Der halbe Punkt Vorsprung hielt: Vincent Keymer steckt zwei Tiefschläge weg und kämpft sich ins Finale der Grand Chess Tour
Zweimal hat Vincent Keymer 2026 eine klassische Partie gegen Javokhir Sindarov verloren. Zweimal stand er am Ende trotzdem oben. In Bukarest gewann er das Turnier, obwohl er gegen Sindarov unterlegen war. Jetzt, in Saint Louis, hat er sich fürs Finale der Grand Chess Tour qualifiziert – Sindarov nicht.
Neben seiner schachlichen Klasse (5/9, Performance 2789) hat Keymer in der Mississippi-Metropole mentale Stabilität demonstriert. Zwei empfindliche Rückschläge handelte er sich ein – und kam zurück. Schon die Null gegen Levon Aronian in Runde zwei am Ende einer eigentlich gewonnenen Partie nannte er „die schmerzhafteste und unnötigste Niederlage seit Langem“. Fünf Runden später kam der nächste Tiefschlag, diesmal im direkten Duell mit seinem Konkurrenten um den Finalplatz.
In der Tour-Wertung lag Sindarov einen halben Punkt hinter Keymer. Für die Finalteilnahme der besten Vier bedeutete das, er musste beim Sinquefield-Cup vor Keymer landen, um ihn zu überholen und selbst das Finalticket zu ziehen.
Der direkte Vergleich in Runde 7
Aber im Turnier lag er vor der siebten Runde einen vollen Zähler zurück. Für Sidarov war mit den schwarzen Steinen ein Sieg gegen Keymer praktisch Pflicht, um im Rennen zu bleiben. Also: Wolga-Gambit. „Wenn ich verliere, werde ich etwas lernen“, sagte Sindarov nach der Partie zu seiner zweischneidigen Herangehensweise.
Keymer lehnte das Gambit ab und erspielte sich Vorteil, der stabil hätte sein sollen: Läuferpaar für Weiß, einige Schwächen im schwarzen Lager. Dann kam Zug 23:

„Ich bin niemand, der gerne vom ersten Zug an auf Remis spielt“, erklärte Keymer hinterher. „Aber während der Partie schlichen sich diese Gedanken dann doch in mein Gehirn: ‚Eigentlich ist ein Remis doch ein gutes Ergebnis.‘ Und so habe ich 23.Lxe5 gespielt. Und irgendwie habe ich es dann geschafft, die Partie noch zu verlieren. Das war schwer zu verdauen, denn letztlich hat mich gerade der Versuch, gegen meine Natur zu spielen, diese Partie gekostet.“
Der zweite bittere Rückschlag des Turniers. Nun lagen beide gleichauf.
Die Antwort: Runde 8
In der achten Runde sah Keymer, wie am Nebenbrett Sindarov einem weiteren Sieg gegen den abenteuerlustigen, aber glücklosen Jorden van Foreest entgegensegelte. Auf der anderen Seite seines Brettes sah er die Nummer zwei der Welt, Fabiano Caruana, Elo 2792.

Dass das fantastische 23.0-0! für Menschen keine Option ist, erklärte Peter Svidler im Livestream. Keymer entschied sich für die menschliche Lösung 23.Txc8+. Nach dem Turmtausch blieb er am Drücker, ließ Caruana sich nicht konsolidieren. Und dem Amerikaner lief die Zeit davon. Schon vor dem 30. Zug war seine Bedenkzeit auf weniger als eine Minute heruntergetickt.
Keymer, mit zehn Minuten mehr auf der Uhr, empfand die Situation trotzdem als nicht einfach: Caruana habe sich weitgehend darauf beschränken können, auf die weißen Ideen zu reagieren, während er selbst aus „einer Million Möglichkeiten“ die eine finden musste, die den Druck aufrechterhielt.

Sein Lieblingszug war das unscheinbare 40.b3, unmittelbar vor der Zeitkontrolle gespielt – praktisch wertvoll, weil es Gegenspiel unterbindet und Caruana erneut vor eine schwierige Entscheidung stellt. Genau das sei ein wiederkehrendes Konzept in dieser Partie gewesen: Schwarz habe nie die Gelegenheit bekommen, einfach stehenzubleiben und zu halten. Stets war etwas abzuwehren oder weißen Optionen vorzubeugen.
Die Entscheidung: Runde 9
Vor der Schlussrunde lagen Keymer und Sindarov punktgleich auf dem dritten Platz mit je 4,5 Punkten. Aber für Keymer arbeitete weiter der halbe Punkt Vorsprung in der Gesamtwertung. Einmal mehr stand Sindarov unter dem Druck, Keymer überholen zu müssen. Nur saß ihm diesmal der Führende gegenüber, der supersolide Wesley So. Kaum vorstellbar, dass Sindarov auch den mit Schwarz bezwingt.
Andererseits hatte sich Keymer mit Schwarz van Foreest zu erwehren. Und gegen den hat er anno 2026 schon zwei Schwarzpartien verloren: in Wijk aan Zee im Januar und, kaum einen Monat später, in der ersten Runde in Prag.
Van Foreest, inspiriert von seinem in Saint Louis sekundierenden Bruder Lucas van Foreest, stellte das Königsgambit aufs Brett. „Lass uns zum Schluss ein wenig Spaß haben“, sagte er zu seiner Attitüde am Ende eines Turniers, in dem ihm wenig geglückt war.

