforward and honest game" etabliert werden, bevor es zu einem wirklich gentlemanlike Spiel werden könne. Betrug und Täuschung müssten „gewarnt" werden, doch dafür brauche es „a strong arm", denn „war on dishonest chessists cannot be made with rose water".
Diese kämpferische Haltung prägte die Kolumne durchgehend. Im September 1887 beklagte sich Steinitz über „literary trickeries", denen er seit 20 Jahren ausgesetzt sei – die Vorstellung, dass in bestimmten journalistischen Kreisen reihum jeder außer ihm selbst Weltmeister gewesen sei. Sein einziger Trost: Die meisten seiner Niederlagen habe er in eigener Abwesenheit erlitten – eine bittere Anspielung auf das Wechselspiel von Presseerzählung und sportlicher Realität.
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Öffentliche Fehden als redaktionelles Prinzip
Das Magazin diente Steinitz wiederholt als Bühne für ausführlich geführte Streitigkeiten. Besonders eskalierte sein Verhältnis zu James Séguin, dem Schachredakteur der New Orleans Times-Democrat: Die British Chess Magazine urteilte in ihrem Nachruf 1900, Steinitz' „base, scurrilous and filthy abuse" gegen Séguin habe manche Ausgaben eher für den Ofen als für die Bibliothek geeignet gemacht.
Auch mit Siegbert Tarrasch geriet Steinitz öffentlich aneinander, nachdem dieser ihn parodiert hatte. Im Februar 1891 reagierte Steinitz zunächst scharf, verglich Tarraschs Parodie mit dem Verhalten eines „dummen Jungen" in seinen „Flegeljahren". Als Tarrasch daraufhin im März 1891 einen ausführlichen, Steinitz eulogisierenden Artikel veröffentlichte, druckte Steinitz Teile davon in seinem eigenen Magazin ab und bezeichnete dies als „the handsomest recognition that has ever been accorded to my work and aims as a player and analyst".
Auch prozessrechtliche Auseinandersetzungen fanden Eingang ins Magazin: Im September 1890 berichtete Steinitz über den „ersten Verleumdungsprozess der Schachgeschichte" – eine Klage gegen die Wiener Zeitung Volksblatt wegen eines Artikels über das gescheiterte Chigorin-Gunsberg-Match. In der Folgeausgabe schilderte er einen weiteren Fall, bei dem Francis Joseph Lee gegen Isidor Gunsberg wegen angeblicher Verleumdung vorging – Steinitz nahm darin explizit Stellung und äußerte Sympathie für die eine, aber nicht die andere Partei.
Auch Alkoholexzesse eines Konkurrenten blieben nicht unkommentiert: Im August 1890 beschrieb Steinitz, wie James Mason beim New Yorker Turnier eine Partie „by time" verlor und wiederholt „disgraceful drunken disturbances" verursachte.
Persönliche Tragödien im redaktionellen Raum
Das Magazin war zugleich Ort intimster persönlicher Mitteilungen. Im Februar 1888 verkündete Steinitz dort den Tod seiner Tochter Flora, seines einzigen Kindes, im Alter von 21 Jahren an einem Herzleiden nach viermonatiger Krankheit – mit den Worten, seine „most cherished hopes" seien „dead and buried in the grave of my daughter".
Der Anspruch auf den Weltmeistertitel
Wiederholt nutzte Steinitz die Zeitschrift, um seinen eigenen Status zu behaupten. Im April 1888 bezeichnete er sich als den „only true champion of the world for the last 22 years", im Juli desselben Jahres wiederholte er die Formel fast wortgleich. Auch im Streit mit Emanuel Lasker um die Rechtmäßigkeit von dessen Herausforderung 1893 setzte Steinitz das Magazin als Verteidigungsplattform ein, ebenso im Oktober 1894, als er nach dem verlorenen Titel in einem offenen Brief den Titel wieder für sich beanspruchte, weil Lasker das vereinbarte Rückkampf-Match verweigert habe.
Chess advice from Wilhelm Steinitz ♟️The first official World Chess Champion, whose revolutionary ideas on positional play helped shape the modern game.
— International Chess Federation Mirror (@fide-chess-mirror.bsky.social) 2026-05-14T05:03:36-05:00
Analytisches Vermächtnis
Neben den persönlichen Auseinandersetzungen enthielt das Magazin dichte schachanalytische Arbeit: mehrteilige Serien zu Eröffnungsfragen (etwa im Mai bis August 1885 zum Muzio-Gambit), Rezensionen wie die begeisterte Besprechung von Salvioris Teoria e Pratica im März 1885, sowie Berichte über sein eigenes Kabelmatch gegen Chigorin, das er im April 1891 als Ereignis von „widespread and literally universal interest" beschrieb, wie es die Schachgeschichte zuvor nicht gekannt habe.
Ein Magazin im Schatten der Verarmung
Das International Chess Magazine war für Steinitz zugleich Existenzgrundlage und Bürde. Nach eigener Aussage lebte er in seinen letzten Lebensjahren von kaum mehr als 250 Dollar jährlich, nachdem er Reisekosten abgezogen hatte – trotz 28 Jahren als Weltmeister. Sein Ausspruch, ein Schachmeister habe „no more right to be ill than a general on the battle field", den er im Dezember 1887 in der Kolumne formulierte, liest sich rückblickend auch als Selbstverpflichtung eines Mannes, der bis zuletzt gegen wirtschaftliche und gesundheitliche Widrigkeiten anschrieb – in einem Magazin, das ihm bis in seine letzten Jahre als Bühne diente, seine Sicht der Schachwelt zu verteidigen.



