Mehr Möglichkeiten als Atome im Universum? Eine bescheuerte Metrik, findet Elon Musk

Mehr Möglichkeiten als Atome im beobachtbaren Universum. Wer Schach spielt, kennt den Vergleich. Er steht in Anfängerbüchern, Zeitungsartikeln, Vereinsfestschriften, und das seit Jahrzehnten. Der Atom-Universum-Vergleich soll zeigen, dass Schach etwas Besonderes ist, etwas Unausschöpfliches. Am 3. September stand er im Zentrum eines verbalen Schlagabtauschs zwischen dem reichsten Mann der Welt und dem Twitter-Konto der größten Schachplattform.

Ach, was? Das haben wir ja noch nie gehört.

Ausgelöst hat die Debatte ein italienischer Ingenieur, der unter dem Namen „Massimo“ für seine 4,3 Millionen Follower Wissenschafts- und Weltraum-Inhalte postet – in diesem Fall eine Grafik zur Explosion der Zugmöglichkeiten zu Beginn einer Partie: zwanzig mögliche Eröffnungszüge, nach dem ersten vollen Zug schon über vierhundert Stellungen, nach dem vierten fast zweihunderttausend. Elon Musk antwortete, die Zahl der nicht vollkommen dummen Züge sei winzig, und Schach werde eines Tages vollständig gelöst sein.

Chess.com antwortete mit zwei Wörtern: „skill issue“. Im Gamer-Jargon heißt das: Du hast keine Ahnung, bei dir sitzt das Problem vor dem Bildschirm.

Musk legte nach. Schach sei schwer für Menschen, nicht für Computer. Eines Tages werde es vollständig gelöst sein wie Dame, und bis dahin und auch danach solle man eben Spaß haben. Darauf brachte Chess.com den vielzitierten Atome-Universum-Vergleich: Es gebe rund vierzig Größenordnungen mehr mögliche Schachpartien als Atome im beobachtbaren Universum. Die müssten für eine Lösung vollständig kartiert werden – viel Glück damit, Elon.

Musks Antwort begann mit einem Wort: „Wrong“. Die Zahl aller legalen Schachstellungen läge rund vierzig Größenordnungen unter der geschätzten Atomzahl. Eine künstliche Superintelligenz werde Wege zur Lösung und Kompression finden, die jenseits unseres Vorstellungsvermögens lägen. Kurz darauf schob er nach, es gebe auch mehr Arten, in einen Topf zu pinkeln, als Atome im Universum. Das sollte seine Einschätzung untermauern: „Eine bescheuerte Metrik.“

Musk und der Twitterbediener von Chess.com hatten aneinander vorbeigeredet. Chess.com sprach über Züge, über die schiere Zahl möglicher Partien. Musk antwortete mit einer Zahl über Stellungen, über Momentaufnahmen des Bretts. Und argumentierte mit einer Superintelligenz, die es noch nicht gibt – schwerlich überprüfbar.  

Eine alte Rechnung

Musk und Schach – dazu gibt es eine Vorgeschichte. Nachdem sich im September 2022 Magnus Carlsen nach einer Weißniederlage gegen Hans Niemann aus dem Sinquefield Cup zurückgezogen hatte, entstand eine Theorie, die bis heute die Runde macht: Niemann habe mit vibrierenden Analperlen betrogen, die ihm die richtigen Züge übermittelten.

Musk verhalf den Analperlen zur Weltöffentlichkeit. Er schrieb dazu einen Satz, den er als Zitat von Arthur Schopenhauer auswies: Talent treffe ein Ziel, das kein anderer treffen könne; ein Genie treffe ein Ziel, das kein anderer sehen könne (weil es in seinem Hintern steckt). Der erste Teil stammt tatsächlich von Schopenhauer. Den zweiten in Klammern hat Musk angehängt.

Die Carlsen-Niemann-Affäre brodelt unterschwellig immer noch, aber der gerichtliche Part ist seit drei Jahren beendet. Mit Analperlen hatte die Sache nichts zu tun, hat aber deswegen noch mehr öffentliche Aufmerksamkeit erregt als ohnehin schon.

Sechs Wochen später, am 24. Oktober 2022, antwortete Musk in einem Gesprächsfaden, an dem auch Garry Kasparov beteiligt war, auf die Frage, ob er noch Schach spiele. Als Kind habe er gespielt, es aber zu simpel gefunden: bloß ein Acht-mal-acht-Raster, kein Nebel des Krieges, kein Technologiebaum, keine zufällige Karte, nur zwei Spieler, beide Seiten mit identischem Material.

Zwei Jahre später, im Oktober 2024, stand wieder Schach auf Musks Twitter-Agenda: Das Spiel habe im Vergleich zur Realität kaum Freiheitsgrade: immer dieselbe Grundstellung, keine unterschiedlichen Geländearten, und man könne mitten im Spiel keine neuen Figuren erfinden. In einem Spiel nach seinem Geschmack könnte es aussehen, als stehe jemand kurz vor dem Matt – und dann pulverisiert er plötzlich mit Weltraumlaserwaffen den gegnerischen König. Für Musk ist Schach in erster Linie ein geschlossenes System mit wenigen Variablen. Seit Jahren stößt er sich immer wieder daran, wenn ausgerechnet dieses simple Spiel als unfassbar groß gefeiert wird.

Oder als populär. Am 28. Juli 2025 antwortete er dem einstigen Browser-Pionier und heutigen Investor Marc Andreessen, der festgestellt hatte, Schach sei populärer denn je. Das überrasche ihn, antwortete Musk; er habe als Kind aufgehört, als ihm klar wurde, wie trivial es sein werde, ein Programm zu schreiben, das alle Menschen besiegt.

