Wer darf als FIDE-Präsident kandidieren? Alle drei. Was an den Vorwürfen dran ist? Man weiß es nicht.

Wadim Rosenstein bleibt im Rennen um die FIDE-Präsidentschaft. Der Deutsche Schachbund darf in Samarkand mitstimmen. Wegen einer Sponsoringvereinbarung Rosensteins mit dem DSB wollte Präsidentschaftskandidat Timur Turlov beides verhindern – und ist gescheitert. Das geht aus dem neuen Bericht der FIDE-Wahlkommission hervor.

Demnach ist auch ein anderer Vorstoß Turlovs ohne Erfolg geblieben: Er hatte die Gültigkeit von Nominierungen des Rosenstein-Tang-Tickets angezweifelt, weil sieben der acht nötigen Verbands-Nominierungen – von Panama, Lettland, Mosambik, Sudan, der Mongolei, Thailand und Deutschland – angeblich nicht ordnungsgemäß von den jeweiligen Vorständen beschlossen worden seien. Die Kommission wies das zurück: Ohne Widerspruch der betroffenen Verbände gelte eine Vermutung zugunsten der Nominierungen.

Schon Anfang August zeigte sich, dass dieses eine hart umkämpfte Wahl wird.

Drei Tickets, vier Beschwerden

Die Wahlkommission (Electoral Commission) ist das Gremium, das über Zulassung und Ausschluss von Kandidaten bei der FIDE-Präsidentschaftswahl entscheidet, besetzt mit den Vorsitzenden dreier anderer FIDE-Kommissionen, darunter der italienische Jurist Roberto Rivello als Vorsitzender. Seit August waren von den drei Präsidentschaftstickets – Rosenstein/Tang, Turlov/Anand und Buettner/Pein – vier Beschwerden über die Mitbewerber eingegangen: Vorwürfe rund um Staatsbürgerschaft, Sanktionen, Nominierungen und Wahlkampffinanzierung. Nur gegen das Buettner/Pein-Ticket lag keine Beschwerde vor.

Über die Zulassung der Kandidaten hat die Kommission nun entschieden, gut drei Wochen vor der Wahl am 26. September in Samarkand. Die übrigen Vorwürfe behandelte sie unterschiedlich: Bei Buettner/Pein und bei Turlovs zweiter Beschwerde erklärte sie die Ethikkommission für zuständig. Die Beschwerdeführer können ihre Vorwürfe dort weiterverfolgen; eine Entscheidung vor der Wahl ist nicht vorgeschrieben. Rosensteins Antrag, seine Vorwürfe gegen Turlov ebenfalls dorthin zu verweisen, lehnte sie ab. Alle Entscheidungen traf das dreiköpfige Gremium einstimmig.

Roberto Rivello beim FIDE-Kongress vor zwei Jahren im Gespräch mit Ingrid Lauterbach. | Foto: FIDE

Rosensteins Reaktion

Rosenstein, mutmaßlich in Kenntnis des Berichts der Wahlkommission, äußerte sich am Samstagabend auf X: Turlovs Kampagne habe ihm und dem DSB Bestechung, Korruption und unzulässige finanzielle Einflussnahme vorgeworfen – wegen eines Sponsoringvertrags zugunsten des deutschen Schachs, der nach Rosensteins Einschätzung transparent ist. Beide Ausschlussanträge seien nun für unzulässig erklärt worden, keine vorläufigen Maßnahmen verhängt. Die übrigen Ethik-Vorwürfe seien in der Sache noch nicht entschieden, schreibt Rosenstein. Er sei bereit, sich zu verteidigen.

…2/3 Dennoch: Das Timing der Vereinbarung zwischen @schachbund.bsky.social und dem 35jährigen Düsseldorfer Unternehmer und Schachfreund Wadim Rosenstein ist natürlich bemerkenswert – Die Frage, ob hier Geld gegen schachpolitische Unterstützung eingetauscht werden könnte, liegt auf der Hand. …

— Seitenschach (@seitenschach.bsky.social) 2026-09-05T07:41:03.586Z
Die Kommunikation rund um die dem Vernehmen nach schon vor Wochen getroffene Sponsoringvereinbarung zwischen dem DSB und WR Events war ungelenk. Verkündet wurde sie erst in der heißen FIDE-Wahlkampfphase, was Turlovs Beschwerde ausgelöst hat. Ob die Partner Stillschweigen über die Höhe der Zuwendungen vereinbart haben, teilen sie nicht mit. Die Höhe der Zuwendungen auch nicht. Zahl der Schachmedien, die zu „einem der größten Sponsoringverträge in der Geschichte des DSB“ Genaueres wissen wollten und berichtet haben: null.

