Dortmund-Sieger Elham Amar: Das Flüchtlingskind am ersten Brett

Elham Amar hat am Sonntag die Sparkassen Chess Trophy in Dortmund gewonnen. Voriges Jahr gewann er das Pfingst-Open des Münchner Schachfestivals. In der Schachbundesliga trat er für den FC St. Pauli an. Und bei der Schacholympiade wird er in ein paar Wochen für Norwegen am ersten Brett spielen. Eigentlich überfällig, dass jemand seine Geschichte erzählt.

Elham Amar im Perlen-Interview nach seinem Sieg in München im Juni 2025.

Amar ist 21 Jahre alt, Norweger. Dass er mal Schachprofi wird, wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Seine Eltern stammen aus Afghanistan, kamen als Flüchtlinge. In der norwegischen Schachszene kann sich niemand erinnern, seinen Vater oder seine Mutter schon einmal gesehen zu haben. Amar war schon mit elf selbstständig genug, um zum Training oder zu Turnieren alleine zu fahren. Eigentlich war er Fußballer, traute sich zu, der nächste Ronaldo zu sein. Aber Schach faszinierte ihn. Nach seinem ersten gewerteten Turnier schaffte er es binnen eines Jahres auf 2100 Elo. Bamm!

Schon damals war er ein extrem starker Blitzspieler. Es kam öfter vor, dass ihn Gegner nach Onlinepartien blockten oder direkt des Betrugs bezichtigten. Dass ein titelloser Junge so stark spielte, konnten sich viele nicht vorstellen. Selbst hat er nie an sich gezweifelt. 

Seine größte Schwäche waren die Eröffnungen. Lange hatte er keine. Amar habe noch nie ein Schachbuch gelesen, meint mein norwegischer Kollege Tarjei Svensen. Auch einen richtigen Trainer habe der Junge nie gehabt. Aber Simen Agdestein (Schachgroßmeister und ehemaliger Fußball-Nationalstürmer) nahm ihn in seine Trainingsgruppe am Norwegischen Sportinternat NTG im Osloer Vorort Baerum (wo Carlsen aufwuchs und selbst zur Schule ging) auf, und diese Chance nutzte Amar.

Vor vier Jahren hatte er 2360 Elo. Nichts besonderes für einen Siebzehnjährigen, wenn man nicht weiß, wie spät er zum Turnierschach kam und wie beschränkt seine Möglichkeiten waren. Ferien oder Auslandsreisen beispielsweise kannte er nicht. Erst als er durch Schach einen Sponsor fand, kam Amar das erste Mal aus Norwegen heraus, das ist also noch keine vier Jahre her. Die ersten drei Turniere, die er im Ausland spielte, gewann er übrigens alle. 

Elham Amar während der achten Runde in Dortmund. | Foto: Dariusz Gorzinski

Sein Sponsor ist die Investmentfirma Ferd AS. Sie gehört einer der reichsten und ältesten norwegischen Unternehmerdynastien Andresen, die durch Tabak reich wurde und sich 2005 vom Tabakgeschäft getrennt hat. Der Ferd-Geschäftsführer Morten Borge spielt selbst begeistert Schach, berät ehrenamtlich die Turnierserie Norway Chess und ist einer den Investoren der kommenden Total-Chess-Weltmeisterschaft.

Mit der Unterstützung von Ferd ist Amar durchgestartet, wurde Internationaler Meister, Großmeister. Voriges Jahr durchbrach er das erste Mal 2600. In München gewann er das Pfingst-Open mit einer Performance über 2700 und gab dieser Seite ein Interview. St. Pauli verpflichtete ihn für einige Bundesligaeinsätze. In der Saison 2026/27 wird er nicht mehr für die Hamburger spielen.

Kürzlich wurde er zum ersten Mal überlegen norwegischer Meister. Nun hat er mit 7,5 Punken aus 9 Runden in Dortmund gewonnen. Ab Runde sieben führte er und gab die Führung nicht mehr ab. Allerdings war da neben Geduld auch etwas Glück im Spiel. In mehreren Partien stand er unter Druck und profitierte davon, dass seine Gegner sich vertan, etwa in Runde vier der Iraner Ahmadinia oder in Runde sieben der Mongole Munkhdalai 

Mit Norwegens Idol Magnus Carlsen hat Amar schon oft zusammengespielt, in der norwegischen Liga, bei der Schacholympiade 2024, im Europacup und bei der Europameisterschaft. In Samarkand wird sich das allerdings nicht wiederholen. Carlsen hat seinem Verband abgesagt, ebenso wie Aryan Tari. Dafür wird Amar, wenn Johan-Sebastian Christiansen aussetzt, Norwegens Spitzenbrett einnehmen. Nicht übel für ein afghanisches Flüchtlingskind. 


Stefan Löffler ist Schachkolumnist und Mitarbeiter der Sportredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Für den Schachkalender 2027 widmet er sich derzeit wenig bekannten oder beleuchteten Aspekten aus 150 Jahren deutscher Schachgeschichte.    

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Stefan Salzmann
Stefan Salzmann
1 Monat vor

Super und informativer Bericht!
Beste Grüsse Stefan