Schacholympiade (6): Männer unterliegen China, Frauen besiegen Rumänien / Nach dem Ruhetag gegen die Türkei und Indien

Der Lauf der Männer bei der Schacholympiade 2026 endet an der chinesischen Mauer; die Frauen melden sich zurück. 1:3 endete das Match der Männer gegen die an drei gesetzten Chinesen. Die Frauen besiegten Rumänien mit 2,5:1,5.

Beide Mannschaften gehen mit 10:2 Punkten und allen Chancen auf eine Top-Platzierung in die traditionelle Bermuda-Party vor dem verdienten Ruhetag. Beide Teams spielen weiter oben mit, beide sind Teil der Top 10 des Feldes.

Am Mittwoch geht die Schacholympiade mit dem siebten Spieltag weiter. Die Männer treffen auf die Türkei mit Wunderknabe Yagiz Kaan Erdogmus am ersten Brett. Die Frauen bekommen es mit der topgesetzten indischen Mannschaft zu tun, die sich in der fünften Runde eine überraschende Niederlage gegen Polen eingefangen hatte.

Die Frauen: 2,5:1,5 gegen Rumänien

Nach der Niederlage gegen Kasachstan ging es für die Frauen darum, mit einem Erfolg in den Ruhetag zu gehen. Um das zu schaffen, veränderte Bundestrainer Zahar Efimenko die Aufstellung. Lara Schulze kehrte an Brett vier zurück. Hanna Marie Klek pausierte. „Ich möchte ihr eine Pause gönnen, damit sie sich ausruhen kann und nach dem Ruhetag wieder bei Kräften ist“, erklärte Efimenko im DSB-Gespräch. 

Dass Rumänien für Deutschland ein unangenehmer Gegner sein kann, hat die Olympiade 2022 gezeigt. In Chennai verlor das deutsche Frauenteam den Vergleich in Runde vier mit 1,5:2,5. Mit Pähtz, Schneider, Bulmaga und Lehaci saßen vier Beteiligte von damals auch in Samarkand wieder an den Brettern.

12.Sb3 ist nicht so kräftig, denn12…c5! geht trotzdem. Schwarz wird den c5-Bauern zurückbekommen. Alle anderen Züge führen zu weißem Vorteil.

Das Match gegen die an 23 gesetzten Rumäninnen begann mit einer Eröffnungspanne am dritten Brett. Jana Schneider verpasste mit den schwarzen Steinen den Moment, vollwertiges Spiel zu bekommen und geriet stattdessen in eine bedrängte Lage. Aber sie wie ihre Mitspielerinnen konnten ab der dritten Stunde mit einem 1:0 im Rücken agieren. 

Lara Schulze gewann ausgangs der Eröffnung nach einem taktischen Überseher ihrer Gegnerin einen Bauern. Es blieb bis zum Schluss trickreich, aber nach und nach wehrte Schulze alle Drohungen ab, bis sie entscheidend Material und damit die Partie gewann.

Lara Schulze mit dem einzigen deutschen Partiegewinn des Tages.

Elisabeth Pähtz’ Chance, den zweiten Sieg einzufahren, war da schon recht klein geworden. Die deutsche Vorkämpferin hatte früh die Damen vom Brett genommen und in einem symmetrischen Endspiel auf ihr Aktivitätsplus gesetzt. In Zug 21 hätte sie sich dafür belohnen können, indem sie ihren auf g5 gestrandeten Springer auf die Reise zum Damenflügel schickt, um dort entscheidend einzubrechen. Als diese Möglichkeit verpasst war, war der Vorteil nur noch ein symbolischer, und die Partie endete unentschieden – 1,5:0,5.

Die Figur, die nicht mitspielt, muss zurück in die Partie. Aber wie? Tatsächlich führt hier nur 21.Sf3! zu einer Fast-Gewinnstellung (plus 3), alle anderen Züge allenfalls zu leichtem Vorteil. Meistens wird sich der Springer sogleich nach e5 begeben und c6 beäugen. Pähtz zog 21.Sge4 und 22.Sc3. Dort stand das Pferd immer noch, als die Partie nach 38 Zügen remis endete.

Am ersten Brett investierten Dinara Wagner und Irina Bulmaga viel Zeit in eine sizilianische Stellung, die sich 25 Züge lang kaum veränderte. Als die beiden in Zug 42 per Zugwiederholung remis machten, sah es auf dem Brett kaum anders aus, als es nach 15 Zügen ausgesehen hatte. Wagner konnte sich auf das Remis gegen die EM-Zweite von 2025 guten Gewissens einlassen, denn zwischenzeitlich hatte sich die Lage bei Jana Schneider fundamental verändert.

Nach der verpassten Eröffnungschance sah Schneiders Stellung lange aus wie eine Bruchbude, aber die deutsche Meisterin hielt sie zusammen. Auch wenn die Engine zwischenzeitlich “plus 5” rief, Material kam nicht abhanden. Und plötzlich stand ein ausgeglichenes Endspiel mit 3 vs 3 Bauern am Königsflügel auf dem Brett, das der Veteranin von Team Rumänien keine Aussichten bot, das Match für ihre Farben zu retten. Nach 55 Zügen war ein Remis vereinbart, und Deutschland hatte 2,5:1,5 gewonnen. 