In seiner eigenen Beschwerde hatte Rosenstein gefordert, Turlov wegen dessen Staatsbürgerschaft, der ukrainischen Sanktionen gegen ihn, einer Mitteilung der US-Börsenaufsicht SEC über mögliche zivilrechtliche Schritte sowie einer – laut Turlov inzwischen aufgehobenen – russischen Vermögenssperre von der Wahl auszuschließen. Auch dieser Antrag scheiterte. Die Kommission stufte die Fragen als für die Zulassung nicht relevant ein. Einzige Konsequenz: Turlovs Dreifachrolle als Präsident des kasachischen Verbands, Chef von Freedom Holding und Leiter der von ihm gegründeten International School Chess Federation (ISCF) muss die FIDE nun formell in seine Bewerbungsunterlagen aufnehmen und veröffentlichen. Ob Turlov tatsächlich nur noch kasachischer Staatsbürger ist, klärte die Kommission nicht. Sie entschied lediglich, dass diese Frage für seine Wahlzulassung nicht entscheidend sei.

Buettners Turlov-Vorstoß

Jan Henric Buettner und sein Vize Malcolm Pein sind mit ihrem Versuch, Turlovs Kandidatur zu stoppen, ebenfalls gescheitert. Sie hatten dessen Dreifachrolle und die Teilnahme eines russischen Universitätsteams an einer FIDE-Veranstaltung trotz Suspendierung des russischen Verbands in Frage gestellt. Auch hier erklärt die Kommission die Ethikkommission für zuständig. Buettner und Pein können ihre Vorwürfe dort weiterverfolgen; eine Frist für eine Entscheidung vor der Wahl besteht nicht.

FIDE-Geld auf Freedom-Konto

Wie eng Turlov und der Weltverband finanziell miteinander verflochten sind, hat eine am Samstag veröffentlichte Recherche des rumänischen Journalisten Vlad Ghita untermauert: Laut testiertem FIDE-Jahresabschluss 2024 lagen zum Jahresende umgerechnet gut 1,5 Millionen Euro der FIDE-Liquidität bei der Freedom Finance Bank – der Bank aus Turlovs Konzern. Ghita schätzt anhand öffentlicher Ankündigungen, dass Freedom Holding seit 2023 rund 8,5 Millionen Euro in FIDE-Veranstaltungen investiert hat. Die FIDE selbst verfehlte laut ihrer Prüfkommission ihre Planzahlen beim allgemeinen Unternehmenssponsoring von 2022 bis 2024 um kumuliert 7,71 Millionen Euro: Turlovs Zuwendungen decken einen erheblichen Teil dessen ab, was der FIDE an anderer Stelle fehlt.

Ein großer Teil der FIDE-Einnahmen stammt aus dem WM-Match. Die Bewerbungsfrist für das WM-Match 2028 läuft jetzt ab – einen Tag, bevor feststeht, wer die FIDE ins WM-Jahr 2028 führt.

WM-Vergabe und faire Wahl?

Auch ein Vorstoß von Buettner und Pein zur WM-Vergabe blieb ohne Ergebnis: Sie hatten verlangt, die Fristen für die Ausrichterbewerbungen der Weltmeisterschaften 2028 und 2029 – die letzte läuft einen Tag vor der Präsidentschaftswahl ab – bis nach der Wahl zu verschieben, um jeden Anschein von Interessenkonflikt zu vermeiden. Die Kommission erklärte sich dafür für nicht zuständig.

Er wolle eine faire, unbeeinflusste Wahl sicherstellen, sagte Jan Henric Buettner im Perlen-Interview. Die Wahlkommission will das auch, lässt aber offen, wie sie das anzustellen gedenkt.

Buettners Vorstoß für ein geheimes, überprüfungssicheres Wahlverfahren ist zumindest auf offene Ohren gestoßen. Angesichts der von ihm beobachteten Bestechung hatte Buettner im Interview mit dieser Seite angekündigt, eine geheime, ordnungsgemäße Wahl sicherzustellen. Die Wahlkommission reagiert auf seinen Antrag dazu verhalten: Sie „stimmt voll und ganz zu“, wolle „jede sinnvolle Maßnahme anstreben“ – konkrete Schritte nennt sie nicht. Kurz vor der Wahl will sie in Samarkand die Kandidaten darüber informieren, wie die Wahl frei und unbeeinflusst ablaufen soll.

Offene Fragen

Ein Muster zieht sich durch die Beschlüsse der Wahlkommission zu allen vier Beschwerden: Keiner der drei Kandidaten wird ausgeschlossen, keiner der schwereren Vorwürfe vor der Wahl inhaltlich geklärt. Viele Fragen bleiben offen. Was die Kandidaten als Verstoß gegen die FIDE-Zulassungsregeln vorgebracht haben, stuft die Kommission überwiegend als Ethik-Frage ein – zuständig dafür ist ein anderes Gremium, das keine Frist einhalten muss, um vor dem Wahltag 26. September eine Entscheidung zu treffen.

Wie gleich die Chancen der drei Kandidaten in Samarkand tatsächlich sein werden, bleibt offen. Die Kommission hat festgestellt, dass allen drei Präsidentschaftstickets in der Kongresshalle ähnlich große Wahlkampfflächen zustehen. Sie weist aber auch darauf hin, dass daneben deutlich größere Flächen an Organisationen vergeben wurden, die möglicherweise einem oder zwei Kandidaten nahestehen – und mahnt die FIDE und die usbekischen Ausrichter, für gleiche Bedingungen zu sorgen.

Alle aktuellen Entwicklungen zur Wahl stets in diesem Thread.

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