„Alle vier Jahre kommt jemand vorbei und verteilt Geld“: Präsidentschaftskandidat Jan Henric Buettner über das System FIDE und wie er die Wahl gewinnen will

Im Lauf eines Gesprächs, das sich um die FIDE drehen sollte, kommt Jan Henric Buettner dann doch immer wieder auf Freestyle Chess. Das Format einer glitzernden, exklusiven Elitetour über die Kontinente hat nicht so funktioniert, wie Buettner sich das vorgestellt hatte. Und das nagt an ihm. Gleichwohl ist aus dem Freestyle-Projekt eine anhaltende Verbindung Buettners zum Schachsport und seinen Protagonisten erwachsen. Hätte er jetzt nicht mit WM-Herausforderer Javokhir Sindarov bei der Formel 1 vorbeigeschaut, sein nächstes Projekt wäre wahrscheinlich gar nicht entstanden: die Kandidatur für die Präsidentschaft des Schach-Weltverbands FIDE.

Eigentlich wollte sich Jan Henric Buettner vor drei Jahren nur ein wenig im Schach verbessern. Bald darauf entstand Freestyle Chess. Jetzt will der 61-Jährige Präsident des Schach-Weltverbands werden. | Foto: Stev Bonhage/Freestyle Chess

Die Zeit dafür kann sich Buettner nehmen. Freestyle in der bisherigen Form habe er „sanft gelandet“ – nicht abgewickelt, sondern auf einer Startbahn abgestellt und in die Hände des neuen Piloten Andreas Walker übergeben. Durch die jährliche Freestyle-WM inklusive Qualifikationszyklus ist Kontinuität geschaffen; die WM-Turniere 2027 in Weissenhaus sind fix. Drumherum soll ein neues, noch nicht veröffentlichtes Konzept sicherstellen, dass der Freestyle-Flieger diesmal in der Luft bleibt.

Buettner sieht sich derweil inmitten eines Sprints: Gut vier Wochen bleiben bis zur Wahl, in der es gelingen soll, den Weltverband aus seiner traditionellen Abhängigkeit vom Kreml zu befreien. 45 Jahre ist es her, da verschob FIDE-Präsident Fridrik Olafsson den Beginn des WM-Matches Karpow-Kortschnoi, um Druck für die Freilassung von Kortschnois in einem sowjetischen Arbeitslager inhaftiertem Sohn aufzubauen. Bei der FIDE-Wahl 1982 unterstützte die sowjetische Seite deswegen geschlossen Florencio Campomanes, gegen den Olafsson sein Amt verlor. Seitdem ist die FIDE sowjetisch/russisch geprägt.

Und korrupt geworden laut Buettner. Über die Jahrzehnte habe sich etabliert, dass bei den nationalen Verbänden „alle vier Jahre jemand vorbeikommt und Geld verteilt“ – Geld gegen Wahlstimmen. Im Gespräch erläutert Buettner unter anderem, was eine Stimme kostet und wie er es anstellen will, sich diesem System zu verweigern und trotzdem die Wahl zu gewinnen. Am Ende werde er der „Last Man Standing“ sein, glaubt Buettner.

Herr Buettner, ein paar Tage, bevor es offiziell wurde, kam am Bodensee das Gerücht an, Sie würden für die FIDE-Präsidentschaft kandidieren. „Nie im Leben“ habe ich gesagt, als ich das hörte.

(Lacht) Ich auch!

Aber jetzt kandidieren Sie tatsächlich. Was ist passiert?

Ich hatte Javokhir und Bibisara zur Formel 1 eingeladen, drei VIP-Tickets gekauft, 15.000 Euro das Stück. Ich wollte den beiden zeigen, was möglich ist, wenn man Zugang zu Spitzensport klug verknappt. Beim Schach ließe sich eine solche Verknappung auch machen, sie war bei Freestyle sogar Teil des Konzepts. Während das Rennen lief, war meine Frau Holly mit Bibisaras Mutter unterwegs. Und dann schickte sie mir diese Nachricht: Ob ich nicht für die FIDE-Präsidentschaft kandidieren will. Meine erste Reaktion: „Nie im Leben! Was habt ihr getrunken?“ Ich hatte Freestyle doch gerade erst in vernünftige neue Hände gegeben…

…und Sie könnten jetzt in Weissenhaus und Südafrika die Beine hochlegen.

