Usbekistan ruft zur Schacholympiade: “Mir ist heut so nach Tamerlan”
Nur noch eine Woche: Am 15.September ist in Samarkand die Eröffnungsfeier der Schacholympiade. Auf den Tag genau ein Jahr, nachdem Matthias Blübaum am gleichen Ort WM-Kandidat wurde. Vielleicht ein gutes Omen für die als Nummer fünf gesetzte deutsche Mannschaft.
Nicht nur Blübaum, Vincent Keymer und Frederik Svane waren schon in Samarkand. Walter Rädler, der langjährige Vorsitzende der Schulschachstiftung, ist gerade von einer Bildungsrundreise aus Zentralasien zurückgekehrt und schwärmt von der Schönheit der Städte an der Seidenstraße. Nur die vierzig Grad im Schatten waren Ende August nicht optimal. In der zweiten Septemberhälfte sind spätsommerlich angenehme Temperaturen zu erwarten.


Schachspiele hat Rädler unzählige gesehen, nämlich kunsthandwerkliche, oft knallbunte im Basar und in Souvenirläden. Schachspieler hat er allerdings nirgends entdeckt. Und was etwas bedenklich stimmt: Er sah keinerlei Werbung oder andere Hinweise auf die Schacholympiade. Dabei war er zwei Tage in Samarkand und insgesamt eine Woche in Usbekistan unterwegs.
Wahrscheinlich sieht das anders aus, wo gespielt wird: auf einem vor vier Jahren fertiggestellten Veranstaltungs- und Hotelkomplex acht Kilometer östlich des Stadtzentrums. Siebenmal wurde ich nach meiner Akkreditierung angemailt, wann ich mit welchem Flug ankomme, um umgehend dorthin transferiert werden zu können. Stets antwortete ich, dass ich auf dem Landweg über Kirgistan reise und danke, ich finde selbst zur Schacholympiade, aber wüsste gerne, wie ich an Schnellzugtickets komme. Was ignoriert wurde, um mir die gleiche Frage erneut zu stellen. Inzwischen waren die Schnellzugtickets ausverkauft. Reisebüros bieten sie zum Vielfachen an.
Auch die acht Hotels rund ums Olympiadegelände kosten dreimal so viel wie noch vor einigen Monaten. DSB-Präsident Paul Meyer-Dunker hat gerade erst im sonntäglichen Chess-Tigers-Talk berichtet, dass einzelne Verbände mit 320 Euro/Nacht für ein Einzelzimmer zur Kasse gebeten werden.
Nichts mit dem Reisebudget zu tun hat der Tipp, den Walter Rädler allen Usbekistan-Reisenden ans Herz legt. Es geht um Amir Timur, auch Timur Lenk oder Tamerlan genannt, der Ende des 14.Jahrhunderts ein riesiges Reich vom Hindukusch bis ans Schwarze Meer regierte. Der mongolische Heerführer war gefürchtet, weil er auf seinen Eroberungszügen nicht nur die besiegten Feinde, sondern meist auch die unbeteiligte Bevölkerung abschlachten ließ.

Die Usbeken – und offenbar weitere Völker, die ihre Söhne so nennen – verehren Timur, als hätte er ihre Nation begründet. Dass das historisch fragwürdig ist, weil sein Reich gleich nach seinem Tod zerfiel, bevor sich die Usbeken überhaupt erst als eigene Volksgruppe herausbildeten, behält man besser ebenso für sich wie Vergleiche mit anderen Psychopathen der Weltgeschichte. Man schweige also und staune über die prächtigen Paläste, Medressen (Koranschulen) und Mausoleen, die er von der Beute in Samarkand und Kesh bauen ließ.
Robert Hübner reiste vor etwa 15 Jahren nach Usbekistan. Sein Bericht findet sich in Michael Dombrowskys Buch “Robert Hübner – Ein Leben in vielen Welten” (Selbstverlag 2026, €55,-). Einerseits war Hübner beeindruckt von den dynamischen Menschen (im Unterschied zu seiner sturen Reiseleiterin), den rasanten, komfortablen Zügen (im Unterschied zur Deutschen Bahn) und einzelen älteren Ausgrabungen (im Unterschied zu Samarkand und Buchara). Die vielfotografierten Prachtgebäude fand Hübner “zu Tode restauriert”. Überall sah er Fassaden: Staatsfassaden, religiöse Fassaden, bei näherer Ansicht bröckelnde Fassaden. Mit der Timur-Verehrung haderte Hübner natürlich auch.

Allerdings wurde Timur alias Tamerlan auch in Europa verklärt, angefangen mit Christopher Marlowe, der ihn 1590 als Tragödie auf die Bühne brachte. In den Opern von Händel und Vivaldi kommt er schon besser weg. In den Berliner Zwanzigern schrieben Rudolph Nelson und Kurt Tucholsky einen frivolen Chanson, der für uns zum Soundtrack dieser Schacholympiade gehören sollte: “Mir ist heut´ so nach Tamerlan”, hier gehaucht und geschmachtet von Ute Lemper:









