Vincent Keymer will ins Finale der Grand Chess Tour. WM-Herausforderer Javokhir Sindarov auch. Nur einer dieser beiden wird es schaffen.
Der eine sieht das ganz große Ziel am Horizont, die Weltmeisterschaft, um die Javokhir Sindarov ab dem 25. November in Genf spielen wird. Der andere, Vincent Keymer, könnte bei seiner ersten Teilnahme die Grand Chess Tour (GCT) gewinnen, die Turnierweltmeisterschaft, wenn man so will. Aber dafür muss er erstmal ins Tourfinale kommen. Und das will Sindarov auch. Der Kampf um den letzten freien von vier Plätzen im Finale ist zu einem Zweikampf geworden. Sindarov oder Keymer, WM-Herausforderer oder deutsche Nummer eins? Einer dieser beiden wird es schaffen. Wer das ist, hängt davon ab, wie der in Saint Louis laufende Sinquefield-Cup ausgeht.
Wie sich das Duell zuspitzte
Noch nach dem GCT-Turnier in Zagreb Anfang Juli stand Keymer komfortabel da: Platz zwei der Gesamtwertung, einen Punkt hinter Fabiano Caruana. Dann kam der Einbruch: Beim Saint Louis Rapid & Blitz Anfang August wurde er nur geteilter Achter. Für Sindarov dagegen lief es beim Rapid und Blitz ausgezeichnet: Platz zwei, 1,5 Punkte hinter Turniersieger Praggnanandhaa Rameshbabu. So schmolz der Vorsprung, den Keymer sich erarbeitet hatte, auf einen halben Punkt zusammen.

Dass sich ein Zweikampf zwischen Keymer und Sindarov abzeichnet, hängt damit zusammen, dass der Sinquefield-Cup schon nach drei Runden Tendenzen erkennen lässt: Wesley So auf Rang drei der Gesamtwertung führt mit 2,5/3. Ihm ist das Finale kaum noch zu nehmen. Maxime Vachier-Lagrave auf Rang fünf der Gesamtwertung hat noch eine theoretische Chance aufs Finale, aber die ist denkbar klein: Er müsste das Turnier gewinnen, und Keymer wie Sindarov müssten ganz unten landen.
Nebenbei spielt für beide Kontrahenten der laufende WM-Zyklus und der Kampf um den Einzug ins Kandidatenturnier 2028 eine Rolle. Dorthin könnten beide gelangen, indem sie die FIDE-Turnierwertung 2026/27 gewinnen (FIDE-Circuit). In dieser hat sich Sindarov, Stand jetzt, ein wenig abgesetzt, aber bis zur Abrechnung fließt noch viel Wasser durch den Bodensee. Keymer ist längst nicht abgeschlagen, und ein Sieg in Saint Louis würde viele wertvolle Punkte bringen.

Ein günstiger Umstand für beide Zweikämpfer um den GCT-Finalplatz: Alireza Firouzja, im Juli noch dicht dran, spielt den Sinquefield Cup nicht. Er hat sich für den parallel laufenden Esports World Cup entschieden. Damit ist er nicht mehr im Rennen um den Toursieg.
Ein günstiger Umstand für Keymer: In Saint Louis wird jetzt klassisches Schach gespielt. Obwohl Keymer 2022 Rapid-Vizeweltmeister war, hat sich zuletzt wiederholt offenbart, dass ihm die lange Bedenkzeit am ehesten liegt.
Der Sinquefield Cup bisher
Drei von neun Runden sind beim Sinquefield-Cup gespielt. Keymer hatte gleich zum Auftakt die Gelegenheit, Wesley So einer ausgiebigen Massage zu unterziehen, ließ sie jedoch aus, und die Partie versandete.
Runde zwei hielt eine bittere Enttäuschung bereit. Gegen Levon Aronian stand Keymer über weite Strecken des Schwerfigurenendspiels auf Gewinn, ehe Aronian sich trotz offenen Königs zu retten vermochte. Am Ende ging die lange gewonnene Partie sogar verloren. „Die schmerzhafteste und unnötigste Niederlage seit Langem“, sagte Keymer hinterher.
Aber er kam zurück. In Runde drei gewann Keymer gegen Praggnanandhaa eine verwickelte Partie, die er mit einem seltenen Matt mit zwei Springern krönte.

Sindarov erwischte einen ruhigeren, aber nicht sorgenfreien Start. In Runde eins kam er gegen Aronian in einem Läuferendspiel mit ungleicher Farbe zu einem greifbaren Vorteil, den er nicht verwerten konnte. Runde zwei brachte eine Null: Praggnanandhaa rang ihn nach 95 Zügen in einem zermürbenden Turmendspiel nieder. Runde drei endete remis gegen Vachier-Lagrave.

Für beide Kontrahenten wird viel vom direkten Vergleich abhängen. In Runde sieben treffen Sindarov und Keymer aufeinander, Sindarov hat Weiß.

Nebenan: der Cairns Cup
Im selben Haus, zur selben Zeit, spielt sich mit dem Cairns Cup eines der stärksten Frauenturniere des Jahres ab – ausgerichtet vom selben Club, aber mit deutlich kleinerem Preisfonds als der Sinquefield Cup: 250.000 gegenüber 475.000 Dollar.
Für die jungen US-Topspielerinnen ist dieser Wettbewerb eine Gelegenheit, im Kampf gegen die Weltelite zu wachsen. Alice Lee nutzt sie bislang. Die 16-Jährige spielt mit Rückenwind, nachdem sie jetzt bei der Women’s Speed Chess Championship im Finale die Weltranglistenerste Hou Yifan bezwungen hat. In Saint Louis führt sie mit 2,5/3. Ihre Landsfrau Carissa Yip (22) steht bei 1,5/3.

Abseits der Bretter läuft, nicht zum ersten Mal, eine Debatte über die Präsentation des Cairns Cup. Die Veranstalter haben entschieden, beide Turniere parallel zu veranstalten. Für die Frauen bedeutet das wenig Sendezeit im Livestream, den die Duelle und Analysen der männlichen Eloriesen dominieren. Vom Frauenturnier gibt es nachträglich ein Video.


