40.000 Dollar für einen Mord: Garri Kasparow soll erneut Ziel eines Anschlags gewesen sein / Anklage in den USA

Ein ehemaliger Oberst, der behauptet, in jungen Jahren mit Putin gearbeitet zu haben. Ein Kubaner, der sich „Viking“ nennt. Ein Venezolaner in Brooklyn, der nur filmen will, nicht morden. Und 40.000 Dollar Kopfgeld auf einen „prominenten russischen Dissidenten“ im Raum Washington. 

Mitte September hat die US-Staatsanwaltschaft in Manhattan fünf Männer angeklagt, die für russische Geheimdienste Attentäter angeworben haben sollen. Die Justiz nennt die Opfer nicht beim Namen. Die liefert zwei Wochen später die spanische Zeitung El Mundo: Der Exilpolitiker Ilya Ponomarew und Garri Kasparow sollen die Ziele der Mordanschläge gewesen sein, berichtet das Blatt (Abo), im Fall Kasparow unter Berufung auf eine Quelle aus dessen Umfeld. 

Kasparow unlängst in Saint Louis, wo er ein 960-Match gegen Veselin Topalov austrug. Am Revers trägt er die weiß-blau-weiße Flagge, ein Symbol der russischen Anti-Kriegs-Bewegung und der Opposition gegen das Putin-Regime. | Foto: Austin Fuller/Chess Club Saint Louis

Kasparow selbst hat das nach Erscheinen der El-Mundo-Recherche nicht explizit bestätigt. Er schreibt, er sei „sehr wahrscheinlich“ das Ziel gewesen. Gesagt habe ihm das niemand. Ponomarew wollte gegenüber der Moscow Times weder bestätigen noch dementieren, dass er vor einem Anschlag gewarnt worden war. Er sprach von einer „neuen Stufe der Eskalation“. Bisher hätten die USA als sicher gegolten, verglichen mit der EU, der Türkei oder der Ukraine. 

Ein Chat nach Brooklyn

Am 29. Juli 2026 schreibt Angel Eduardo Castro, 22, Venezolaner mit Wohnsitz in Russland, einem Landsmann in Brooklyn: Ob er in Washington jemanden kenne, dem er vertraue? Er bietet Geld für Bilder von bestimmten Orten. So steht es in der Anklageschrift. Demnach leitet Castro eine Sprachnachricht an seinen Kontakt in Brooklyn weiter. Absender ist Yaidel Delgado Suarez, 35, Kubaner, genannt „Viking“. Für den „Bau“ brauche er niemanden, sagt Suarez. Er suche jemanden, der „ein Grundstück vermisst“.

Um Bauarbeiten geht es nicht. Suarez spricht kriminellen Code: „Vermessen“ heißt observieren, „Bau“ heißt Mord. Die Tarife fürs Vermessen und Bauen nennt Suarez gleich mit: 1.000 bis 1.500 Dollar für Videos einer Adresse, mindestens 30 Sekunden, aus mehreren Winkeln, eine Hand mit erhobenem Daumen im Bild als Echtheitsbeweis. 40.000 Dollar für den, der die Zielperson „verschwinden lässt“.

Der Mann in Brooklyn zieht eine Grenze: Fotos, ja, „das andere“ nicht. Ende August schickt Suarez ihm zwei Adressen in Washington, beide öffentlich mit dem Opfer verbunden. Die Adressen stammen laut Anklage von Yuri Khrameev, einem ehemaligen Oberst der russischen Geheimdienste. Der erzählt einem anderen Angeworbenen, er habe in seiner Jugend mit Vladimir Putin gearbeitet. 

Der Mann in Brooklyn filmt, liefert – und wird bezahlt. Dann fragt ihn Suarez, ob er jemanden für den Bau kenne; seine Leute in Mexiko seien verzögert, „das Geld ist da“. Der Mann will sich umhören und in drei Tagen melden. Hier endet die Schilderung der Anklage. Ob der Mann aus Brooklyn die Ermittler einschaltete oder ob das FBI mitlas, bleibt offen.  

Das Netzwerk kannte die Adressen schon länger. Laut Anklage lagen Fotos und Videos eines der Häuser seit November 2025 vor, darunter Aufnahmen aus dem Inneren. Wer dort wohnt, sagt die Anklage nicht. El Mundo ordnet die Adressen Ponomarew zu, der zwischen Kyjiw und Washington pendelt. In der US-Hauptstadt betreibt der von ihm geführte Kongress der Volksdeputierten, ein selbst ernanntes Exilparlament russischer Oppositioneller, das „Free Peoples of Russia House“ als Vertretung. 

Leben in Gefahr: Vorkehrungen treffen

Kasparow lebt seit 2013 in New York, er hat einen kroatischen Pass. Russland führt ihn seit 2022 als „ausländischen Agenten“, seit März 2024 als Terroristen. Ein Gericht ordnet im April 2024 seine Verhaftung in Abwesenheit an, ein Moskauer Gericht im Dezember 2025 ein zweites Mal. Im Mai 2026 meldet die Staatsagentur TASS, der Exweltmeister sei international zur Fahndung ausgeschrieben.

Garry Kasparows Werdegang.

