Eine Frauenmannschaft hat in England den Aufstieg in die erste Liga geschafft. Mitspielen darf sie dort nur, wenn ein Quotenmann am Brett sitzt.

Ein Frauenteam schafft in England den Aufstieg in die höchste nationale Schachliga – und muss jetzt einen Mann einbauen. Nach einem Bericht der Times (Abo) haben sich die „Lionesses A“ des Vereins „She Plays to Win“ in der Saison 2025/26 den Aufstieg in die Division 1 der Four Nations Chess League (4NCL) erkämpft, der Liga, in der die zwölf stärksten Mannschaften Englands, Schottlands, Wales‘ und Irlands antreten. Nun verlangt das Regelwerk der höheren Liga, dass jedes Team in dieser höchsten Spielklasse mindestens einen Mann und mindestens eine Frau aufbietet.

Der Aufstieg

Vor dem letzten Wochenende lagen die Lionesses einen Punkt hinter den ‚Sharks 2‘ zurück. Erst ein Kantersieg im letzten Match, kombiniert mit einer überraschenden Niederlage der Konkurrenz, hievte sie mit 17 Matchpunkten an die Spitze. Über die Saison griff der Verein auf einen großen Kader zurück, aus dem jeweils acht Spielerinnen pro Wochenende ausgewählt wurden. Zu den bekannteren zählten Eline Roebers, Bodhana Sivanandan oder Machteld van Foreest.

Die Löwinnen haben den Aufstieg geschafft. Und stehen jetzt vor einem Regel-Problem. | Foto via She Plays to Win

Reaktionen

Vereinsgründer und -trainer Lorin D’Costa formulierte das Problem so: Das Team habe sich den Aufstieg hart erarbeitet, verliere nun aber als Preis dafür genau das, was es besonders mache. Die 18 Jahre alte Emily Maton wird deutlicher: Es gebe in der Liga keinen Mangel an Männern. Der Zweck der Regel sei mehr weibliche Präsenz. Nun ein Frauenteam zu zwingen, eine Frau durch einen Mann zu ersetzen, verkehre diesen Zweck ins Gegenteil.

Wechselhaftes Reglement in Liga zwei

Die 4NCL verlangt in der ersten Liga seit ihrer Gründung 1993 unverändert ein gemischtes Team. 4NCL-Finanzchef Mike Truran verteidigt die Regel mit einem ähnlichen Argument wie Maton: Man fördere durch die Pflicht die weibliche Teilnahme am Schach. Wer englische Schachforen durchforstet, sieht allerdings bald, dass diese Regel nicht unumstritten ist. Und findet schwerlich einen Grund für einen Pflichtmann in einer Erstligamannschaft.

In Division 2 hat sich zuletzt das Reglement mehrfach geändert. Lange durften die Mannschaften statt einer Frau eine:n Jugendliche:n U18 einsetzen. Zur Saison 2022/23 strich die Liga diese Jugend-Option für beide Divisionen. Von da an mussten Division 1 und Division 2 zwingend einen Mann und eine Frau stellen, ohne Ausweichmöglichkeit über das Alter. Zur Saison 2024/25 führte die 4NCL die Jugend-Option wieder ein – allerdings nur für Division 2.

Diese Wiedereinführung der Jugend-Option, beschränkt auf Division 2, ermöglichte den Lionesses ihren Aufstieg mit einem rein weiblichen Kader inklusive einer Jugendlichen. Und sie bescherte ihr den jetzigen Konflikt, da in Liga 1 und Liga 2 unterschiedliche Regeln gelten.

Schiedsrichter Chris Bird sagt es diplomatisch: „Wahrscheinlich eine Regel aus der Steinzeit.“ Wie kann in der englischen Schachverwaltung ernsthaft jemand auf die Idee kommen, in einem Sport mit 90 Prozent Männeranteil einen Pflichtmann ins Reglement zu schreiben. Und wer segnet so etwas ab? Das ist fast, als hätten sie in England auch einen DSB-Kongress.