Keymer hatte diese Eröffnung in einer klassischen Turnierpartie noch nie auf dem Brett gehabt. Er investierte viel Zeit, um einerseits gut aus der Eröffnung zu kommen, andererseits die Angelegenheit nicht übermäßig zweischneidig werden zu lassen. „Heute wäre ein Sieg natürlich schön gewesen, eine Niederlage allerdings sehr viel schlimmer“, erklärte er. Die Partie endete im 39. Zug remis durch Zugwiederholung.
Das reichte. Parallel hielt Wesley So mit Weiß gegen Sindarov souverän die Balance. „Zum Glück hatte ich Weiß. Ich konnte tauschen, tauschen, tauschen“, sagte So danach. Auch diese Partie endete remis – und damit war die Entscheidung gefallen. „Ich bin wirklich erleichtert“, sagte Keymer nach seiner Qualifikation. „Mit der Niederlage gegen Javokhir hatte ich mir das Leben extrem schwer gemacht.“
Turniersieger Wesley So
Der Turniersieg ging an Wesley So – sein dritter Titel beim Sinquefield-Cup, der zweite in Folge. So und Praggnanandhaa beendeten die klassischen neun Runden punktgleich an der Spitze. Den Turniersieg spielten sie in einem Playoff aus. Nach zwei remisierten Schnellpartien setzte sich So im Armageddon durch. Praggnanandhaa nahm es gelassen: „Natürlich ist es enttäuschend, dem Sieg so nahe gewesen zu sein, aber ich freue mich über die Qualifikation für das GCT-Finale.“ So erklärte seinem Kontrahenten mit einem Augenzwinkern: „Du kannst dieses Jahr nicht alle Turniere gewinnen!“

Keymer und Sindarov beendeten das Turnier ebenfalls punktgleich, geteilter dritter Platz, geteilte Tourpunkte, sodass Keymers Vorsprung in der Tourwertung erhalten blieb: ein halber Punkt, exakt derselbe Abstand wie vor dem Sinquefield Cup.

Finanziell zahlte sich seine erste Teilnahme an der Tour für Keymer nun umso mehr aus. Mit Preisgeld und Bonuszahlungen für gewonnene Partien steht er bei 220.187 Dollar – mehr als jeder andere Teilnehmer, Turniersieger So eingeschlossen. Hinzu kommt für Keymer mindestens der Startbonus fürs Tour-Finale von 50.000 Dollar.
Das Tourfinale
Am Samstag, 22. August, beginnt in Saint Louis das Finale der Grand Chess Tour im K.o.-Format. Jedes Match besteht aus zwei klassischen Partien, zwei Schnellschach- und vier Blitzpartien, gestaffelt gewichtet: sechs Matchpunkte für einen klassischen Sieg, vier im Rapid, zwei im Blitz. Insgesamt werden 450.000 Dollar ausgeschüttet. Dem Sieger winken 200.000 Dollar.
Keymer trifft zum Auftakt als Vierter der Gesamtwertung auf den Ersten, auf Praggnanandhaa Rameshbabu.
Tan Zhongyi gewinnt den Cairns Cup

Auch beim Cairns Cup fiel die Entscheidung erst in der Schlussrunde. Tan Zhongyi kassierte ihre einzige Niederlage des Turniers, gegen Stavroula Tsolakidou – sicherte sich den Titel aber trotzdem, weil ihre letzte verbliebene Verfolgerin Alice Lee zeitgleich remis spielte. Für die Chinesin ist es der zweite Cairns-Cup-Sieg nach 2024.
Erste GM-Norm für Alice Lee
Für die 16-jährige Lee markiert der zweite Platz einen Meilenstein: Sie erzielte ihre erste Großmeisternorm – ausgerechnet in der letzten Partie gegen ihre Freundin Carissa Yip, die Titelverteidigerin von 2025. „Ich war nervös und unzufrieden mit der Eröffnung, weil ich in der Defensive war“, gab Lee zu. Doch sie glich aus, hielt ein Remis, und damit war die Norm perfekt. „Ich bin erleichtert und freue mich“, sagte sie danach – nach eigener Einschätzung ihr bislang bestes Turnier, in dem sie im Laufe der neun Runden vier Großmeister bezwang. Jetzt will sie möglichst bald zwei weitere Normen sammeln und die bis zur 2500-Marke fehlenden Elopunkte ebenfalls.