US-Behörden hätten Kasparow im Sommer bestätigt, dass er Ziel sei, und ihn erstmals seit 2013 unter besonderen Schutz gestellt, schreibt El Mundo. Kasparow erzählt es vorsichtiger. Am Abend des 30. September schreibt er in The Next Move, dem Newsletter seiner Organisation „Renew Democracy Initiative“: Weder ihm noch Ivan Tyutrin, mit dem er 2016 das Free Russia Forum in Vilnius gründete, habe jemand ausdrücklich gesagt, dass sie die ungenannten Opfer der Anklage seien. Sicherheitsbehörden in Litauen und den USA hätten sie aber gewarnt: Ihr Leben sei in Gefahr, sie sollten Vorkehrungen treffen. 

Eine Überraschung sei das nicht, „aber trotzdem ein Schock“. Er werde nicht aufhören und sich nicht verstecken. Er zitiert einen Satz sowjetischer Dissidenten: „Tu, was du musst, komme, was wolle.“ Geschrieben hat Kasparow aus Straßburg, wo er beim Europarat für die Freigabe eingefrorener russischer Gelder wirbt. Ponomarew erwähnt er gar nicht.

Tyutrin lebt im litauischen Exil. Für einen Auftragsmord dort an einem russischen Exilanten  versuchte dasselbe Netzwerk laut Anklage im Juni 2025, an der russisch-estnischen Grenze einen Attentäter anzuwerben. Geboten wurden 25.000 Dollar. Wen es treffen sollte, sagt die Anklage nicht. El Mundo vermutet Tyutrin.

Zwanzig Jahre mit Leibwächtern

Mit der Bedrohung lebt Kasparow, seit er im März 2005 das Turnierschach verließ. Der spanische Schachjournalist Leontxo García, der ihn über die Jahre immer wieder trifft, erinnert sich in El País (Abo) an einen Besuch in Moskau im Januar 2006: Kasparow lebt da bereits mit Leibwächtern und fährt einen gepanzerten Wagen, nachdem er zweimal auf der Straße angegriffen worden ist. 

Festnahme im August 2012** am Rande des Pussy-Riot-Prozesses. Unter anderem der Vorwurf, Kasparow habe einen Polizisten gebissen, ließ sich nicht halten. Im Juni 2013 verließ Kasparow seine Heimat.

2017: Der Agent, der nicht ins Hotel kam

Der aktuelle Fall ist nicht der erste, in dem Moskaus Dienste Kasparow ins Visier nehmen. Am 7. März 2024 berichtete diese Seite über Kasparows Aufnahme in die russische Terrorliste und über eine Recherche von The Insider, die Anfang Februar 2024 erschienen war.

Über Kasparow auf der Terrorliste und Anschlagspläne, die Anfang 2024 bekannt wurden.

Deren Hauptfigur: Ivan Zhigarev, Offizier der GRU-Einheit 29155, derselben Einheit, der Ermittler die Nowitschok-Vergiftung des Überläufers Sergej Skripal 2018 in Salisbury zuschreiben. 

Zhigarev lebte unter einer Tarnidentität als Geologe, spezialisiert auf Brunnenbohrungen, in seiner Freizeit Menschenrechtler. Mit zwei Empfehlungsschreiben echter Aktivisten schleuste er sich im Dezember 2017 als Delegierter beim Free Russia Forum in Vilnius ein. Danach kam er zu fünf weiteren Treffen und arbeitete ausgerechnet in der Gruppe mit, die „Putins Liste“ führt, ein Verzeichnis von Kandidaten für Sanktionen.

Immer wieder beantragte Zhigarev, das Forum solle ihm die Hotelkosten erstatten. The Insider hält es für denkbar, dass er ins Hotel der Gründer wollte, vielleicht in das Kasparows. Bewilligt wurde das nie. Und selbst wenn, er hätte Kasparow nicht angetroffen. Der war stets separat untergebracht. 

Aufgeflogen ist Zhigarev 2022, als französische Behörden seine Tarnidentität öffentlich machten. Kasparow, 2024 mit der Recherche konfrontiert, zeigte sich nicht überrascht. Er habe damit gerechnet.

Zwischen beiden Fällen liegen neun Jahre. Moskaus Dienste arbeiten inzwischen anders. 2017 schickte die GRU noch einen ausgebildeten Offizier mit falscher Legende, der sich über Jahre Vertrauen erschlich. 2026 ist längst die Ära der „Wegwerfagenten“ angebrochen, offenbar nicht nur für Sabotage oder Auftragsmorde in Europa: Ein 22-Jähriger aus Russland schreibt Fremde in den USA über einen Messenger an und bietet Geld nach Preisliste, bis zu 1.500 Dollar für ein Video, 40.000 für einen Mord. 

Ein Prozess? Eher nicht

Die US-Justiz hat fünf Männer angeklagt. Vor Gericht stehen wird wohl keiner von ihnen. Alle halten sich laut Anklage in Russland auf. Wie solche Anklagen meist enden, zeigt der Fall der zwölf GRU-Offiziere, die die US-Justiz 2018 wegen der Hackerangriffe im Präsidentschaftswahlkampf 2016 anklagte. Keiner von ihnen hat je ein amerikanisches Gericht von innen gesehen.

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