Die Männer: 1:3 gegen China

Schon mit dem Match gegen die USA hatten die deutschen Männer ein Ziel erreicht: Vergleiche mit den Weltbesten. Der Sieg führte dazu, dass es gleich gegen das nächste Top-Team ging. Jan Gustafsson schickte dieselbe Formation ans Brett, nachdem er am Vortag geholfen hatte, Matthias Blübaum aus einer Traube von “100 usbekischen Kindern” zu befreien. Der Sieg über die USA hatte die deutschen Spieler zu den gefragtesten Akteuren im riesigen Spielsaal gemacht. Frederik Svane hatte nach seinem Sieg über Hans Niemann eine Reihe von Interviews zu absolvieren.

Frederik Svane erfährt während des YouTube-Gesprächs vom Mannschaftssieg über die USA. Und erklärt, dass Selbstvertrauen hilft, schneller zu spielen – was er tags darauf gegen China mehr als überzeugend demonstrierte.

Groß gefeiert hatten die Spieler ihren Sieg am Vortag nicht. Gustafsson hatte Frederik Svane erlaubt, sich am Abend ein zweites Dessert zu gönnen. Ob der davon Gebrauch gemacht hat, ist nicht bekannt. Außerdem hatte der Bundestrainer Vincent Keymer “warme Pommes” in Aussicht gestellt: “Danach schreit er nach Wochen.” Ob die Hotelpommes ansonsten kalt sind oder gar nicht im Angebot, blieb im Kurzinterview vor dem Chinamatch offen.

Matthias Blübaums größter Wunsch ist derweil nicht kulinarischer Natur. Er würde gerne eine Partie gewinnen. Aber schon beim Kandidatenturnier hat er zu spüren bekommen, wie schwierig es ist, gegen Weltklassespieler mit den weißen Steinen zumindest ein wenig Druck zu entwickeln. Und nun saß ihm mit Wei Yi ein alter Bekannter aus dem Kandidatenturnier gegenüber.

Blübaum hatte sich eine Idee zurechtgelegt, um mehr herauszuholen als in seinem Kandidaten-Weißremis gegen Wei Yi. Aber der Chinese wich ab, überraschte Blübaum mit Halbslawisch, und der suchte nun seinerseits nach Wegen, nicht in die chinesische Vorbereitung zu laufen. Das gelang, aber es kam das alte Lied heraus: kein Druck, nichts zu holen. In einem Damenendspiel sah Blübaum “nichts, worauf ich spielen kann” und gab die Partie remis – 0,5:0,5. Zahlreiche Fotos nach dem frühen Remisschluss dokumentieren, dass Blübaum mit diesem Partieverlauf nicht zufrieden war.

Matthias Blübaum, nicht happy. | Foto: Michal Walusza/FIDE

Da sah es bei Alexander Donchenko schon verdächtig aus. Mit Weiß war er etwas schlechter aus einer russischen Verteidigung gekommen, und es entwickelte sich gegen den amtierenden chinesischen Meister eine merkwürdige Partie, in der Donchenko nie Zugriff bekam und fortwährend improvisierte. Seine Figuren standen verstreut herum, sein König offen, und es fehlten zwei, drei Tempi, um seinerseits etwas gegen den schwarzen König zu inszenieren. Was sich früh angedeutet hatte, war nach 51 Zügen besiegelt: 0,5:1,5.

Frederik Svane hatte am Vortag gesagt, dass Selbstvertrauen hilft, schneller zu spielen. Der Partie gegen den ehemaligen Top-Ten-Spieler Yu Yangyi nach strotzt Svane vor Selbstrauen. Die beiden spielten die Damengambit-Variante mit isoliertem f-Doppelbauern, die Svane während der Vorbereitung Blübaums aufs Kandidatenturnier studiert hatte. Für Weiß war zu keinem Zeitpunkt etwas zu holen, für Schwarz allerdings auch nicht. Als das Remis nach 68 Zügen besiegelt war, zeigte Svanes Uhr 1 Stunde, 48 Minuten, 40 Sekunden, fast 20 Minuten mehr als zu Beginn – 1:2.

Und ob Ding Liren noch weiß, wie man Schach spielt. Wie er gegen Vincent Keymer aus fast nichts einen vollen Punkt machte, das war weltmeisterlich.

Da spielte noch Vincent Keymer gegen den wiedererstarkten Exweltmeister Ding Liren. Was lange remisverdächtig ausgesehen hatte, wurde plötzlich kritisch, als es Ding mit Hilfe der ungleichfarbigen Läufer gelang, Drohungen gegen Keymers König zu inszenieren. Wenig später der Durchbruch, und dann war die eben noch unschuldig aussehende Partie vorbei – 1:3. 

Ding Liren nach der Partie.

Alle Infos zum Verlauf der Schacholympiade stets hier.

(Titelfoto: Finn Engesser/DSB)

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