„DoF“ steht für „degrees of freedom“.

Wer zählt hier eigentlich was?

Nun also eine neue Schach-Musk-Episode. In diesem Fall reden die beiden Streitenden über verschiedene Dinge. Beide haben mit ihrer Zahl recht.

Chess.com zählt Partien, also ganze Zugfolgen vom ersten bis zum letzten Zug. Davon gibt es nach der Schätzung von Claude Shannon aus dem Jahr 1950 etwa eine Eins mit 120 Nullen. Atome im beobachtbaren Universum gibt es etwa eine Eins mit 80 Nullen. Vierzig Nullen Unterschied. Das ist die Zahl, die chess.com wiedergibt.

Musk zählt Stellungen. Die Mathematiker/Informatiker John Tromp und Peter Österlund haben rund fünf mal zehn hoch 44 mögliche Stellungen errechnet bzw. geschätzt, eine Eins mit knapp 45 Nullen. Das liegt tatsächlich weit unter der Atomzahl. Auch Musks Angabe stimmt.

Er widerlegt damit nichts. Musk antwortet auf eine Aussage über eine Zahl von Partien mit einer Zahl über Stellungen, erklärt sein Gegenüber trotzdem für falsch informiert. Außerdem unterschlägt er ein Regelproblem. Ob eine Stellung remis ist, entscheidet nicht das Brett allein: Dreimalige Stellungswiederholung und die Fünfzig-Züge-Regel müssten Teil der Rechnung sein. Dieselbe Figurenkonstellation kann einmal gewonnen und einmal remis sein. Wer Schach lösen will, kann Stellungen nicht einzeln abhaken, sondern muss ihre Vorgeschichte einbeziehen. Das vergrößert die Zahl der zu unterscheidenden Zustände, aber vor allem durchkreuzt es Musks Vorstellung, man müsse bloß eine Liste abarbeiten.

Wenn es um Schach geht, ist Elon Musk leicht getriggert. | Fotomontage, Foto: Gage Skidmore CC BY-SA 4.0

Bescheuert oder nicht?

Musks Einwand trifft einen wunden Punkt, den aber die Schachszene kaum interessiert. Im Schach dient der Atome-Vergleich nicht als Argument für Unlösbarkeit, er dient dem Staunen. „Mehr Möglichkeiten als Atome im Universum“ soll die Unfassbarkeit des Spiels aufzeigen. Ein Alleinstellungsmerkmal ist das noch lange nicht. Wer kombinatorisch zählt, kommt auch ganz woanders auf riesige Zahlen, beim Pinkeln in einen Topf zum Beispiel.

Für die Frage der Lös- bzw. Unlösbarkeit, die Musk und Chess.com verhandelten, taugt der Vergleich wenig, zumal vor dem Hintergrund limitierter technischer Möglichkeiten. Ob jemand Schach durchrechnet, hängt nicht nur an der Größe des Baums oder der Zahl der Möglichkeiten. Relevant ist, wie viel sich davon ausklammern lässt.

Insofern ist die Aussage von chess.com, es müsse „alles kartiert“ werden, fragwürdig. Um Schach zu lösen, muss nicht jede der zehn hoch 120 möglichen Partien durchgespielt werden. Viele Zugfolgen führen in dieselbe Stellung, und ein Beweis kann ganze Äste des Baums auf einen Schlag absägen, statt sie einzeln abzuarbeiten. „Man müsste sie alle kartieren“ ist griffig, aber falsch.

Das lässt sich am Endspiel zeigen. Sieben Steine gelten seit Jahren als Tablebase-Obergrenze. Das Achtsteiner-Universum mit seinen rund 38 Billiarden legalen Stellungen gilt vorerst als unerreichbar. Trotzdem stehen bei Lichess seit Februar 2026 die praktisch relevantesten Achtsteiner zur Verfügung.

Alle Achtsteiner zu lösen, wäre ein aussichtsloses Unterfangen. Aber es gibt Alternativen.

Der Physiker Marc Bourzutschky und der Lichess-Entwickler Niklas Fiekas haben gar nicht erst versucht, alle Achtsteiner zu lösen. Sie beschränkten sich auf Stellungen, in denen sich mindestens ein weißes und ein schwarzes Bauernpaar auf derselben Linie blockiert. Das sind 1,3 Prozent aller Achtsteiner. Aber die decken gut die Hälfte aller Achtsteiner-Endspiele ab, die in Partien zwischen Menschen vorkommen. Sogar die Arbeit an Neunsteinern läuft längst, obwohl das Lösen aller Neunsteiner, wenn überhaupt, Zukunftsmusik ist.

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5 Kommentare
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Krennwurzn
1 Monat vor

Auch wenn es mir schwer fällt, aber beim Iterationsunsinn mit den Atomen/Elementarteilchen hat Musk einfach recht, denn es geht nur um mögliche Stellungen, denn jede Stellung hat eine eindeutige Bewertung und Stellungen gibt es um die 10^44. Auch das ist eine extrem große Zahl, aber der naturwissenschaftlich gebildete Musk hat da sicherlich einen Punkt für sich.

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1 Monat vor

Die Diskussion ist völlig absurd!

Ibu1992
1 Monat vor

Während ich davon ausgehe, dass das für Elon Musk nur ein paar Twitter Kommentare sind, um die Zeit totzuschlagen, fand ich die Antwort des Experten von Chesscom inhaltlich ziemlich enttäuschend.

Uwe Böhm
1 Monat vor

Jon Speelman wusste schon vor 30 Jahren, wie eine Schachpartie bei bestem Spiel ausgeht.

„Die Ausgangsstellung ist ein entscheidender Zugzwang.“