Das hätten Sie mir schon vorhalten können, bevor Freestyle Chess begann: Was soll der Quatsch, du hast doch ein geiles Leben? Und das stimmt ja auch – ich bin gesund, habe eine wunderbare Frau, tolle Kinder, Weissenhaus, Südafrika, wir reisen viel. Es fehlt mir an nichts. Und wenn ich mich auf etwas einlasse, dann verbeiße ich mich darin und mache es zu einhundert Prozent. Das war schon immer so. Aber die Idee mit der FIDE-Präsidentschaft hat mich dann doch nicht losgelassen. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto spannender fand ich die Herausforderung. Vielleicht lässt sich das auf meine amerikanische Ader zurückführen. Während den Deutschen zu neuen Ideen oft vor allem Bedenken einfallen, sagen die Amerikaner: „Why not?“ Und das habe ich schließlich auch gesagt. Dass ich jemals in der Position bin, ernsthaft für so ein Amt infrage zu kommen – das sah mein Lebenslauf ja nun wirklich nicht vor. Entschieden habe ich mich dann Anfang Juni beim Formel-1-Wochenende in Monaco. Für mich ist das jetzt ein 90-Tage-Projekt, ein Sprint.

Und wenn Sie gewinnen? Dann sind es vier oder acht Jahre.

Uns wäre es dann nach 44 Jahren gelungen, das Amt und den Verband aus russischer Kontrolle zu lösen. Das wäre eine gewaltige Errungenschaft. Und, ja, dann ginge es erst richtig los. Ich habe klare Vorstellungen, wie wir den Verband strukturieren müssten: Das Council bleibt das politische Gremium, aber operativ soll ein Management Board aus acht Leuten führen. Diese Struktur zu bauen und Positionen mit den besten Menschen für den Job zu besetzen, wäre ein wesentlicher Teil meiner Arbeit zu Beginn. Ich sehe ein erstrebenswertes Ziel, viele Möglichkeiten zu gestalten, und die Menschen, die mir wichtig sind, wollen, dass ich es mache. Also: Why not?

Malcolm Pein kandidiert als Buettners Vize. | Foto: ECU

Als Frontfiguren des Teams Buettner agieren zwei Menschen, die von unterschiedlichen Planeten stammen könnten. Wie haben Sie und Malcolm Pein einander gefunden?

Jemand aus meinem Umfeld hatte gesagt, ich müsse unbedingt Malcolm Pein treffen. Der Zufall wollte es, dass ich auf dem Rückweg von Hongkong nach Baden-Baden über Frankfurt flog – und Malcolm zur selben Zeit dort Meetings mit europäischen Schachleuten hatte. Also haben wir uns direkt am Flughafen getroffen, zu viert, mit Andreas Walker, der bei Freestyle übernommen hat, und noch jemandem aus meinem Team. Zwei Stunden haben wir dagesessen. Malcolm war sofort an Bord, ohne große Diskussion. Ich sehe ihn als passende Ergänzung, als fehlendes Puzzleteil. Malcolm ist der größte Schachkenner, der mir je begegnet ist. Er hat in seinem Leben alles gemacht, was mit Schach zu tun hat, vom Unterrichten über Turnierorganisation bis zum eigenen Schachladen. Er war Präsident in England und ist nicht zuletzt Internationaler Meister. Einen besseren Experten gibt es nicht. Das Einzige, was ihm vielleicht nicht liegt, ist, ganz vorne zu stehen. Ich glaube, Malcolm ist sogar ganz froh, dass ich ihm den Wind aus dem Gesicht halte. Ich wiederum kann nur Chef. Insofern passt das.

Als ein russisches Geschoss den Schachclub in Kherson zerstörte, fühlte sich Team Buettner/Pein dann doch zu einer Botschaft veranlasst, die allenfalls indirekt mit der kommenden Wahl zu tun hat.

Mit Malcolm Pein haben Sie einen der politischsten Köpfe im Schach an Ihrer Seite, jemanden, der den Kreml-Einfluss auf die FIDE regelmäßig scharf verurteilt. Aber obwohl dies auch eine politische Wahl ist, verhält sich das Buettner-Ticket auffällig ruhig.

Wir sind neutral. Malcolm trägt diese Linie voll mit, das geht auch gar nicht anders. Wir machen aus der FIDE keine politische Organisation, Schuldzuweisungen sind nicht unser Thema. Wir machen einfach das, was der CAS sagt und was internationales Recht vorschreibt. Ansonsten versuchen wir, uns aus allem herauszuhalten und die Menschen zu nehmen, wie sie sind – ob Russen, Ukrainer, Deutsche, Südafrikaner oder wer auch immer.