Hat es denn niemand kommen sehen?

„She Plays to Win“ feierte den Marsch zurück in die erste Liga über die gesamte Saison hinweg unbeschwert. Bereits im März, als das Team punktgleich auf dem dritten Tabellenplatz lag, würdigte der Verein auf seiner Webseite den historischen Charakter des möglichen Aufstiegs: Nie zuvor habe ein Frauenteam in der 4NCL diese Höhe erreicht. Dass womöglich ein Regelkonflikt bevorsteht, sollte das Team noch höher steigen, davon ist nicht die Rede.

Auch im Mai-Newsletter, unmittelbar nach dem gesicherten Aufstieg, findet sich keine Silbe dazu: Vereinsgründer D’Costa schreibt lediglich, die Mannschaft mache sich nun bereit, in der kommenden Saison gegen die absolute Spitze des britischen Schachs anzutreten, „mostly with Grandmaster and International Master titles, and former British Champions“ – und wünscht dem Team viel Glück für diese neue Herausforderung. Kein Wort zur Kaderpflicht, kein Hinweis auf eine mögliche Klärung mit der Liga.

Auf der Website der 4NCL steht dazu – nichts.

Emily Maton gab jetzt gegenüber der Times zu Protokoll, Gespräche über eine Änderung der Regel habe es schon seit einer Weile gegeben – erst mit dem gesicherten Aufstieg sei die 4NCL „etwas gereizter“ geworden. Insofern war das Thema im Umfeld des Teams offenbar präsent, lange bevor es zur öffentlichen Kontroverse wurde.

Die Geschichte der Karlsruher Löwinnen aus der Kreisklasse C.

Die Vorgeschichte

Regelstreit ist im englischen Schach nichts Neues. Als die Liga die Jugend-Option im Juli 2022 zwischenzeitlich für beide Divisionen strich, entspann sich im English Chess Forum eine mehrtägige Debatte, die praktisch jedes Argument vorwegnahm, das heute wieder auftaucht. Ian Thompson hielt der Regel entgegen, sie habe in mehr als zwanzig Jahren kaum englische Spitzenspielerinnen hervorgebracht. Roger Lancaster argumentierte andersherum: Neun der zehn besten englischen U18-Spielerinnen hätten eine 4NCL-Verbindung, das spreche für die Regel. Joey Stewart fragte, ob der Zwang, praktisch jedes Wochenende für ein Team ohne echte Bindung anzutreten, Frauen nicht eher aus dem Verbandsschach vertreibe. Tim Spanton bezweifelte gleich den Gründungsgedanken der Regel selbst: Ihr Ursprung habe weniger mit einem Gleichheitsgefühl zu tun gehabt als mit, wie er es nannte, „paternal patronisation“.

Ein historischer Seitenhieb rundete die Debatte ab: Alan Walton erinnerte an den 20. November 2004, als der Verein „Wood Green“ die Frauenpflicht mit einem Star-Aufgebot erfüllte: Alexei Shirov an Brett eins, dahinter sieben etablierte Großmeisterinnen und Meisterinnen wie Pia Cramling und Viktorija Čmilytė.

To be continued.

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Thomas Richter
Thomas Richter
10 Tage vor

Da ist einiges kurios – natürlich die Regel an sich aber man kann sie wohl nicht einfach abschaffen, nur weil sie sonst angewendet würde. Es gab dazu offenbar eine Umfrage unter Mannschaftsführern anderer Teams. Die sind „She plays to win lionesses“ vielleicht nicht freundlich gesinnt – nicht weil sie frauenfeindlich wären, es könnte einen anderen Grund haben (siehe unten). Aber auch: Warum wird das nun nach knapp drei Monaten von englischen Massenmedien, und daraufhin auch vom ORF und hier aufgegriffen? Der Aufstieg stand am 3. Mai fest. Der leicht kuriose Endstand (ein Mannschaftspunkt mehr als die Teams auf dem zweiten… Weiterlesen »