Schach-WM 2026 in Genf: Titelverteidiger mit Formkrise, Herausforderer im Höhenflug

Javokhir Sindarov kann sich im Dezember in Genf das bestmögliche Geburtstagsgeschenk machen. Der Usbeke wird am 8. Dezember 21 Jahre alt – während des WM-Matches gegen Titelverteidiger Gukesh Dommaraju. Wenige Tage später könnte er Weltmeister sein.

Weltmeister Gukeshs erste Titelverteidigung beginnt am 25. November in Genf. | via FIDE

Das Match findet vom 25. November bis 15. Dezember in Genf statt. Die FIDE gab die Entscheidung am Dienstag bekannt. Die Schweiz, Sitz des Weltverbands, setzte sich gegen Bewerbungen potenzieller Ausrichter aus Indien, den USA und Zypern durch. Es ist die dritte Schach-Weltmeisterschaft in der Schweiz nach Lausanne 1998 (Karpow gegen Anand, Finale der damaligen FIDE-K.-o.-WM) und Brissago 2004 (Kramnik gegen Leko). Gespielt werden 14 klassische Partien. 7,5 Punkte reichen zum Sieg, bei 7:7 entscheidet ein Schnellschach-Stechen.

Man kennt sich: André Vögtlin (5.v.l.) neben Gukesh in Biel 2022. | Foto: Biel Chess Festival

Der Schweizer Verbandspräsident André Vögtlin nannte die Ankündigung einen „ganz besonderen Tag für den Schweizer Schachsport“: 22 Jahre nach Brissago kehre ein Schachereignis von weltweiter Ausstrahlung in die Schweiz zurück, ein bedeutender Moment für den gesamten Schachsport im Land. Vögtlin kündigte an, den Anlass zu nutzen, um die Popularität des Spiels in der Schweiz weiter zu steigern.

Wer richtet das Match aus?

Dass der Schweizer Verband selbst eine Bewerbung um das Match bei der FIDE eingereicht hat, erscheint unwahrscheinlich – wegen der finanziellen Dimension. Das Gesamtbudget des Matches liegt bei mindestens 8,5 Millionen Dollar, davon ein Preisfonds von mindestens 2,5 Millionen und eine FIDE-Gebühr von 1,1 Millionen Dollar. Die Mitteilungen des Schweizer Schachbunds (SSB) sowie der FIDE lassen offen, wer neben der FIDE das Match organisiert oder finanziert. Präsident Vögtlin äußert sich ausschließlich zur Freude über die Standortwahl und die Chance, die darin liegt.

Während in der Schweiz nun ein Match mit einem Millionenbudget im Raum steht, sammelt der SSB per Crowdfunding Spenden für seine Kaderspieler:innen: Für die Vorbereitung der Teams auf die Schacholympiade im September in Samarkand wirbt der Verband um einen Wunschbetrag von 10.000 Franken für Trainingscamps. Parallel läuft eine Sammlung für zusätzliche Startplätze der Schweizer Jugend bei der Europameisterschaft im November in Griechenland – Zielsumme 9000 Franken.

Wie eng beim SSB der Gürtel geschnallt ist, offenbarte die Delegiertenversammlung 2025. Nachdem für 2024 ein Defizit von 36’000 Franken ausgewiesen worden war, beschlossen die Delegierten mit 89:65 Stimmen die erste Mitgliederbeitragserhöhung seit mehr als anderthalb Jahrzehnten – 10 Franken mehr pro Jahr für alle Kategorien, damit die Jahresrechnung 2026 wieder schwarze Zahlen zeigt. Mit deutlicherer Mehrheit (137:30) gaben die Delegierten zudem ihr nationales Rating auf: Die Elo-Wertung der Schweizer Spielerinnen und Spieler läuft seit Januar 2026 nur noch über die Rangliste der FIDE.

Um die Finanzen zu entspannen schlug der Zentralvorstand außerdem vor, die traditionsreiche Verbandszeitschrift schrittweise von der gedruckten auf eine ausschließlich digitale Ausgabe umzustellen. Die Delegierten stimmten dem Vorschlag mit großer Mehrheit zu. Ausschlaggebend waren vor allem die hohen Druck- und Versandkosten, die rund die Hälfte des bisherigen SSZ-Budgets ausmachten. Seit August 2026 erscheint die SSZ deshalb nur noch digital.