Jan Henric Buettner im Gespräch mit der Welt, als er und der damalige FIDE-Chef Arkady Dvorkovich darum stritten, ob Freestyle Chess eine Weltmeisterschaft ausrichten darf.

Vor gut einem Jahr haben Sie gesagt, die FIDE sei korrupter als die FIFA. Gilt das noch?

Mehr denn je. Ich finde erschreckend, wie offen das jetzt bei der Wahl läuft. Der Preis für eine Stimme liegt in Europa bei 40.000 Dollar, in Afrika bei 5.000. Wir haben es mit einem Klientel-System zu tun, das sich über die vergangenen vierzig, fünfzig Jahre etabliert hat. Alle vier Jahre kommt jemand vorbei und verteilt Geld. So etwas Korruptes hätte ich mir vorher nicht vorstellen können.

Wie wollen Sie gewinnen, wenn sich Stimmen kaufen lassen? Zahlen Sie mehr als andere?

Nein. Ich gebe grundsätzlich kein Geld. Ich biete etwas anderes an: die Aussicht auf ein nachhaltiges Geschäftsmodell für die Föderation. Wir bringen westliche Sponsoren rein, die vorher wegen der intransparenten russischen Strukturen keinen Zugang hatten, und wir geben 20 Prozent dieser Einnahmen an die Föderationen weiter – das steht auch so im Wahlprogramm. Damit kann eine durchschnittliche Föderation mit 15.000 bis 30.000 Dollar pro Jahr rechnen. Dazu kommt Transparenz und Erreichbarkeit. Ich gebe jedem meine WhatsApp-Nummer und spreche mit jedem Delegierten persönlich, statt über Stimmenblöcke zu verhandeln. Ehrlich gesagt bin ich selbst gespannt, ob das funktioniert.

Also ist die Wahl, vor der die Delegierten stehen: 5.000 Dollar jetzt auf die Hand oder ein nachhaltiges Modell, von dem der einzelne Delegierte persönlich nichts hat. Ist nicht abzusehen, wie das ausgeht? 

Ich sage den Delegierten: Nehmt die 40.000, nehmt die 5.000, nehmt es. Ihr könnt mich trotzdem wählen. Wir sorgen dafür, dass es eine geheime Wahl ist, dass ihr niemandem Rechenschaft schuldet. Aus der Vergangenheit kennen wir es ja sogar, dass Fotos von der Stimmabgabe verlangt wurden. Wir sorgen jetzt für Fair Play bei der Wahl, damit jeder frei entscheiden kann. Und ich werde nicht darüber richten, ob jemand, der für mich stimmt, vorher von woanders Geld genommen hat.

Wie laufen die Gespräche mit Delegierten ab?

Ich mache das persönlich, per Videocall oder direkt vor Ort. Von den 204 habe ich inzwischen über 120 direkt gesprochen; jedem erzähle ich meine Geschichte, erkläre, worum es mir geht. Ich kann jedes einzelne Gespräch rezitieren, ich weiß, wer welche Probleme hat, und wir nehmen das alles ins Programm auf. Deshalb sehen Sie von mir auch keine Endorsement-Sammlung, keine große Kampagnen-Show. Ich will mit jedem Einzelnen sprechen. Ende September will ich vor der versammelten Mannschaft stehen können und sagen: Ihr kennt mich alle, ihr habt alle mit mir persönlich gesprochen. Ich bin für alle jederzeit erreichbar, jeder hat meine WhatsApp-Nummer. Das wird so bleiben, wenn ich Präsident bin.

An Beschwerden der Kandidaten übereinander mangelt es in den Wochen vor der Wahl nicht. Jan Henric Buettner will jetzt prüfen lassen, ob Timur Turlov überhaupt teilnehmen darf.

Sie haben jetzt bei der Wahlkommission eine Beschwerde über Timur Turlov eingereicht. Unter anderem geht es um ein Kinderturnier in Kapstadt.

