Die Schachoma am zweiten Brett: Elisabeth Pähtz will weiterspielen, „solange ich der Mannschaft dienlich sein kann“
Eine Unterfunktion der Schilddrüse hat Elisabeth Pähtz nach eigener Einschätzung jahrelang Partien gekostet. Ab der vierten, fünften Spielstunde häuften sich die Einsteller, ohne dass sie den Grund kannte; 60 bis 70 Elo verlor sie, ehe ein Arzt im Ausland das Problem benannte. Das sagte Pähtz jetzt im DSB-Gespräch. Als sie die Ursache behoben hatte, legte sich das Energieproblem, und es kam zur ersehnten Schwangerschaft.
Spätestens im Mai stand für sie fest, dass sie in die Nationalmannschaft zurückkehren möchte. „Dafür habe ich viel getan.“ Sie brachte sich auf ihr Normalgewicht, trainierte sportlich und schachlich mit Artur Jussupow sowie Sergei Tiviakov. Den Aufwand begründet sie mit der Verantwortung gegenüber dem Team nach fast einem Jahr ohne Turnierpraxis. Sportliche Fitness hält sie in ihrem Alter für einen wichtigen Faktor. Körperlich fühle sie sich als „eine ganz andere Frau“.
Ihre Tochter nennt sie pflegeleicht: mal zweimal pro Nacht wach, gelegentlich fünfmal. Im Zwei-Stunden-Rhythmus zu schlafen, funktioniere bislang. Wie das ab Runde acht, neun oder zehn aussehe, könne sie nicht vorhersehen.
Aggressiv und weniger ausrechenbar
Dass sie bei der Olympiade nicht am Spitzenbrett spielt, ist Teil des deutschen Plans. Die Strategie – vorn halten, an Brett zwei gewinnen – habe schon in Budapest funktioniert, wo sie fünf Partien gewann. Sie halte es für einfacher, gegen schwächere Gegner zu punkten, weil sie mehr Risiken eingehe, weniger ausrechenbar und aggressiver eingestellt sei. Dinara Wagner liege es eher, starken Spielerinnen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Funktioniere diese Aufteilung auch in Samarkand, komme dann noch ein wenig Glück dazu, hält Pähtz einen Platz unter den ersten fünf für möglich.
An den Olympiaden hängt sie auch aus anderen Gründen: 14 hat sie gespielt, viele Weggefährten sieht sie nur dort. Diese Konstante in ihrem Leben will sie sich erhalten: „Solange ich schachlich noch reinpasse und der Mannschaft dienlich sein kann“, will Pähtz weiter Olympiaden spielen.
Jetzt schon sieht sie sich, augenzwinkernd, als die „die Schachoma im Team“, deutlich älter als die anderen, gehe früh schlafen statt abends Karten zu spielen. Aber am Brett bringe sie dem seit über fünf Jahren weitgehend unveränderten Team eine Stabilität, auf die sich die Kolleginnen verlassen könnten. Vollprofi ist Pähtz seit Corona nicht mehr; sie arbeitet für Unternehmen und gibt Webinare.

Gleiches Geld und zwei Trainer
Auf ihre Rolle als Streiterin für Frauenrechte im Schach blickt sie mit Genugtuung. „Durch mein Zickentum“, sagt sie, habe sie recht viel erreicht: gleiche Zuschüsse für die Frauen, zwei Trainer bei Olympiaden und Mannschaftskämpfen und eine deutsche Meisterschaft, die ab dem kommenden Jahr gleich bezahlt wird. Sie habe diese Rolle eingenommen und sei stolz darauf. Der nächsten Generation wolle sie zeigen, dass sich Kämpfen lohnt und man mitunter auf Prinzipien beharren muss.

Der Traum vom späten WM-Titel
Die Rangliste ist für sie zweitrangig geworden: „In meinem Alter ist die Elozahl sekundär.“ Entscheidend sei, dass die Mannschaft gut spielt.
Rückblickend hätte sie womöglich mehr erreichen können, sagt sie – in manchen Phasen habe sie es nicht ernst genug betrieben, vor allem aber fehlten ihr Sponsoren. Heute ermöglicht ihr ein Förderer das Training und die Annehmlichkeiten bei Turnieren. Aus deutscher Sicht habe sie erreicht, was vor ihr keine Frau erreicht habe. Noch einen Weltmeistertitel zu gewinnen, vielleicht im Schnell- oder Blitzschach, hält sie für nicht ausgeschlossen, die Chance dafür schätzt sie auf etwa zehn Prozent. Und falls eines Tages die kleine Lavinia Schach spielen möchte, Mama Elisabeth hätte nichts dagegen, würde sie in ihre Fußstapfen treten.