Der Titelverteidiger als Außenseiter?

Sportlich sind die Rollen zwischen Titelverteidiger und Herausforderer zumindest nominell eindeutig verteilt. In der Weltrangliste (Stand 28. Juli) belegt Sindarov mit 2777 Elo Rang 4, Gukesh mit 2703 Rang 30 – ein Abstand von fast 74 Elo-Punkten. Über die vergangenen zwölf Monate hat Gukesh rund 73 Punkte verloren, während Sindarov um 55 Punkte zulegte.

Gukesh räumt ab? Zuletzt nicht mehr.

Gukesh steckt inmitten einer sportlichen Krise. Beim Chennai Grand Masters Mitte Juli blieb er ohne Sieg, verlor drei Partien und wurde Letzter. Gegen Arjun Erigaisi und M. Pranesh erreichte er an zwei aufeinanderfolgenden Tagen Gewinnstellungen, verlor in Zeitnot aber jeweils den Faden. Zuvor war er beim Norway Chess im Juni Letzter geworden – nach Niederlagen gegen Alireza Firouzja, gegen Landsmann Praggnanandhaa und gegen Magnus Carlsen. Gukesh räumte schon im März öffentlich ein, seine Ergebnisse der vergangenen Monate seien enttäuschend gewesen. Aus den klassischen Turnieren der Grand Chess Tour zog er sich zurück, um mehr Zeit für gezieltes Training zu gewinnen.

At the risk of sounding slightly demented, I have been deeply fascinated by Gukesh's games recently, especially in #Chennai. It seems to me that there is so much going on in terms of dynamic injection and risk level investigation, but his form is disguising all the work he is doing… #chess

GM JT (@gmjtis.bsky.social) 2026-07-21T15:02:41.363Z
Ambitioniertes Schach zu spielen, ist nicht Gukeshs Problem. Jetzt hat er vier Monate, um zu Form zu finden.

Bei Sindarov geht es nicht erst seit seinem Gewinn des Kandidatenturniers bergauf. Nach dem Gewinn des World Cup 2025 blieb er beim Tata Steel Chess Anfang 2026 über 14 Partien ungeschlagen und wurde Zweiter, knapp hinter Turniersieger Nodirbek Abdusattorov. Beim Kandidatenturnier in Pegia setzte er sich anschließend mit 10 aus 14 Punkten durch, ungeschlagen. Schon eine Runde vor Schluss stand er als WM-Herausforderer fest. Seit Einführung des Formats 2013 hat nie jemand ein Kandidatenturnier derart dominiert.

Trotz der klaren Formdifferenz warnt der Weltranglistensiebte Anish Giri davor, den Herausforderer vorschnell die Favoritenrolle zuzuschreiben. Sollte Gukesh die erste Partie gewinnen, könne sich die gesamte Erzählung ändern. Sindarov selbst gibt sich zurückhaltend: Ergebnisse der vergangenen Monate zeigten nicht immer das vollständige Bild, sagte er gegenüber usbekischen Medien.


Korrektur: In einer früheren Version dieses Beitrags hieß es, es stehe im Raum, die Zeitschrift des Schweizer Verbands einzustellen. Das war nicht korrekt. Tatsächlich hat der Verband von einer gedruckten auf eine digitale Ausgabe umgestellt. Seit August 2026 erscheint die Schweizerische Schachzeitung nur noch digital. Der Text ist entsprechend geändert.

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Thomas Richter
Thomas Richter
13 Tage vor

„Schon eine Runde vor Schluss stand er [Sindarov] als WM-Herausforderer fest. Seit Einführung des Formats 2013 hat nie jemand ein Kandidatenturnier derart dominiert.“ Das zuvor genannte Ergebnis von 10/14 ist ein Rekord, aber insgesamt hatte Nepomniachtchi 2022 ähnlich dominiert und stand ebenfalls eine Runde vor Schluss als Turniersieger fest. Damals für ihn +4 bei Halbzeit und +5 am Ende, nun für Sindarov +5 und +6. Entscheidung schon in der vorletzten Runde gab es auch 2020/21 ebenfalls zugunsten von Nepo, wobei er sich da erst in der zweiten Turnierhälfte (zwischendurch lange Pause) absetzen konnte und die „unwichtige“ letzte Partie verlor (so… Weiterlesen »