Ja, am 11. August haben wir das Dokument eingereicht. Für mich ist Turlov der Kandidat, mit dem es so weitergeht wie bisher – gleiches System, anderer Name. Das ist jetzt schon klar zu sehen. In der Beschwerde geht es im Wesentlichen um drei zusammenhängende Punkte: die Teilnahme eines rein russischen Universitätsteams an der Hochschul-WM, Geschäfte von Freedom-Holding-Tochtergesellschaften im Zusammenhang mit Sanktionen, und ein Interessenkonflikt, der sich auf Freedom bezieht. Dazu kommt, dass über Turlovs Parallelorganisation ISCF 23 Leute aus Kasachstan und Russland in Südafrika eingeflogen wurden, offiziell, um mit rund 90 Kindern Schach zu spielen. Die Beschwerde ist fünf Seiten lang, mit Anhängen und Belegen. Wir fordern eine Entscheidung – auch zur Frage, ob Turlov überhaupt an der Wahl teilnehmen darf.

Timur Turlov und Arkady Dvorkovich (hinten, Mitte) beim Kinderschach in Südafrika. | Foto: ISCF

Und?

Jedenfalls ist es kein Lärm um nichts, sondern eine Beschwerde mit Substanz. Die haben wir genau denen gegeben, die zuständig sind. Die Wahlkommission muss jetzt reagieren. Tut sie das nicht, gehen wir den nächsten Schritt – zum CAS.

Wie schätzen Sie die Stimmenlage ein?

Fünfzig Stimmen sind für mich das Minimum, aber ich bin mir fast sicher, dass es mehr werden. Allein aus Europa rechne ich mit mindestens 35, aus Afrika mit der Hälfte der Stimmen – da sind wir schon bei 60. Dazu Asien und Amerika mit jeweils etwa 15. Realistisch sehe ich uns bei rund 90 Stimmen. Von den 204 Föderationen kommen traditionell etwa 15 Prozent gar nicht zur Wahl, es werden also wahrscheinlich rund 180 Delegierte da sein – 90 wäre dann schon die Mehrheit. Ob es zu einem zweiten Wahlgang kommt oder nicht, für mich sieht es so aus, dass am Ende ich der Last Man Standing bin.

Jan Henric Buettner schaut Schach. | Foto: Stev Bonhage/Freestyle Chess

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joschi
joschi
21 Tage vor

Übrigens: wenn jemandem Geld für eine Stimme angeboten bekommt und man nimmt das Geld an und das Ganze kann nachgewiesen werden, nun dann macht man sich strafbar. Wenn Büttner rät, das Geld zu nehmen dann empfiehlt er folglich, eine Straftat zu begehen …
Wollen wir wirklich einen FIDE-Präsidenten mit so einem Rechtsverständnis?

GLorscheid
GLorscheid
13 Tage vor

Ich wollte den beiden zeigen, was möglich ist, wenn man Zugang zu Spitzensport klug verknappt.“
Über diese Aussage sollte man nachdenken – und dann überlegen ob man ihn wirklich in dem Job haben möchte.

Thomas Richter
Thomas Richter
21 Tage vor

In der offiziellen Ankündigung seiner Kandidatur (von chess.com zitiert) sagte Buettner noch „Over the past few months, many respected members of the international chess community [namentlich wird niemand genannt] have encouraged me to stand for the Presidency of FIDE.“ Nun war es eine spontane Idee von Assaubayevas Mutter in Monaco am 7. Juni, knapp drei Wochen vor der offiziellen Bewerbung – nicht „viele“, nicht „seit Monaten“. Was stimmt denn? Wird nun (nur) das erwähnt, damit er Formel I erwähnen kann und auch, dass er 45.000 Euro in der Portokasse hat? Der Rest ist teilweise auch kurios. Zugegeben: ein Managementboard mit… Weiterlesen »

Thorsten Hapke
Thorsten Hapke
21 Tage vor

Eine Frage fehlt: warum gibt es zwei deutsche Bewerbungen? Nimmt man sich nicht gegenseitig Stimmen?

Uwe Böhm
Uwe Böhm
10 Tage vor

Mir sind alle Kandidaten suspekt. Die Nationalität spielt da keine Rolle.

Ich empfehle mal folgenden Link.

https://vlasti.io/news/222878-ctrafverfahren_gegen_zulieferer_von_novatek_dem_gr252nder_der_wr-group_wadim_rosenstein_drohen_bis_zu_zehn_jahre_gef228ngnis_aufgrund_des_verdachts_der_umgehung_von_eu-sanktionen

Da geht es um den Unternehmer Rosenstein, der ja auch Kandidat ist. Mich würde es nicht wundern, dass die Behauptungen – mehr ist es ja noch nicht – zutreffen. Wenn das aber so sein sollte und der Kandidat gewählt wird, wird das am Ende auch auf den DSB zurückfallen.